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Veröffentlicht am 21.07.2025

Eine moderne, feministische (Anti-)Liebesgeschichte - Aufwühlend, verletzlich, sanft und kämpferisch zugleich

Hero
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Wie ist es möglich in einer Welt, die nur funktioniert indem du deine Rolle als Frau einnimmst, mit all ihren Erwartungen, du selbst zu sein? Eine eigene Identität überhaupt zu entwickeln? Und wenn du ...

Wie ist es möglich in einer Welt, die nur funktioniert indem du deine Rolle als Frau einnimmst, mit all ihren Erwartungen, du selbst zu sein? Eine eigene Identität überhaupt zu entwickeln? Und wenn du das einmal geschafft hast - was bedeutet es in dieser Situation als Frau einen Mann zu lieben und gleichzeitig sich selbst treu zu bleiben? Und ist Liebe überhaupt genug vor diesem Hintergrund? Mit diesen Fragen sieht sich Hero konfrontiert, als ihr Partner von ihr ein Bekenntnis zur Heirat möchte. Sieben Tage Auszeit sollen sie einer Entscheidung näher bringen. Genau diese sieben Tage, mit Heros Erinnerungen an vergangene Beziehungen, ihre Sozialisation als Frau, und Reflexionen der Beziehung und Liebe zu ihrem aktuellen Partner begleitet der Roman, verfasst als eine Art Brief in Tagebuchform, adressiert an ihren Partner.

Über geschickt und poetisch eingeflochtene Referenzen in Antike, Mittelalter, aber auch die jüngere Vergangenheit mit Blick in die frühen Jahre von Heros Mutter, zeigt die Autorin in Heros Erleben die Kontinuität und Macht patriarchaler Strukturen und Kultur auf und wie sich Frauen in jedem Zeitalter immer wieder darin verfangen, sich beugen, täuschen lassen und immer wieder enttäuscht werden. Sexismus, Misogynie und alle Auswüchse des Patriarchats werden von der Hexenverbrennung bis in die Gegenwart geschickt in die Erzählung und Heros Reflexionen eingeflochten. Neben der persönlichen Ebene sehe ich es als besonderes Verdienst der Autorin auch die systemischen Aspekte dieser Strukturen herauszuarbeiten. Die Unterwerfung der Frau unter die Wünsche des Mannes stabilisiert heute ein patriarchales System ebenso wie es früher Königreiche stabilisiert hat. Und gleichzeitig zeigt dies umgekehrt wie viel Macht Frauen hätten, wenn sie sich solidarisieren und Aufbegehren, nicht nur um sich selbst aus der Unterdrückung zu befreien, sondern um die permanente Reproduktion patriarchaler Gesellschaftssysteme endlich zu durchbrechen. Auch hierzu zeigen sich im Roman einzelne Szenen der Schwesternschaft, die berühren und Hoffnung machen.

Vor diesem Hintergrund wird auch die gleichberechtigte Liebe auf Augenhöhe zu einer fast unauflösbaren Aufgabe, denn die Frau, hier Hero, hat in diesen Strukturen noch immer das meiste zu verlieren. Genau diesen Widerspruch arbeitet Buckley unglaublich kraftvoll, ebenso wie sensibel heraus. Heros Zerrissenheit, der Drang nach Selbstbestimmung und gleichermaßen die Liebe zu ihrem Partner und aufrichtige Erwiderung dieser werden mit jeder Zeile spürbar. Es ist zum Teil schwer auszuhalten und sehr authentisch wie Hero ihre Sozialisation als Frau beschreibt, in der ihr vermittelt wurde, dass nichts zu groß ist, um es einem Mann recht zu machen und es letztlich das Einfachste ist, jegliche eigene Kontur verschwinden zu lassen und ganz in den Wünschen des Mannes aufzugehen. Dabei spielt die Autorin im Laufe der Erzählung immer wieder hintergründig und gekonnt mit dem Heldenmotiv, als Zielgröße für Hero selbst und ihre eigene Entwicklung, aber gleichzeitig auch als Projektion in die Männer ihrer Vergangenheit.

Die Sprunghaftigkeit, Schnelligkeit und sich wandelnde Melodie der Erzählung mögen beim Lesen machmal kurzzeitig verwirren, doch spiegeln sie dabei gleichzeitig gelungen Heros Gefühlsleben authentisch in Stil, Struktur und Wortwahl des Romans wider.

