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Veröffentlicht am 04.08.2025

Schlaflos zwischen Rollenbildern und Erwartungshaltungen

Der Schlaf der Anderen
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📖 „Ich bin nicht einfach nur müde. Ich werde müde gemacht, von meinem Leben, von meinem Job, von allem anderen Stress, der mich wach hält. Es ist nicht nur eine persönliche Frage, wie wir uns Arbeit und ...

📖 „Ich bin nicht einfach nur müde. Ich werde müde gemacht, von meinem Leben, von meinem Job, von allem anderen Stress, der mich wach hält. Es ist nicht nur eine persönliche Frage, wie wir uns Arbeit und Freizeit einteilen, sondern auch eine gesellschaftliche, eine kulturelle.“ (S. 228)
In ihrem zweiten Roman verwebt Tamar Noort die Geschichten zweier Frauen: Janis, die als Schlaflabornachtwache Fremden im Bett zusieht, und Sina, deren strukturierter Alltag zerbricht. Eine zufällige Begegnung entfacht bei beiden die Sehnsucht nach einem neuen Lebensrhythmus – und einer Freundschaft, die sie aus den Schatten ihrer Rollen befreit.

Meine Meinung zum Buch

Ich habe das Buch im Rahmen unseres Buchclubs gelesen – ohne davor den Klappentext zu lesen, mit offener Neugier – und wurde sofort hineingezogen in die Stimmung einer Nacht, in der Erwartungen verschwimmen.
Die Perspektivwechsel zwischen Janis und Sina funktionieren sehr gut. Janis' Monolog über Schlaf: „Dem Schlaf gehört alles: mein Tag und meine Nacht… Meine Würde ist auf einmal optional.“ (S. 5) zeigt klar, wie sehr Schlaf ihren Körper und Alltag bestimmt. Janis lebt in einem System aus Schlaflosigkeit, Nacht, Pflegearbeit –und sie macht sich selbst große Vorwürfe und wirkt verloren.
Sina hingegen fühlt, wie ihr Alltag zerbricht, und findet im Gespräch mit Janis eine Spiegelung, in der ihre Müdigkeit gesellschaftlich wird. Ihre Erschöpfung im Lehrer:innenberuf, die Überforderung mit Familie und Erwartungen – das klingt so real, dass es mich emotional gepackt hat.
Beeindruckend auch Noorts Umgang mit Themen wie Frauenfreundschaft, Mutterschaft, Selbstverwirklichung, Schlafstörungen und Selbstbestimmung. Die Familiengeschichte zeigt, wie Rollenzuschreibungen und vor allem damit verknüpfte Erwartungshaltungen wir Fesseln sein können – und wie befreiend eine Freundschaft sein kann, von zwei Personen, die scheinbar nichts verbindet.

Wer Themen wie feministische Selbstfindung, Care-Arbeit, Schlaf- und Lebensrhythmus und Sisterhood mag, ist bei dem Buch sicherlich an der richtigen Adresse. Die Sprache ist reduziert, introspektiv, dabei gefühlsecht – nie verkitscht, sondern direkt. Ideal für Fans von emotional realistischer Gegenwartsliteratur.

Fazit

Tamar Noort erzählt leise, aber eindringlich vom Ringen um Selbstbestimmung – nachts und tagsüber. Der Roman zeigt, was Schlafentzug mit Würde, mit Körpern, mit Beziehungen macht. Und dass manchmal eine Begegnung im Dunkeln genug ist, um die Perspektive zu verändern.

Meine Empfehlung für:
➡️ Alle, die sich neu mit feministischen Themen auseinandersetzen wollen
➡️ Alle, die sich in Care-Arbeit, Rollenerwartungen & Erschöpfung wiedererkennen
➡️ Alle, die sich fragen, wem ihr Schlaf eigentlich gehört

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  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.07.2025

Horror trifft Gesellschaftskritik

Das Beste sind die Augen
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Ein feministischer Horrortrip durch Identität, Wut und Moral

Monika Kim, koreanisch-amerikanische Autorin der zweiten Generation, hat mit ihrem Debütroman "Das Beste sind die Augen" einen ebenso radikalen ...

