Profilbild von MarieOn

MarieOn

Lesejury Star
offline

MarieOn ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit MarieOn über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.08.2025

Ruhiges, solides Romandebüt

Himmel ohne Ende
0

Charlie ist fünfzehn und muss zur Schulpsychologin Frau Knubbe. Sie sitzt ihr in ihrem Büro gegenüber und lässt den Blick schweifen. Auf dem Schreibtisch liegen stapelweise Mappen, ungeordnete Stifte, ...

Charlie ist fünfzehn und muss zur Schulpsychologin Frau Knubbe. Sie sitzt ihr in ihrem Büro gegenüber und lässt den Blick schweifen. Auf dem Schreibtisch liegen stapelweise Mappen, ungeordnete Stifte, eine Schale mit Rosinen und eine Schachtel Zigaretten. Wenn die Wohnung der Spiegel der Seele ist, wie Charlies Mama immer sagt, dann ist Frau Knubbes Seele ziemlich rummelig. Charlie kaut Fingernägel und versucht die Antworten auf Frau Knubbes Fragen zu umschiffen. Sie ist mit dem Verlust ihres Vaters noch nicht fertig, aber das kommt ihr nicht über die Lippen. Das Helle ist dunkler geworden und die Apfelschorle schmeckt anders. Kati ist nicht mehr ihre Freundin und ihre Mutter seit Wochen gestresst. Genug Gründe, warum sie hier sitzt, aber irgendwas blockiert sie.

Im Unterricht verliert sie die Worte. Sie kann die Fragen der Lehrer nicht beantworten, ihr Kopf bleibt leer und wird heiß. Tränen verschleiern ihr die Sicht, die anderen lachen. Charlie sieht sich hilfesuchend nach Kati um, aber die sitzt jetzt neben Sofia und verdreht die Augen. Die Klassentür öffnet sich und ein Junge tritt ein. Er ist riesig, hat blonde Locken und wirkt sehr sicher. Die Lehrerin stellt ihn als Kornelius vor, Schmitti ruft: „der sieht aus wie Pommes“. Pommes lacht und setzt sich neben Charlie.

Zuhause schiebt Charlie eine Tiefkühlpizza in den Backofen. Ihre Mutter hatte Spätschicht und liegt im Bett, wie meistens. Charlie schaltet den Fernseher an und guckt ihre Lieblingsserie „Liebe auf Umwegen“. Der Bösewicht Giovanni will mit seiner Freundin abhauen. Das würde Charlie auch gerne. Sie schaut durch das Fenster in den Himmel und denkt an ihren Vater. Sieben Jahre war sie alt, als er in der Küche stand und zu ihrer Mutter sagte: „Ich kann nicht mehr“. Er nahm seine Reisetasche, ging zur Wohnungstür, öffnete sie und schloss sie hinter sich. Auch da hatte Charlie keine Worte gehabt. Sie glaubt, dass die richtigen Worte ihn aufgehalten hätten, dass er dann bei ihr geblieben wäre.

Fazit: Julia Engelmann, die Poetry-Slammerin, Sängerin und Schauspielerin, hat ein ruhiges, solides Romandebüt hingelegt. Sie versetzt sich in ihre traurige, jugendliche Protagonistin und lässt sie ihr Erleben erzählen. Sie fühlt sich falsch, anders und nirgendwo dazugehörig. Sie muss den Verlust des Vaters verkraften, die Traurigkeit der Mutter aushalten und Freundschaften scheitern sehen. Die Unsicherheit behindert sie so sehr, dass ihr jede Eigeninitiative abhandenkommt. Ein neuer Mitschüler bringt Licht in ihr Dunkel, sieht sie, hört ihr zu und bringt sie zum Lachen, doch auch er leidet. Mir war der Anfang der Geschichte zu düster. Ich konnte mich nicht so recht einlassen. Trotz der Schwere und der Aussichtslosigkeit blieb ich emotional unbewegt. So als hätte die Autorin ihrer Heldin ihre eigenen Vorstellungen von Traurigkeit übergestülpt. Das änderte sich für mich jedoch nach siebzig Seiten. Ab da fehlte mir nichts mehr. Da war Humor, jede Menge Gefühl, ganz feine Metaphern und ganz viel Glaubwürdigkeit. Es hat mich bewegt Charlie bei ihren Erfahrungen im Zwischenmenschlichen, ihrer Entwicklungs,- und Erkenntnisfähigkeit über die Schulter zu schauen. Plötzlich war meine eigene Jugend wieder ganz nah. Insgesamt ein lesenswerter Coming -of- Age Roman.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.07.2025

