Profilbild von GAIA_SE

GAIA_SE

Lesejury Star
online

GAIA_SE ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit GAIA_SE über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.07.2025

Schwer fassbar aber lesenswert

Adas Raum
0

Im ersten Roman der Autorin Sharon Dodua Otoo kommen nicht nur viele (schwarze) Frauen zu Wort, sondern auch Reisigbesen, Räume und Reisepässe. Aber dazu später mehr. Das Buch umspannt in wechselnden Episoden ...

Im ersten Roman der Autorin Sharon Dodua Otoo kommen nicht nur viele (schwarze) Frauen zu Wort, sondern auch Reisigbesen, Räume und Reisepässe. Aber dazu später mehr. Das Buch umspannt in wechselnden Episoden einen zeitlichen Rahmen von 1459 bis 2019 und beleuchtet Lebensabschnitte von vier verschiedenen Frauen, alle genannt Ada, alle mit einer Verbindung zueinander. Von der Einwohnerin eines Küstenstreifens Westafrikas, welche Kontakt mit einem europäischen Eroberer hat, über eine Frau, die den ersten Computer im 19. Jahrhundert ersann, zu einer KZ-Inhaftierten, die dort zur Prostitution gezwungen wird, bis hin zur Informatik-Studentin Ada im Berlin der Gegenwart.

So weit so verständlich. Nur ist das alles bei diesem Roman nicht so einfach. Es gibt nämlich noch die Passagen, in denen die oben genannten "Dinge" aus der Ich-Perspektive zu Wort kommen. Diese haben sogar Kontakt zu Gott, und sie ist sogar sehr humorvoll. Alle arbeiten daran, dass soetwas wie ein "Schicksal" erfüllt wird und alle Protagonisten zur richtig Zeit am richtigen Ort sind. Klingt alles sehr spannend. Ist es über weite Strecken auch. Auf jeden Fall mal etwas anderes. Es wird mir persönlich dann zum Ende hin jedoch zu diffus mit dem Plot. Die Autorin sagt selbst: Es sei bei diesem Erzählstil nicht so wichtig, was in einer Geschichte passiert, sondern wie es passiert. Das Wie ist hier definitiv mal unüblich und dadurch auch fordernd. Zur verwendeten Sprache ist mir über dies noch wichtig zu erwähnen, dass dies der erste literarische Text ist, in dem ich ganz selbstverständlich und konsequent "mensch" statt "man" lese. (Und es ist wirklich sehr schön zu lesen.) Denn hier spielt nicht nur Race eine Rolle in der Geschichte, sondern auch Gender. Wirklich sehr gut gemacht.

Dieser fordernder Debütroman ist wirklich äußerst lesenswert, sofern mensch nicht zwingend auf einen kontinuierlichen Eregnissfluss besteht. Lässt mensch sich darauf ein, bekommt mensch einen interessanten Einblick in verschiedenste (schwarze) Frauenleben. Eine klare Leseempfehlung von mir.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.06.2025

Vom Finden eines neuen Schlaf- und Lebensrhythmus

Der Schlaf der Anderen
0

In ihrem zweiten Roman erforscht Tamar Noort auf prosaische Art und Weise den Einfluss von gestörtem Schlaf auf unsere Persönlichkeit, unsere Beziehungen, unser Leben. Dabei treffen zwei Frauen Anfang ...

In ihrem zweiten Roman erforscht Tamar Noort auf prosaische Art und Weise den Einfluss von gestörtem Schlaf auf unsere Persönlichkeit, unsere Beziehungen, unser Leben. Dabei treffen zwei Frauen Anfang Vierzig an einem ungewöhnlichen Ort aufeinander: Im Schlaflabor. Janis ist eigentlich ausgebildete Fachkrankenschwester und vollkommen überqualifiziert für ihren Job als Nachtwache in genau diesem Schlaflabor. Sie schaut ihren „Gästen“ dabei zu, wie sie schlafen, und findet dadurch selbst kaum noch geregelten Schlaf. Sina ist Lehrerin kurz vor einer Schlafmittelabhängigkeit, die sich ins Schlaflabor begeben muss, weil der neue Arzt ihr kein Zolpidem mehr verschreibt und sie einen folgenschweren Fehler unter Schlafmangel begeht. Nun treffen die beiden in einer Nacht aufeinander und es entsteht eine Verbindung über dieses rein funktionale Setting hinaus, die über mehrere Monate anhält. Ein Roman über das Leben außerhalb der gesellschaftlichen Norm und eine betörende Freundschaft mit Hindernissen.

