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ToniLudwig

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Veröffentlicht am 09.02.2024

Familie, Einsamkeit und Liebe

Hallo, du Schöne
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Der vierte Roman der amerikanischen Literaturprofessorin Ann Napolitano erschien im März des vergangenen Jahres unter dem Titel >>Hello Beautiful>Hallo, Du Schöne>begutachtet>Rakete>Die ersten sechs Tage ...


Der vierte Roman der amerikanischen Literaturprofessorin Ann Napolitano erschien im März des vergangenen Jahres unter dem Titel >>Hello Beautiful<< und wird nunmehr im DuMont Buchverlag Köln in der bewährten Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence verlegt, >>Hallo, Du Schöne<< lautet titelgleich das Werk.

William Waters, der Junge aus dem Vorort von Boston, durchlebt unter dem Eindruck des frühen Todes seiner größeren Schwester eine Kindheit, die durch die Verbitterung seiner Eltern geprägt ist und in welcher Zuwendung und Herzlichkeit gar nicht erst aufkommen.
Basketball lautet der Ausweg für William, denn zunächst braucht es hierfür nur einen Korb und einen Ball.
Die Einsamkeit wird geringer, als William erstmals gesehen wird im besten Wortsinne, in diesem Falle von gleichaltrigen Mitspielern.
Und auf diese Weise lernt der stille Junge, was es bedeutet, Teil einer Gemeinschaft zu werden und intensiviert zugleich sein Spiel.
Dies kommt ihm zu Gute, als er im Chicago - Collage weiterhin seinem Sport nachgehen kann, nunmehr auch auf beachtliche 2 Meter eins gewachsen.

Zu dieser Zeit tritt die kluge und hübsche Studentin Julia Padavano in sein Leben, die keineswegs aus einem begüterten Hause kommt, aber ihren neuen Freund furchtlos ihren Eltern vorstellt, nachdem er zuvor von ihrer Schwester Sylvie und den beiden Zwillingsschwestern Cecilia und Emeline bei Sport >>begutachtet<< wurde.

Es kommt zu einem ersten Zusammentreffen in der Familie von Julia und zu einem Kennenlernen, welches das Leben der jungen Menschen nachhaltig beeinflussen wird.
Julia entwickelte dabei schon immer Pläne, für sich, ihre Schwestern mit denen sie scheinbar untrennbar verbunden ist und nun auch für ihren zukünftigen Mann.
Als >>Rakete<< wurde sie deshalb von ihm Vater oft bezeichnet.
Wie sich dies auf das Leben und die Beziehung der beiden jungen Menschen auswirkt und welche Rolle die Schwestern und Familie überhaupt spielen, wird in diesem Roman überwiegend im Zeitraum von 1982 bis in Jahr 2008 erzählt.

Nahezu mystische Zeilen aus einem Hautwerk des amerikanischen Lyrikers Walt Whitman sind dem Buch vorangestellt, sie werden den Ton des Buches begleiten, dessen erster Satz gleichermassen Schicksale der Protagonisten bestimmen werden :
>>Die ersten sechs Tage seines Lebens war William Waters kein Einzelkind.<<

Charlie, Ehemann von Rose und Vater der Schwestern ist ein kenntnisreicher Verehrer von Whitman und vielleicht sogar ein Seelenverwandter.
Erst als er unerwartet stirbt, wird zumindest seinen Kindern klar, wie angesehen ihr Vater in Pilsen, einem Arbeiterviertel voller Immigranten, gewesen war.
Und was sie mit ihm alles noch hätten besprechen können und wie sehr er auch ohne grosse Worte und Gesten seinen Schwiegersohn, der nicht ein Gedicht in seinem Leben bislang gelesen hatte, verstand und warum er sein Leben so oft mit dem Alkohol gelindert hat.
Er ist es auch, der seine Mädchen titelgebend begrüsste, >> Hallo, Du Schöne<<, Worte, die das Leben des Vaters überdauern werden.
Seine Seele jedenfalls wird über alle Zeit in den Gedanken der Mädchen bleiben, mehr als ihre Mutter Rose, die zwar nicht stirbt, aber deren katholischer Starrsinn zu einer Entfremdung führen wird.
>>Charlie war zu Lebzeiten immer als Versager gesehen worden, doch Jahrzehnte nach einem oder liebet ihn seine Tochter noch immer so sehr, dass er für William der erfolgreichste Mann war, den er je kennengelernt hatte<<, heisst es an einer Stelle des Romans.

