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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.07.2025

Ein Ja zum Buch

Ja, nein, vielleicht
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Doris Knecht knüpft mit ihrem neuesten Roman an ihren vorangegangenen an („Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“). Zwar ist er eine Art Fortsetzung, in sich aber völlig selbständig ...

Doris Knecht knüpft mit ihrem neuesten Roman an ihren vorangegangenen an („Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“). Zwar ist er eine Art Fortsetzung, in sich aber völlig selbständig und gut ohne Kenntnisse des früheren Werkes lesbar. Die Ich-Erzählerin, bei der offen bleibt, ob sie identisch mit Doris Knecht ist, erzählt Weiteres aus ihrem Leben. Sie ist jetzt Ende fünfzig und hat sich gut eingerichtet in ihrem Leben als Single (der sich vor zehn Jahren vom langjährigen Lebenspartner getrennt hat), Mutter eines erwachsenen Zwillingspaares, Autorin, umgeben mit einer Schar guter Freunde und Hund, mit zwei Wohnsitzen in der Stadt (Wien) und auf dem Land. Erst das zufällige Zusammentreffen mit ihrem Freund von vor etwa zwei Jahrzehnten konfrontiert sie mit der Frage, ob sie doch noch einmal bereit ist, ihr gutes Leben mit einem Mann zu teilen. Immer wieder geht sie hierzu Gedankenspiele durch, die interessant zu lesen sind. Mich fasziniert vor allem die gute Beobachtungsgabe und Lebensklugheit, mit denen die Protagonistin Alltägliches, aber auch lebenswichtige Aspekte wie das Älterwerden, Krankheit, Freundschaft reflektiert – Themen, die jeden Leser auch betreffen können. Dass sie dabei ihren Reflexionen freien Lauf lässt und nicht unbedingte Ordnung herrscht, tut dem Ganzen keinen Abbruch.

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Veröffentlicht am 21.05.2025

Per aspera ad astra

Durch das Raue zu den Sternen
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Das ist ein wirklich lesenswertes Buch, dessen außergewöhnliche Ich-Erzählerin, die 13jährige Arkadia genannt Moll, mich vom Anfang bis zum Ende in den Bann gezogen hat. Sie ist hochmusikalisch, fantasievoll, ...

Das ist ein wirklich lesenswertes Buch, dessen außergewöhnliche Ich-Erzählerin, die 13jährige Arkadia genannt Moll, mich vom Anfang bis zum Ende in den Bann gezogen hat. Sie ist hochmusikalisch, fantasievoll, immer geradeaus, sich nicht unbedingt den gesellschaftlichen Regeln beugend, altklug. Dass sie zu dem geworden ist, ist ihrer Mutter geschuldet, selbst eine extravagante, vermutlich psychisch erkrankte Frau, die sich für eine begabte und verkannte Komponistin hält. In allem, was Arkadia von ihrer Mutter erzählt, spricht eine große Liebe heraus. Leider ist Mutter seit einigen Monaten verschwunden und wird von Arkadia schmerzhaft vermisst. Für sie selbst ist die Mutter nur kurz weggegangen. Als Leser spekuliert man bis zum Ende in viele Richtungen, was es wohl mit dieser Absenz auf sich hat, um dann eine unerwartete Erklärung zu erhalten. Über die Musik waren Mutter und Tochter stets verbunden und durch Musik will Arkadia die Mutter wiederfinden; sie will als einziges Mädchen in einem bayerischen bekannten Knabenchor aufgenommen werden. Wie es ihr dabei ergeht, liest sich einfach herrlich. Eine weitere geliebte Person ist der Vater, der allerdings seit dem Verschwinden seiner Frau in seiner eigenen Welt lebt und Arkadia lange keine Stütze ist. Schon aus dem vorangehend Wenigen wird erkennbar, dass die Gefühle zwischen Kind und Eltern eine große Rolle spielen und natürlich die Musik in allen Tönen.

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Veröffentlicht am 20.04.2025

Wut und Liebe als Antrieb zu Unmoralischem

Wut und Liebe
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Dieses Buch wird auf dem Cover als Roman bezeichnet, und sein Titel lässt auf einen Liebesroman schließen. Beides trifft irgendwie zu, reicht aber noch nicht. Denn zugleich trägt die Geschichte Elemente ...

Dieses Buch wird auf dem Cover als Roman bezeichnet, und sein Titel lässt auf einen Liebesroman schließen. Beides trifft irgendwie zu, reicht aber noch nicht. Denn zugleich trägt die Geschichte Elemente eines Krimis in sich. Eigentlich beginnt alles harmlos. Der brotlose Künstler Noah wird von seiner ihn immer noch liebenden Freundin Camilla verlassen, weil sie ihrer beider Leben bestreiten muss, während sie von einem finanziell sorglosen Leben träumt. Noah will seine geliebte Freundin um jeden Preis zurückgewinnen, entweder mit seinem Durchbruch oder mit dem ihm von einer älteren Dame (Betty) ausgelobten hohen Geldbetrag, für den er „nur“ den von ihre so sehr gehassten Geschäftspartner ihres verstorbenen Mannes beseitigen muss. Ob er aus Liebe tatsächlich bis zum Äußersten geht, sollte jeder selbst lesen. Jedenfalls begegnet Noah auf seinem Weg vielen Personen aus dem Umfeld von Betty, ihrem Mann und aus dem eigenen, die so manche unverhoffte Wendung bringen. Am Ende kommt noch eine gehörige Portion Wut bei einer Dritten hinzu, die die Hintergründe der ganzen Geschichte aufdeckt.
Alles ist so raffiniert konstruiert, dass das Lesen des Buchs sehr viel Freude bereitet. Die Wendungen in Bettys Vergangenheit sind faszinierend. Immer wieder Spirituosen und Mahlzeiten beim Namen zu benennen, scheint Suters Spezialität zu sein. Jedenfalls erinnere ich mich hieran auch in seinem Roman „Melody“ (erschienen 2023). M.E. ist es verzichtbar. Das Buchcover ist für den Diogenes-Verlag typisch und passt gut zu Nohas Art von Malerei, der gerne seine Freundin als Dauermotiv nimmt.
Das Buch erhält von mir eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 21.03.2025

