Profilbild von Buchstabenpoesie

Buchstabenpoesie

Lesejury Star
offline

Buchstabenpoesie ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Buchstabenpoesie über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.10.2025

Themenfülle ohne Tiefe

Beste Zeiten
0

"Beste Zeiten" war nach "Okaye Tage" mein zweites Buch von Jenny Mustard. Da mich der Vorgänger kaum überzeugen konnte und mich sogar in eine kleine Leseflaute gestürzt hatte, war ich zunächst skeptisch. ...

"Beste Zeiten" war nach "Okaye Tage" mein zweites Buch von Jenny Mustard. Da mich der Vorgänger kaum überzeugen konnte und mich sogar in eine kleine Leseflaute gestürzt hatte, war ich zunächst skeptisch. Der Klappentext weckte dann jedoch mein Interesse - eine junge Erwachsene zieht in die Großstadt, lässt ihr altes Leben hinter sich, entdeckt sich neu, arbeitet Vergangenes auf. Insgesamt ein verheißungsvoller Ausgangspunkt für eine Coming-of-Age-Geschichte.
Der Einstieg bestätigte allerdings meine Befürchtung. Die erste Hälfte plätschert eher dahin, ehe die Handlung langsam an Fahrt aufnimmt. Wer am Ball bleibt, findet schließlich eine Geschichte, die viele wichtige Themen berührt. Wir erfahren etwas über Mobbing, Rassismus, Sexualität, Feminismus, Liebe, Eltern-Kind-Beziehungen, häusliche Gewalt und Selbstfindung. Doch genau darin liegt für mich das Problem. Auf gut 300 Seiten wirkt diese Vielzahl an Themen überladen. Viele Aspekte werden nur angerissen, teilweise in einem einzigen Absatz abgehandelt, ohne die Tiefe, die sie verdient hätten.
Besonders auffällig wird das bei der Protagonistin Sickan. Einerseits ist ihre Entwicklung gut dargestellt, denn sie reift im Laufe der Handlung, ihre Beziehungen verändern sich, Freundschaften werden von ihr neu bewertet, sie wirkt zunehmend reflektierter. Andererseits erscheinen ihre Handlungen oft extrem und dadurch wenig authentisch. Hinzu kommt, dass sie selbst zur Täterin wird und andere mobbt – ein realistisches Phänomen, das hier jedoch ebenfalls nur oberflächlich beleuchtet bleibt. Dadurch fiel es mir schwer, eine Verbindung zu ihr aufzubauen oder Sympathie zu entwickeln.
Erst auf den letzten Seiten gewinnt das Buch mehr Tiefe. Die Auseinandersetzung mit Sickans Mutter und ihrer Vergangenheit hätte meiner Meinung nach schon viel früher stärker in den Fokus rücken können. Stattdessen blieb vieles an der Oberfläche und auch zentrale Themen wie Freundschaft wurden nur am Rande behandelt.
Was mir jedoch positiv aufgefallen ist, ist der Schreibstil von Jenny Mustard. Der Ton ist flüssig und transportiert ein wunderschönes schwedisches Flair. Die Stimmung, die Bilder und die Großstadtatmosphäre sind eindrucksvoll eingefangen. Das war für mich der Aspekt, der am meisten überzeugt hat.

Insgesamt konnte mich "Beste Zeiten" trotz dieser Stärken nicht wirklich begeistern. Zu viele Themen auf zu wenig Raum, zu wenig Tiefe in der Charakterdarstellung und eine teils unglaubwürdige Protagonistin sorgten dafür, dass der Roman für mich nur zwischen zweieinhalb und drei Sternen landet. Ein anderes thematisches Gewicht oder ein stärkerer Plottwist hätten hier viel retten können.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Themen
Veröffentlicht am 28.09.2025

Von Hustle und Hürden

Hustle
0

„Hustle" von Julia Bähr ist für mich ein Buch voller Gegensätze. Was mich sofort überzeugt hat, war die Sprache. Diese ist flüssig, anschaulich, leicht sarkastisch und mit etwas Humor versehen. Julia Bähr ...

