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Veröffentlicht am 08.10.2025

Unkomplizierte Rezepte für die gesunde Alltagsküche

Eat Yourself Healthy
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Jamie Oliver ist ein Koch, der wahrscheinlich durch seine mediale Dauerpräsenz auch hierzulande den meisten bekannt ist. Ganz gleich, ob One Pot, Air Fryer oder Quick and Easy – er erkennt Food Trends ...

Jamie Oliver ist ein Koch, der wahrscheinlich durch seine mediale Dauerpräsenz auch hierzulande den meisten bekannt ist. Ganz gleich, ob One Pot, Air Fryer oder Quick and Easy – er erkennt Food Trends und hat sogleich die dazu passenden Kochbücher auf dem Markt. Aber eh hier ein falscher Eindruck entsteht, ich bewerte das nicht negativ. Im Gegenteil, ich freue mich darüber, denn Jamie Oliver ist einer der Köche, dessen Rezepte sich auch im Alltag ohne dickes Portemonnaie und mit überschaubarem Zeitaufwand realisieren lassen.

Nun also „Eat yourself healthy“, ein Thema, das uns alle angeht, für Jamie Oliver aber eine Herzensangelegenheit ist, was er ja bereits vor Jahren mit seiner Kampagne für besseres Schulessen in England hinreichend bewiesen hat.

Neben 120 Rezepten und – das ist neu bei ihm – einem detaillierten und nährstoffreichen 2-Wochen-Kickstarter, der auf den Grundpfeilern der gesunden Ernährung nach den neuesten ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Zusätzlich versorgt er uns mit jeder Menge Informationen zu den benötigten 7-an-einem-Tag und gibt uns 50 Tipps und Tricks an die Hand, mit denen wir unserem Körper ohne großen Aufwand Gutes tun können. Ergänzt wird dies durch vier Seiten mit konkreten Ratschlägen, deren Thema insbesondere Einkauf, Ersatz und Lagerung der Lebensmittel ist. Nicht zu vergessen, die ausführlichen Nährwerttabellen für sämtliche Gerichte am Ende des Kochbuchs.

Die Einteilung der Rezepte birgt keine Überraschung: Frühstück, Mittag, Abend, Wochenende, Süß & Gesund und Getränke. Alle sind durch die Bank weg alltagstauglich, selbst die etwas ausgefallenen Zutaten in jedem Supermarkt erhältlich, und, da Gemüse und Hülsenfrüchte die Hauptdarsteller sind, sogar recht preiswert. Tierische Produkte werden in Maßen eingesetzt, können aber durchaus durch vegane Varianten ausgetauscht werden. Die Zubereitungen sind unkompliziert, also der gewohnte Jamie Oliver-Style und vom zeitlichen Rahmen her, wie wir es von ihm kennen, absolut im Rahmen.

Ein rundum gelungenes Kochbuch mit leckeren, unkomplizierten Rezepten für die gesunde Alltagsküche, das inspiriert und in keiner Küche fehlen darf. Große Empfehlung!

Veröffentlicht am 17.09.2025

Ein Roman fürs Herz

Samstagabend im Lakeside Supper Club
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Nach „Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“ und „Die Bierkönigin von Minnesota“ ist „Samstagabend im Lakeside Supper Club“ der dritte Roman des in Minnesota geboren und aufgewachsenen J. Ryan ...

Nach „Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“ und „Die Bierkönigin von Minnesota“ ist „Samstagabend im Lakeside Supper Club“ der dritte Roman des in Minnesota geboren und aufgewachsenen J. Ryan Stradal, der sich vor der Autorenkarriere seine Sporen als Editor und Produzent für Fernsehshows verdiente.

Seine Romane sind im Mittleren Westen verortet, er ist dessen Chronist, erinnert in seinen Romanen an ein Amerika, in dem noch alles möglich war, auch einfache Leute auf ehrliche Weise ihr Glück machen konnten, wenn sie nur hart genug arbeiteten. Stradal lässt uns die Bekanntschaft von Familien machen, in denen geliebt, gelacht, gestritten, getrauert und getröstet wird, die zusammenhalten, ganz gleich, was geschieht.

Wir kehren ein im Lakeside Supper Club, in dem seit vier Generationen die Frauen Miller-Frauen das Heft in der Hand haben. Supper Clubs sind am ehesten unseren Gastwirtschaften auf dem Land vergleichbar, in denen es gute und ehrliche Hausmannskost zu günstigen Preisen gibt.

