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Veröffentlicht am 13.07.2025

Wider den sozialen Tod der Vorfahren

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Der Autor, Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT hat für dieses Buch die Geschichte seiner 1866 geborenen Urgroßmutter Anna rekonstruiert, um ihrem auf den biologischen Tod zweiten Tod entgegenzuwirken. ...

Der Autor, Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT hat für dieses Buch die Geschichte seiner 1866 geborenen Urgroßmutter Anna rekonstruiert, um ihrem auf den biologischen Tod zweiten Tod entgegenzuwirken. Damit ist das allmähliche, doch eigentlich rasche Vergessen einer verstorbenen Person gemeint, wie er eingangs schön erklärt. Den Autor wie wohl auch seine Leser erstaunt es, wie wenig die lebenden Nachfahren über ihre Ahnen der Urgroßelterngeneration wissen. Im Falle der Protagonistin liegt das daran, dass von ihrem Nachlass nur einige Fotos (abgedruckt im Buch), ein Poesiealbum, Postkarten, ein Kaffeeservice, ein Ring den Weg in die Gegenwart geschafft haben. Anhand dieser Gegenstände und einiger Rechercheergebnisse aus Kirchenbüchern, Katasterkarten und ähnlichem zeichnet er letztlich ein Bild seiner Vorfahrin, das letztlich mehr auf Vermutungen seinerseits als tatsächlichen Gegebenheiten beruht. Er auch immer wieder zu, Anna so schildern, wie sie ihm am besten gefällt. Herausgekommen ist eine für ihre Zeit ungewöhnliche Frau. Ungewöhnlich deshalb, weil sie fest im Berufsleben stand und zweimal die Ehe einging, einmal davon mit einem knapp 20 Jahre jüngeren Mann. Auf jeden Fall ist ihre größtenteils wohl fiktive Geschichte sehr lesenswert. Der historisch interessierte Leser wird Gefallen finden an den regelmäßigen Einschüben über Ereignisse aus der Zeitgeschichte, betreffend Politik, Kultur, Geschichte. Diese Einschübe lassen das Buch weniger als Roman denn als Sachbuch erscheinen.

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Veröffentlicht am 13.07.2025

Liebevolle Oma-Enkelin-Beziehung

6 aus 49
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Jacqueline Kornmüller, manchem evtl. bereits bekannt als Regisseurin und Autorin, hat in diesem Roman die Lebensgeschichte ihrer 1911 geborenen Großmutter Lina niedergeschrieben. Es handelt sich eher um ...

Jacqueline Kornmüller, manchem evtl. bereits bekannt als Regisseurin und Autorin, hat in diesem Roman die Lebensgeschichte ihrer 1911 geborenen Großmutter Lina niedergeschrieben. Es handelt sich eher um einzelne Episoden denn um eine fortlaufende Geschichte, insgesamt 49 Kapiteln zugeordnet. Eine symbolträchtige Zahl, denn die Oma war seit den 1960er Jahren leidenschaftliche Lottospielerin, der sogar einmal der Hauptgewinn beschieden war. Überhaupt war ihr stets das Glück hold, jedenfalls was ihr berufliches Umfeld betrifft, obwohl es zu Beginn ihres Lebens gar nicht danach aussah. Denn sie stammt aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Ihr gelang es dann aber, sich durch Fleiß bis zur Betreiberin eines eigenen Hotels in Garmisch-Patenkirchen hochzuarbeiten, dem sie sich bis ins hohe Alter hinein verschrieb. Allein dieser Werdegang ist beeindruckend und interessant zu lesen. Im Privatleben hat sie dann aber schon das Glück verlassen, wenngleich das so ausdrücklich nicht gesagt wird. Ihre eigene Tochter kam unehelich zur Welt, wahrscheinlich als Folge einer Vergewaltigung. Beider Verhältnis war dann auch nicht ungetrübt. Die spätere große Liebe entpuppte sich als Bigamist. Nur die Enkelin Jacqueline, die sie von Geburt an in ihrem Hotelhaushalt „mitlaufen“ ließ, war ihr ein und alles, genauso umgekehrt. Aus jeder Zeile spricht die große Liebe, die die Autorin für ihre Oma empfand. Ein sehr persönliches Buch. Nur eine Handvoll Passagen hätte Frau Kornmüller durchaus weglassen können, nämlich die, in denen sie ausschließlich von einigen ihrer beruflichen Aufgaben erzählt. Eine Sache erledigt sie beiläufig hervorragend: sie prangert die unrühmliche nationalsozialistische Vergangenheit von Garmisch-Patenkirchen wiederholt anhand konkreter Beispiele an. Der Schreibstil ist manchmal etwas eigenwillig, wenn sie von dem zuvor genannten Ort etwa fast immer nur von „Bindestrich“ spricht oder sie ihre eigene Mutter immer nur als „Linas Tochter“ bezeichnet.
Auf jeden Fall empfehle ich das Buch gerne weiter.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Zwei mögliche Lebensläufe

Im Leben nebenan
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Das Buch hat mir wirklich gut gefallen und ich kann es sehr empfehlen. Allerdings - und deshalb auch ein Abzug in der Bewertung - lässt die sehr ungenaue Buchbeschreibung d. LeserIn möglicherweise von ...