Ein feministischer Horrortrip durch Identität, Wut und Moral

Monika Kim, koreanisch-amerikanische Autorin der zweiten Generation, hat mit ihrem Debütroman "Das Beste sind die Augen" einen ebenso radikalen wie poetischen Beitrag zum feministischen Horror geleistet. Die Geschichte wurde von Jasmin Humburg ins Deutsche übersetzt und erschien 2024 als Schmuckausgabe im kiwi Verlag. Kim lebt in Los Angeles' Koreatown und verarbeitet in ihrem Werk sehr persönliche wie gesellschaftlich relevante Erfahrungen zwischen Kulturen und Generationen.

Worum geht’s genau?

Nach der Trennung ihrer Eltern lebt Jiwon mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester zusammen. Die neue Beziehung ihrer Mutter zu einem selbstgefälligen, rassistischen Weißen bringt nicht nur Unbehagen, sondern entfacht in Jiwon eine zunehmende Wut. Zwischen Alltagsrassismus, kultureller Aneignung und dem Schmerz über familiäre Entfremdung entwickelt sich bei Jiwon ein innerer Abgrund. Bald verschwimmen Grenzen zwischen Realität und Wahn, Moral und Gewalt. Wie weit ist sie bereit zu gehen, um sich selbst und ihre Familie zu retten?

Meine Meinung

Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, weil es in meiner Buchbubble stark gehypt wurde. Gehört habe ich es als Hörbuch – eingesprochen von Christiane Marx, deren Stimme gut zur Geschichte passt, aber anfangs etwas Eingewöhnung erfordert. Inhaltlich hat mich das Buch sofort gepackt: Die kurzen Kapitel, die klare, atmosphärische Sprache und die dichte Erzählweise sorgen für einen echten Sog.

Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Mischung aus Gesellschaftskritik und Horror. Die Themen sind heftig: Rassismus, Exotisierung, Yellow Fever, White Feminism, Anpassungsdruck, familiäre Entfremdung. Kim verwebt sie mit einem aufwühlenden Erzählstil, der psychologisch tief geht. Es geht um Female Rage, um verdrängte Traumata, aber auch um Fragen nach moralischen Grenzen und der Frage: Wann kippt Wut in Gewalt?

Einige Stellen sind wirklich schwer zu ertragen, gerade für Menschen mit einem "Augenthema" wird es körperlich unangenehm. Aber gerade diese krassen Momente machen den Roman so eindringlich. Was mich gestört hat, war die etwas zu überhöhte Vaterfigur und die naiv dargestellte Mutter. Auch das Ende war mir zu fantastischer Natur und nicht ganz schlüssig.

Trotzdem fand ich die Geschichte faszinierend: Jiwon ist keine Sympathieträgerin, aber eine spannende Figur. Ihre Entwicklung ist weniger ein Heldinnenbogen als ein Abstieg in eine dunkle, schmerzhafte Wahrheit. Und das macht die Geschichte auf eine verstörende Art ehrlich.

Fazit

"Das Beste sind die Augen" ist kein Wohlfühlbuch. Es ist düster, herausfordernd und manchmal schwer auszuhalten. Aber es ist auch literarisch stark, mutig und relevant. Ein Buch, das Grenzen testet und wichtige Fragen aufwirft. 3,5 von 5 Sternen.

  • Einzelne Kategorien
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Veröffentlicht am 21.07.2025

Hero – Eine Heldin wider Willen

Hero
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Ein feministischer Monolog in literarischer Form

Katie Buckleys Debütroman "Hero" fragt: Kann man lieben und trotzdem frei sein? Die Autorin, geboren in Cornwall und aufgewachsen in Kanada und Großbritannien, ...