Tamar Noort konnte mich direkt mit der ersten Seite ihres Romans für ihren Schreibstil gewinnen. Schnörkellos und gleichzeitig leise poetisch erfasst sie Menschen und Situationen, die irgendwie neben sich selbst und neben der Realität der Mehrheit stehen. Im Wechsel zwischen Kapiteln mit Janis als Hauptfigur und mit Sina als Hauptfigur nähern wir uns diesen Frauen und sie sich selbst an. Langsam erfahren wir immer mehr über ihre Hintergründe und wie sie an diesen Punkt der Schlaflosigkeit in ihrem jeweiligen Leben gekommen sind. Was hält diese beiden Frauen wach? Was lässt ihnen keine Ruhe? Und wir dürfen sie dabei begleiten, wie sie nicht nur einen ganz eigenen Schlafrhythmus sondern auch für sich selbst einen ganz neuen Lebensrhythmus finden.

Beide Frauen unterliegen gewissen Zwängen und beide werden für uns Leser:innen nachvollziehbar dargestellt. Immer sind wir ganz nah dran an ihren unerfüllten Bedürfnissen und Wünschen und ihrem persönlichen Weg aus dem Hamsterrad, ohne uns letztlich eine Pauschallösung anzubieten, sondern lediglich mögliche Wege aufzuzeigen.

So konnte mich dieser kurzweilige und trotzdem tiefgründige Roman um zwei schlaflose Frauen bis zur letzten Seite fesseln, weshalb ich eine Lektüre empfehle und selbst den Debütroman der Autorin auf meine Wunschliste setzen werde.

4/5 Sterne

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.03.2025

Unter dem Einfluss der Sprache

Der Einfluss der Fasane
0

Der vorliegende Roman der Gewinnerin des Deutschen Buchpreises von 2021 ist der erste, den ich von der Autorin gelesen habe. Und gleich zu Beginn und auch durch das gesamte Buch hinweg wird klar, dass ...

Der vorliegende Roman der Gewinnerin des Deutschen Buchpreises von 2021 ist der erste, den ich von der Autorin gelesen habe. Und gleich zu Beginn und auch durch das gesamte Buch hinweg wird klar, dass ihr sprachlich kaum jemand etwas vormachen kann. Inhaltlich geht es um eine Kulturressortleiterin einer großen Hauptstadtzeitung, die mit einem Skandalartikel einen wichtigen Intendanten gerechtfertigterweise aber ziemlich reißerisch des Machtmissbrauchs beschuldigte. Nun ist dieser Intendant tot. Durch Suizid. Und die Frage steht im Raum, ob der durch den Artikel losgetretene Shitstorm Ursache und damit die Journalistin Mitschuld am Tod des Intendanten hat.

Wir begleiten Hella Renata Karl von dem Moment an, in dem sie Nachricht vom Suizid des Intendanten Hochwerth erhält und folgen nun ihrem Weg durch den Shitstorm, der nun sie selbst überfällt, welche Folgen dieser für ihr berufliches wie auch privates Leben hat. Dabei betrachtet Strubel mit scharfem Blick die Kulturszene inklusive den berichtenden Medien und ihre Machtstrukturen und verarbeitet mit spitzer Feder diese ihr sicherlich selbst nicht unbekannten Gemengelagen in einen hoch interessanten Roman. Immer weiter werden wir in Hella Renata Karls Leben und Denken hineingezogen und fragen uns selbst manchmal, was hier eigentlich noch der Wahrheit entspricht und was nicht.

Die Sprache stellt für mich an diesem Roman das Herausragendste dar. Allein schon die Namenswahl der beiden Hauptfiguren ist mit Bedacht konstruiert. Da ist Hella („Sonnenschein“) Renata („wieder geboren“) Karl („freier Mann“/ erinnernd an Karl der Große, also auch „Hella die Große“?), welche aus ärmlichen, zerrütteten Verhältnissen stammt und gleich beim ersten Aufeinandertreffen vor sieben Jahren Hochwerth (spricht für sich mit deinem „hohen Wert“) als einen mit ähnlicher Vorgeschichte erkennt. Über Jahre entsteht zwischen ihnen eine Verbindung, die quasi in einem Machtkampf um Machtmissbrauch endet. Wer hat hier eigentlich über wen die Macht? Und wer hat den größeren Einfluss?

Über fast den gesamten Text hinweg konnte mich Strubel mit ihrer Sprache und dem Erzählstil fesseln und mitnehmen in dieses ganz eigene Milieu der Kultur in der Hauptstadt. Nur zum Ende hin hatte ich das Gefühl, dass die Handlung mir zu sehr wegdriftet und mich dadurch immer ein kleines bisschen mehr verloren hat.

