Fesselnd verpackte Gesellschaftskritik
BabelDer chinesische Waisenjunge Robin wird von seinem Vormund aus seinem Heimat geholt, um ein anscheinend besseres Leben in England zu führen. Er beginnt sein Studium in Babel, einem Ort, der die besten Übersetzer ...
Der chinesische Waisenjunge Robin wird von seinem Vormund aus seinem Heimat geholt, um ein anscheinend besseres Leben in England zu führen. Er beginnt sein Studium in Babel, einem Ort, der die besten Übersetzer des Landes ausbildet, um mit ihrer Hilfe das Silberwerken zu ermöglichen.
Das Buch wurde mir mit den Worten empfohlen, dass „Babel“ Harry-Potter für Erwachsene wäre. Im ersten Moment stimmt dies sicher auch: Robin ist ein armer Waisenjunge mit einem verblüffenden Talent für Sprachen, der gemeinsam mit seinen Freunden die ersten Jahre in Babel absolviert und dabei die Magie des Silberwerken kennen lernt. Damit hören für mich die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf.
Sehr schnell wird deutlich, dass der Schein trügt und das Studium nur eine Form der Ausnutzung ist. Der ganze Roman ist sehr gesellschaftskritisch und zeigt auf, wie der Reichtum der westlichen Welt durch die Ausbeutung anderer Länder ermöglicht wurde oder auf Kosten der eigenen schwächeren Mitglieder der Gesellschaft.
Das Buch gibt einen Überblick über die Bedeutung von Sprache und Übersetzung, aber auch historische Einblicke in die Zeit des Kolonialismus. Es geht um Macht, Unterdrückung und Ausbeutung. Obwohl mir vieles schon bekannt war, hat mit mir erst der Roman wirklich bewusst gemacht, wie weit die Tragweite der damaligen Strukturen ist. Wenn man es liest, sollte man damit leben können darauf hingewiesen zu werden, dass man auch heute noch Teil des Systems ist.
Verblüffend fand ich an dem Roman, dass ich genauso wie Robin einige Zeit gebraucht habe, um die Ungerechtigkeit in der Welt wirklich zu sehen. Ich wollte mit Robin in Babel bleiben und mit ihm gemeinsam mehr über die Bedeutung der Sprache und die Tücken der Übersetzung lernen. Ich wollte nicht der Wahrheit ins Auge sehen und akzeptieren, dass es auch eine Entscheidung für Unterdrückung ist, wenn man sein gewohntes Leben weiterführt.
Mein einziger Kritikpunkt ist, dass ich mit den Protagonisten nicht wirklich warm geworden bin. Trotz vieler Erklärungen und Beschreibungen konnte ich ihr Handeln oft nicht verstehen, besonders zum Ende hin wurde es mir zu extrem. Sie sind mir nicht ans Herz gewachsen und waren mir zeitweise sogar fast unsympathisch.
Nichtsdestotrotz hat mich das Buch zum Nachdenken gebracht und auch einige Zeit nach dem Lesen noch beschäftigt. Viel zu oft verschließen wir die Augen vor der Realität, auch wenn wir es eigentlich besser wissen müssten.