Dies sind die Rahmenbedingungen der Handlung, die sich gleichwohl um William und seine Beziehung zu Julia und ihren Schwestern rankt.
William spürt ein für ihn lange Zeit unerreichbares Glück mit Julia und er tut alles dafür, ihre Liebe zu erwidern.
Noch hat er Erfolge im Basketball, doch durch Knieverletzungen ist das Betreiben seines geliebten Sports gefährdet und beschädigt wohlmöglich auch sein Selbstvertrauen.

Der Roman wird in übersichtlichen Kapiteln über William, Julia und der bücherliebenden Sylvie erzählt, gegen Ende kommt noch eine weitere erwachsene Person hinzu.
Jede der Schwestern entwickelt ihre eigene Geschichte und nicht alle Vorhersagen von Julia, der Ältesten, werden eintreten.

Es wird Irrtümer geben, Verwerfungen, Fehleinschätzungen, harte Entscheidungen, Geheimnisse, unbequeme Wahrheiten, trügerische Sicherheiten, Zerbrochenheit und zudem bahnen sich scheinbare Unmöglichkeiten Raum.

Die Geschichte jedenfalls entwickelt sich wie ein Sog.

Und wer sich darauf einlässt, in das Beziehungsgeflecht der Familie einzutauchen, wird hierfür überbordernd belohnt werden.

Denn der kluge Roman handelt von Liebe, auch innerhalb der Familie, obschon der strapazierte Satz >>Blut ist dicker als Wasser<< nie auftauchen wird.

Aber die Empathie seiner Protagonisten erzeugen beim Lesen neben all der finsteren Traurigkeit auch ein tiefes wärmendes Gefühl, dass die Kälte der Gegenwart förmlich schmelzen lässt, melancholisch und nie sentimental.
Es ist auch ein Roman über Freunde und wie wichtig und kostbar gar Freundschaften überhaupt sind, zuweilen gar überlebenswichtig.
Und er beschäftigt sich klug mit der Frage, wie wichtig die berufliche Karriere im Leben eines Menschen wohl sein mag und ob wir einander verzeihen können (und wann es dafür zu spät ist).

Der in Amerika vielbeachtete Familienroman ist die 100. Empfehlung des Oprah Book Clubs und stand ebenso auf der Leseliste von Barack Obama 2023.
Zuweilen wurde kolportiert, dass der frühere Präsident der USA den Roman mag, weil es ein Basketballbuch sei.
Dies ist in jedem Falle zu kurz gegriffen, denn der Sport ist zwar prägend für William, aber er dominiert nicht die Handlung.

Eine überaus klare Leseempfehlung des mit einem hinreissenden Cover und einem Lesebändchen von Dumont gut ausgestalten Buches, welches lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Sichtbar unsichtbar

Mit anderen Augen
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Erstmals erscheint ein Roman der bislang im deutschsprachigen Raum unbekannten Australierin Jane Tara, den diese im Jahr 2025 veröffentlicht hat (Original: >> Tilda is visible Gesehen werden >Man soll ...

Erstmals erscheint ein Roman der bislang im deutschsprachigen Raum unbekannten Australierin Jane Tara, den diese im Jahr 2025 veröffentlicht hat (Original: >> Tilda is visible <<) und das Verdienst gebührt dem Schweizer Diogenes - Verlag in der flüssigen Übersetzung aus dem australischen Englisch von Tanja Handels.

Morbus Invisibilis lautet die Diagnose bei Tilda Finch, die eines Morgens verstört bemerkt, dass ihr verschiedene Gliedmassen fehlen. Unerklärlich all dies, doch die Ärztin beseitigt schließlich die Ungewissheit : tatsächlich Unsichtbarkeit. Die befallenen Teile sind zwar vorhanden, doch werden von der betroffenen Person und ihren Gegenübern nicht mehr erkannt.

Das langsame Verschwinden einer Frau, längst auf Google thematisiert als ein Problem (nur !) von Frauen im Alter um die 50 Jahre, mangels fehlender Mittel jedoch kaum erforscht und in vier Phasen auftretend.

