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Veröffentlicht am 16.08.2025

Sehr spannend!

Schwindende Welt
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Sehr cooles Buch wieder von Sayaka Murata! Ihren ersten ins Deutsche übersetzten Roman Die Ladenhüterin mochte ich sehr, mit Das Seidenraupenzimmer tat ich mich zum Ende hin etwas schwer – doch Schwindende ...

Sehr cooles Buch wieder von Sayaka Murata! Ihren ersten ins Deutsche übersetzten Roman Die Ladenhüterin mochte ich sehr, mit Das Seidenraupenzimmer tat ich mich zum Ende hin etwas schwer – doch Schwindende Welt, ihr viertes (das dritte habe ich nicht gelesen) übersetztes Werk, ging für mich wieder mehr in die Richtung des Erstlings. Und genau deshalb hat es mir wirklich gefallen.
In letzter Zeit lese ich öfter Romane, die sich mit Mutterschaft und Kinderkriegen beschäftigen. Auch hier greift Murata dieses Thema auf – allerdings auf ihre ganz eigene, verzerrte Weise. Die Welt, in der wir uns bewegen, ist auf den ersten Blick fremd, aber doch so nah an unserer Gegenwart, dass es einen verstört und gleichzeitig fasziniert.
Wir begleiten Amane, die in einer Gesellschaft lebt, in der Sex als primitiv und schmutzig gilt. Ehen werden geschlossen, um gemeinsam Kinder großzuziehen – nicht, um romantische oder körperliche Liebe zu leben. Affären gibt es trotzdem, aber meist mit fiktiven Figuren aus Mangas oder Filmen. Kinder entstehen durch künstliche Befruchtung, Männer können ebenfalls schwanger werden, und in einer experimentellen Stadt werden Kinder gemeinschaftlich großgezogen – alle Frauen sind „Mutter“.
Doch Amane ist anders: Sie wurde noch auf „natürliche Weise“ gezeugt, was sie in den Augen vieler stigmatisiert. Und sie empfindet etwas, das in dieser Gesellschaft tabuisiert ist – Lust. Sie versucht, ihren Platz in einer Welt zu finden, die Intimität und Leidenschaft auslöscht und stattdessen Uniformität erschafft.
Wie schon in Die Ladenhüterin und Das Seidenraupenzimmer hinterfragt Murata mit scharfem Blick, was wir als „normal“ bezeichnen. Sie dreht Konventionen auf links und zwingt ihre Leserinnen, über Dinge wie Familie, Sexualität, Nähe und gesellschaftliche Normen nachzudenken. Gerade dieses Spiel mit Tabus – zwischen Humor, Horror und Weirdelementen – macht ihre Romane so einzigartig.
Zum Hörbuch:
Das Hörbuch, eingesprochen von Uta Simone, ist eine absolut gelungene Umsetzung. Ihre Stimme trifft genau den Ton, den Muratas Texte brauchen: eine Mischung aus Kühle, Distanz und unterschwelliger Spannung. Dadurch entsteht ein Sog, der die fremdartige und verstörende Welt noch intensiver erlebbar macht. Simone liest klar und unaufgeregt, aber mit feinen Nuancen, die die innere Zerrissenheit der Figuren spürbar werden lassen. Gerade die beklemmende Atmosphäre und die Brüche zwischen Alltäglichem und Bizarr-Weirdem transportiert sie meisterhaft – so wirkt das Hörbuch fast noch eindringlicher als die Lektüre allein.
Schwindende Welt ist verstörend, komisch, traurig und philosophisch zugleich. Für mich ein echter Pageturner mit hohem Diskussionspotenzial – und eines der Murata-Bücher, das mich nachhaltig beschäftigt hat.
Ein mutiger, verstörender und zugleich faszinierender Roman über Lust, Familie und gesellschaftliche Normen. Typisch Murata: weird, kompromisslos und absolut lesenswert.

