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Veröffentlicht am 08.08.2025

Wenn Yoko zur John wird und die Hölle losbricht

John
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Wusste ja nicht, dass ich mit einem Krimi mal ins Schwitzen komme, ohne auch nur einen Meter gelaufen zu sein. „John“ von Bernhard Aichner hat mir den Schädel durchgepustet wie ein Sturm über eine verlassene ...

Wusste ja nicht, dass ich mit einem Krimi mal ins Schwitzen komme, ohne auch nur einen Meter gelaufen zu sein. „John“ von Bernhard Aichner hat mir den Schädel durchgepustet wie ein Sturm über eine verlassene griechische Klippe. Die Geschichte beginnt ruhig – fast zu ruhig – und man denkt sich: Na, wenn das mal gutgeht. Spoiler: Natürlich geht’s nicht gut. Und genau das ist so genial daran. Yoko alias John lebt das entspannte Inselleben, doch im Hintergrund lauert die Vergangenheit wie ein schlecht gelaunter Mafiaboss mit Sonnenbrand.

Der Schreibstil ist wie ein Espresso nach zehn Bier – kurz, stark, manchmal bitter, aber mit Nachdruck. Aichner ballert einem seine Sätze um die Ohren, als hätte er einen Taktstock aus Rasierklingen in der Hand. Dialoge? Knapp. Gedanken? Düster. Atmosphäre? So dicht, dass man sie schneiden könnte – mit einem griechischen Brotmesser.

Trotz der Spannung bleibt Zeit für schräge Details, schrullige Nebenfiguren und einen unterschwelligen Humor, der einem manchmal das Lächeln ins Gesicht tackert, obwohl man eigentlich gerade die nächste Katastrophe wittert. Die Identitätsfrage, das Spiel mit Schuld und Flucht, zieht sich durch wie ein roter Faden aus Stacheldraht.

Natürlich bleibt ein kleiner Kritikpunkt: Manchmal fühlt sich das Ganze ein bisschen zu gewollt cool an – wie ein Typ in Lederjacke bei 40 Grad im Schatten. Aber hey, der Stil ist halt Aichner. Und dafür liebe ich ihn.

Vier Sterne von mir – weil der fünfte irgendwo auf der Flucht verloren gegangen ist.

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Veröffentlicht am 02.08.2025

Ferienwahnsinn mit Humor ertragen – Judith Luig macht’s vor

Du wolltest doch auf den Ponyhof!
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Du wolltest doch auf den Ponyhof! – tja, das dachte ich auch, als ich das Buchcover sah. Erwartet hatte ich eine lockere Ponyhof-Romantik, vielleicht mit einem Hauch Bullerbü-Idylle. Bekommen habe ich ...

Du wolltest doch auf den Ponyhof! – tja, das dachte ich auch, als ich das Buchcover sah. Erwartet hatte ich eine lockere Ponyhof-Romantik, vielleicht mit einem Hauch Bullerbü-Idylle. Bekommen habe ich stattdessen einen humorvollen, manchmal herrlich überdrehten Ritt durch die bitter-süße Realität von Familienurlauben mit kleinen Kindern. Judith Luig schreibt, als säße sie mit einem Kaffee (wahrscheinlich kalt geworden) am Küchentisch und würde einem die besten Anekdoten servieren – ehrlich, charmant und immer mit einem Augenzwinkern.

Man fühlt sich sofort ertappt, wenn der Plan “diesmal wird alles entspannt” schon auf Seite 10 zerschellt. Es ist tröstlich, zu lesen, dass selbst die abenteuerlichsten Ferienpläne (Eltern mitnehmen! Robinson-Club! Nordsee im April!) regelmäßig im Chaos enden. Trotzdem schafft es Luig, diesen Wahnsinn so humorvoll zu verpacken, dass man als Leser das eigene Urlaubstrauma plötzlich viel gelassener sieht.

Besonders witzig fand ich ihre Beschreibungen der familienhoteltauglichen Selbstaufgabe – man spürt förmlich, wie sie innerlich schreiend den Wellnessbereich anstarrt, während der Nachwuchs sich am Basteltisch festklebt. Auch das ewige Scheitern an der Erwartung, als Paar mal wieder zueinander zu finden, trifft sie mit einer Mischung aus Ironie und liebevoller Resignation auf den Punkt.