Ein feministischer Monolog in literarischer Form

Katie Buckleys Debütroman "Hero" fragt: Kann man lieben und trotzdem frei sein? Die Autorin, geboren in Cornwall und aufgewachsen in Kanada und Großbritannien, hat Kreatives Schreiben an der Royal Holloway University in London studiert und wurde 2021/22 mit einem Stipendium der London Library ausgezeichnet. Ihr literarisches Debüt erschien 2024 im S. Fischer Verlag und wurde bereits vielfach als literarisches Ereignis im feministischen Diskurs gewürdigt.

Worum geht’s genau?

Die Protagonistin Hero lebt mit ihrem Partner zusammen, als dieser ihr einen Heiratsantrag macht. Doch statt in Freude auszubrechen, bittet sie um sieben Tage Bedenkzeit. Diese Woche nutzt sie, um sich mit voller Wucht selbst zu befragen: Wer bin ich, und wer darf ich sein, wenn ich "wir" sage? In einer Mischung aus tagebuchähnlichen Reflexionen, Erinnerungen, Gesprächsszenen und literarischen Einschüben rekonstruiert sie ihr Leben, ihre Beziehungen, ihre Ängste und Verletzungen. In der zweiten Person Singular geschrieben, richtet sich die Erzählung an den Partner, aber auch an sich selbst – und indirekt an uns Leser:innen.

Meine Meinung

Ich habe mich sehr auf dieses Buch gefreut. Der Gedanke, dass eine Frau sich sieben Tage Zeit nimmt, um über einen Heiratsantrag nachzudenken, schien mir eine spannende und sehr gegenwärtige Idee. Der Einstieg fiel mir jedoch nicht leicht: Die Wahl der zweiten Person Singular im Präteritum war ungewohnt, ja irritierend. Doch bald empfand ich genau diese Perspektive als einen klugen Kunstgriff: Sie schafft Intimität, Direktheit, macht mich zur Verbündeten, Zeugin, Adressatin.

Der Roman ist erzähltechnisch anspruchsvoll. Hero springt durch ihre Biografie, durch vergangene Beziehungen, schmerzhafte Erlebnisse und feministische Reflexionen. Erzählt wird fragmentarisch, collageartig, fast wie ein literarischer Flickenteppich. Dadurch fehlt eine klassische narrative Struktur, was anfangs herausfordernd ist, aber zunehmend stimmig erscheint. Denn das Fragmentarische entspricht genau dem Prozess, den Hero durchlebt: Ein Zusammenfügen von Erfahrungen, ein Versuch, sich ein eigenes Bild von sich selbst zu machen.

Ein zentraler roter Faden: die Erfahrung von Mädchen und Frauen in patriarchalen Strukturen. Die meisten ihrer vergangenen Beziehungen sind von Übergriffigkeit, Dominanz, Abwertung geprägt. Männer, die sie kontrollieren, kleinhalten, manipulieren. Das zieht sich wie ein durchgehendes Thema durch das Buch. Besonders eindrücklich fand ich das Zitat auf Seite 124: "Wenn du weißt, was gut für dich ist, lächle niemals einem Mann zu [...] Gehorsamkeit ist der Preis fürs Überleben." Ein Satz, der mir lange nachgegangen ist, weil er so viel darüber aussagt, wie viele Frauen gelernt haben, sich selbst zu schützen – durch Anpassung, Schweigen, Selbstzensur.

Ähnlich kraftvoll ist die Szene mit ihrer Mutter (S. 126): "Du glaubst, du bist frei, und dann heiratest du [...] Und dann – ist es vorbei." Das sind Worte, die generationsübergreifende Prägungen sichtbar machen. Kein Wunder, dass Hero Angst davor hat, in der Rolle der Ehefrau zu verschwinden.

Viele ihrer Männer erscheinen als narzisstisch, intellektuell herablassend oder schlicht emotional unzugänglich. Auf Seite 69 etwa heißt es: "Er wollte im Moment leben, was bedeutete: Sprich niemals über die Zukunft, hinterfrag mich nie, hab keine Wünsche oder Bedürfnisse." Hero lässt uns teilhaben an diesen Momenten der Erniedrigung, aber auch an ihrer Wut, ihrem Zorn, ihrer Sehnsucht nach einem Leben jenseits von Rollen und Erwartungen.

