Natürlich sollte ein Roman und dessen Autor nicht ausschließlich durch seine Nähe zu einem anderen berühmten Genraautoren definiert sein. Trotzdem sticht bei dieser Geschichte einfach der Vergleich zum ...
Natürlich sollte ein Roman und dessen Autor nicht ausschließlich durch seine Nähe zu einem anderen berühmten Genraautoren definiert sein. Trotzdem sticht bei dieser Geschichte einfach der Vergleich zum Popmusik-Beziehungsgeflechte-Großmeister Nick Hornby heraus, denn es gibt alle Komponenten, die es dafür braucht: Eine etwas abwegige Geschichte über ein gemischt-geschlechtliches Team von jungen Songwritern im Folk-überfluteten New York Mitte der Siebziger, die angestellt werden, um pädagogisch sinnvolle Lernlieder für Grundschüler zu kompinieren. Viel Cannabis. Natürlich die unvermeidlichen Beziehungsverflechtungen. Selbstfindung. Und ein interessanter Blick hinter die Kulissen des Songwritings. Die ein oder andere winzige Gesellschaftskritik ist auch noch zu finden.
In diesen Text kommt man einfach gut rein. Er ist süffig geschrieben, unterhaltsam und kurzweilig. Unerwartet vielfältig entwickeln sich die vielen Figuren des Romans, denen die Leser*innen im Wechsel der Kapitel aus personaler Erzählperspektive jeweils folgen. Eine etwas merkwürdig (bzw. aus der Zeit gefallen) übersetzte Stelle fällt negativ auf, wenn ein Gedanke des einzigen Schwarzen der Truppe hier wie folgt zusammengefasst wird: "...um gute Noten zu bekommen, seiner Rasse alle Ehre und seinen Dad stolz zu machen..."
Wer kurzweilige Unterhaltung im Stile (des frühen) Nick Hornbys mag, wird hier eine positive Leseerfahrung bekommen. Solide geschrieben, interessanter Inhalt, leicht verdaulich präsentiert.
Ganze 29 einzelne und doch sich zum Leben der Autorin zusammenfügende Geschichten versammelt Helga Schubert in diesem ersten Roman, welchen sie im Alter von 80 Jahren veröffentlicht. Die in einer Diktatur ...
Ganze 29 einzelne und doch sich zum Leben der Autorin zusammenfügende Geschichten versammelt Helga Schubert in diesem ersten Roman, welchen sie im Alter von 80 Jahren veröffentlicht. Die in einer Diktatur Geborene, in einer anderen Diktatur Aufgewachsene, dort als Psychotherapeutin Tätige und zuletzt aufmerksame Beobachterin aus dem ländlichen Mecklenburg-Vorpommern heraus, bringt eigentlich alle Komponenten mit, die eine aufwühlende Lebensgeschichte entstehen lassen.
Dieses Leben war nd ist mit der belasteten und belastenden Beziehung zur Mutter sicherlich auch für die Autorin sehr aufwühlend, nur konnte sie mich mit ihren Geschichten als Leserin selten emotional berühren. Man könnten den lakonisch-distanzierten Schreibstil vorschieben. Aber dieser hat mir eigentlich über weite Strecken gut gefallen. Mit abgeklärt, prägnanten Beispielen beschreibt die absurde Situationen ihres Lebens, wie ein Interview mit einem westdeutschen Radiosender in der Nacht zum 3. Oktober 1990 scheinen die Abläufe einer Realsatire entnommen: "Wir sollten schildern, wie es uns geht, wenn unser Staat in den nächsten Minuten untergeht. Und außerdem sollten wir uns jeder ein Musikstück wünschen." Solch kurzen Momente der Bloßstellung abstruser Situationen und die zarten Naturbeobachtungen konnten mich hier am meisten überzeugen. Trotzdem bleibt für mich unerwartet wenig von der Lektüre des Buches zurück. Ich finde nach diversen Berichten zur Person, die Autorin wirklich sehr interessant, auch den Umstand, dass sie als Psychotherapeutin in der DDR gearbeitet hat. Leider spielt dies keinerlei Rolle im Buch. Schade. Eine Mutter-Konfliktbearbeitung in diesem Kontext finde ich durchaus erzählenswert.