„Hustle" von Julia Bähr ist für mich ein Buch voller Gegensätze. Was mich sofort überzeugt hat, war die Sprache. Diese ist flüssig, anschaulich, leicht sarkastisch und mit etwas Humor versehen. Julia Bähr gelingt es, gesellschaftskritische Themen einzuflechten, ohne belehrend zu wirken. Auch die queeren Elemente sowie die Ansätze von Female Rage fand ich spannend. Dadurch entsteht ein Tonfall, der angenehm modern wirkt und mich der Gegenwart geht.
Die Figuren hingegen bleiben ein zwiespältiger Punkt. Zwar mochte ich die meisten Charaktere, allerdings blieben viele eher blass. Lediglich Leonie als Protagonistin habe ich mehr kennenlernen können. Bei den Handlungen konnte ich zudem nicht immer folgen. Manche Entscheidungen, insbesondere von Leonie selbst, wirkten für mich nicht nachvollziehbar oder blieben unaufgelöst. Insbesondere gegen Ende des Buches.
Das führt auch zu meinem größten Kritikpunkt, nämlich der Botschaft des Romans. Soll das Buch suggerieren, dass man sich durchs Leben hustlen muss – notfalls auch kriminell – um etwas zu erreichen? Auf den letzten Seiten nimmt die Kriminalität plötzlich stark zu, ohne dass dies größere Konsequenzen hätte oder eine klare Essenz sichtbar wird. Vieles schien wie nebenbei zu passieren, ohne echten Spannungsbogen oder roten Faden. Das Versprechen auf dem Cover „Bildet Banden und lest dieses Buch“, hatte bei mir große Erwartungen geweckt, die letztlich nicht erfüllt wurden.
Zwar ist Leonie als Protagonistin mit ihrer Liebe zur Naturwissenschaft interessant angelegt, doch bleibt sie für mich merkwürdig emotionslos. Ihre Reflexionen eröffnen Fragen, die jedoch selten beantwortet werden. So entsteht zwar keine Langeweile, aber auch kein wirklicher Sog. Am Ende hatte ich das Gefühl, dass mir Fokus und Motivation in der Erzählung fehlten. Sicherlich wurde Interpretationsspielraum für die Lesenden geschaffen, aber m.E. etwas zu stark.

Insgesamt liest sich „Hustle“ leicht weg, bringt wichtige Themen und einen großartigen Schreibstil mit. Dennoch verfehlte für mich die inhaltliche Schlagkraft. Ein Buch, das mehr andeutet, als es wirkt. Daher lässt es mich eher nachdenklich als begeistert zurück.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.07.2025

Rosen duften auch schwer

Das Lied der Rose
0

Julia Kröhns historischer Roman "Das Lied der Rose" entführt seine Leser:innen in eine eindrucksvoll recherchierte Welt des Mittelalters – mit all ihren politischen Intrigen, persönlichen Schicksalen zwischen ...

Julia Kröhns historischer Roman "Das Lied der Rose" entführt seine Leser:innen in eine eindrucksvoll recherchierte Welt des Mittelalters – mit all ihren politischen Intrigen, persönlichen Schicksalen zwischen Macht und Liebe. Dennoch hat mich das Buch trotz dieser vielversprechenden Voraussetzungen nicht vollständig überzeugen können.