Dabei ist Tilda in ihrer Eigenwahrnehmung eine durchaus normale Frau, eingebettet in ein soziales Umfeld in Middle Bay mit Freundinnen, einem mittlerweile erfolgreichen Unternehmen, mit interessanten und eigenwilligen Zwillingstöchtern, die aus dem Hause sind und ihrerseits dabei sind, eine eigene Existenz aufzubauen.

Freilich, die Scheidung von Tom vor fünf Jahren hat sie nicht glücklicher gemacht, von einem erfüllten Sexleben ganz zu schweigen.
Aber gleich eine solche Krankheit und die verstörende Ungewissheit einer Heilung...

Ist ein >> Gesehen werden << vielleicht der Schlüssel hierfür ? Doch wie lässt sich ein Leben ändern, wie verhindern, dass weitere Teile von ihr unsichtbar werden ?
Durch Analyse emotionaler Hintergründe oder gar durch eine Sichtbarkeits-Neurotherapeutin ?

Die Autorin Jane Tara, bei der einst selbst fälschlicherweise eine eine degenerative Augenerkrankung diagnostiziert wurde, hat einen überaus unterhaltsamen Roman geschrieben, der sich in 66 Kapitel aufteilt, die jeweils mit interessanten Zitaten übertitelt sind, von Marie Curie über Jane Fonda bis zu Anaïs Nin.

Es entwickelt sich im Laufe des Romans ein Art Sog, denn Tilda lernt andere Leidengenossinen kennen, besucht eine eher fragwürdige und wohl viel zu ernste Selbsthilfegruppe und begibt sich zwangsläufig auf einen steinigen Weg der Selbsterkenntnis.
Schulmedizin ist offenkundig nicht der Ausweg, die umstrittene Alternativheilerin Selma vielleicht schon.
Denn diese stellt ihr eine neue unbequeme Freundin an die Seite, PAULA - Programm Aller Unhinterfragten Langzeit-Automatismen.
Dies befähigt die Protagonistin, sich auf eine Reise in ihr Innerstes zu begeben, die ebenso beschwerlich wie amüsant beschrieben wird.

Es gibt einige Passagen, in denen die Autorin wohl zu viel an Wissen vermitteln möchte, insbesondere dann, wenn es um Meditation geht. Doch dies wird alsbald übermalt von den wahrlich wirklichkeitsnahen Beschreibungen über Versuche, in das eigene Innere vorzudringen - Gedanken des Alltags lassen sich eben nicht so leicht verdrängen.
Und ich habe die schöne Zen-Weisheit gelernt :
>>Man soll jeden Tag zwanzig Minuten meditieren, es sei denn, man hat keine Zeit, dann soll man eine Stunde meditieren.<<

Es ist ein Roman der Ermutigung, der Selbstfürsorge, der Möglichkeit, sein Leben selbstreflektierter anzunehmen.
Und ja - es trägt zuweilen den Charakter eines Märchens, zumal die Symbolik durch die Begegnung der Hautperson Tilda (Fotografin !!) mit einem gut aussehenden und vor allem verständnisvollen Mann doch ziemlich überspannt wirkt.
Denn dieser ist - blind.
Aber ach - die Charaktere sind so liebevoll beschrieben, dass der Hang zum Kitsch zwar gestreift, aber nie wirklich erreicht wird.
Und in Zeiten von Kriegen, Zerstörung und Verlusten nicht nur der Sehkraft ist es wohltuend, einen Roman wie diesen in der Hand zu halten, der uns bei allen inneren Konflikten der Protagonisten warmherzig auffängt und am Leben von Tilda und ihrem ereignisreichen Umfeld äußerst interessiert teilhaben lässt.

Vielleicht ein Roman besonders für Frauen, die sich nicht selbst sehen können oder wollen, die in Ehen ausharren, denen sie sich in Grunde schon innerlich entsagt haben, aber aus Vernunftsgründen dennoch nicht ausbrechen, obzwar ihr Selbstwertgefühl längst schon untergraben wurde.
Dies jedoch sollte auch den Männern zu denken geben, die ihre Aufmerksamkeit ihrer Partnerin gegenüber immer wieder hinterfragen sollten, was nicht an Äußerlichkeiten oder gelegentlichem Sex festzumachen ist.