Alles fängt mit Betty an, die in den 30er Jahren in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gemeinsam mit ihrer Tochter Florence ihr Zuhause verlässt. Eine Reise ins Ungewisse. Sie sind mittellos, fahren per Anhalter, werden bestohlen. Doch dann hält Floyd Muller an, der kürzlich ein Restaurant am Bear Jaw Lake geerbt hat. Sie kommen ins Gespräch und er bietet ihnen eine Unterkunft an. Was nur als Interimslösung gedacht war, markiert den Anfang einer Zukunft, in der Schicksale und Emotionen der Miller-Frauen (zuerst Betty und Florence, später dann Mariel, Florence‘ Tochter, und am Ende deren Tochter Julia, die den Schlusspunkt setzt) eng mit dem Supper Club verknüpft sind, der ihnen Hoffnung schenkt, aber auch in Zeiten der Trauer Trost bietet.

Der Autor behandelt seine Protagonistinnen mit Verständnis, Sympathie und Liebe. Und ja, der Vergleich mit Kent Harufs Romanen drängt sich auf, denn das, was für ihn die Bewohner seiner Kleinstadt Holt, Colorado sind, nämlich gute, hart arbeitende Menschen, finden wir auch in Stradals Romanen aus dem Mittleren Westen. Wir dürfen bei ihnen zu Gast sein, mit ihnen an einem Tisch sitzen, einen Blick auf ihr Leben werfen. Berührend erzählt. Ohne Wenn und Aber ein empfehlenswerter Roman, ein Roman fürs Herz, der die großen Themen des Lebens behandelt.

Veröffentlicht am 10.09.2025

Nie wieder!

Die Dolmetscherin
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„Die Dolmetscherin“, ein Titel, der auf den ersten Blick eher unscheinbar daherkommt. Aber der Schein trügt, denn es ist kein leichter sondern ein gewichtiger Stoff, den sich Titus Müller, wie wir es von ...

„Die Dolmetscherin“, ein Titel, der auf den ersten Blick eher unscheinbar daherkommt. Aber der Schein trügt, denn es ist kein leichter sondern ein gewichtiger Stoff, den sich Titus Müller, wie wir es von ihm kennen, für seinen neuen historischen Roman ausgesucht hat.

Die Handlung ist in den Jahren 1945/46 verankert, Hauptthema sind die Innenansichten auf die Nürnberger Prozesse, in denen die führenden Vertreter des NS-Regimes für ihre Verbrechen wider die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen werden. Allesamt Unsympathen ohne Schuldbewusstsein, was in ihren Verhören deutlich zum Ausdruck kommt.

Die titelgebende Dolmetscherin ist (die fiktive) Asta Maschner, eine in Deutschland geborene junge Frau, ausgewandert nach Amerika und jetzt, getrieben von dem Wunsch nach Vergeltung, zurückgekommen. Neben ihrer Muttersprache beherrscht sie das amerikanische Englisch perfekt und übersetzt anfangs im Kurhotel im luxemburgischen Mondorf-les-Bains, dem „Internierungslager“ der prominenten Nazi-Größen, deren Verhöre. Doch damit nicht genug. Von Rachedurst für die Folter und dem Mord an ihrer Lieblingstante getrieben, setzt sie alles daran, auch bei den Nürnberger Prozessen als Simultandolmetscherin eingesetzt zu werden. Es gelingt. Aber was hat es mit ihren Verbindungen zum russischen Geheimdienst auf sich? Warum spielt sie ein doppeltes Spiel und setzt sich permanent der Gefahr aus, enttarnt zu werden? Und welche Rolle spielt Leo, ein Kriegsheimkehrer, der den Kontakt zu ihr sucht und offensichtlich auch an allen möglichen Informationen interessiert ist? Ist sie für ihn nur Mittel zum Zweck oder ist da mehr?

Die Handlung des Romans ist eingebettet in realistische Beschreibungen des Nachkriegsalltags. Die Städte sind von den Bomben zerstört, die Menschen leben in provisorischen Unterkünften. Die Kälte ist unbarmherzig, aber Brennmaterial kaum zu bekommen. Hunger ist ein ständiger Begleiter, man verkauft oder vertauscht das, was man in den Trümmern findet, für eine Rübe oder einen Kanten Brot, um den ärgsten Hunger zu stillen. Familien sind zerbrochen, was die Männer, die aus dem Krieg heimkehren, schmerzlich feststellen müssen. Bis zur Normalität ist es noch lange hin.