Sagenhafter Lebenslauf einer Frau

Schwebende Lasten
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Die in Magdeburg in der Vorwendezeit geborene Autorin ist prädestiniert, den Lebenslauf ihrer Protagonistin, dem Magdeburger Urgestein Hanna Krause zu erzählen. Ich kann mich nur der Hommage der Schriftstellerkollegin ...

Die in Magdeburg in der Vorwendezeit geborene Autorin ist prädestiniert, den Lebenslauf ihrer Protagonistin, dem Magdeburger Urgestein Hanna Krause zu erzählen. Ich kann mich nur der Hommage der Schriftstellerkollegin Julia Schoch auf dem Buchrücken anschließen, die davon spricht, „besser kann man ein Menschenleben nicht erzählen.“ Anhand Hanna Krause wird aufgezeigt, wie hart das Leben der einfachen, deutschen Frauen war, die noch vor dem Ersten Weltkrieg geboren wurden und wesentliche Stationen der deutschen Geschichte hautnah erlebten - die Wirtschaftskrise, den Zweiten Weltkrieg, die Gründung der DDR, und das Leben in ihr, schließlich ihren Niedergang mit der nachfolgenden Wiedervereinigung. Hanna hat sich trotz vieler Schicksalsschläge in ihrem privaten Umfeld nie unterkriegen lassen und sich immer wieder hochgerappelt, wofür sie allen Respekt verdient. Der Geschichte lässt sich aufgrund ihres poetischen Schreibstils gut folgen. Eine interessante und lehrreiche Besonderheit sind die Beschreibungen diverser Blumen zu Beginn eines jeden Kapitels, die die Verbindung zu dem ursprünglichen, so geliebten Beruf einer Blumenbinderin Hannas herstellen. Gerade Magdeburger werden in der detailgetreuen Beschreibung ihrer Stadt Anknüpfungspunkte mit Wiedererkennungswert finden.
Das Buch ist es wirklich wert, gelesen zu werden.

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Veröffentlicht am 02.03.2025

Eine Kindheit als Mädchen

Schwimmen im Glas
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Aus ihrer Perspektive erzählt die während der Geschichte zumeist 10jährige Lore aus ihrer behüteten Kindheit in einem österreichischen Dorf in den neunziger Jahren. Dabei blendet sie immer wieder kurz ...

Aus ihrer Perspektive erzählt die während der Geschichte zumeist 10jährige Lore aus ihrer behüteten Kindheit in einem österreichischen Dorf in den neunziger Jahren. Dabei blendet sie immer wieder kurz auf ihre spätere Jugend und ihr Erwachsenenleben als Mittvierzigerin. Mit kindlicher Betrachtungsweise geht sie ein auf die Geschlechterrollen, die in ihrer Familie mit dem dieser vorstehenden patriarchalischen Großvater traditionell und nur zaghaft aufgebrochen werden. Die vielen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen bzw. Männern und Frauen begnügt sie sich zu beschreiben, ohne gegen die Ungleichheiten zu rebellieren. Anders als ihre Tante, die sich für ein emanzipiertes Leben in der Stadt entschieden hat und deshalb als schwarzes Schaf der Familie gilt. Schließlich lebt auch Lore emanzipiert.
Der Roman liest sich aufgrund der gewählten Perspektive recht erfrischend. Bei Lesern, die der Generation Lores angehören, werden sicherlich Erinnerungen an die eigene Kindheit geweckt. Bezeichnend ist vor allem zu lesen, wie sehr sich die Geschlechterrollen seither gewandelt haben. Bei allen Beobachtungen, die Lore hierzu in ihrem Alltag und Umfeld macht, lässt sich nur sagen, dass sie Recht hat. Sprachlich gelungen ist, dass so viele Sätze des Großvaters nicht beendet werden, sondern mit einem Gedankenstrich enden. So wird gut die Sprachlosigkeit dieser Generation dargestellt, die nicht über die noch nicht allzu weit zurückliegenden Zeiten des Zweiten Weltkriegs erzählen wollte. Etwas irreführend erscheint mir das Ende der Kurzbeschreibung auf dem rückwärtigen Buchrücken, das ein vermeintliches Geheimnis o.ä. in Lores Vergangenheit erwarten lässt, sich dann aber als banal darstellt.
Diesen Roman kann ich sehr empfehlen, vor allem für Leser mit Interesse an Familien-/Gesellschaftsromanen.

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