Hero ist ein Buch, das ich gerne viel früher in meinem Leben gelesen hätte und mir auch als zeitgemäße Lektüre in der Oberstufe vorstellen könnte, um junge Frauen und auch Männer, in einer authentischen Sprache und auf Augenhöhe abzuholen und für patriarchale Strukturen, ihre Macht und Prägung zu sensibilisieren. Ganz klare Empfehlung für diese ungewöhnlich erzählte, moderne, emanzipatorische (Anti)Liebesgeschichte!

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  • Erzählstil
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  • Gefühl
Veröffentlicht am 16.07.2025

Ein Gesellschaftsroman, der zwei Jahrhunderte umspannt: klug, emphatisch, scharfsinnig und ganz große Erzählkunst

Die Unbehausten
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Barbara Kingsolver nimmt uns in Die Unbehausten mit in zwei Zeitebenen, die jede für sich steht und gleichzeitig ganz verschiedentlich, aber immer meisterhaft, miteinander verknüpft werden. Das Haus und ...

Barbara Kingsolver nimmt uns in Die Unbehausten mit in zwei Zeitebenen, die jede für sich steht und gleichzeitig ganz verschiedentlich, aber immer meisterhaft, miteinander verknüpft werden. Das Haus und Unbehaustein spielen dabei selbstredend eine zentrale Rolle und durchziehen konsequent den Roman.

In der Gegenwart, der Roman wurde 2016 erstmals im englischen Original publiziert, steht die Journalistin Willa und mit ihr ihre Familie im Mittelpunkt der Handlung. Mit ihrem Mann Iano, einem Collegeprofessor, reist sie Zeit ihrer Ehe einer Festanstellung für Iano hinterher und mit ihm, die ganze Familie. Nach der unerwarteten Auflösung der letzten Anstellung durch Insolvenz des Colleges mussten sie nach Vineland ziehen, wo Willa ein Haus geerbt hat, das, wie sich bald herausstellt, kaum steter ist als ihre sonstigen Lebensumstände. Tochter Tig ist nach einer längeren Abwesenheit wieder eingezogen, ebenso der erfolgsverwöhnte Sohn Zeke, nun alleinerziehender Vater mit einem Neugeborenen. Komplettiert wird das bunte Familienleben von Willas schwerkrankem Schwiegervater Nick, der in der Familie gepflegt wird. Jedes Familienmitglied für sich hadert mit dem Dasein im aktuellen System, das, so scheint es, nicht für Menschen und Familien wie Willas gemacht ist, so sehr die Individuen darin sich auch bemühen.

Am selben Ort, jedoch ca. 150 Jahre in der Vergangenheit spielt der zweite Zeitstrang. Hier legt Kingsolver den Fokus auf den jungen Geografielehrer Thatcher. Frisch verheiratet ist er soeben mit seiner jungen Frau, Schwiegermutter und Schwägerin nach Vineland in das alte Elternhaus seiner Angetrauten gezogen. Seine Ambitionen als der Wissenschaft verpflichteter Charakter stoßen an seiner neuen Schule nicht auf Begeisterung bis hin zu offener Ablehnung durch den Schulleiter. In seiner Nachbarin Mary findet er dafür einen verwandten Geist und eine treue Freundin.

In beiden Zeitsträngen werden wir Zeuginnen einer Zeitenwende. Vor 150 Jahren werden u.a. durch Darwin vermeintliche religiöse Gewissheiten in Frage gestellt, widerlegt und gerade deshalb um so härter verteidigt. In der Gegenwart ist es der liberale Kapitalismus und seine vermeintlichen Gewissheiten und Versprechen vom ewigen Wachstum und Wohlstand, die von der Lebensrealität der Menschen darin Lügen gestraft werden und kaum noch ignoriert werden können. Mit jeder Zeile in der Gegenwart und dem Verlauf von Willas Geschichte und ihrer Familie leuchtet die Autorin mit viel Feingefühl die Lebensrealität der Menschen darin aus und zeigt schonungslos und eindringlich den großen Widerspruch zwischen dem Wohlstandsversprechen und erlebtem Niedergang auf. In der Parallelität der Zeitstränge stellt Kingsolver geschickt heraus, wie einerseits vor 150 Jahren große religiöse Weltanschauungen und damit eine Ideologie in der Vergangenheit auf dem Prüfstand steht, und in der Gegenwart der Kapitalismus. So wird offenbar, dass auch der liberale Kapitalismus dem Charakter nach nichts anderes als eine Ideologie und Glaube ist, die bis aufs Blut und zum Teil ohne Verstand verteidigt wird.