So bleibt für mich "Vom Aufstehen" ein gutes bis sehr gutes, lesenwertes Stück Literatur, hinterlässt jedoch kaum emotionale Spuren.
prophezeien (Deutsch) - Wortbedeutung/Definition: 1) etwas Zukünftiges vorhersagen; etwas möglicherweise Eintretendes voraussagen.
Dieser Debütroman von Sasha Filipenko wird als "prophetisch" gepriesen. ...
prophezeien (Deutsch) - Wortbedeutung/Definition: 1) etwas Zukünftiges vorhersagen; etwas möglicherweise Eintretendes voraussagen.
Dieser Debütroman von Sasha Filipenko wird als "prophetisch" gepriesen. In diese Richtung geht auch sein Vorwort der nun ins Deutsche übersetzten Fassung. Hier schreibt Filipenko: "Zum Glück für den Autor, aber zum Leidwesen der Belarussen sind ganze Seiten aus meinem Roman Wirklichkeit geworden...". Worum geht es überhaupt? 1999 fällt der Jugendliche Franzisk in ein Koma, nachdem er eine Massenpanik in Minsk überlebte. Zwischenzeitlich kümmert sich seine Großmutter liebevoll um den Komatösen und seine Mutter sowie der Stiefvater vernachlässigen ihn skandalös. Zehn Jahre später erwacht er und sein Land hat sich kaum verändert, ist eher zu einer noch schlimmeren Diktatur geworden. Zum Schluss kommt es zum Aufstand, der blutig niedergeschlagen wird.
Prophetisch ist das Ganze deswegen nicht, da alle Eckdaten und -ereignisse des Romans exakt so bis 2011, dem Jahr in dem der Roman endet, stattgefunden haben. Dies erfahren die interessierten aber eventuell nicht so gut informierten Lesenden aus einem sehr fundierten und wichtigen Nachwort der Übersetzerin. Das heißt, der Roman spiegelt tatsächlich eher die jüngere Zeitgeschichte des Landes wieder, als prophetisch in die Zukunft zu schauen. Der 2014 veröffentlichte Roman erfährt nun zufällig eine neue Aktualität durch die Geschehnisse im Land in 2020. Dies kommt dem Verlag unzweifelhaft zu pass, welcher dem Buch nun mehr unterstellt, als es leistet.
Politisch also hochaktuell und informativ ist dieser Roman durchaus. Ich hätte aber lieber einen Essay zum Thema gelesen als diese Geschichte mit einem doch recht weit hergeholten, überkonstruierten Plot. Durch sehr überzufällige Begebenheiten taucht der Protagonist zufällig überall dort auf, wo etwas historisch Belegtes in Minsk passiert. Das Buch ist ein gutes fiktionales Sprachrohr der belarussischen oppositionellen Bevölkerung, jedoch leider literarisch weniger überzeugend. Die Nebenfiguren sind größtenteils als Typen enworfen, die eher soziologischer aber gar keiner psychologischen Betrachtung dienen. Das ist okay, kann man machen. Aber auch die Hauptfigur Franzisk bleibt leider vollkommen flach, bekommt keine richtige Tiefe. Empathien für sein Schicksal werden eher durch die Konstruktion von den beiden scheinbar eindeutigen Polen "gut"/"liebevoll" (Großmutter) und "böse"/"kaltherzig" (Mutter und Stiefvater) und deren Handlungen und Gedankengänge erzeugt, als durch die Person Franzisk selbst. So bleibt der Roman eine unausgegorene Mischung aus Drama um das Schicksal des Komatösen und politischem Statement zum Schicksal eines Landes in katastrophalen Zuständen gesprenkelt mit ein wenig, kaum nennenswerten Galgenhumor.
Somit würde ich abschließend nicht aktiv von der Lektüre abraten. Gerade durch die Anmerkungen der Übersetzerin Ruth Altenhofer wird dieses Buch für deutschsprachige Leser*innen verständlicher und damit auch aufgewertet. Aber so wirklich empfehlen kann ich den Roman auch wieder nicht. Lieber einen guten Essay oder Reportage zum Thema lesen, würde ich sagen.