Denn erst dann kommen sie wohl zur Erkenntnis von Robert Brault, welches einem Kapitel vorsteht :
>> Freu dich an den kleinen Dingen des Lebens, denn irgendwann blickst du zurück und stellt fest, dass es die großen waren. <<

Denn die Sichtbarkeit fängt immer in uns selbst an und die damit verbundenen Fragen und Probleme stellen sich von Kindheitsbeinen an und müssen nicht bis zur Perimeno- oder Andropause verdrängt werden.

>> Wie die Welt uns sieht, wie andere Menschen uns sehen, ist ohne jede Bedeutung. Entscheidend ist, wie wir uns selbst sehen. Wir müssen für uns selbst sichtbar sein. <<
Dies mag ein Schlüsselsatz des Roman sein, dem ich im Lichte (sic!) seiner Wärme, seinem Humor und seinem Anspruch eine Vielzahl glücklicher Leser wünsche.

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Veröffentlicht am 05.10.2024

Bleibt wachsam - gegen das Vergessen !

Suche liebevollen Menschen
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Vorweggenommen : Das Buch ist erschütternd, emotional, auf Tatsachen beruhend und absolut lesenswert.
Denn diese Geschichten müssen erzählt werden, gerade jetzt, wo es nur noch wenige Zeitzeugen gibt, ...