Trotzdem ist „Der Einfluss der Fasane“ definitiv ein Roman, der die Autorin auf meinen Plan gebracht hat und dafür sorgen wird, dass ich noch weitere, ältere von ihr lesen werde. Ich stehe auf jeden Fall unter dem Einfluss von Antje Ràvik Strubels Sprachtalent. ;)

4/5 Sterne

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.12.2024

Von Brutalität und Hass hin zu Feingefühl und Liebe

Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte
0

Kann ein Sohn, der seine Mutter abgrundtief hasst, diese in ihrer schwersten Zeit begleiten? Die Autorin setzt sich in ihrem recht kurzen Roman mit einem großen Thema auseinander. Das Verhältnis zwischen ...

Kann ein Sohn, der seine Mutter abgrundtief hasst, diese in ihrer schwersten Zeit begleiten? Die Autorin setzt sich in ihrem recht kurzen Roman mit einem großen Thema auseinander. Das Verhältnis zwischen einer Mutter und ihrem Sohn in äußerst präkeren Lebensumständen, mit einer belastenden Verganenheit und einer angedeuteten Zukunft.

Die Familie von Aleksy, ein 17jähriger, verhaltensgestörter Junge, stammt aus Polen und lebt mittlerweile in London. Seine von ihm gehasste Mutter überredet ihn zu einem mehrmonatigen Sommerurlaub in einem Dorf in Frankreich. Dort wird die zerrüttete Beziehung zwischen den beiden nun durch die finale Erkrankung der Mutter noch mehr auf die Probe gestellt.

Zunächst brutal und später immer feinfühliger erzählt die Autorin aus Sicht von Aleksy die Geschehnisse dieses Sommers nach. Immer wieder bekommen die Leser*innen einen Ausblick in die Zukunft Aleksys, wodurch ein zusätzlicher Spannungsbogen aufgebaut wird. Die größte Stärke dieses Romans stellt die Intensität und Authentizität, mit der sich die Autorin in den Kopf eines frustrierten, aggressiven, psychisch kranken und doch nicht ganz verlorenen Jugendlichen hineindenkt, dar. Dieses Buch nimmt nicht an Fahrt auf mit Fortschreiten der Lektüre. Nein, es startet unglaublich kraftvoll und wird dann immer ruhiger. Ein wirklich berührender, unkonventioneller Roman. Allein die besonders zu Beginn übermäßig stark genutzte bildhafte Sprache störte mich ein wenig. Ansonsten handelt es sich hierbei um einen definitiv lesenwerten Roman.

Veröffentlicht am 25.12.2024

"Was ist mit Bob?" - in Island und keine Komödie

Der Anhalter
0

Wer den Film "Was ist mit Bob?" kennt, kennt die Ausgangssituation dieses Romans, jedoch in der lustigen Variante. Ein niederländischer Vater, der den Kontakt zu seiner Familie verloren hat, will mit einem ...

Wer den Film "Was ist mit Bob?" kennt, kennt die Ausgangssituation dieses Romans, jedoch in der lustigen Variante. Ein niederländischer Vater, der den Kontakt zu seiner Familie verloren hat, will mit einem außergewöhnlichen Urlaub auf Island sein Familienleben retten. Dieser Vater, Tiddo, ist zunächst Sympathieträger, da er ja ein heheres Anliegen hat. Zur Mischung hinzu kommt nun ein merkwürdiger Anhalter, den die Familie zum einen so schnell nicht mehr loswird und den zum anderen die Frau und der Sohn plötzlich viel liebenswerter finden, als den Ehemann und Vater. Alles läuft also schief.

Der Unterschied zum genannten Film ist jedoch nicht nur der Ernst der Situation sondern auch die psychologische Tiefe des Romans. Hier wird in den Gedankengängen des Ich-Erzählers Tiddo das langsame Zerfallen einer Familie durch Schicksalsschläge und Auseinanderleben dargelegt, das Unvermögen eines Mannes, seine Gefühle adäquat zu äußern und sein Abdriften in psychisch absonderliche Welten. Bald stellt sich die Frage, wer hier eigentlich der Störenfried ist.

Die Thematik des Romans ist nicht neu, jedoch die Szenerie, in die dieses Kammerspiel gebettet wird, fasziniert mich hier doch sehr. Die Landschaft Islands wird zum Katalysator für die Beziehungs- und Gefühlswelten der Protagonisten. Die Naturbeschreibungen sind intensiv und bildhaft. So wird dann der zunehmend nervige Hauptcharakter zur Nebensache.

Insgesamt ein guter bis sehr guter psychothrillerhafte Roman in der Einöde Islands.