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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.07.2018

Kaleidoskop

Der Sprengmeister
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So klar und eindeutig der Titel des Romans formuliert ist, als so verwirrend offenbart sich das gesamte Bildnis des Individuums, das sich hinter der bloßen Berufsbezeichnung verbirgt. Aus mehreren Perspektiven ...

So klar und eindeutig der Titel des Romans formuliert ist, als so verwirrend offenbart sich das gesamte Bildnis des Individuums, das sich hinter der bloßen Berufsbezeichnung verbirgt. Aus mehreren Perspektiven wird der Mann betrachtet, unterschiedliche Aspekte seiner Existenz kommen zum Tragen. Das einschneidende Ereignis, das Oskars Dasein für immer und unwiderruflich verändert, bilden den Erzählauftakt. Sein Leben, ja der Mann selbst wird in einer missglückten Sprengung zerrissen. In einer Art Kaleidoskop ordnen sich die Bruchstücke neu. Trennung von der Verlobten, Erringen einer neuen Beziehung, Bewusstwerdung der eigenen Position innerhalb der Gesellschaft, das Ausprägen einer dezidiert politischen Lebenseinstellung: das alles wird erst möglich durch Oskars übermächtigen Lebenswillen, der ihn seine schweren Verletzungen überhaupt erst überstehen lässt.

Veröffentlicht am 14.11.2025

Vergeblichkeiten

Dius
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Am Anfang erzeugt die Lektüre dieses Romans einen ausgeprägten Widerwillen: allzu genüsslich werden die prätentiösen Ansprüche der beiden Hauptfiguren ausgebreitet. Ein überaus selbstbewusst auftretender ...

Am Anfang erzeugt die Lektüre dieses Romans einen ausgeprägten Widerwillen: allzu genüsslich werden die prätentiösen Ansprüche der beiden Hauptfiguren ausgebreitet. Ein überaus selbstbewusst auftretender Student und ein gänzlich in sich selbst versponnener Kunstdozent stoßen aufeinander, und der Leser ersäuft in einem Schwall an Werken bildender Kunst und Musik. Wer kein ausgewiesener Kenner der Materie ist, fragt sich unwillkürlich, ob man es nur mit name dropping zu tun hat, oder ob diese Fülle an Kulturerörterungen konstituierend für diesen Roman ist.

Immerhin entfaltet sich auf dieser Verständigungsbasis eine tiefe Freundschaft, lebenswichtig für zwei Individuen, die in ihrer Umgebung kaum menschliche Bindungen oder echten Austausch erfahren. Auch ihre jeweiligen Liebesbeziehungen zerbrechen schnell an Missverständnissen oder innerer Fremdheit. Immerhin ist es die Titelfigur Dius, der in echter kreativer Arbeit wenigstens zeitweise genuine Befriedigung erfährt, während die Forschungsprojekte seines nur zehn Jahre älteren ehemaligen Lehrers bereits nach kurzer Zeit im Sande verlaufen.

Dieser Dius ist wenigstens partiell zu echter Leidenschaft in seinem künstlerischen Schaffen fähig, während sein Freund Anton in unfruchtbarem Kreiseln um sich selbst verharrt. Dius durchlebt echte Leiderfahrung, wohingegen bei Anton die Wendungen des Schicksals nurmehr ein egoistisches Lamentieren erzeugen.

Erhellend im vorletzten Absatz des Romans die Kritik der nach langen Jahren wieder auftauchenden früheren Geliebten Antons, er möge doch endlich einmal auf seine „kunstgeschichtlichen Mystifizierungen“ verzichten.

Kritikwürdig die Penetranz, mit der die Übersetzerin ihr Beharren auf albernem Gendern auslebt; die Studierenden und Dozierenden, als Gipfel noch das Dozierendenzimmer, könnten Heiterkeit erregen, wenn’s nicht, wie auch die vielen anderen sprachlichen Nachlässigkeiten, absolut verärgernd wäre!

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Veröffentlicht am 18.10.2025

Erstling

Was du siehst
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Dieses literarische Debüt verdient es, genauer betrachtet zu werden.

Zunächst einmal sticht ins Auge, wie zielstrebig die Autorin ihre Leser durch die verschiedenen Stadien der Geschichte der DDR lotst. ...

Dieses literarische Debüt verdient es, genauer betrachtet zu werden.

Zunächst einmal sticht ins Auge, wie zielstrebig die Autorin ihre Leser durch die verschiedenen Stadien der Geschichte der DDR lotst. Viele Merkmale des Alltags, der Lebensgestaltung der Bewohner kommen zum Tragen. Von wenigen Zeitsprüngen abgesehen, lässt sich das Schicksal ihrer Figuren problemlos mit dem unmerklichen Wandel der Lebensformen verknüpfen. Einerseits wird ihre Sympathie mit ihren Charakteren überaus deutlich, jedoch muss kritisch angemerkt werden, dass diese doch recht profilarm bleiben, die Zeichnung weitgehend einem Schwarz-Weiß-Schema verhaftet sind.

Der kritische Leser mag es als problematisch ansehen, dass im gesamten Roman die Stimmung der Nostalgie vorherrscht. Allein der erst kurz vor dem Ende des Romans in Person auftauchende Großvater lässt sich als Außenseiter der sozialistischen Gesellschaft ausmachen, sein Sohn, ebenfalls nur mit einer Gastrolle in der Handlung bedacht, wird zum Opfer des Systems, was aber nur mit einem Streiflicht bedacht wird. Ein paar Nebenfiguren firmieren als ausgesprochene Unsympathen. Das restliche Personal: Sympathieträger.

Die deutlichste Kritik muss allerdings gegenüber dem Sprachgestus der Autorin formuliert werden: wenig individuell im Ausdruck, bemüht und beflissen in der Diktion, lässt der Roman leider einen dezidierten Gestaltungswillen vermissen. Es werden entschieden zu viele sprachliche Stereotypen bemüht. Es ist der jungen Autorin zu wünschen, dass es ihr in der Zukunft gelingt, ihr offenkundiges Interesse am Stoff sprachlich ambitionierter zu gestalten.

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Veröffentlicht am 21.07.2025

Die Blinde und die Lahme

Der Schlaf der Anderen
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Die Anlage dieses Romans erscheint zunächst recht vielversprechend: der zunächst präsentierte Schauplatz verspricht eine Art Kammerspiel. Die eine Protagonistin versorgt in einem Schlaflabor eine an massiver ...

Die Anlage dieses Romans erscheint zunächst recht vielversprechend: der zunächst präsentierte Schauplatz verspricht eine Art Kammerspiel. Die eine Protagonistin versorgt in einem Schlaflabor eine an massiver Schlaflosigleit leidende Patientin. Alles scheint auf eine auf diametralen Gegensätzen angelehnte Konstruktion angelegt. Die Nachtwache lebt allein, es ist zunächst von keinerlei sozialen Beziehungen die Rede, seit Jahren macht sie aufgrund ihrer Berufstätigkeit die Nacht zum Tage, sie wirkt vorläufig kompetent und zupackend. Das Gegenbild liefert die Patientin: eingebunden in ein enges Netz von familiären und beruflichen Beziehungen droht sie zu ersticken. Spontan entwickelt sich eine über das berufsbedingte Maß hinausgehende Nähe. Die Ereignisse, die diese Annäherung hervorrufen, erscheinen allerdings reichlich hypertroph, unwahrscheinlich und überspannt.

Denn nach dem Ende dieser Nacht, die natürlich kein brauchbares Schlafprotokoll liefert, wendet sich der Blickwinkel, und die Lebenshypothek der Nachtwache wird sichtbar. Nun ist sie es, die unter der plötzlich sichtbar werdenden Last niedergedrückt wird und nur in der Aufgabe ihrer Tätigkeit eine Lösung sieht.

Leider ist es sehr unbefriedigend, dass dieser anfangs so strenge Aufbau des Romans aufgebrochen wird zugunsten einer überbordenden Abfolge von zunehmend skurrilen bis wirren Episoden.

Schlaflosigkeit als Symptom einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder Überforderung und Orientierungslosigkeit aussetzt, wäre ein ausreichender Fokus, um ein erhellendes und befriedigendes Leseerlebnis zu bieten. Die beiden Hauptfiguren, in ihrer jeweiligen Verkürzung als Blinde und Lahme zu interpretieren, verkörpern in ihrer Anlage ein erschütterndes Bild weiblichen Leidens, das jedoch um einer positiven Botschaft Willen, zugunsten einer hoffnungsvollen Perspektive, zu einem geradezu süßlich-kitschigen Romanende verwässert wird.

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Veröffentlicht am 06.07.2025

Reichlich überspannt

Furye
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Reichlich überspannt das Ganze. Wäre da nicht der rüde Sprachgestus und das Übermaß an explizit dargestelltem Sex in mancherlei Spielarten, man könnte meinen, es mit einem viktorianischen Schauerroman ...

Reichlich überspannt das Ganze. Wäre da nicht der rüde Sprachgestus und das Übermaß an explizit dargestelltem Sex in mancherlei Spielarten, man könnte meinen, es mit einem viktorianischen Schauerroman zu tun haben. Einigen wir uns vielleicht auf Bonjour tristesse 2.0.

Was man der Autorin zugute halten mag, ist der ungemein ausgefeilte Plot, der in immer neuen Pirouetten die beiden dicht verwobenen Zeitebenen mit immer neuen Twists ausstattet. So haben wir es also mit dem Dreigestirn der Freundinnen Alec, Meg und Tess zu tun, deren modernistische Namen bereits an die Furien der griechischen Mythologie angelehnt sind. In abgezirkelter Weise sind diese in ihr jeweiliges Setting eingebettet: familiärer Hintergrund, soziologisch definiertes Milieu, unterschiedliche Profile hinsichtlich Aussehen, Verhalten, Temperament.

So entfaltet sich auf beiden Zeitebenen eine übermäßig düstere Leidenschaft zwischen der Erzählerin Alec und Romain, so einer Art Halbgott, ein Adonis, aber leider hochdepressiv und entsprechen destruktiv. Im Gefolge dieser dramatischen Beziehung wird der Leser mit diversen Formen von Kollateralschaden konfrontiert. Die Apotheose der Heldin erfolgt höchst überraschend, und nach 349 Seiten gemischt aus zeitweise praller Action und mittigen Längen, kommt dieser Höllenritt aus pubertärem Ennui und Lebenshunger an ein in philosophischer Gelassenheit getränktes Ende.

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