In ihrem späten Debütroman verknüpft die Lyrikerin Siân Hughes ein mittelalterliches Gedicht „Pearl“ mit der Geschichte einer jungen Frau, die im Alter von acht Jahren unter mysteriösen Umständen ihre ...
In ihrem späten Debütroman verknüpft die Lyrikerin Siân Hughes ein mittelalterliches Gedicht „Pearl“ mit der Geschichte einer jungen Frau, die im Alter von acht Jahren unter mysteriösen Umständen ihre Mutter verliert und fortan mit dieser Leerstelle in ihrer Familie leben muss. Was genau mit der Mutter geschah, ist fraglich, aber sie verschwand einfach eines Tages, ging aus dem Haus, ließ nicht nur die achtjährige Marianne zurück sondern auch den Säugling Joe sowie den Ehemann und Vater der Kinder.
Anhand von einzelnen Kapiteln, denen jeweils der Vers des Gedichtes von „Gawain Poet“ (anonym) vorangestellt ist, erzählt Hughes nun, wie dieses Mädchen Marianne zur psychisch auffälligen Jugendlichen und jungen Erwachsenen heranwächst. Dabei verschränken sich verschiedene Faktoren bis hin zu Genese einer eigenen postnatalen Psychose. Auch schon die verschwundene Mutter zeigte psychotische Symptome und auch die Tochter von Marianne weist diese erneut auf. Leider wirft die Autorin hier verschiedene Krankheitsbilder in einen Topf, nämlich die schizoaffektiven Störungen bis hin zur erblich bedingten Schizophrenie und der, im Roman als postnatale Depression bezeichnete, postnatale Psychose. Diese Erkrankungen können sich durchaus gegenseitig bedingen, sind hier aber meines Erachtens für Laien schwer auseinanderzuhalten.
Die Autorin bemüht das Mittel der unzuverlässigen Erzählerin, was einfach aus Erinnerungsverzerrungen natürlich entstehen kann. Sie erwähnt die Möglichkeit der verfälschten Erinnerung allerdings ein wenig zu häufig ganz offen im Text. Hier hätte mehr Spannung dadurch aufgebaut werden können, dass es auch für die Lesenden lange offen bleibt, was tatsächlich passiert ist. Mit der Mutter. Mit Marianne. Mit dem Vater. Mit der Familie allgemein. Die Ausführungen zu Mariannes Jugend erscheinen mir hier ein wenig zu abschweifend. Letztlich bleiben die tatsächlichen Geschehnisse um das Verschwinden der Mutter genauso offen, wie auch Mariannes Geisteszustand zum Ende des Romans hin. Das ist gut gemacht, wenn es denn so auch intendiert war von der Autorin. Es wirkt alles ein bisschen zu gewollt nebulös gehalten. Wodurch auch eine Verbindung zu den Hauptfiguren nur schwer zustande kommt.
Für mich gab es keine einprägsamen Sätze und Passagen im Roman. Insgesamt habe ich das Buch gern gelesen, es wird wohl nur leider nicht so viel davon nachhallen.
Die Autorin Marina Clavadetscher konnte mich mit ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ seinerzeit sowohl erzählerisch als auch inhaltlich überzeugen. Auch dieser vorherige Roman der Autorin ist zunächst ...
Die Autorin Marina Clavadetscher konnte mich mit ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ seinerzeit sowohl erzählerisch als auch inhaltlich überzeugen. Auch dieser vorherige Roman der Autorin ist zunächst ähnlich verwirrend aufgebaut, wie der vorliegende „Die Schrecken der anderen“, nur konnte mich hier die Geschichte leider nicht überzeugen.