Stellenweise hätte ich mir allerdings etwas mehr Tiefgang gewünscht. Die Geschichten sind lustig, keine Frage, aber manchmal wirkte es, als würde Luig den schnellen Gag über die emotionale Tiefe stellen. Trotzdem: Wer selbst Kinder hat (oder hatte) und bei dem das Wort “Urlaub” eher für leichtes Zucken sorgt, wird sich hier wiederfinden – und dabei schmunzeln, laut lachen und am Ende seltsam erleichtert das Buch zuklappen.

Kein Ponyhof also – aber ein sehr unterhaltsamer Erlebnisbericht, der genau das richtige Maß an Selbstironie und Herz mitbringt. Vier solide Sterne, weil’s mit Augenzwinkern genau den Nerv trifft, auch wenn ich mir vom Cover her anfangs was anderes vorgestellt hatte.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Landluft, Liebeswirren und eine Frau, die mehr draufhat als Imogen denkt

Die Nachbarin
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Ich dachte ja, ich wäre gegen britischen Landadel-Charme immun. Pustekuchen! Die Nachbarin von Elizabeth Jenkins hat mich eiskalt erwischt. Da denkt man, man bekommt ein gemütliches Tee-mit-Scones-Romanchen, ...

Ich dachte ja, ich wäre gegen britischen Landadel-Charme immun. Pustekuchen! Die Nachbarin von Elizabeth Jenkins hat mich eiskalt erwischt. Da denkt man, man bekommt ein gemütliches Tee-mit-Scones-Romanchen, und dann sitzt man plötzlich mitten in einem psychologischen Katz-und-Maus-Spiel, bei dem ich stellenweise nicht wusste, ob ich lachen, weinen oder Imogen einfach mal schütteln soll.

Imogen – unsere Heldin, naiv, aber mit Herz – hat diesen Evelyn geheiratet. Ein Typ, der jedes Mal, wenn er aus London angerollt kommt, so tut, als würde er zufällig bei der burschikosen Nachbarin Blanche auf ein Pläuschchen vorbeistolpern. Blanche, die in Tweed gehüllt mit der Angelrute über die Felder marschiert, als wäre sie der heimliche Boss der Grafschaft. Ich hab’s gefeiert!

Das Schöne an diesem Buch: Jenkins schreibt nicht mit dem Holzhammer. Sie schleicht sich an, lässt Dialoge wirken und bringt einen dazu, an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Wer ist hier eigentlich das Problem? Imogen mit ihrer mädchenhaften Zartheit? Blanche mit ihrer robusten Natürlichkeit? Oder der Herr Gatte, der wie ein Eichhörnchen zwischen den beiden hin- und herspringt?

Es wird nie laut, nie kitschig, aber immer ein bisschen schräg und wunderbar britisch-skurril. Das hat mich fasziniert. Natürlich will man zwischendurch Imogen eine Portion Rückgrat und Blanche ein paar Manieren rüberschicken, aber genau das macht den Spaß aus. Es ist kein Drama mit Blitz und Donner, sondern ein leiser, aber umso fieserer Nadelstich ins Selbstbewusstsein.

Einen Stern ziehe ich ab, weil es manchmal doch etwas gemächlich vor sich hin plätschert – man will wissen, wann die Bombe endlich platzt, aber Jenkins lässt einen zappeln wie einen überforderten Forellenangler.

Fazit: Die Nachbarin ist wie ein charmant-vergifteter Tee bei einer britischen Lady – man merkt erst zu spät, dass man schon mittendrin steckt. Und das macht’s ziemlich genial.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Politthriller mit Zündschnur – Wenn dein Leben plötzlich eine Verschwörung ist

Sein Wille geschehe
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Ich hab’s wirklich versucht, das Buch aus der Hand zu legen – ehrlich! Aber Andrew Bridgeman hat mich in "Sein Wille geschehe" sowas von an den Seiten festgetackert, dass ich mich gefühlt habe wie Ben ...

Ich hab’s wirklich versucht, das Buch aus der Hand zu legen – ehrlich! Aber Andrew Bridgeman hat mich in "Sein Wille geschehe" sowas von an den Seiten festgetackert, dass ich mich gefühlt habe wie Ben Danvers auf der Flucht: keine Pause, kein Atemholen, immer die nächste Wendung im Nacken. Man wacht morgens auf, denkt an seinen Kaffee, und zack, ist man wieder in den Tentakeln dieses wahnsinnigen Kults gefangen, der sich durch Washingtons Hinterzimmer schleicht.

Ben erfährt also, dass er nicht einfach nur Ben ist, sondern Sohn der zukünftigen Vizepräsidentin. Jackpot? Naja, eher die Mutter aller Identitätskrisen. Gemeinsam mit Emma, einer FBI-Agentin mit mehr Rückgrat als so mancher Politiker im Buch, stürzt er sich in einen Verschwörungsstrudel, der selbst Dan Brown ein nervöses Zucken verpassen würde.

Der Schreibstil? Schnell, hart, ohne Schnörkel – wie ein Espresso nach Mitternacht. Hier wird nicht lange gefackelt, sondern zielsicher durch die Story geprescht. Manche Dialoge haben mich dabei echt zum Schmunzeln gebracht, weil sie so schön trocken und sarkastisch daherkommen. Emma ist sowieso der heimliche Star. Die Frau hat mehr Ecken und Kanten als der Schreibtisch eines FBI-Bürokraten.

Was mir nicht so gefallen hat? Die ein oder andere Action-Szene war für meinen Geschmack ein bisschen over the top – da fliegt gefühlt ganz Washington in die Luft, während Ben und Emma ohne einen Kratzer weiterrennen. Aber gut, ein bisschen Hollywood darf’s sein.

Alles in allem ist "Sein Wille geschehe" ein echter Pageturner für alle, die Verschwörungen, Intrigen und Charaktere mit Biss lieben. Kein literarischer Feingeist, aber verdammt unterhaltsam. Vier Sterne von mir – einen zieh ich ab, weil ich das Gefühl hatte, nach dem Lesen erstmal selbst vom FBI verhört zu werden. Aber hey, Langeweile sieht anders aus!

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ein Baum, der Erinnerungen frisst – und Herzen wärmt

Der Baum der verborgenen Erinnerungen
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Also, wenn mir vor ein paar Wochen jemand gesagt hätte, dass ich freiwillig ein Buch über einen hohlen Baum in einem Shinto-Schrein lese, hätte ich laut gelacht und weiter meine Krimis verschlungen. Aber ...

Also, wenn mir vor ein paar Wochen jemand gesagt hätte, dass ich freiwillig ein Buch über einen hohlen Baum in einem Shinto-Schrein lese, hätte ich laut gelacht und weiter meine Krimis verschlungen. Aber Keigo Higashino hat es geschafft, mich mit Der Baum der verborgenen Erinnerungen in eine ganz andere Welt zu ziehen – und ich sag’s euch: Dieser Baum hat’s faustdick hinter der Rinde!

Die Idee allein ist schon ein Knaller: Man stapft bei Neumond in diesen Schrein, zündet eine Kerze an, flüstert dem Baum eine Erinnerung ins Holz – und zack, das Leben eines Familienmitglieds kann sich ändern. Magisch, oder? Und keine Sorge, das klingt kitschiger als es ist. Higashino verpackt das Ganze mit so viel Herz und japanischem Feingefühl, dass man gar nicht anders kann, als sich selbst zu fragen, welche Erinnerung man da wohl loswerden würde.

Der junge Reito, der erstmal gar nichts von dem Zauberbaum weiß, ist mir mit seiner neugierigen Art direkt ans Leserherz gewachsen. Man merkt richtig, wie er an seinen Erlebnissen wächst – ohne, dass es zu esoterisch wird. Auch die Geschichten der anderen Familien, die sich nach und nach wieder zusammenraufen, haben mich gepackt, ohne mir den Zuckerschock zu verpassen.

Natürlich ist das alles nicht Actionkino, eher eine literarische Tasse Tee mit einem Schuss Wunder. Wer hier Spannung à la Thriller sucht, wird wahrscheinlich enttäuscht in den Baum reinschreien. Aber wer sich auf die leisen Töne einlässt, kriegt eine wunderschöne, leicht melancholische Geschichte mit viel Wärme zurück.

Warum keine fünf Sterne? Na ja, an ein, zwei Stellen hat der gute Herr Higashino die Erzähltempo-Bremse etwas zu fest getreten. Da wollte ich ihm rufen: „Jetzt aber Hopp, ich hab nicht ewig Zeit!“ Trotzdem – das Gefühl, am Ende das Buch mit einem zufriedenen Seufzer zuzuklappen, war da. Und das zählt.

Fazit: Ein Buch wie eine sanfte Brise – die einen manchmal kitzelt, manchmal zum Nachdenken bringt, aber immer angenehm ist. Vier Sterne von mir, und wer weiß, vielleicht flüstere ich auch mal meine eigene Erinnerung in einen Baum.

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