Das Buch hat mir wirklich gut gefallen und ich kann es sehr empfehlen. Allerdings - und deshalb auch ein Abzug in der Bewertung - lässt die sehr ungenaue Buchbeschreibung d. LeserIn möglicherweise von falschen Voraussetzungen ausgehen, die er/sie mit dem Roman verbindet. So ging es nämlich auch mir. Es ist dort nämlich die Rede davon, dass er den Horror in den Blick nimmt, mit Kind, aber auch ohne Kind zu leben. Ich bin aufgrund dessen davon ausgegangen dass eine der beiden jungen Frauen bewusst auf ein Kind verzichtet. Die Vorgeschichte dieser Frau ist dann aber so, dass sie den kompletten Horror von Kinderwunschbehandlungen durchgemacht hat, die dann meistens nicht zum Wunschkind führten oder aber zwar zunächst Erfolg hatten, dann aber in mindestens zwei Fehlgeburten mündeten. Erst nach diesem ganzen Szenario will sie kein Kind mehr. Passend zu meinen vorgenannten Ausführungen möchte ich noch darauf hinweisen, dass das Buch besser um eine Triggerwarnung ergänzt worden wäre. Denn ich denke, für Frauen in ähnlich belastenden Situationen rund um ihren Kinderwunsch ist dieses Buch schlichtweg ungeeignet, weil zu unsensibel.
Ich konnte ganz neutral in die Lektüre einsteigen. Die Idee, ein und dieselbe Frau im Wechsel zwei unterschiedliche Lebensszenarien und Partnerschaften erzählen zu lassen, ist interessant. Die Frage, was gewesen wäre, wenn man früh im Leben jemand anderen zum Partner genommen hätte, hat sich vielleicht schon jede/r einmal gestellt. Wie diese beiden Geschichten dann am Ende zusammengeführt werden, war plausibel und gut gelöst. Vor allem die Passagen rund um das süße Baby Hanna begeistern – naturgemäß.

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Veröffentlicht am 11.05.2025

Chinakritischer Roman

Himmlischer Frieden
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Ausweislich des im Anhang befindlichen Briefs der Autorin handelt es sich um einen fiktiven Roman, basierend auf ihrer Kindheit und Jugend in China. Gerade letzteres macht das Buch so lesenswert. Denn ...

Ausweislich des im Anhang befindlichen Briefs der Autorin handelt es sich um einen fiktiven Roman, basierend auf ihrer Kindheit und Jugend in China. Gerade letzteres macht das Buch so lesenswert. Denn die Protagonistin und Namensvetterin der Autorin – Lai – ist 1970 in China geboren und erlebte die Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989 als unmittelbar beteiligte Studentin. Nach mehr als 30 Jahren ist es für uns in einer Demokratie groß Gewordene immer noch unfassbar zu lesen, wie brutal das chinesische Regime die Studentenproteste niedergeschlagen hat. Wie Lai Zugang zu der Studentenbewegung gefunden und in welcher Weise sie an ihr teilgehabt hat, wird im letzten Teil des Buches geschildert. Die vorangehenden Abschnitte widmen sich ihrer Kindheit und Jugend. Hier wird ein informatives Bild von den Familienstrukturen in China gezeichnet, die im Falle von Lai durch einen introvertierten, von der Kulturrevolution gezeichneten Vater, eine missmutige Mutter und einer für Lai alles bedeutenden, liebevollen Großmutter geprägt sind. Immer wieder fällt auf, wie der chinesische Staat bis in die Familien hinein regiert. Insgesamt ein zu empfehlender Roman, der allerdings zeitweise etwas langatmig wirkt, etwa wenn es um das Hin und Her mit Lais Freund Gen geht.

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Veröffentlicht am 04.05.2025

Kosmische Ordnung

Stars
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Auch wer mit Astrologie nicht viel anfangen kann, wird Gefallen an diesem Buch finden, das ich als Gesellschaftsroman einordnen würde. Er thematisiert die Sehnsucht des Menschen nach kosmischer Ordnung ...

Auch wer mit Astrologie nicht viel anfangen kann, wird Gefallen an diesem Buch finden, das ich als Gesellschaftsroman einordnen würde. Er thematisiert die Sehnsucht des Menschen nach kosmischer Ordnung in Zeiten der Krise und seinen Wunsch, in seinem Lebensverlauf das Muster eines höheren Plans zu erkennen. Antworten hierauf will die Protagonistin Carla Mittmann geben, die nach ihrer Zwangs-Exmatrikulation als Philosophiestudentin zunächst neben ihrem Teilzeitbürojob halbherzig und ohne groß selbst an die Sterne zu glauben als Hobbyastrologin tätig ist, um ihre Tätigkeit dann nach dem überraschenden Fund eines größeren Geldbetrags nach und nach äußerst professionell auszubauen, bis sie eine Star-Astrologin à la Elizabeth Tessier ist. Recht unterhaltsam erzählt der Roman, wie viele Leute unterschiedlicher Herkunft sich doch Rat bei den Sternen holen und es sich hierbei um ein nicht zu unterschätzendes Phänomen der Gegenwart handelt. Faszinierend ist vor allem, wie sich Carla selbst im Laufe der Geschichte wandelt und schließlich selbst an die Aussagekraft der Sterne glaubt, bis … , ja bis am Ende eine zufällige Entdeckung ihr Vertrauen schwanken lässt. Worum es hierbei geht, sollte jeder selbst lesen. Eine Antwort habe ich selbst auf die Frage vermisst, was es mit dem Zufallsfund der Geldscheine tatsächlich auf sich hat. Ihm wurde doch im ersten Teil sehr viel Raum gegeben.

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