Ein beeindruckender Roman, der der insbesondere durch die Schilderungen der Verbrechen von Göring und seinen Kumpanen schmerzhaft zu lesen ist und nicht nur Astas Wunsch nach Vergeltung nachvollziehbar macht.

Veröffentlicht am 10.08.2025

Die beste Krimireihe aus Schottland

Möge Gott Dir vergeben
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McIlvanney, Rankin, Johnstone, Mina, ich habe sie alle gelesen, aber Alan Parks Harry McCoy-Reihe ist für mich mittlerweile das Maß aller Dinge, wenn es um schottische Kriminalromane, d.h. Tartan Noir, ...

McIlvanney, Rankin, Johnstone, Mina, ich habe sie alle gelesen, aber Alan Parks Harry McCoy-Reihe ist für mich mittlerweile das Maß aller Dinge, wenn es um schottische Kriminalromane, d.h. Tartan Noir, geht. Das beweist er einmal mehr mit „Möge Gott dir vergeben“, Band 5 und Fortsetzung der Harry McCoy-Reihe , in dem Glasgow einmal mehr seinem Ruf als „Murder Capitel of Europe“ in den Siebzigern gerecht wird. Geprägt von hoher Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit sind es vor allem die Jugendlichen, die in die Arme der organisierten Kriminalität getrieben werden, weil man ihnen weismacht, dass sie dort mit geringem Einsatz das große Geld machen können. Dass sie damit ihr Leben aufs Spiel setzen könnten, kommt ihnen aber nicht in den Sinn.

Aber nun zum Inhalt: Mai. 1974. Harry McCoy ist nach der Behandlung seines Magengeschwürs frisch aus dem Krankenhaus entlassen. Genesen ist er zwar nicht, sollte sich eigentlich schonen, aber er brennt darauf, auf Glasgows Straßen wieder seiner Arbeit nachzugehen, denn hey, wofür gibt es Pepto Bismol? Und davon braucht er in der Tat jede Menge, während er in den verratzten Kneipen und auf den düsteren, trostlosen Straßen Glasgows, der heimlichen Hauptfigur dieser Reihe, gemeinsam mit seinem Kollegen Douglas „Wattie“ Watts seinem Job nachgeht

Drei Fälle stehen diesmal im Mittelpunkt: Der Brandanschlag auf einen Friseursalon, für den eigentlich die Kollegen aus der Tabago Street zuständig sind, laut Murray lauter Idioten vor dem Herrn. Fünf Frauen und Kleinkinder sind dabei ums Leben gekommen. Attentäter drei Jugendliche, aber wer ist der Auftraggeber? Die Fünfzehnjährige, die stranguliert auf einem Friedhof aufgefunden wird, und der angebliche Freitod von Dirty Ally, einem zwielichtigen Zeitgenosse, der mit pornografischen Bildern von Jugendlichen gehandelt hat. Späte Reue oder Vergeltung?

Daneben bekommen wir diesmal durch eine unerwartete Begegnung einen tieferen Einblick in Harrys Vergangenheit. Bisher wurde diese immer nur anhand seiner Beziehung zu Stevie Cooper, Freund und Beschützer aus der gemeinsamen Zeit im Kinderheim, aber mittlerweile eine einflussreiche Größe des organisierten Verbrechens, thematisiert. Eine Freundschaft, die von Harrys Umfeld äußerst misstrauisch beäugt wird, kommt er dadurch bei Ermittlungen doch immer wieder in Loyalitätskonflikte. Allerdings stellt sich bei genauerem Hinsehen die Frage, ob die Institutionen, die er repräsentiert, nicht genauso verkommen wie die Gangs der Unterwelt sind.

Jeder Band dieser mehrfach prämierten Reihe ist ein Highlight, aber ich frage mich, wenn ich das jeweilige Buch zuschlage, ob Alan Parks das noch toppen kannl. Doch mittlerweile glaube ich, dass er noch jede Menge Pfeile im Köcher hat und ihm dies auch mit Band 6, im Original „To die in June“ (leider noch nicht übersetzt), gelingen wird.