Vorweggenommen : Das Buch ist erschütternd, emotional, auf Tatsachen beruhend und absolut lesenswert.
Denn diese Geschichten müssen erzählt werden, gerade jetzt, wo es nur noch wenige Zeitzeugen gibt, die die Verbrechen der Nazidiktatur überlebt haben.
Der Wiener Molden Verlag hat in der feinfühligen Übersetzung aus dem Englischen von Hainer Kober die umfangreichen und mitreissend erzählten Recherchen des 1961 in London geborenen Journalisten Julian Borger herausgebracht.
Erzählt wird in zwölf Kapiteln die Geschichte seines Vaters und weiterer sieben Kinder auf der Flucht vor dem Holocaust.
Diese verbürgten Einzelschicksale stehen exemplarisch für das unermessliche Leid jüdischer Kinder und ihrer Eltern auf der Flucht vor den Nazis in eine ungewisse Zukunft, sie haben im hochwertig gestalteten Buch auch durch Abbildungen ein Gesicht.
Es ist eine Mischung aus Verzweiflung und Weitsichtigkeit, wenn jüdische Eltern aus Wien im Sommer 1938 Kleinanzeigen im >>Manchester Guardian<< schalten, um ihre Kinder vor den Nazis zu retten.
Mögen sich alle Eltern gegenwärtig einmal vorstellen, ihr heranwachsendes, sich mitten in der Entwicklung befindliches und verletzliches 11-jähriges Kind in ein fremdes Land zu fremden Menschen zu verschicken, der Sprache nicht mächtig, die Kommunikation abgeschnitten.
Welche Qualen für beide Seiten - und natürlich ging es auch nicht immer gut, manche Kinder wurden aufgenommen und als zusätzliche Haushaltshilfen vereinnahmt.
Aber sie lebten - zumeist im Gegensatz zu ihren Eltern, denen eine solche Flucht oftmals verwehrt blieb, spätestens nach dem 1. September 1939, als Hitler die Wehrmacht in Polen einmarschieren ließ und Großbritannien Nazideutschland den Krieg erklärte.
Und musste eine Rettung der Kinder ins Ausland überhaupt sein ? Waren die Gräuel der Naziherrschaft voraussehbar oder war die Hoffnung grösser, es sei nur ein vorübergehendes Phänomen, eine Hoffnung, wie es an einer Stelle des Buches heisst, die aus dem tief verwurzelten Glauben an Recht und Unrecht und an Normalität erwuchs ?
Der Ursprungsinstinkt aller Eltern ist es ja, in Zeiten der Gefahr ihre Söhne und Töchter in ihrer Nähe zu behalten.
Es musste sich die bittere Erkenntnis durchsetzen, dass die Eltern nicht mehr in der Lage sein würden, ihre Familien zu beschützen.
Fassungslos wissen wir heute, was damals geschah - und ebenso fassungslos blicken wir in die Gegenwart, wo sich Rechtsextremismus in Deutschland, Österreich, Italien oder Frankreich wieder einnistet.
Die Kinder, wenn denn die achtzig im Manchester Guardian geschalteten Annoncen erfolgreich waren, trafen aber auch auf liebevolle englische >>Ersatzeltern<<, die den Wunsch hatten, den Kindern und Jugendlichen in ihrer Not zu helfen, zuweilen aber eben auch unfähig schienen, wahres Mitgefühl oder Verständnis für ihre Leiden aufzubringen, und sei es deshalb, weil sie anderen Glaubens waren oder unten der Last der Trennung nicht fröhlich genug auftraten.
Denn auch dies gehörte dazu - kaum waren die Kinder in Sicherheit, suchten sie nach einer Möglichkeit, ihre eigenen Eltern zu retten - was für eine belastende Aufgabe.
Durch die Vielzahl der im Buch aufgeführten Schicksale gelingt es Borger, ein breites Spektrum des tödlich praktizierten Antisemitismus aufzuzeigen und zugleich aufzudecken, wie unbehelligt die Täter oftmals blieben, so zum Beispiel SS-Obersturmführer Albert Gemecker, der von 1942 bis 1945 den Transport von achtzigtausend Juden in Konzentrationslager organisierte und später behauptete, er habe keine Ahnung gehabt, was an ihren Bestimmungsorten mit ihnen geschah.
Nach einer sechsjährigen Freiheitsstrafe in den Niederlanden lebte er bis zu seinem Tode 1982 unbehelligt in Deutschland.
Und es wird über Auschwitz berichtet, wo anlässlich einer Inspektion des Roten Kreuzes 1944 eine oberflächliche Normalität inszeniert wurde, nachdem man 7.500 Häftlinge in Todeslager deportiert worden waren, um die Eindruck einer Überbelegung zu vermeiden. Doch all jene, die verzweifelt als Mitwirkende in einem Propagandafilm der Nazis glaubten, so dem Tode angehen zu können, wurden dennoch in Auschwitz ermordet. Fünfzehntausend Kinder wurden durch Theresienstadt geschleust, nur eines von zehn überlebte.
Die Mehrzahl der inserierten Kinder des Guardian hingegen überlebten, ihre Eltern jedoch wurden häufig deportiert und ermordet.
Mit dieser Last mussten die Kinder fertigwerden : das Gewicht des Verlustes und die Schuld des Überlebens.
Die Vergangenheit drohte sie zu vereinnahmen, wenn sie sich zu intensiv mit ihr beschäftigten. Doch auch die Verdrängung der erlittenen Traumen birgt eine Gefahr, die im Falle des Vaters des Autors zum Suizid 1983 führte.
Borger schildert auch die Täter-Opfer-Umkehr in Österreich, ehemalige Wehrmachtssoldaten wurden als vorrangige Opfer betrachtet, deren Interessen durch Kriegsteilnehmerverbände aggressiv vertreten wurden, mehr als ein Hohn für die Opfer und Überlebenden des Holocaust und des NS-Terrors.
Geschichte wiederholt sich - Progrome von Odessa 1906, Novemberpogrome in Deutschland 1938, die Angriffe auf Israel ...
So bleibt dem Buch eine Vielzahl von Lesern zu wünschen, hoffentlich auch als Bestandteil des Geschichtsunterrichts für junge Menschen, unter denen sich schon viel zu sehr rechtsradikale Ideologien manifestierten, die das Einfallstor für weitere Verbrechen längst bereitet haben.

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Veröffentlicht am 17.07.2024

Psychogramm einer Familie

Kleine Monster
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Der Roman beginnt mit einer sicher gar nicht so seltenen Begebenheit : Ein Anruf aus der Schule : der siebenjährige Luca habe eine Verfehlung begangen.
Die Eltern Pia und Jakob sind leicht genervt, die ...

Der Roman beginnt mit einer sicher gar nicht so seltenen Begebenheit : Ein Anruf aus der Schule : der siebenjährige Luca habe eine Verfehlung begangen.
Die Eltern Pia und Jakob sind leicht genervt, die Lehrerin einigermassen besonnen und der Junge schweigt.