Stilistisch begeisterte mich besonders, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte die Autorin empfindet echte Empathie für ihre Figuren. Man spürt mit jeder Zeile, dass die Autorin ihre Figuren mag und nachsichtig und liebevoll mit ihnen und ihren Eigenheiten und Herausforderungen umgeht. Ganz simpel ausgedrückt, würde ich sagen, es menschelt sehr, ohne jeden Anflug von Kitsch oder Plattitüden - auch das ist für mich ganz große Kunst.

Kingsolver blickt in Die Unbehausten in ein gespaltenes Land, legt Widersprüche offen und zeichnet Gesellschaften in Umbruch und Verfall. Antworten für die Zukunft und Alternativen lehrt uns der Roman nicht, das muss er auch nicht. Das Verdienst liegt für mich in der zugleich messerscharfen, wie menschlichen Analyse der Gegenwart und dem Herausarbeiten geschichtlicher Kontinuität und menschlicher Impulse und Bedürfnisse über Generationen hinweg. Im Erzählen Kingsolvers werden Figuren zum Leben erweckt, voller Empathie für ihre jeweilige Biografie, Eigenheiten und eingebettet in ihre Umstände betrachtet sie Charaktere und ihre Handlungsmöglichkeiten authentisch und macht so deren Agieren, Fühlen, letztlich Leben, unmittelbar nachvollziehbar. Und vielleicht ist diese Einsicht und das Verständnis füreinander ein erster Schritt, um gemeinsam eine Idee davon zu entwickeln, wie wir als Gesellschaft in Zukunft zusammenleben wollen.

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Veröffentlicht am 12.07.2025

Kurzweiliges Lese- und Bilderbucherlebnis: liebevoll erzählt und wundervoll gezeichnet, wie ein Regenbogen

Der OktoBus auf großer Fahrt
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Was für ein tolles Kinderbuch! Der Oktobus unternimmt eine Reise, sein Fahrer Otto der Oktopus, ebenso wie die Tiere an jeder Haltestelle sind in freudiger Erwartung auf ihr Ziel. Doch dieses Ziel rückt ...

Was für ein tolles Kinderbuch! Der Oktobus unternimmt eine Reise, sein Fahrer Otto der Oktopus, ebenso wie die Tiere an jeder Haltestelle sind in freudiger Erwartung auf ihr Ziel. Doch dieses Ziel rückt beim Lesen angenehm in den Hintergrund, denn das Entdecken der Passagiere, ihre Zeichnung und Charakterisierungen sind bereits ein Erlebnis für sich, das jede Seite zu einem Vergnügen macht. Egal ob Otto selbst oder Gerlinde die Giraffe, Carlo das Chamäleon, Krokodil Friedhelm, Ingo Flamingo, Faultier Fanni oder Dackel Rudi, jedes Tier wird in seinen Besonderheiten liebevoll beschrieben. So wird die Geschichte zu einem wundervollen Symbol für den Wert von Vielfalt. Der geschickt eingebundene Hinweis auf die unpünktliche Bahn, bringt darüber hinaus sicher auch vorlesende Eltern zum Schmunzeln.

Sowohl die Geschichte als auch die wundervollen Illustrationen überzeugen auf ganzer Linie. Hier fallen nicht nur die liebevoll gezeichneten Tiere auf, sondern auch die Farbwahl ist von allen Farben des Regenbogens bestimmt und sorgfältig aufeinander abgestimmt, sodass jede Seite für sich ein kleines Erlebnis und Augenschmaus ist. Das Buch lädt so neben dem Lesen auch zum Entdecken ein, fast wie ein Wimmelbild.

Der Oktobus auf großer Fahrt ist ein ebenso liebevoll erzähltes, wie wundervoll gezeichnetes Buch zum Vorlesen und Entdecken!