Der Einstieg in die Geschichte fiel mir ausgesprochen schwer. Das lag vor allem an der Vielzahl der Figuren und der ständigen Ortswechsel, die mich zu Beginn regelrecht überfordert haben. Zwar enthält das Buch hilfreiche Orientierungshilfen wie eine Landkarte und ein Personenverzeichnis, doch selbst mit diesen konnte ich mich nur mühsam in der mittelalterlichen Welt zurechtfinden. Viele Schauplätze werden in einem Atemzug genannt, die Figuren treten fast im Minutentakt auf oder werden genannt – das erschwert es, eine emotionale Bindung zu den Charakteren aufzubauen. So blieben viele von ihnen für mich eher schemenhaft und austauschbar.
Besonders schade fand ich, dass im Erzählfluss teilweise untergeht, dass viele der dargestellten Figuren historisch real oder zumindest angelehnt an echte Persönlichkeiten sind. Auch das Thema Kirche – das ich mir als prägender Bestandteil dieser Zeit zentraler gewünscht hätte – bleibt eher im Hintergrund.
Erst ab etwa der Hälfte des Buches begann sich für mich eine gewisse Spannung zu entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt hat mich die Handlung endlich richtig gepackt. Insbesondere die Handlung um Sahar und Marian habe ich überaus gerne verfolgt. Auch die Figuren Akiba und Adémar fand ich äußerst gelungen und hätte gerne noch mehr über sie erfahren. Philippa war ebenfalls interessant, doch mit ihrem Ehemann Guillaume wurde ich überhaupt nicht warm. Die Passagen aus seiner Perspektive empfand ich als zäh und wenig fesselnd, was meinen Lesefluss deutlich gebremst hat. Gegen Ende ebbt die Spannung leider wieder ab – subtil und ruhig, aber mir persönlich zu zurückhaltend, gerade nach dem mühsamen Beginn.
Was ich allerdings noch hervorheben möchte, ist das sprachliche Können von Julia Kröhn. Ihr Schreibstil ist eindrucksvoll, atmosphärisch und trägt die Geschichte trotz aller Längen. Es ist offensichtlich, wie viel Recherche und Arbeit in diesen rund 700 Seiten steckt. Dennoch bleibt bei mir das Gefühl zurück, dass "Das Lied der Rose" mit mehr Straffung und Fokus auf weniger Figuren deutlich stärker hätte sein können - wobei dann jedoch die komplexe Handlung auf der Strecke geblieben wäre und damit der historische Schwerpunkt.

Ich habe bereits andere Werke der Autorin gelesen, die mich weitaus mehr überzeugt haben – kürzer, spannender, dichter erzählt. Dieses Buch ist voller Potential, konnte mich jedoch über weite Strecken nicht wirklich mitreißen. Deshalb vergebe ich drei Sterne und möchte aber nochmal den Stil und auch die Arbeit hinter dem Roman anerkennen, dennoch meinen ehrlichen Eindruck mitgeben, dass dies nicht Kröhns stärkstes Werk ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Atmosphäre
Veröffentlicht am 28.06.2025

Strandgut ohne Fundstück

Strandgut
0

Ich habe mich wirklich sehr auf „Strandgut" gefreut. Als Leserin, die schon seit einer ganzen Weile immer wieder um "Offene See" herumgeschlichen ist, war meine Vorfreude auf dieses neue Buch von Benjamin ...

Ich habe mich wirklich sehr auf „Strandgut" gefreut. Als Leserin, die schon seit einer ganzen Weile immer wieder um "Offene See" herumgeschlichen ist, war meine Vorfreude auf dieses neue Buch von Benjamin Myers groß – zumal ich so viel Gutes über seinen Schreibstil gehört hatte. Und tatsächlich: Die ersten Seiten haben mich sofort gepackt. Die Sprache ist feinfühlig, atmosphärisch dicht und voller Bedeutung. Es war genau diese Art von Stil, die mich in Büchern berührt – ruhig, poetisch, tief.

Aber je weiter ich gelesen habe, desto mehr habe ich gemerkt, dass sich diese sprachliche Kraft für mich leider nicht auf die Handlung übertragen hat. Der Inhalt zog sich für mein Empfinden sehr zäh dahin. Es fehlte mir an emotionaler Tiefe und echter Verbindung zu den Figuren. In manchen Momenten konnte ich zwar stark mit Bucky Bronco mitfühlen – besonders, wenn es um seine von der Vergangenheit beschwerte Seele ging. Diese Szenen waren eindringlich und haben mich berührt. Doch insgesamt konnte ich zu ihm keine echte Beziehung aufbauen. Er blieb mir fremd, fast wie hinter einer Glasscheibe.
Auch mit Dinah bin ich nicht richtig warm geworden. Ihr familiärer Hintergrund – die Rücksichtslosigkeit ihres Umfelds und das Ausharren in einer lieblosen Beziehung – hat mich mehr abgestoßen als mitfühlen lassen. Ich weiß, dass es solche Lebensrealitäten gibt, und finde es grundsätzlich gut, dass sie literarisch sichtbar gemacht werden. Aber die Darstellung dieser Beziehung war für mich schwer auszuhalten und hat mich eher abgestoßen als bewegt.

Die Annäherung zwischen Dinah und Bucky wirkte auf mich leider nicht so authentisch und emotional, wie ich es mir gewünscht hätte. Die poetischen, oft bildhaften inneren Monologe von Bucky haben mir sprachlich gefallen – aber sie haben mich nicht so sehr erreicht, wie ich gehofft hatte. Ich war oft außen vor, statt wirklich mitzuschwimmen im Fluss der Geschichte.