Spritzige, trashige Unterhaltung

Single Mom Supper Club
0

Tamara ist oft mit ihren Kindern Anna, Charlie und Piper auf dem Spielplatz am Dreiländereck Kreuzberg, Neukölln, Treptow. An einem der Nachmittage stößt sie zu den Momfluencerinnen Lexi, Sascha, Nana ...

Tamara ist oft mit ihren Kindern Anna, Charlie und Piper auf dem Spielplatz am Dreiländereck Kreuzberg, Neukölln, Treptow. An einem der Nachmittage stößt sie zu den Momfluencerinnen Lexi, Sascha, Nana und Tugba. Sie haben sich über Insta mit ihr verabredet. Sascha ist voll schön mit ihren langen, glatten Haaren und dem coolen Styling, aber eigentlich sehen sie alle super aus und sie sind jung. So jung, dass Tamara sie in eine Zeitmaschine setzen und ihnen „die Pille danach“ in ihre Cornflakes rühren möchte. Sie fotografieren ihre Kinder beim Spielen, beim Essen und Schlafen und laden die Bilder bei Insta hoch. Alles ist nice, hell und sauber. Tamara und ihre Freundinnen vom Supperclub Antje, Kayla und Lina nennen die vier Grazien die „Cocaine Moms“. Sie sind ganz sicher die Insta-Royalties Berlins.

Manchmal fragt Tamara sich, warum sie mit Antje befreundet ist. Sie ist die einzige deutsche in der Gruppe und sie ist ätzend kritiksüchtig. Die anderen mögen sie auch nicht. Sie passt manchmal auf ihre Kinder auf, okay, hilft ihr bei der Ausländerbehörde und den Formularen, aber sie würde sie auch jederzeit problemlos beim Finanzamt anschwärzen, wenn sie wüsste, dass Tamara schwarzarbeitet.

Jochen hasst alles an Sad-Lina, ihre Haare, wie sie sich kleidet, wie sie redet, wie sie ihr Brot schneidet. Er hasst seine Arbeit, die Wohnung, in der sie leben und vor allem hasst er Georgie, Sad-Linas Sohn, der nicht von ihm ist. Sie ist froh, dass Jochen sich um sie kümmert, aber manches Mal, nach einem von Jochens Wutausbrüchen, fragt sie sich auch, ob sie eine toxische Beziehung haben.

Kayla muss zum Elternabend. Ihre Tochter Lucia braucht mehr Struktur, sagen die Lehrkräfte unisono. Es müsse jemand z Hause sein, wenn Lucia aus der Schule käme, jemand, der sie bei den Hausaufgaben unterstützt. Wie sie das schaffen soll, will Kayla wissen, wenn sie im Wechsel kellnert und putzt, um zu überleben.

Fazit: Jacinta Nandi hat eine Parodie geschaffen, die auf sarkastische Weise die gesellschaftlichen, strukturellen Beschränkungen alleinerziehender Mütter aufzeigen. Sie hat sich auf acht Frauen konzentriert, deren kultureller Hintergrund sehr unterschiedlich ist. Sie zeigt, welche Erwartungen auf Müttern lasten, ganz egal, ob sie Erziehung und Lebensunterhalt alleine stemmen müssen. Die einen versuchen durch Selbstoptimierung, Betäubungsmittel und der Hoffnung einen reichen Mann zu finden zu überleben, die anderen durch Schwarzarbeit. Der Supper Club ist der Berührungspunkt, der sie alle zusammenbringt, hier wird gekocht, gekokst und getrunken. Die Autorin hat die unterschiedlichen Charaktere großartig ausgearbeitet. Die Dialoge waren spritzig und die Sprache trashig. Die Geschichte an sich war mir zu oberflächlich, die Figuren teils stereotyp, was sicher beabsichtigt ist. Da waren einige schonungslos gezeigte Szenen, die mich haben schlucken lassen. Ich bin mir allerdings sicher, dass mein Lesevergnügen geschmälert wurde, weil ich den Humor nicht verstanden habe, denn das Buch hat viele Spitzenbewertungen bekommen. Wer also einen locker flockigen Unterhaltungsroman sucht, statt wie ich in Sinnfindung zu schwelgen, der möge dieses Buch lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.07.2025

Transgenerative Traumata

Evil Eye
0

Yara fühlt die Worte, die sie nicht aussprechen kann, wie ein Brennen unter der Haut. Sie weiß nicht, woran es liegt, aber sind sie erst ausgesprochen, scheinen sie ihre Bedeutung zu verlieren. Deshalb ...

Yara fühlt die Worte, die sie nicht aussprechen kann, wie ein Brennen unter der Haut. Sie weiß nicht, woran es liegt, aber sind sie erst ausgesprochen, scheinen sie ihre Bedeutung zu verlieren. Deshalb schweigt sie meistens.

Auf dem Dach eines Gebäudes, einer überfüllten Unterkunft im Westjordanland, zeigte Yaras Großmutter Teta, Yaras Mutter Meriem, das Kaffeesatzlesen. Teta war eine anerkannte Koryphäe, die auch mit großem Geschick auf der Terrasse Obst und Gemüse anbaute. Und an Meriems Hochzeitstag las Teta endlich auch aus ihrer Tasse, doch der Blick in das Porzellan verhieß nichts Gutes. Meriem bekäme viele Kinder und müsse Hürden überwinden. Tete umarmte ihre Tochter weinend. Der Verlust brannte in der Kehle und stach ins Herz. Am nächsten Tag würde Meriem mit ihrem Mann nach Amerika fliegen und von einer Gesangskarriere träumen. Tete legte ihr die goldene Kette mit Fatimas Hand um den Hals, sie werde sie vor dem bösen Blick schützen.

Fadi macht sonntags frei, dann kommen seine Eltern zum Essen. Yara rauscht dann im Eiltempo durchs Haus, um Bäder und Fliesen zu schrubben. Danach kocht sie ein mehrgängiges Menü, das erwartet ihre Schwiegermutter von ihr. Und sobald Nadja die Wohnung betritt, kontrolliert ihr strenger Blick, ob Yara all ihren Pflichten nachgekommen ist. Nadja will, dass es ihrem Sohn gut geht, dass es ihm an nichts fehlt. Fadi, die beiden Mädchen und ihr Job als Dozentin für Kunst belasten sie, aber sie will ihre Arbeit nicht aufgeben, sich einen Rest Eigenständigkeit bewahren. Sie wird keinesfalls zulassen, dass sie wie ihre Mutter ans Haus gefesselt ist. Doch dann fühlt sie sich an der Uni angegriffen und schimpft eine Kollegin als Rassistin.

Fazit: Etaf Rum hat eine Geschichte über die Auswirkungen transgenerativer Traumen geschaffen. Sie schreibt fiktional über Vertreibung und Migration. Über das Fremdsein, die Entwurzelung mit sich bringt, aber auch über Aberglaube und Gottergebenheit. Yaras Eltern waren von Palästina nach Brooklyn ausgewandert. Yara leidet unter Alltagsrassismus und Vorurteilen, aber auch unter dem kulturellen und religiösen Druck der kleinen arabischen Gemeinde, der sie angehört. Die Autorin lässt ihre Protagonistin in einer Familie aufwachsen, in der die Rollenbilder klar verteilt sind. Sie sieht jahrelang die Misogynie des Vaters gegen die Mutter. Der Tenor, der ihre Kindheit begleitet, ist, dass Frauen nichts wert sind und jederzeit Schande über die Familie bringen können, dann entweder verbannt oder willkürlich bestraft werden. So wie Yaras Selbstwert leidet, steigt ihr Misstrauen. Mit kurzen Wutausbrüchen versucht sie sich Luft zu verschaffen, wird dann jedoch in erheblichem Maß verurteilt. Letztendlich findet sie sich in einer ebenso toxischen Beziehung wieder wie alle Frauen vor ihr. Ich mochte die Geschichte sehr, weil sie genau die Schieflage verständlich macht, in die Frauen in patriarchalen Kulturen geraten. Ein wichtiges Thema finde ich. Der Roman hatte einige Längen und Wiederholungen und eine entsprechende Streichung einiger Passagen hätte mein Lesevergnügen durchaus verbessern können. Doch im Grunde ist der Autorin ein grundsolider Roman mit einem bewegenden Ende gelungen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.07.2025

Ein psychologisches Komplott

Schattengrünes Tal
0

Sie feiern Simons fünfundvierzigsten. Lisa, ihre beste Freundin Johanna und einige Freunde. Gerade als Lisa die letzten Töne ihrer schönen Stimme ausatmet, verstummt die Backgroundmusik und das Licht erlöscht. ...

Sie feiern Simons fünfundvierzigsten. Lisa, ihre beste Freundin Johanna und einige Freunde. Gerade als Lisa die letzten Töne ihrer schönen Stimme ausatmet, verstummt die Backgroundmusik und das Licht erlöscht. Die Gäste stolpern übereinander, ein Schmerzenslaut wird ausgestoßen. Draußen hat jemand den Stecker des Generators gezogen. Simon schaut auf sein Handy, stutzt, geht ein paar Schritte von Lisa weg. Sie fragt ihn, was los ist und erhält eine schroffe Antwort.

Simon war die letzten Wochen als Projektleiter für naturgemäße Waldwirtschaft in Polen. Dort hat er fast nicht gesprochen, ist die meiste Zeit durch die unberührte Natur gelaufen und hat Flora und Fauna bewundert. Jetzt ist er wieder hier, hat zu viel gegessen und zu laute Musik gehört. Er weiß, dass Lisa es gut gemeint hat und es freut ihn, dass sie für ihn gesungen hat, aber er muss erst wieder ankommen. Als sein Handy vibriert hat, verharrte sein Blick länger als er eigentlich wollte. Eine anonyme Nachricht ließ ihn schlucken: „Alles Liebe zu deinem Hochzeitstag Simon“. Niemand seiner Freunde oder Bekannten hätte ihm anonym gratuliert. Es kann nur sie gewesen sein. Und er denkt an das Blut auf ihrer weißen Haut.

Lisa ist am frühen Morgen auf dem Weg in das Hotel ihres Vaters, die Heizung ist ausgefallen. Sie ist eigentlich für die Buchhaltung zuständig, aber wenn Not am Mann ist, springt sie auch schon mal ein. Margret kommt die Treppe herunter. Vor fünfzehn Jahren bewarb sie sich als Servicekraft, ihr Vater stellte sie ein und ihr Siegeszug begann. Lisas Mutter erkrankte mit Anfang sechzig an Demenz und wurde ins Pflegeheim ausquartiert, seitdem schläft Margret auf ihrer Bettseite. Der einzige Gast dieses Tages ist eine junge Frau, die sich nicht an dem kalten Zimmer zu stören scheint.

Fazit: Kristina Hauff hat ein psychologisches Komplott geschaffen. Die Protagonistin Lisa neigt dazu, sich für alles verantwortlich zu fühlen. Sie litt unter dem lieblosen, patriarchalen Vater, der in seiner Gunst stets Lisas Bruder bevorzugte. Sie hätte gerne mehr Zuständigkeiten im Hotel, doch ihr Vater traut ihr nichts zu. Lisa ist nähesuchend und leidet unter der teilweise abweisenden Haltung ihres Mannes. Die fremde Frau, die sich im Hotel einquartiert hat und der Kälte trotzt, hat gute persönliche Gründe. Lisa nimmt sich ihrer nichtsahnend an und verliert mehr und mehr die Kontrolle über ihr Leben. Ich mochte den Plot sehr. Die Sprache ist einfach gehalten. Die Autorin hat sich auf ihre Darstellerinnen konzentriert. Manches wurde zu früh vorweggenommen und hat mich um meine Neugier gebracht. Die Fremde war leider allzuschnell durchschaubar, die Art, wie sie interveniert hat schon wieder gut gezeigt. Jedes Kapitel ist abwechselnd Lisa oder Simon gewidmet und will deren unterschiedlichen Sichtweisen zeigen, dabei jedoch in der dritten Person erzählt. Insgesamt ein gut lesbarer Roman, den ich gerne allen empfehlen möchte, die sich für Geschichten mit manipulativen Menschen interessieren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.07.2025

Die Rekonstruktion eines Lebens

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
0

Jeder stirbt zweimal. Der erste Tod ist biologisch, der zweite durch das Vergessen(werden). Anna Kalthoff wurde 1867 geboren und starb 1932, ein Jahr vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Sie ...

Jeder stirbt zweimal. Der erste Tod ist biologisch, der zweite durch das Vergessen(werden). Anna Kalthoff wurde 1867 geboren und starb 1932, ein Jahr vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Sie hinterließ wenige Spuren, denen ihr Urenkel gefolgt ist. Mit ein paar Fotos, Notizen, Schmuck und Poesiealben entsteht ein Bild, das viel Raum für Interpretationen lässt.

Das Dorf im Sauerland, in dem Anna aufwuchs, bestand aus gemauerten Häusern. Wer es sich leisten konnte, deckte sein Dach mit Schiefer, die anderen belegten ihres mit Stroh. Ein Funke von einer vergessenen Kerze konnte einen zum Habenichts machen. Ihr Vater war Schankwirt, die Mutter vermögend, darüber allerdings gibt es keine Nachweise. Ein Auszug aus dem Katasteramt zeigt, dass die Familie Kirchenland gepachtet hatte. Anna wurde als vierte Tochter geboren. Der einzige Stammhalter Friedrich starb drei Wochen nach seiner Geburt an Schwäche. Als Anna zwölf war, waren weitere vier Kinder geboren, auch die ersehnten Söhne, der Vater jedoch starb an Wassersucht. Ein Konflikt zwischen Herzogtum und dem Bischof führte dazu, dass die Katholiken vertrieben wurden. Deswegen ging Anna, auf Geheiß der Mutter, in die Niederlande und ließ sich zur Lehrerin ausbilden. Sie war zwanzig Jahre jung, nicht einmal volljährig, als sie an die Dorfschule nach Cobbenrode ging und unterstellte sich dem Lehrerinnenzölibat. Sie bekam einen geringen Loh, eine kleine Wohnung und eine kleine Altersvorsorge. Es gab wenige Erziehungsmodelle. Die meisten bevorzugen das Strafen und nicht das Loben, damit die Kinder nicht verweichlichten. Schläge als Bestrafung waren normal. Der gesellschaftliche Tenor war Gottesfürchtigkeit, denn der Herr gibt und nimmt. Die Leutseligen waren beliebter als die verschrobenen Stillen. Schaffen und Ausharren waren selbstverständliche Attribute, die den zähen Charakter auszeichneten.

Fazit: Henning Sussebach ist den Spuren seiner Urgroßmutter gefolgt. Die wenigen Informationen, die er im Vorfeld zusammentragen konnte, halfen kaum bei der Rekonstruktion. Er vermutet viel, interpretiert und bewertet aus seiner heutigen Sicht. Ein objektives Bild ist ihm nicht möglich. Interessant finde ich seine Einschübe, die zeigen, was in dem entsprechenden Jahr bei Anna geschah, aber auch in der Welt. So zum Beispiel 1887:

Die Uraufführung Othellos in Mailand.
Nord- und Ostsee werden durch einen Kanal verbunden.
Der Eiffelturm entsteht.
Ein holländischer Maler zieht nach Frankreich.
Die Schweizer entwickeln die Würze Maggi.

Und so ist dem Autor eben nicht nur die Wiedererweckung Annas, sondern auch ein Zeitzeugnis gelungen. Ich muss gestehen, dass mich die Geschichte Annas auch runtergezogen hat. Es war kein Vergnügen, in diesen Zeiten als Mädchen geboren worden zu sein, eher ein Überlebenskampf. Auch die Verluste, die Anna hinnehmen musste, die Schrecken des 1. Weltkriegs, das hat mich alles ganz schön niedergeschlagen. Meine Empfehlung für alle Leser*innen, die sich für Historien interessieren

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere