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Loreley

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.07.2025

zart und poetisch

Das Haus der Türen
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In seinem feinfühligen Roman "Das Haus der Türen" zeichnet der Autor Tan Twan Eng das Bild der in Malaysia lebenden Britin Lesley Hamlyn, das versinnbildlichend für die Sitten, Konventionen und Gepflogenheiten ...

In seinem feinfühligen Roman "Das Haus der Türen" zeichnet der Autor Tan Twan Eng das Bild der in Malaysia lebenden Britin Lesley Hamlyn, das versinnbildlichend für die Sitten, Konventionen und Gepflogenheiten des gesamten british Empire steht. Sie erzählt ihre Geschichte dem ebenfalls britischen und auf der real existierenden Figur beruhenden Schriftsteller Willie Somerset Maughan, der wie sie dem starren, englischen Verhaltenskodex unterworfen ist. Lesley ist in einer unglücklichen Ehe. Ihr Mann Robert betrügt sie, doch wenn sie ihn verlassen würde, würde dies ihr gesellschaftliches Aus und ihr finanzieller Ruin bedeuten. Sie erzählt Somerset Maughan von ihrer Liebe zu einem chinesischen Aufständigen, der Schriftsteller widerrum liebt heimlich einen anderen Mann und ist, genauso wie sie, in Doppelmoral und dem englischen Verhaltenskodex unterworfen. Lesley steht stellvertretend für die Frauenrolle ihrer Generation, deren Hauptaufgabe es ist, als Randfigur ihres Ehemannes zu glänzen und den Schein aufrecht zu erhalten. Auch ihre des Mordes angeklagte Freundin Ethel befürchtet so sehr den gesellschaftlichen Klatsch und Tratsch aufgrund ihrer außerehelichen Affäre, dass sie sich lieber als Mörderin verurteilen lässt, als die versuchte Vergewaltigung ihres abgewiesenen und enttäuschten Liebhabers darzulegen.
Dieser empfehlenswerte Roman ist sprachlich dicht und dennoch zart geschrieben. Tan Twan Eng führt den Leser durch romantische Szenen, beschönigt jedoch nichts und setzt dem Schriftsteller Willie Somerset Maughan ein Denkmal.

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Drei starke Frauen

Das Echo der Sommer
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Iɲgá, ihre Mutter Rávdná und ihre Tante Anné sind sámische Nomaden, die mit ihrer Rentierherde je nach Jahreszeit in das Winter- oder Sommerlager ziehen. Zu Beginn der Geschichte ist alles anders. Als ...

Iɲgá, ihre Mutter Rávdná und ihre Tante Anné sind sámische Nomaden, die mit ihrer Rentierherde je nach Jahreszeit in das Winter- oder Sommerlager ziehen. Zu Beginn der Geschichte ist alles anders. Als sie das Sommerlager erreichen, ist der See überflutet worden und alles steht unter Wasser. Die Natur, die Behausungen der Sámi und sogar das Grab des Vaters sind dadurch mutwillig zerstört worden.
Der Roman erzählt von einem indigenen Volk zwischen Tradition und der modernen schwedischen Bevölkerung in den 40er Jahren des letztenJahrhunderts. Rávdná wehrt sich gegen die Unterdrückung der Regierung, die ihr verbietet ein Haus zu bauen, mit der Begründung, die nomadischen Sámi dürften nicht sesshaft werden. Gleichzeitig zerstören sie ihren Lebensraum. Durch die Flutung wurden z.B. die Fischbestände des Sees ausgemerzt, die eine Lebensgrundlage der Sámi gebildet haben. Sich anzupassen, ihren Namen und ihre Identität abzulegen und vielleicht sogar für das nahegelegene Kraftwerk zu arbeiten kommt für Rávdná nicht in Frage. Sie baut das Haus trotzdem.

Dieses Buch ist eine ganz besondere Geschichte, in der ich viel über die Lebensweise, Kleidung und Gesänge (Joiks) der Sámi erfahren habe. Ihr Leben im Einklang mit der Natur wird frei von Kitsch in schlichten Worten von der sámischstämmigen Autorin beschrieben. Trotzdem gehen diese Worte unter die Haut. Karg und poetisch beschreibt sie drei starke Frauencharaktere, deren Stimme noch lange in mir nachhallen werden. Ich finde, dass das ein ganz außergewöhnlicher Roman ist, dem man Zeit geben muss, nachzuhallen. Ich kann jedem empfehlen sich auf Youtube Joiks anzuhören. Die Gesänge sind wirklich schön. Das Buch selbst ist eine absolute Leseempfehlung von mir!

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Kinderverschickung

Am Meer ist es schön
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1969. Die achtjährige Susanne wird vom Amtsarzt zur Kur geschickt und landet im Haus "Morgentau" in Sankt Peter-Ording an der Nordsee. Schnell begreift das Mädchen, dass sie der Willkür und den boshaften ...

1969. Die achtjährige Susanne wird vom Amtsarzt zur Kur geschickt und landet im Haus "Morgentau" in Sankt Peter-Ording an der Nordsee. Schnell begreift das Mädchen, dass sie der Willkür und den boshaften Erziehungsmethoden der "Tanten" ausgeliefert ist, die den Willen der Kinder brechen wollen und Gehorsam einfordern.

Die Geschichte wird in Rückblenden erzählt, da Susannes Mutter im Sterben liegt und das Trauma dadurch wieder aufbricht. Ihr Verhältnis ist kein gutes. Da Susanne als Kind niemand geglaubt hat, rebellierte sie heftig und galt somit als schwarzes Schaf der Familie. Zwar hat sie selbst als Erwachsene der Erlebnisse aus dem Kurheim verdrängt, jedoch kommen diese als Albträume wieder an die Oberfläche und zeigen sich auch dadurch, dass sie keine Beziehung dauerhaft am Leben halten kann. Gefühle hatte sie nur für den Vater ihrer Erwachsenen Tochter Julia...

Der Roman liest sich leicht, befasst sich aber doch mit einem Thema, mit dem eventuell noch viele zu tun gehabt haben, nämlich der schwarzen Pädagogik, einem Überbleibsel aus der Nazizeit. Ohrfeigen, Beschämungen, Einsperren und öffentliche Demütigungen vor anderen waren Werkzeuge, die bis in die 80er Jahre gebräuchlich waren um Kinder zu disziplinieren. Im Nachwort erläuter die Autorin, dass solche Erziehungsmethoden in diesen Kinderkurheimen üblich waren, und ich kann das durch ein Beispiel in meinem Freundeskreis bestätigen.

Der Roman ist an der Grenze des Seichten, und trotzdem hat er mein Herz berührt und mich mit den Protagonist:innen mitfühlen lassen. Wer er gefühlvoll mag, ohne dass es Richtung Schmonzette geht, der hat hier eine emotionale Geschichte über ein düsteres Thema.

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Geschichte wird lebendig

Treppe aus Papier
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Ein Haus als Zeitzeuge deutscher Geschichte. Die Wände erspüren das in ihm wohnende Leben, berichten von Familien, die enteignet und denunziert wurden. Von Kindern, die gemaßregelt und nach Johanna Haarers' ...

Ein Haus als Zeitzeuge deutscher Geschichte. Die Wände erspüren das in ihm wohnende Leben, berichten von Familien, die enteignet und denunziert wurden. Von Kindern, die gemaßregelt und nach Johanna Haarers' menschenunwürdigen Regeln erzogen wurden. Dieses Haus ist ein Beobachter; in ihm verschwimmen Zeit und Raum und verweben sich zu einem Teppich aus Begebenheiten und gelebtem Leben.

Hausbewohnerin Irma hat die Nazizeit noch miterlebt. Ihre Eltern hatten zu verantworten, dass die Familie Sternheim, ehemals Besitzer des Hauses, vertrieben wurden. Die Schuld sitzt tief, als Irma im Hausflur Nele begegnet. Die junge Frau wächst ganz anders auf als Irma, die die Nazidogmen von ihrer Regimetreuen Mutter eingeprügelt bekommen hat. Die beiden ungleichen Frauen kommen ins Gespräch, Geschichte wird lebendig und verliert seine abstrakte Sprödigkeit.

Ich kann den Stil von Henrik Szántó nur bewundern. Das Haus als unbeteiligter Dritter führt den Leser nicht nur durch die Geschichte, sondern lässt ihn hin und her durch die Historie schwimmen, was einen tatsächlichen Lesefluss und Lebendigkeit erzeugt.
Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Es hat lediglich 221 Seiten, aber ich habe jede einzelne genossen.

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Veröffentlicht am 27.07.2025

Das Leben in einer Holzhütte im Wald

Wo die Moltebeeren leuchten (Die Norrland-Saga, Bd. 1)
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1933: Siv muss schon als 13jährige mit helfen, die Familie zu ernähren. Ihr Vater hatte einen Unfall, und nun muss sie für ihre kleineren Geschwister mit sorgen und den Traum, eines Tages als Lehrerin ...

1933: Siv muss schon als 13jährige mit helfen, die Familie zu ernähren. Ihr Vater hatte einen Unfall, und nun muss sie für ihre kleineren Geschwister mit sorgen und den Traum, eines Tages als Lehrerin zu arbeiten, begraben.
Als sie 17 ist befiehlt ihr der Vater, als Köchin für eine Holzfällertruppe zu arbeiten, und fortan lebt Siv mit 10 anderen Männern zusammen in einer Holzhütte im Wald, ohne fließend Wasser oder Strom. Schnell erlangt sie die Achtung der Männer und behauptet sich innerhalb des kargen Lebens im nordschwedischen Wald. Und dann ist da auch noch Nula, ein Waldsámi, für den Siv Gefühle zu entwickeln beginnt...

Parallel dazu führt die Geschichte ins Jahr 2022 zu Eva, die als PR-Beraterin eines Fortunternehmens arbeitet. Als Enkelin von Siv nähert sie sich der Geschichte des Waldes von einer ganz anderen Seite an. Sie trifft auf Proteste von Umweltaktivisten, die gegen die Abholzung des Waldes protestieren. Eine der Aktivistinnen ist die Tochter ihrer ehemaligen Liebe Mattias, den sie nun nach 30 Jahren wiedertrifft.

Der Roman beruht zum Teil auf der Biographie der Großmutter der Autorin und fährt auf ruhigem Fahrwasser. Man erfährt leider wenig über das Leben der Sámi und deren Bezug zu den Rentieren sowie den Schwierigkeiten der Sàmi mit der Regierung. Letzteres wurde leider nur angerissen. Ich hätte mir auch mehr Beschreibungen über den Wald und die darin lebenden Tiere gewünscht. Die Geschichte von Siv und Eva ist daher schon spannend, aber leider nicht sehr mittreissend. Trotzdem werde ich den zweiten Teil der Diologie gerne lesen, da mich das weitete Schicksal der beiden Frauen interessiert.

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