Veröffentlicht am 12.08.2025

Ergreifend.

Das gelbe Haus
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Mit Das gelbe Haus gelingt Kawakami erneut ein eindringlicher, atmosphärisch dichter Roman, der Einblicke in ein Milieu bietet, das in der japanischen Literatur selten so ungeschönt thematisiert wird: ...

Mit Das gelbe Haus gelingt Kawakami erneut ein eindringlicher, atmosphärisch dichter Roman, der Einblicke in ein Milieu bietet, das in der japanischen Literatur selten so ungeschönt thematisiert wird: die Welt gesellschaftlich marginalisierter Frauen, des Rotlichtviertels und der Yakuza.
Im Zentrum steht Hana, die in Armut aufwächst und früh Verantwortung übernimmt – so sehr, dass sie später nicht mehr zwischen Pflicht und Selbstaufgabe unterscheiden kann. Eine Nachricht über ihre frühere Bekannte Kimiko, angeklagt wegen Entführung und Erpressung, führt zurück in ihre gemeinsame Jugend im titelgebenden gelben Haus. Von hier entfaltet sich eine Geschichte zwischen Loyalität und moralischem Abgrund, in Nachtclubs und illegalen Geschäften Tokios. Und schon nach den ersten Seiten war ich gefesselt – die leise, fast unmerklich aufbauende Spannung war sofort spürbar.
Kawakami zeichnet komplexe Figuren mit feinem Gespür für Zwischentöne. Hana ist keine klassische Heldin, sondern eine zutiefst menschliche Figur mit nachvollziehbarem Dilemma. Die dunklen Seiten des Lebens im gelben Haus sickern subtil in den Text ein und man fiebert mit allen Bewohnern mit.
Einige japanische Begriffe und Bezeichnungen aus dem Milieu, die mir zunächst fremd waren, sind im Text gekennzeichnet und im Anhang erklärt – das fand ich sehr spannend und lehrreich.
Thematisch ist der Roman ein feministisches Werk, das zeigt, wie Armut, gesellschaftlicher Druck und männliche Dominanz Frauen prägen. Sprachlich verbindet die Autorin poetische Präzision mit nüchterner Direktheit (der japanische Schreibstil ist hier, meiner Meinung nach, wieder erkennbar), und Symbole wie die Farbe Gelb verstärken die Atmosphäre. Gleichzeitig ist die Geschichte auch eine zarte Found-Family-Erzählung, in der zwischen den Figuren ein Netz aus Fürsorge und Zugehörigkeit entsteht, das Hoffnung gibt.
Düster, berührend und authentisch – ein intensives Porträt der japanischen Schattenwelt und der Frauen, die in ihr bestehen müssen - selten aufgegriffene Themen und Einblicke!

Veröffentlicht am 23.07.2025

Interessant

Im Leben nebenan
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Schon auf den ersten Seiten merkt man, dass Autorin Anne Sauer weiß, wie unsereins tickt – mit einem modernen Vibe. Ihre Protagonistin Antonia, oder wahlweise Toni (man switcht hier mal eben in Parallelwelten), ...