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Was Traumata und Sprachlosigkeit mit einer Familie machen

Heute kein Abschied
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Oskar ist auf dem Weg nach Portugal, um eine paar Tage zu entspannen. Doch den Urlaub soll er nicht mehr genießen können, denn am Flughafen Schiphol bricht er plötzlich zusammen und verstirbt noch vor ...

Oskar ist auf dem Weg nach Portugal, um eine paar Tage zu entspannen. Doch den Urlaub soll er nicht mehr genießen können, denn am Flughafen Schiphol bricht er plötzlich zusammen und verstirbt noch vor dem Abflug. Zurück lässt er drei erwachsene Kinder, Tessel, Moor und Cat, seine Ex-Frau Elise und eine Vergangenheit von der selbst seine engste Familie kaum etwas wusste, die jedoch sein Leben, wie seine Rollen als Vater und Ehemann maßgeblich beeinflusst hat.

Zum Zeitpunkt des Todes blickt der Autor in die Leben von Tessel, der Erstgeborenen, Schriftstellerin, deren letzter Erfolg viele Jahre zurückliegt, in einer unglücklichen Partnerschaft. Moor, der einzige Sohn, lebt eine Art Aussteigerleben und schlägt sich mehr schlecht als recht durch. Und Cat, das Nesthäkchen, die ein vordergründig erfolgreiches Leben mit Aufbaustudium in New York führt, deren Dasein jedoch seltsam atomisiert wirkt. Die ehemals enge Beziehung zwischen den Geschwistern ist brüchig, mit wenig Kontakt und auch zum Vater hat lediglich Tessel, mehr aus Pflichtgefühl, noch regelmäßig eine Beziehung gepflegt.

Der Tod Oskars und die Trauer bilden den Rahmen für eine tiefere Erzählung, über den Zerfall einer Familie und wie sie konfrontiert mit dem Unglück versucht Vergangenes aufzuarbeiten, diesem einen Sinn zu geben und so vielleicht wieder zueinander zu finden und damit jedes einzelne Familienmitglied auch wieder ein Stück weiter zu sich selbst zu bringen. Stück für Stück trägt der Autor einzelne Schichten der Familienhistorie ab, beschreibt aus den verschiedenen Perspektiven der Familienmitglieder die Vergangenheit und macht so die Gegenwart begreifbarer. Die Prägung Oskars durch seine eigene Vergangenheit, arbeitet der Autor dabei genauso sensibel heraus, wie Oskar die Leben seiner Kinder und Ex-Frau beeinflusst hat. Dieser Prozess spielt sich nicht nur für die Leserinnen ab, sondern ebenso für die Figuren selbst, sodass diese auch in der Gegenwart des Romans eine Entwicklung durchmachen, als Individuen, jedoch auch als Familie in der neuen Konstellation, ohne Oskar.

Das Thema Sprachlosigkeit und fehlende Kommunikation ist sehr dominant im Roman, und hat letztlich einen großen Erklärungsgehalt für Konflikte zwischen den Eltern, Geschwistern und den Generationen. Gekonnt und zurückhaltend zugleich, dabei jedoch nicht weniger eindringlich, zeigt der Autor auf, wie umfassend und tief dies in die Beziehungen hineinwirkt, und sich scheinbar potenziert, von Oskars Sprachlosigkeit in die Beziehung zu Elise, von dort auf die Kinder und ihre Beziehungen untereinander. Jedes Kind versucht auf seine Art damit umzugehen, dieser Prägung zu entfliehen. Heute kein Abschied wird so zu einer Art Chronologie eines sich verselbständigenden Traumas.

Neben der hervorragend ausgearbeiteten Studie der Familiendynamik, taucht der Autor über Oskars und Elises Lebensweg auch in die Geschichte der Niederlande ab den 1950er Jahren ein und lässt die Leserinnen an der bedrückenden Stimmung in der Nachkriegszeit und dem Aufbruch im Amsterdam der 1970er teilhaben.

Heute kein Abschied ist ein moderner Familienroman, der sensibel den Weg von Kindheitstraumata in die nächste Generation verfolgt, Trauer und Verlust thematisiert und gleichzeitig Einblicke in die jüngere niederländische Geschichte gewährt. Ganz klare Empfehlung!