Und noch bevor Ursachen und Hintergründe der >>kindlichen Sandkastenspiele<< aufgeklärt sind, wenden sich die ach so empörten Eltern der anderen Kinder aus der Klasse von Pia und Jakob ab und entfernen diese mal eben aus der Chatgruppe.

Zu den sich hieraus ergebenden Problemen aber kristallisiert sich ein weiteres heraus : das schwelende Misstrauen der Mutter Pia gegenüber ihrem Sohn Luca :
Was hat dieser wirklich getan und wozu könnte er noch fähig sein ?
Gehört er gar zu den >>Kleinen Monstern<< ?

Diesen und anderen Fragen geht die österreichische Drehbuchautorin und Schriftstellerin Jessica Lind (nicht verwand mit Hera Lind) in ihrem zweiten Roman eindringlich nach.

Schicht um Schicht wird hierbei offengelegt, dass das eigentliche Problem bei Pia selber liegt. In ihrer Kindheit gab es ein tragisches Ereignis : den Tod ihrer kleinen Schwester Linda. Wer trägt die Schuld daran ? Vielleicht ihre Schwester Romi, welche ihre Eltern im Alter von 14 Monaten aus einem Heim buchstäblich gerettet und hernach adoptiert haben ?

Die später abgebrochene Beziehung zu Romi wird immer ambivalent bleiben, dazu trägt auch das Verhalten ihrer Eltern bei, die Pia mit Sätzen wie jenen ihrer Mutter
>>Dich habe ich geboren, aber Romi habe ich mir ausgesucht. Sie ist unser Wunschkind.<< lebenslang mit Zweifeln zurücklassen und die sich ohnehin in einen Kokon eingewoben haben, den die Aura des Ungesagten umspannt.

Und so erleben wir eine zunehmend aufgewühlte Pia, die selbst vor der Intimität ihrer Mannes zurückschreckt und die besonders ihrer Sohn nicht mehr aus den Augen lässt. Argwöhnisch und gepeinigt von unterschwelligen bedrohlichen Empfindungen beobachtet sie ihn beim Spielen mit seiner kleinen Cousine : wieso wirkt er so zärtlich und beruhigend auf sie ein, wird er ihr gar etwas antun wollen ?

Dies ist, eingewoben in die Rückblenden zur Kindheit, meisterlich und psychologisch dicht erzählt, immer auch an der Grenze zum schwarzen österreichischen Humor und mit einer zunehmenden Dramatik.
Unheimlich stark wird hierbei das Verhältnis Mutter - Sohn im auf und ab der Unsicherheit und Zerrissenheit der Gefühle zwischen Liebe, Wut und Hass beschrieben, so dass dem Leser einmal mehr der Atem stockt.

Der Roman mit dem eindringlichen Cover erscheint im Juli 2024 bei Hanser und belegt nachdrücklich, dass wir die Muster und Verhaltensweisen unserer eigenen Kindheit nicht so einfach abschütteln können. Doch ohne die Auseinandersetzung mit unseren unbewusst auf die eigenen Kinder projizierten Schwächen werden wir deren Vertrauen nicht erlangen und mithin selbst Teil der Probleme bleiben und unsere Kinder darunter erneut verunsichert zurücklassen.

Ein Familienroman der etwas anderen Art und eine klare Leseempfehlung für Freunde psychologisch hochwertiger Literatur.

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Veröffentlicht am 09.07.2025

Das Leben im Hoffnungslauf

Ja, nein, vielleicht
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Die österreichische Journalistin und Schriftstellerin Dort Knecht ist aus der Literaturwelt nicht mehr wegzudenken und wie in ihrer vorherigen Romanen schreibt sie über eine Frau in der späten ...

Die österreichische Journalistin und Schriftstellerin Dort Knecht ist aus der Literaturwelt nicht mehr wegzudenken und wie in ihrer vorherigen Romanen schreibt sie über eine Frau in der späten Mitte ihres Lebens.
In >>Ja, nein, vielleicht<<, welches erneut bei Hanser Berlin erscheint, ist es eine namenlose Schriftstellerin, nicht sonderlich erfolgreich, aber gefestigt in ihren Ansichten und immerhin mit zwei Wohnungen.
Ein wohl nicht mehr zu rettender Zahn bringt ihr Gleichgewicht ein wenig durcheinander, hat sie doch sonst alles im Griff und für jedes mögliche gesundheitliche Problem einen ärztlichen Spezialisten an der Hand.
Die Kinder sind aus dem Haus, der Mann inzwischen auch, der Traum einer Karriere als E-Gitarristin wird ein Traum bleiben.
Auch eine ihrer Schwester, die vorübergehend ihre Einraum-Wohnung in der Stadt benötigt, scheint ein unausgesprochenes Eheproblem umzutreiben, doch geredet wird in der Familie eher weniger, der Frieden nach aussen möge erhalten bleiben.