Schon auf den ersten Seiten merkt man, dass Autorin Anne Sauer weiß, wie unsereins tickt – mit einem modernen Vibe. Ihre Protagonistin Antonia, oder wahlweise Toni (man switcht hier mal eben in Parallelwelten), lebt zwei Versionen ihres Lebens durch: einmal kinderlos in der Großstadt, einmal mit Baby, Ehemann Adam und Windelstapel im Heimatkaff. Die große Frage: Was, wenn ich mich mal anders entschieden hätte?
Das Ganze kommt mit einem wunderbar natürlichen Erzählton daher, mit leichtem Witz, ehrlicher Sprache und sehr viel Gefühl – aber ohne Kitschalarm. Besonders stark: das Hörbuch. Die Sprecherin trifft Ton, Timing und Tränendrüsen – ich höre definitiv nochmal rein und werde nach weiteren Titeln von ihr stöbern. Absolute Hörbuch-Entdeckung!
Auch wenn viel über Identitätsverlust geschrieben wurde in anderen Rezensionen – ich sehe da eher eine neue Identität. Die der Mutter. Der Mensch, der man wird, wenn sich das eigene Leben plötzlich in Etappen à 3 Stunden Schlaf und Babybrei gliedert. Klar, es ist nicht alles rosarot – das zeigt Sauer ehrlich. Ein bisschen mehr Glücksmomente hätten für meinen Geschmack aber früher auftauchen dürfen. Da hat mein Mama-Herz länger drauf gewartet.
Fazit: Ein kluger, einfühlsamer, aber vor allem angenehm unprätentiöser Roman über Entscheidungen, Selbstbestimmung – und die manchmal seltsam schrägen Wege, die das Leben eben so geht. Für Leser*innen mit und ohne Kind. Denn, wie Sauer so schön sagt: „Es gibt ja auch keine Männer ohne Mütter.“

Veröffentlicht am 03.11.2024

Interessant!

Ein letztes Geschenk
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Mit “Ein letztes Geschenk” legt Calla Henkel einen Thriller vor, der die moderne Kunstszene New Yorks in den Fokus rückt und eine spannende Wendung ins True-Crime-Genre bietet. Im Mittelpunkt steht die ...

Mit “Ein letztes Geschenk” legt Calla Henkel einen Thriller vor, der die moderne Kunstszene New Yorks in den Fokus rückt und eine spannende Wendung ins True-Crime-Genre bietet. Im Mittelpunkt steht die Künstlerin Esther Ray, die aus Geldnot den Auftrag einer wohlhabenden Auftraggeberin, Naomi Duncan, annimmt. Esthers Aufgabe: die Gestaltung eines Scrapbooks, das Naomis Ehemann zum sechzigsten Geburtstag überraschen soll. Doch was als kreatives Nebenprojekt beginnt, entwickelt sich bald zu einer düsteren Entdeckungsreise, als Naomi plötzlich unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt. Getrieben von ihrer Neugierde – und vielleicht auch von ihrem eigenen True-Crime-Faible – gerät Esther in einen gefährlichen Strudel von Geheimnissen und Lügen.
Der Roman besticht durch eine ungewöhnliche Protagonistin, die als moderne Künstlerin nicht nur gut in die New Yorker Szene passt, sondern auch durch ihre Leidenschaft für True Crime eine spannende Meta-Ebene ins Spiel bringt. Die Spannung wächst langsam, aber stetig, und durch Henkels modernen Schreibstil und die gezielt eingesetzten Beschreibungen fühlt sich die Geschichte aktuell und lebendig an. Man merkt, dass die Autorin einen genauen Blick auf das gesellschaftliche Milieu richtet, in dem sich die Handlung entfaltet, und dabei nicht nur die Oberfläche, sondern auch die Ambivalenzen und Schattenseiten dieses Lebensstils zeigt.
Obwohl das Buch faszinierend aufgebaut ist und immer wieder kleine Überraschungen bietet, braucht es etwas Geduld, um vollends hineinzufinden. Doch sobald die Geschichte Fahrt aufnimmt, entwickelt sie einen Sog, der die Lesenden bis zum Schluss fesselt. Ein Kritikpunkt ist jedoch das Ende: Während die Geschichte in Teilen unkonventionell und erfrischend wirkt, bleibt das Finale überraschend simpel und löst den Spannungsbogen auf eine Weise, die etwas zu vorhersehbar erscheint. Da hätte man sich eine pfiffigere, cleverere Lösung gewünscht, um der Spannung bis zuletzt gerecht zu werden.
Insgesamt ist “Ein letztes Geschenk” ein ungewöhnlicher Thriller, der gerade durch seinen künstlerischen Hintergrund und die moderne Perspektive überzeugt. Für Fans von atmosphärischen, psychologisch geprägten Krimis, die das gesellschaftliche Umfeld der Figuren genauso spannend finden wie das eigentliche Verbrechen, ist dieses Buch ein echter Geheimtipp. Ein etwas „anderer“ Thriller, der gerade deswegen seine Stärken entfaltet, auch wenn er zum Ende hin etwas an Raffinesse einbüßt.