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Veröffentlicht am 23.06.2025

Ein Roman, wie ein Urlaub an der schottischen Küste

Der alte Apfelgarten
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Nina ist alleinerziehend und trägt noch physische wie psychische Narben aus ihrer letzten Beziehung mit dem Vater ihres Sohnes Barnaby. Vor 5 Jahren kam sie nach der Trennung zurück in ihre Heimat an der ...

Nina ist alleinerziehend und trägt noch physische wie psychische Narben aus ihrer letzten Beziehung mit dem Vater ihres Sohnes Barnaby. Vor 5 Jahren kam sie nach der Trennung zurück in ihre Heimat an der schottischen Küste, um die Farm der Familie zunächst mit ihrem Vater zu führen und schließlich irgendwann zu übernehmen. Ninas Schwester Beth, genannt Bet, ist erfolgreiche Scheidungsanwältin und führt ein unabhängiges Singleleben in London, fern und in bewusster Distanz zu ihrer Familie und Heimat im ländlichen Schottland.

Unterschiedlicher könnten die Schwestern kaum sein. Seit Nina auf der Farm lebt, haben sie sich kaum gesehen. Von Entfremdung zwischen den Schwestern zu sprechen, wäre fehlgeleitet, denn dazu müsste es jemals eine echte Nähe zwischen den beiden gegeben haben. Auch aufgrund des großen Altersunterschieds von 10 Jahren, doch sicher ebenso angesichts der völlig verschiedenen Charaktere, gab es jedoch nie ein inniges Schwesternverhältnis zwischen Bet und Nina.

Und nun ist Bern Crowdy, der Vater Ninas und Beths plötzlich verstorben und hinterlässt tiefe Trauer in der Familie, ein überraschend verändertes Testament, das beide Schwestern gemeinsam zum Erhalt der Farm verpflichtet und eine Crowdy Farm an einem malerischen Fleckchen Schottlands, deren wahren Zustand er selbst Nina zu seinen Lebzeiten verschwiegen hat. Die Schwestern stehen nach dem Tod des Vaters vor der großen Aufgabe sich erstmals wirklich anzunähern, kennenzulernen und dabei im besten Fall gemeinsam die Farm zu retten. Dass dies nicht ohne Reibungen und Hindernisse möglich sein wird, erahnt man bereits nach wenigen Seiten.

In das Reigen und Ringen der Schwestern gesellen sich noch weitere Protagonisten, die versprechen die Handlung und Geschichte zu beeinflussen. Nina erfährt große Unterstützung von ihrem attraktiven Nachbarn Cam, beteuert jedoch, auch sich selbst, nur freundschaftlich mit diesem verbunden zu sein. Bet wird wiederum mit einem Mann aus der Vergangenheit konfrontiert, der sie vor vielen Jahren bewogen hat Distanz zu ihrer Familie und Heimat zu wahren.

Während der Bestandsaufnahme der Farm im Rahmen der Erbschaft, machen die Schwestern eine unerwartete Entdeckung. Ein schmaler, versteckter Pfad führt zu einem geheimen Apfelgarten direkt an der Steilküste. Der Apfelhain führt sie tief in die Vergangenheit der Familie und Region sowie alte Legenden und dabei vielleicht auch näher zueinander und ihrem eigenen Glück…

Ich habe zuvor Forgotten Garden von Sharon Gosling gelesen und war bereits von diesem Roman begeistert. So kurzweilig und emotional erzählt die Autorin, ohne dabei banal zu werden. Der alte Apfelgarten hat mich fast noch mehr eingenommen. Die Figuren sind wohl ausformuliert, bereits nach wenigen Seiten fühlt man sich als Teil der Geschichte und möchte wissen, wohin die Erzählung führt. Als Kulisse dienen malerische Landschaften, in die die Autorin mit ihren authentischen, bildlichen Beschreibungen ihre Leserinnen eintauchen lässt. Der alte Apfelgarten verbindet eine mitnehmende Geschichte über Schwesternschaft, traumhafte Bilder von Schottlandsküste und als Bonus einige Einsichten in die Geheimnisse des Apfelanbaus und der Ciderherstellung.

Für mich ist Der alte Apfelgarten der perfekte Urlaubsroman, um für ein paar Stunden in eine andere Welt einzutauchen oder um einfach aus dem Alltag mit der Autorin zu einem geheimen Apfelhain an der schottischen Steilküste zu entfliehen und die Annäherung zweier Schwestern zu begleiten.

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