Es geht um die Machenschaften von Alt-Nazis und Jung-Nazis in der Schweiz mit Blick auf die historischen Verwicklungen von Schweizer Geldhäusern und reichen oder noch-nicht-reichen Schweizern zu Zeiten des Nationalsozialismus als Staat, der die Neutralität ja angeblich mit Löffeln gefressen hat. Es geht darum, dass unter dem Deckmantel der Neutralität und Verlässlichkeit eine hässliche Fratze versteckt ist, die es aufzudecken gilt, sonst „wiederholt sich Geschichte“. Geschichte kann sich ja als solche nicht wiederholen, es kann nur zu ähnlichen Bewegungen in der Gesellschaft kommen und diese treten heutzutage aus dem Hintergrund immer mehr zutage. Altes Geld wartet darauf, alte reaktionäre Anliegen in den Händen von neuen Akteuren zu unterstützen. Wir müssen also nicht nur wachsam sein, sondern auch aktiv dagegen vorgehen. Dies ist die Quintessenz des Romans.
Vermittelt wird dies durch mehrere Erzählstränge, die sich immer stärker annähern. Weiß man zunächst noch nicht, was der agoraphobische Archivar der Polizei mit dem auf seine Millionen wartenden Erben oder die komische alte Hippie-Frau aus dem Wohnwagen mit der hundertjährigen Mutter des wartenden Erben zu tun hat und das alles mit einem Toten in einem gefrorenen Bergsee, so kommt nach und nach alles zueinander.
Sprachlich macht dies die Autorin wieder einmal top. Es gibt Sprachbilder, die mir im Gedächtnis bleiben werden und unglaublich stark sind. Wie eine Beschreibung der strengen Prägung durch die hundertjährige Mutter auf den mittlerweile nun auch nicht mehr jungen Sohn auf Seite 16, wenn sie mit der Naturgewalt von mächtigen Gesteinsbewegungen eines Bergmassivs verglichen wird:
„Sie sitzt tadelnd in ihm, egal wohin er selbst in Gedanken geht, ihre verbalen Anfälle geschehen direkt in deinen Hirnwindungen. Ihre eisigen Worte schieben sich wie eine Gletscherzunge durch sein Gehirn, und am Ende bleibt das Geröll in seinem Gedächtnis liegen, verdreckt und schwer. Jede Mutter hinterlässt ihre Ablagerungen.“
Und trotzdem konnte mich der Kniff der Autorin neben der Handlung her auf der Metaebene zu arbeiten und die Handlung literaturwissenschaftlich zu hinterfragen und zu definieren nicht überzeugen. So wird die Struktur der Geschichte immer wieder offen gelegt. Es heißt vom Verlag, damit „macht [Martina Clavadetscher] den unsichtbaren Elefanten im Raum sichtbar und fragt nach der Verantwortung von Literatur“. Und genau diesen Part habe ich schlicht und ergreifend nicht verstanden. Beziehungsweise habe ich das Gefühl es nicht in dem Ausmaße verstanden zu haben, wie es die Autorin vielleicht intendierte. Der Tote im Eis heißt McGuffin mit Nachnamen. Sie spielt auf einen Begriff an, den Hitchcock prägte, und der ein beliebiges Objekt oder Person beschreibt, das oder die die Handlung vorantreibt, ohne selbst von besonderem Nutzen zu sein. Ja, so ist es auch mit unserem Toten. Aber was will mir das sagen? Was soll diese Krimihandlung, wenn es der Autorin doch um das Wiedererstarken des rechten Gedankengutes geht? So muss sie uns auch zwischendurch immer wieder darauf hinweisen, was sie mit ihrem Roman auf anderer Ebene vorhat: „Bei undurchsichtigen Geschichten geht es oft um Ausdauer. Und um den richtigen Handlungsträger.“ (Ausdauer der Leserin: Check. Richtiger Handlungsträger: offen, eher nein.) Oder: „Nichts läuft je ins Leere. Alles ist miteinander verbunden.“ (Okay, ja. Und nun?) Und „Was passiert war, war passiert.“ (Amen.)
So bleiben außer ein paar griffigen Sätzen und ein paar genaueren historischen Informationen, wie in und nach der Zeit des Nationalsozialismus Schweizer bekannten Nazis geholfen haben nicht nur Gold, Kunstwerke sondern auch sich selbst aus Europa wegzuschaffen, nur Fragen aus dieser Lektüre. Ich habe immer noch auf den großen Clou gewartet, aber er kam nicht und letztlich war ich einfach nur froh, dass die Lektüre vorbei war. Sehr schade.