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Veröffentlicht am 10.11.2025

Kalt, schleichend - mit einem abrupten Ende

Der Nachbar
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Sarah Wolff, brillante Strafverteidigerin mit brüchiger Seele, glaubt, endlich neu anfangen zu können. Ein Haus am Rand von Berlin, ihre Tochter Ruby an ihrer Seite, das alte Leben hinter sich gelassen ...

Sarah Wolff, brillante Strafverteidigerin mit brüchiger Seele, glaubt, endlich neu anfangen zu können. Ein Haus am Rand von Berlin, ihre Tochter Ruby an ihrer Seite, das alte Leben hinter sich gelassen – es könnte endlich so etwas wie Ruhe einkehren. Sarahs Monophobie ist dabei nicht nur ein Charakterzug, sondern der Motor der gesamten Handlung. Ihre Sehnsucht nach Nähe macht sie verletzlich – und genau das nutzt ihr unsichtbarer Begleiter aus. Und während Sarah verzweifelt versucht, ihre Angst vor dem Alleinsein in den Griff zu bekommen, ist sie in Wahrheit nie allein.

Die Geschichte spielt meisterhaft mit der stillen Panik, dass jemand die Grenze zwischen „Nähe“ und „Übergriff“ längst überschritten hat. Wenn plötzlich Dinge im Haus erledigt sind, bevor man sie selbst anfasst. Wenn beispielsweise der Einkauf, über den man nur nachgedacht hat, schon vor der Tür steht. Fitzek entfaltet hier keinen klassischen Stalker-Thriller, sondern eine psychologische Belagerung – schleichend, unheimlich, fast zärtlich in ihrer Bedrohlichkeit.

Der Erzählrhythmus ist typisch Fitzek – atemlos, mit kurzen Kapiteln, präzise gesetzten Cliffhangern und einem Wechselspiel der Perspektiven, das einem kaum Zeit lässt, die eigene Nervosität zu sortieren. Doch so clever durchdacht Fitzek den Spannungsbogen aufbaut, so überraschend bricht er ihn am Ende ab. Das Finale kommt mit der Wucht eines Pistolenschusses – schnell, laut, aber ohne die Zeit, die Rauchwolke sich setzen zu lassen. Einige Fäden bleiben lose, manche Wendung wirkt eher konstruiert als konsequent entwickelt. Man hat das Gefühl, als hätte Fitzek die Tür einen Spalt zu früh zugeschlagen – genau in dem Moment, in dem man endlich begreifen wollte, was wirklich hinter all dem steckt. Doch vielleicht liegt darin auch Kalkül: Das Unvollständige, das Unlogische, das uns zurücklässt mit der Frage, ob die Geschichte tatsächlich zu Ende ist – oder ob sie nur in einem anderen Kopf weitergeht.

Fazit: Der Nachbar ist kein lauter Thriller, sondern ein kalter, schleichender – einer, der nach dem Zuklappen des Buches noch nachhallt wie ein Schritt im Flur. Fitzek versteht es, den Horror dorthin zu verlegen, wo wir uns am sichersten fühlen sollten: nach Hause.

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Nervenaufreibender Thriller mit kleinen Schwächen

Welcome Home – Du liebst dein neues Zuhause. Hier bist du sicher. Oder?
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Der Klappentext und das Cover haben mich wahnsinnig neugierig auf diese Story gemacht, weshalb ich keine Zeit verloren und mich direkt in die Seiten gestürzt habe. Der Prolog ist zunächst etwas verwirrend ...

Der Klappentext und das Cover haben mich wahnsinnig neugierig auf diese Story gemacht, weshalb ich keine Zeit verloren und mich direkt in die Seiten gestürzt habe. Der Prolog ist zunächst etwas verwirrend und ich war mir nicht ganz sicher, wie sich die Story im weiteren Verlauf entwickeln würde. Doch schon nach ein paar Seiten war ich mittendrin im Geschehen und habe den Einzug von Marco und Ines und die darauffolgenden merkwürdigen Ereignisse mit großer Neugier verfolgt.

Die Charaktere, von denen es in dieser Story jede Menge gibt, sind alle sehr detailliert und authentisch ausgearbeitet. Die Siedlung selbst beschreibt Strobel dabei äußerst bildhaft und ich konnte mir die Straßen gedanklich gut vorstellen. Zu Marco, der unser Hauptprotagonist ist, hatte ich einen direkten Draht und mochte ihn sowie auch seine Frau Ines sehr gerne. Die beiden haben nach einem ruhigen Plätzchen für ihre kleine Familie gesucht und sich in einem wahren Albtraum wiedergefunden. Einige Passagen verursachen immer noch eine Gänsehaut, wenn ich an sie zurückdenke.

"Er hielt es keine Sekunde länger in diesem Haus aus, das nur Unglück über ihn und seine kleine Familie gebracht hatte. Er hasste dieses Haus. Und musste schnellstmöglich hier raus.“ (Zitat)

Strobels Schreibstil ist gewohnt pointiert und mitreißend. Er fängt die beklemmende Atmosphäre in der kleinen Siedlung perfekt auf und präsentiert seinen Lesern eine emotionale, packende und nervenaufreibende Story mit Gruselfaktor. So konnte ich es kaum erwarten, das Ende zu erreichen und endlich zu erfahren, wer hinter den grausamen Morden in der idyllischen Siedlung steckt bzw. die Einwohner nachts im Schlaf heimlich beobachtet. Doch mit der Auflösung, auf die ich mich wie verrückt gefreut habe, hat der Autor mich leider nicht abholen können. Schade, denn das Ende war nicht nur unrealistisch, es hat mich auch mit der ein oder anderen offenen Frage unzufrieden zurückgelassen.

Fazit: Ein nervenaufreibender Thriller, der mich geradezu durch die Seiten gepeitscht und nebenbei ordentlich gegruselt hat. Abgesehen von der Auflösung konnte Strobel mich von seinem Plot überzeugen und hat mir mit WELCOME HOME aufwühlende Lesestunden beschert.

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Düster, verstörend, berührend

The Book Eaters
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Devon wurde als Buchesserin geboren und wird nun als Frau allein auf ihre Gebärfähigkeit reduziert. Ihre Kindheit verbrachte sie privilegiert wie eine Prinzessin, doch mit dem Erwachsenwerden offenbart ...

Devon wurde als Buchesserin geboren und wird nun als Frau allein auf ihre Gebärfähigkeit reduziert. Ihre Kindheit verbrachte sie privilegiert wie eine Prinzessin, doch mit dem Erwachsenwerden offenbart sich die grausame Wahrheit: Sie wird als Gebärende von Clan zu Clan geschickt, darf ihre Kinder nicht behalten und verliert zunehmend die Kontrolle über ihr eigenes Leben.

Das Buch beginnt eher ruhig. Im ersten Drittel wird die Welt der Buchesser vorgestellt und einige Situationen geschildert, deren Bedeutung und wirkliches Ausmaß sich erst später erschließen. Mir fiel es zuerst schwer, in die Geschichte zu finden, da es erst einmal wenig Spannung gab und man noch nicht die Zusammenhänge erahnen konnte. Die Handlung nimmt jedoch spürbar an Fahrt auf, als Devon älter wird und ihr zweites Kind als sogenannter Gedankenesser geboren wird – ein Schicksal, das in dieser Gesellschaft entweder Versklavung oder Tod bedeutet. Um ihren Sohn zu retten, benötigt Devon „Erlösung“ - ein Mittel, um den Gedankenesser-Zwang zu unterdrücken. Oder ihr Sohn muss förmlich das Gehirn aus Menschen saugen, um zu überleben, was sie immer wieder an die Grenzen ihrer Macht bringt.

Devons Entwicklung zur Mutter, die buchstäblich alles opfert, um ihr Kind zu retten, ist beklemmend und beeindruckend zugleich. Sie selbst muss zum Monster werden, um nicht ein Opfer zu bleiben. Dabei gelingt es der Autorin, den inneren Konflikt der Protagonistin greifbar zu machen und Mitgefühl zu wecken, ohne zu beschönigen.

Zitat S. 35:

„»Ich war mal eine Prinzessin, musst du wissen.« Ihr Spiegelbild runzelte zweifelnd die Stirn. Die Prinzessinnen in den Büchern, die sie gelesen hatte, waren hübsche, zarte Geschöpfe, und die wenigsten von ihnen waren eins fünfundachtzig große Mörderinnen mit einer Vorliebe für kurz geschorenes Haar und Lederjacken. Merkwürdig war das.„

Frauen und "Gedankenesser" sind in dieser Welt entmenschlicht und unterdrückt. Doch Devon fügt sich nicht. Die letzte Wendung verleiht der Geschichte Tiefe und macht das Ende emotional und spannend zugleich.

Insgesamt ein verstörender, aber fesselnder Debütroman, der nachhallt und - nach anfänglichen Schwierigkeiten, in die Geschichte zu finden - doch noch überzeugen konnte.

Fazit: Ein düsterer Fantasyroman über weibliche Selbstbestimmung, systematische Unterdrückung und den Mut, sich zu wehren. Teils verstörend, teils berührend – aber in jedem Fall lesenswert.

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Veröffentlicht am 04.07.2025

Ruhige Story mit dunklen Geheimnissen

Die Insel - einer kennt die ganze Wahrheit
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Nach dem Tod seiner Mutter und seiner kleinen Schwester ist Isak bei seinem Großvater aufgewachsen und hatte bis heute auch keinen Kontakt zu seinem Vater. Doch plötzlich meldet sich Fredrik bei seinem ...

Nach dem Tod seiner Mutter und seiner kleinen Schwester ist Isak bei seinem Großvater aufgewachsen und hatte bis heute auch keinen Kontakt zu seinem Vater. Doch plötzlich meldet sich Fredrik bei seinem Sohn, um ihm mitzuteilen, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Isaks Freundin Madde überredet ihn, dem Treffen mit dem Vater zuzustimmen. Für Isak ist das eine schwere Entscheidung, denn die Erinnerungen an seinen Vater sind alles andere als positiv. Angekommen in Gotland sind beide überwältigt von Fredriks prunkvollem Anwesen. Was anfangs nach einer überraschend herzlichen Wiedersehensfreude aussieht, entpuppt sich schon bald als großer Fehler. Denn plötzlich steht nicht nur die Beziehung zwischen Isak und Madde auf der Kippe, auch die Geschehnisse der Vergangenheit holen Isak nach und nach ein…

Isak und Madde sind zwei unglaublich interessante Figuren. Kvensler hat beide sehr authentisch gezeichnet und sie damit noch lebendiger wirken lassen. Die Story wird hauptsächlich aus der Sicht von Isak erzählt. Ich mochte seinen Charakter total gern und habe mich schnell mit ihm verbunden gefühlt. In einigen Kapiteln befindet sich Isak in einer Haftanstalt. Die Frage nach dem Warum bleibt lange unbeantwortet. Diese geheimnisvollen Perspektivwechsel sorgen für zusätzliche Spannung und fesseln den Leser an die Handlung.

Kvensler schafft eine bedrückende Atmosphäre und steigert damit die Neugier seiner Leser ins Unendliche. Dass beim Besuch in Gotland verborgene Geheimnisse ans Licht kommen, war abzusehen. Aber die Art und Weise, wie Kvensler diese seinen Lesern präsentiert, ist überragend konstruiert. Die Szenerie hat der Autor dabei klug gewählt und stellt diese bildhaft dar. Auch seine Beschreibungen der Kunstszene, in der sich Fredrik bewegt, wird von Kvensler realistisch dargestellt. Das zeigt deutlich, wie intensiv er sich mit seinen Recherchen auseinandergesetzt hat.

Fazit: „Die Insel“ ist ein geschickt konstruierter, jedoch etwas ruhiger Thriller. Dunkle Geheimnisse, zerrüttete Familiengeschichten und jede Menge Spannung sorgen hier für den perfekten Lesegenuss.

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Veröffentlicht am 30.05.2025

Komplex, einzigartig, überraschend - für Krimi- und Rätselfreunde

HEN NA E - Seltsame Bilder
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Wer den japanischen Autor Uketsu kennt, weiß, dass hinter ihm ein rätselhafter Mann steckt, der sein Gesicht gerne hinter einer weißen Maske verbirgt. Seine Fans feiern ihn eigentlich für seine Mangas, ...

Wer den japanischen Autor Uketsu kennt, weiß, dass hinter ihm ein rätselhafter Mann steckt, der sein Gesicht gerne hinter einer weißen Maske verbirgt. Seine Fans feiern ihn eigentlich für seine Mangas, wobei er mit "Seltsame Bilder" in ein komplett neues Genre abtaucht und dabei einen innovativen und einzigartigen Mystery-Krimi mit teils erschreckenden Horrorelementen geschaffen hat. Also genau mein Ding!

Dieses etwas andere Buch enthält vier Kapitel, die eher noch wie Kurzgeschichten zu lesen und mit Illustrationen versehen sind. Diese Bilder mögen auf den ersten Blick unscheinbar wirken, teils skizzenhaft, doch der Autor deckt die Geheimnisse dahinter auf und entführt uns damit in eine komplett neue Welt.

So basiert jedes Kapitel auf einem oder mehreren Bildern, über die man erst im Laufe der Geschichte mehr erfährt. Doch der Leser ist von Anfang an involviert, denn es gibt Rätsel, die gelöst werden müssen. Genau diese Herausforderung verleiht jeder Erzählung einen ganz besonderen und charakteristischen Touch, der nicht nur fesselt, sondern aufgrund seiner speziellen Atmosphäre zeitgleich für Gänsehaut sorgt. Einige Bilder fand ich einfach nur hübsch, andere haben zig Fragezeichen aufploppen lassen. Man kann viel Zeit mit dieser Lektüre verbringen, weil es ständig etwas zu entdecken oder zu hinterfragen gibt. Hier einige Bilddetails, dort ergänzende Erklärungen. Zugegeben nicht immer ganz leicht nachzuvollziehen, aber das macht eben den Reiz des Buches aus.

Der (relativ nüchterne) Schreibstil von Uketsu ist speziell, aber angenehm - und ich gebe zu, dass ich sowas in der Art noch nie zuvor gelesen habe. Ich war von Anfang an gefesselt und fand es irre interessant, mitzurätseln oder einfach nur den Erzählungen zu lauschen. Uketsu zeigt seine Vielseitigkeit und hat mich damit voll abgeholt.

Fazit: Ein (inhaltlich komplexes) Buch der besonderen Art, das ich jedem ans Herz lege, der auf verworrene Rätsel und geheimnisvolle Geschichten abfährt. Der Ausnahmeautor sorgt von Anfang bis Ende für Faszination, Spannung und eine Portion Nervenkitzel und hat mich damit überrascht und begeistert. Ein gelungenes Leseerlebnis. Ich freue mich auf den Folgeband!

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