Ein weiteres Zitat, das mir sehr naheging, steht auf Seite 128: "Ich will wie ein Mann sein. Ich will alles haben können." Es bringt Heros Wunsch nach Autonomie und Gleichwertigkeit auf den Punkt – und zeigt zugleich, wie tief das Gefühl sitzt, dass Frauen diese Selbstverständlichkeit verweigert wird.

Und dennoch ist "Hero" kein Opferroman. Vielmehr zeigt er eine Frau auf der Suche: nach sich selbst, nach einer eigenen Stimme, nach einem eigenen Erzählen. "Fortan du zu sein statt ich, klingt für mich wie ein Todesurteil" (S. 148) – dieser Satz bringt genau das auf den Punkt: Die Angst, sich in einer Beziehung zu verlieren, nicht mehr als eigenständiges Ich zu existieren.

Auch die literarischen Einschübe – etwa das feministische Märchen über die Meerjungfrau oder Heros Gedanken über Manets Barfrau (S. 35) – fand ich sehr gelungen. Sie erweitern den Text, bieten Metaebenen, und machen deutlich, wie tief Hero mit Literatur, Kunst, weiblichen Erzliniend verbunden ist.

Trotz aller starker Szenen hatte ich aber auch Schwierigkeiten mit dem Buch: Hero bleibt für mich über weite Strecken distanziert. Ich habe sie nicht durchgängig gespürt, konnte manche ihrer inneren Bewegungen nicht ganz nachvollziehen. Und auch wenn ich die Fragmentierung als Stilmittel verstehe, wäre mir an manchen Stellen eine klarere Struktur lieb gewesen.

Trotzdem – oder gerade deshalb – finde ich: "Hero" ist ein wichtiges Buch. Es bringt vieles zur Sprache, was sonst zu oft verdrängt wird. Es zeigt, wie komplex, schmerzhaft und widersprüchlich weibliche Lebenswege verlaufen können. Und dass es keine einfachen Antworten gibt.

Fazit

"Hero" ist ein literarisch anspruchsvolles, kluges und feministisches Debüt. Kein Buch zum schnellen Weglesen, aber eines, das bleibt. Eines, das Fragen stellt, die wichtig sind. Und das die Stimmen von Frauen ernst nimmt. Von mir gibt es dafür 3,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 04.07.2025

True Crime trifft auf Reality Horror

Die Festung
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"Die Frage war nie, wer gerettet werden sollte – das würde leicht sein. Das Problem bestand darin, diejenigen, die es am meisten verdient hatten, nicht zu früh zu bestrafen." (S. 289)
Reality-Show trifft ...

"Die Frage war nie, wer gerettet werden sollte – das würde leicht sein. Das Problem bestand darin, diejenigen, die es am meisten verdient hatten, nicht zu früh zu bestrafen." (S. 289)
Reality-Show trifft Psychospiel – in „Die Festung“ von L. D. Smithson geraten acht Menschen auf einer abgelegenen Insel in einen tödlichen Überlebenskampf. Die Autorin, die unter dem Namen L. Deakin bereits mit der Augusta-Bloom-Reihe für Aufmerksamkeit gesorgt hat, verwebt in ihrem neuesten Thriller psychologisches Wissen, Gesellschaftskritik und Medienanalyse zu einem vielschichtigen Spannungsroman. Smithson lebt in Yorkshire und bringt ihre Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit der Polizei in ihre Werke ein.

Worum geht’s genau?
Bonnie landet eher zufällig in der Fernsehshow auf der Festung – ursprünglich war ihre Schwester Clara als Teilnehmerin eingeplant. Acht Kandidat:innen, abgeschottet von der Außenwelt, müssen gemeinsam Rätsel lösen, um ein Preisgeld zu gewinnen. Doch schon bald kippt die Stimmung. Der erste Todesfall bringt die Gruppe ins Wanken. Wer ist Freund:in, wer Feind:in? Wer verfolgt eigene Ziele? Bonnie beginnt zu ahnen, dass mehr hinter der Show steckt. Ein tödliches Spiel hat begonnen – und es scheint nur einen Weg hinaus zu geben: gewinnen.

Meine Meinung
Ich durfte das Buch im Rahmen einer Leserunde bei lovelybooks lesen – vielen Dank an dieser Stelle an lovelybooks und den Hoffmann und Campe Verlag für das kostenlose Rezensionsexemplar! <3

Der Einstieg war schonmal rasant – ich war schnell drin, auch wenn der Prolog etwas konfus wirkte, da zeitliche oder örtliche Einordnungen fehlten. Was mich sofort gecatcht hat: die Idee mit dem True-Crime-Podcast. Als Fan solcher Formate (Mordlust 4ever!) fühlte ich mich direkt abgeholt. Auch sprachlich mochte ich den Podcast-Part besonders – angenehm sensibel mit Gendersprache und gesellschaftskritischen Untertönen.

Die Figuren wirkten anfangs etwas überzeichnet und schwer zu unterscheiden – das hat sich aber gelegt. Bonnie als Hauptfigur mochte ich, auch wenn ihre Entscheidungen nicht immer nachvollziehbar waren. Die Chemie mit Jacko war spürbar, aber nicht zu dominant – die aufkeimende Verbindung wurde durch die düstere Gesamtsituation gut eingebettet. Einige Nebenfiguren – etwa Grant – blieben eher klischeehaft, vor allem mit seinem übertriebenen Männlichkeitsgehabe.

Spannung war durch die wechselnden Perspektiven, kurzen Kapitel und abwechslungsreichen Textformate durchgehend gegeben. Dennoch fehlte mir die emotionale Beklemmung. Die Gruppe agierte oft zu rational, obwohl längst klar war, dass sie in Lebensgefahr schwebten. Die Gefahr wirkte für mich als Leserin nicht immer spürbar genug. Das Szenario erinnerte streckenweise an „Squid Game“ oder „Die Tribute von Panem“, wurde aber nie ganz so intensiv greifbar.

Gesellschaftliche Themen wie Bodyshaming, Altersdiskriminierung oder toxische Männlichkeit wurden zwar angesprochen, aber teils eher oberflächlich. Aussagen wie „hübsch für ihr Alter“ oder stereotypische Kommentare zu Religion haben mich gestört. Auch das Verhalten mancher Figuren – z. B. als niemand Maria nach ihrer kryptischen Aussage hinterfragt – war für mich wenig glaubwürdig.

Das Ende war heftig, überraschend und in Teilen schlüssig – auch wenn ich es für ein Standalone-Buch fast zu offen fand. Die Auflösung an sich war clever, hätte aber noch stärker vorbereitet werden können. Was ich richtig gut fand: Die abschließende Podcast-Folge mit Expert:innenkommentar – das brachte Realitätsnähe und erinnerte daran, wie True Crime verantwortungsvoll umgesetzt werden kann.

Fazit
Ein spannender Thriller mit frischen Ideen und gesellschaftlichem Anspruch, der aber in Tiefe und Atmosphäre nicht ganz überzeugen konnte. Besonders True-Crime-Fans kommen hier auf ihre Kosten. Von mir gibt’s solide 3,5 von 5 Sternen – lesenswert, aber mit kleinen Schwächen.

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Veröffentlicht am 30.06.2025

Zwischen persönlichem Aufbruch und politischem Widerstand

Himmlischer Frieden
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Lai Wens Roman „Himmlischer Frieden“ nimmt uns mit auf eine eindrucksvolle Reise von Pekings Arbeitervierteln bis zu den dramatischen Ereignissen der Tian’anmen-Proteste 1989. Lai Wen, geboren 1970 in ...

Lai Wens Roman „Himmlischer Frieden“ nimmt uns mit auf eine eindrucksvolle Reise von Pekings Arbeitervierteln bis zu den dramatischen Ereignissen der Tian’anmen-Proteste 1989. Lai Wen, geboren 1970 in Peking, verließ China nach diesen Protesten und lebt heute in England. Ihre Geschichte verbindet persönliche Erinnerungen mit politischem Engagement und dem universellen Streben nach Freiheit.

Worum geht’s?
Das Buch schildert Lai Wens Aufwachsen in einer kleinen, von Armut und gesellschaftlichen Zwängen geprägten Wohnung. Während ihre Eltern kaum sprechen, ist die Großmutter die feste Bezugsperson. Lai entdeckt die Welt der Bücher, erhält ein Stipendium für die Universität und wird Zeugin und Teilnehmerin der Protestbewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Dabei zeichnet der Roman nicht nur die politischen Umbrüche, sondern auch die vielschichtigen menschlichen Beziehungen und den Wert von Freundschaft und Gemeinschaft nach.

Meine Meinung
Der Roman mit seinen über 550 Seiten ist ein ehrgeiziges Projekt, das mich zunächst etwas herausforderte. Die ersten 150 Seiten fielen mir schwer; die Handlung entwickelte sich langsam, und die vielen Details schienen zunächst wenig Fokus zu haben. Doch danach gewann die Erzählung erheblich an Dynamik und emotionaler Tiefe.

Besonders berührt hat mich die ungeschönte Darstellung des Familienlebens und der sozialen Zwänge. Gewalt gegen Frauen wird als gesellschaftliches Tabu gezeigt: „Bei diesen Gelegenheiten übte sich das gesamte Stockwerk in einer ebenso sonderbaren wie surrealen Scharade...“ (S. 14). Diese Alltagssituationen werden nicht nur erzählt, sondern spürbar gemacht. Die Großmutter, die inmitten dieser Verhältnisse ihre eigene Form von weiblichem Widerstand lebt, wird zur Symbolfigur für kleinen, aber hartnäckigen Mut.

Die Reflexionen über Erinnerung und Identität sind ein weiterer Pluspunkt. Lai Wen beschreibt, wie ihre Großmutter an Demenz erkrankt, und welche Bedeutung dies für den Verlust und die Trauer hat: „Was die Demenz meiner Großmutter mich lehrte, war, dass es möglich ist, um die Lebenden genauso zu trauern wie um die Toten“ (S. 279). Auch der Generationenkonflikt mit der Mutter, geprägt von Verletzungen und unausgesprochenen Schmerzen, zeigt die Komplexität familiärer Bindungen.

Politisch ist das Buch tief verwurzelt, erzählt von den mutigen Protesten junger Menschen und dem brutalen Regime, das diese unterdrückt. Die Dynamik der Studentenproteste und die Kraft der Freundschaft werden greifbar: „Wir alle gestalteten die Horizonte der Zukunft...“ (S. 479). Gleichzeitig bleibt Lai Wen menschlich nahbar, wenn sie von eigenen Ängsten und dem Gefühl des Kleinseins berichtet.

Literatur und das Lesen selbst werden als befreiende Kraft thematisiert, etwa im Gespräch mit dem Buchhändler: „Jeder stiehlt ein kleines Stück eines Buches, wenn er es liest“ (S. 144). Dies ist ein schönes Bild für die Wirkung von Geschichten und Wissen.

Auch wenn das Buch zu Beginn sehr ausführlich ist, bietet es durch seine Vielschichtigkeit und den ehrlichen Blick auf gesellschaftliche und persönliche Themen ein großes Leseerlebnis. Die Mischung aus politischem Widerstand, Familiendrama und persönlicher Reflexion macht „Himmlischer Frieden“ zu einem wichtigen Werk, das zur Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart einlädt.

Fazit
Mit 3,5 von 5 Sternen bewerte ich das Buch als wertvolle Lektüre, die Mut macht, trotz aller Widrigkeiten für Freiheit und Gemeinschaft einzustehen. Der langsame Einstieg ist dem Umfang und der Tiefe geschuldet, doch lohnt sich das Durchhalten. Vielen Dank an Vorablesen und den Ullstein Verlag für das kostenlose Rezensionsexemplar!

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