Veröffentlicht am 06.07.2025

Anfänge einer Dynastie

Thronräuber
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Wenn man sich für englische Geschichte interessiert, aber keine trockenen Sachbücher lesen möchte, sollte man zu den historischen Romanen der leider 2021 verstorbenen amerikanischen Autorin Sharon Penman ...

Wenn man sich für englische Geschichte interessiert, aber keine trockenen Sachbücher lesen möchte, sollte man zu den historischen Romanen der leider 2021 verstorbenen amerikanischen Autorin Sharon Penman greifen. Bekannt wurde sie mit ihrem Roman über Richard III. „The Sunne in Splendor“, in dem sie ein erfrischend anderes Narrativ dieses dämonisierten englischen Königs präsentiert. Gelesen habe ich es vor vielen Jahren im Original und konnte diese alternative Sichtweise, insbesondere was dessen Beteiligung an der Ermordung der Prinzen im Tower anging, absolut nachvollziehen.

„Thronräuber“ ist Band 1 der im Original vierbändigen Reihe um die Anjou-Plantagenet Dynastie und behandelt den Zeitraum zwischen 1101 und 1142.

Henry I. hat zwar 23 Nachkommen gezeugt, von denen aber lediglich zwei legitime Erben des Throns sind, William und Maude. Erster kommt beim Untergang des „Weißen Schiffs“ ums Leben, bleibt nur noch die Tochter als zukünftige Herrscherin übrig. Auf Anweisung ihres Vaters mit Geoffrey Plantagenet, Graf von Anjou, verheiratet, soll sie Henry I. nach seinem Tod am 1. Dezember 1135 nachfolgen, was allerdings innerhalb des Adelskreises keine Zustimmung findet.

Eine Frau auf dem Thron? Undenkbar. Also nutzt Stephen of Blois (Henrys Neffe und Enkel von William the Conquerer) die Gunst der Stunde zu seinem Vorteil, zieht mit seinem Tross gen England, verteilt großzügig Privilegien, sichert sich so die Unterstützung von Adel, Kirche und Volk und wird am 22. Dezember 1135 in Winchester zum König gekrönt. Aber ganz so kampflos wie erwartet gibt Maud den Anspruch auf den Thron nicht auf. Auch wenn die Vertreter des Adels und der Kirche kein Vertrauen in Maud und ihre Fähigkeiten haben, will sie doch das Geburtsrecht auf die Krone zumindest für ihre Nachkommen sichern. Wenn es sein muss, auch mit Gewalt. Und so beginnt der Kampf um die Krone. Ein Bürgerkrieg, bekannt als „The Anarchy“, der fast zwei Jahrzehnte dauert und den Weg für die verschiedenen Thronfolger des Hauses Plantagenet ebnet, die immerhin bis 1485 (Tod Richard III.) herrschen werden.

Sharon Penman erzählt diese Geschichte in fast 800 Seiten und hält sich dabei eng an die historisch verbürgten Eckdaten. Dabei quält sie ihre Leser und Leserinnen aber nicht mit seitenlangen, nichtssagenden Beschreibungen, die eher den Lesefluss hemmen, als die Story zu illustrieren und deren Fortgang zu unterstützen, sondern erweckt die historischen Persönlichkeiten, die wir, wenn überhaupt, nur aus den Geschichtsbüchern kennen, samt ihrer Eigenheiten zum Leben. Sie verleiht ihnen Persönlichkeit, gibt ihnen Konturen, samt der Ecken und Kanten.

Natürlich wird bei der Personenkonstellation Maud versus Stephen auch das Frauenbild der damaligen Zeit genauer betrachtet. Und selbst wenn man es auf eine Adlige mit Anspruch auf den Thron einschränkt, zeigt es sich, dass diese ohne männliche Unterstützung und Allianzen quasi wertlos ist, Entscheidungen und Handeln, auch innerhalb ihrer Ehe, permanent auf dem Prüfstein stehen.

Der Stammbaum gleich zu Beginn ist hilfreich für die dynastische Einordnung der Personen, die Landkarte am Ende versorgt mit den geografischen Details. Außerdem gibt es für den besseren Überblick ein Verzeichnis der Dramatis Personae sowie ein Glossar ungebräuchlier Begriffe.

Ein großartiger historischer Roman ohne Zuckerguss und überflüssige Love Storys, auf dessen Fortsetzung „Thronerbe“ (ET 05.11.2025 im Heyne Verlag) ich mich schon jetzt freue.