Veröffentlicht am 27.10.2024

Binge-Reading!

How To Catch A Magical Light (New York Magics 1)
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“How to Catch a Magical Light” von Lily S. Morgan ist der perfekte Mix aus Spannung, Magie und knisternder Romantik, der sich für einen gemütlichen Lesetag oder ein komplettes Wochenende im Binge-Reading-Modus ...

“How to Catch a Magical Light” von Lily S. Morgan ist der perfekte Mix aus Spannung, Magie und knisternder Romantik, der sich für einen gemütlichen Lesetag oder ein komplettes Wochenende im Binge-Reading-Modus ideal anbietet.
Die Geschichte dreht sich um Arlyn Dorell, eine 21-jährige Meisterdiebin mit einem besonderen Vorteil: Als Irrlicht kann sie unsichtbar werden und so jede Sicherheitseinrichtung umgehen, was sie zur unschlagbaren Nummer eins unter den Dieben New Yorks macht. Doch als bei ihrem neuesten Raubzug plötzlich ein Drachenwandler auftaucht und für Chaos sorgt, steht Arlyn plötzlich dem dämonischen – und erschreckend attraktiven – Special Agent Marlon Heaton gegenüber, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, sie zu fassen. Die Sache nimmt eine unvorhersehbare Wendung, als ein Unbekannter hinter Arlyns Geheimnis kommt und sie zur Zusammenarbeit zwingt. Um sich zu retten, muss sie ein wertvolles Artefakt aus dem Magical Bureau of Investigation stehlen – und das an der Seite von ausgerechnet Marlon, ihrem schärfsten Verfolger.
Morgan schafft es, diese spannungsgeladene Situation mit einer Prise Humor und einer ordentlichen Portion „Enemies to Lovers“-Vibes zu verpacken. Die Chemie zwischen Arlyn und Marlon sorgt für ein angenehm knisterndes „Slow Burn“-Feeling, das sich mit jeder Seite weiter aufbaut.
Das Tempo der Geschichte ist rasant, und die überraschenden Wendungen lassen einen das Buch kaum aus der Hand legen. Wer Serien von Helen Harper oder Ilona Andrews mag, wird auch hier schnell in den Bann gezogen. Die humorvollen Schlagabtäusche und die spritzige Dynamik zwischen den Charakteren verleihen dem Ganzen eine Leichtigkeit, die perfekt zur modernen Fantasywelt passt.
Ein kleiner Wermutstropfen ist vielleicht, dass die magische Welt nur in Teilen ausgearbeitet ist und man sich hier und da mehr Tiefe wünschen würde. Doch für einen zweibändige Reihe ist das verzeihlich. Arlyn und Marlon entwickeln sich über den Verlauf der Geschichte weiter und sind nicht nur typische Stereotypen, auch wenn einige Aspekte klischeehaft wirken – was bei einer urbanen Fantasy-Geschichte aber absolut charmant rüberkommt. Schließlich wollen wir die starke Frau und den mies gelaunten Bad-Boy sehen, die langsam zueinander finden, während die Funken sprühen.
Mit “How to Catch a Magical Light” legt Lily S. Morgan einen gelungenen, locker-flockigen Fantasy-Roman hin, der Urban-Fantasy-Fans alles bietet, was sie sich wünschen: Spannung, Charme, Humor und ein gutes Prickeln. Das Buch lässt sich angenehm leicht lesen und bietet eine ausgewogene Mischung aus Action und Romantik, die Lust auf den abschließenden Band macht.