Zumindest auf dem Lande, wo die Schriftstellerin mit ihrem Hund hauptsächlich wohnt, gibt es hilfsbereite Nachbarn, denn auch dort zeigen sich Risse im Haus, bedroht ein ausgehöhlter Baum das Dach und auch ein Mader treibt im im Dachgeschoss sein Unwesen.

Dies ist der Ausgangspunkt der Geschichte, doch die Gleichförmigkeit des Daseins wird durchbrochen durch die Begegnung mit Friedrich, der nie gänzlich aus ihren Gedanken verschwunden ist, Friedrich, mit dem sie die Millenniumsnächte in New York liebend verbrachte.
Sie trafen sich später auch in Paris, die Schriftstellerin war noch als Journalistin tätig, Friedrich wohl als Fotograf.
Die Wege gingen auseinander, es gab keinen Streit, im Leben verliert man zuweilen auch jene aus den Augen, die man mag.
Der Protagonistin geht es in den vierundzwanzig Jahren danach nicht schlecht, sie bekommt Kinder, die Zwillinge Mila und Max, die im Roman jedoch kaum eine Rolle spielen.
Umso mehr baut sich ein unspezifisches Misstrauen gegenüber Männern auf, die immer nur Schwierigkeiten machen, in denen so viel Scheiße steckt und die das Leben von Frauen oftmals nur zerstören.
Woher dieses pessimistische Männerbild kommt, wird leider nicht näher beschrieben, >>das kommt vom Leben als Frau<< wird hierzu lapidar erklärt und vom Faible für Verrückte, Narzissten, Borderliner, Depressive, Sexsüchtige, Junkies, besser und sicherer sei es ohne Mann.

Umso merkwürdiger nun, dass die Erscheinung von Friedrich nahezu zur Obsession wird.

Und Frau wird aufgeregt , erinnert sich an ihre Impulskontrollstörung, putzt nicht nur emsig ihre Wohnung, sondern räumt sie gar um, für jenen innerlich erhofften Fall, dass Friedrich, mit dem sie nach ihrer unverhofften Begegnung die Adressen tauscht, sie besuchen könnte, möchte sie auch hier gefallen.

Parallel dazu treten die Eheprobleme ihrer Schwester immer offenkundiger zutage und ihre beste Freundin Therese plant tatsächlich parallel ihre Hochzeit mit Eddie.
Dies wirkt etwas konstruiert, ermöglicht aber der Erzählerin, viele ihrer Gedanken, ihrer Unsicherheit, ihrer Zweifel darzulegen, dies ist die grosse Stärke dieses kleinen Romans.
Tatsächlich kommt es zu Begegnungen mit Friedrich und zu der Frage, ob das erneute sich Einlassen mit einem Mann eine Gefährdung des inneren Friedens erwarten lässt, mit einer Abkehr von Freiheit und Unabhängigkeit einhergeht oder ob sich nicht doch eine Chance eröffnet, mit dem Anderen gemeinsam und unaufgeregt ein Stück durch das endliche Leben zu gehen, es muss ja nicht gleich in eine Hochzeit münden.

All dies erzähl Doris Knecht in gewohnt eindrucksvoll-lakonischer Sprache, ein gutes Buch für den Sommer, unterhaltsam mit einem überschaubaren Personenkreis.

Das latenten Unbehagen, was dem männlichen Rezensenten bleibt, ist eben jene bereits geschilderte doch recht eindimensionale Sicht auf alle Männer, die Danksagung am Ende des Buches umfasst tatsächlich namentlich ausschliesslich Frauen.

Dem Roman jedoch wünsche ich eine paritätische Leserschaft, denn letztlich wird auch die Frage verhandelt, worauf es wirklich ankommt im Leben.

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