Was ich allerdings sehr positiv hervorheben möchte: Die Gestaltung des Buches ist wunderschön und optisch wirklich gelungen. Das Cover, das Papier, das Gesamtbild – alles sehr hochwertig und ansprechend.

Unterm Strich bleibt für mich ein literarisch schön geschriebenes, aber inhaltlich schwer greifbares Buch, das mich leider nicht so berührt hat, wie ich es mir gewünscht hätte. Offene See reizt mich weiterhin – vielleicht irgendwann. Aber jetzt erstmal nicht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.09.2024

Pineapple Street - Süß, aber ohne Saft!

Pineapple Street
0

Mit hohen Erwartungen habe ich Pineapple Street von Jenny Jackson begonnen, vor allem, weil das Buch als modernes Pendant zu Jane Austens Werken beworben wurde. Der Vergleich mit Austen suggeriert, dass ...

Mit hohen Erwartungen habe ich Pineapple Street von Jenny Jackson begonnen, vor allem, weil das Buch als modernes Pendant zu Jane Austens Werken beworben wurde. Der Vergleich mit Austen suggeriert, dass uns hier eine ebenso scharfsinnige Gesellschaftsanalyse, liebenswerte, wenn auch fehlerhafte Charaktere und eine gewisse emotionale Tiefe erwarten – Eigenschaften, für die Austen bekannt ist. Doch leider wurden diese Erwartungen nicht erfüllt.
Der Roman begleitet drei Protagonistinnen – Sascha, Georgiana und Darley – durch ihre Leben im wohlhabenden Umfeld von Brooklyn Heights. Jackson nutzt einen interessanten stilistischen Kniff, indem sie die Geschichte aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt, was dem Buch durchaus narrative Tiefe verleiht. Diese multiperspektivische Erzählweise ist auch einer der stärksten Aspekte des Romans, da sie die verschiedenen Welten und Probleme der Figuren beleuchtet und die Dynamik innerhalb der Familie greifbar macht.
Trotz dieser Struktur gelingt es Jackson jedoch nicht, eine emotionale Verbindung zu ihren Protagonistinnen aufzubauen. Sascha, Georgiana und Darley bleiben durchweg distanziert und unsympathisch. Zwar hat jede ihre Fehler, was sie menschlich machen sollte, doch fehlt es ihnen an jener charmanten Unvollkommenheit, die Austens Figuren so liebenswert macht. Stattdessen wirken sie flach und kaum weiterentwickelt, was es schwer macht, sich mit ihnen zu identifizieren oder gar mit ihnen mitzufühlen.
Was mich persönlich am meisten enttäuscht hat, war die fehlende Spannung und Tiefe in der Handlung. Ich habe die ganze Zeit nach einer zentralen Botschaft gesucht, nach einem roten Faden, der das Buch zusammenhält und ihm Bedeutung verleiht. Doch diese Suche blieb erfolglos. Das Buch plätschert eher vor sich hin, ohne echten Höhepunkt oder emotionalen Tiefgang. Die Ereignisse haben wenig Nachhall, und das Gefühl, dass das Buch auch nach dem Lesen noch lange im Gedächtnis bleibt, bleibt leider aus.
Obwohl der Schreibstil von Jackson durchaus angenehm ist und die flüssige Erzählweise das Lesen leicht macht, hat das nicht ausgereicht, um die fehlende emotionale Bindung zu den Charakteren und die blassen Handlungsstränge auszugleichen. Anders als erhofft, ist Pineapple Street kein Wohlfühl-Roman, der tief berührt oder gar ein Gefühl von Wärme hinterlässt, wie es etwa die Werke von Gabriele Engelmann oder Tabea Bach oft tun.

Insgesamt ist Pineapple Street für mich ein durchschnittlicher Roman, der zwar gut geschrieben ist, aber weder emotionale Tiefe noch Spannung bietet. Die Figuren sind schwer zugänglich, und es fehlt an einem packenden Plot, der mich als Leserin wirklich mitgerissen hätte. Aus diesen Gründen kann ich dem Buch leider nur drei Sterne geben. Ein solider Roman mit guten Ansätzen, aber leider ohne bleibenden Eindruck.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere