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Veröffentlicht am 17.08.2025

Kriegsängste

Blinde Geister
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Angesichts des Umstands, dass derzeit ein Krieg in Europa geführt wird, ist dieser Roman sehr aktuell.
Es geht um die Familie der Ich-Erzählerin Olivia, die ca. 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ...

Angesichts des Umstands, dass derzeit ein Krieg in Europa geführt wird, ist dieser Roman sehr aktuell.
Es geht um die Familie der Ich-Erzählerin Olivia, die ca. 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufwächst. Ihr Vater, der Soldat im Krieg war, leidet Zeit seines Lebens unter schweren Traumata und ist wahnhaft bestrebt, seine Frau und Kinder zu schützen. Dazu begeben sich alle auf sein Geheiß regelmäßig in den Keller ihres Hauses und bunkern Vorräte. Die Mutter ist bedacht, ihre Töchter vor dem Verhalten des Vaters zu schützen und drängt beide schon früh zum Auszug, was gerade Olivia verkennt und als „Rauswurf“ aus dem Nest deutet. Sie entwickelt schwere Angststörungen, muss sich wiederholt in die Psychiatrie begeben. Ihren Lebenslauf von Ausbildung über Ehe und Geburt einer eigenen Tochter bis in ihre 60er Jahre können wir verfolgen.
Trotz der eher bedrückenden Thematik liest sich das Buch angenehm. Allerdings enthält die Geschichte viele Zeitsprünge, so dass es nicht immer einfach ist, sich zeitlich zu orientieren. Ich empfehle es Lesenden von Familiengeschichten.

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Veröffentlicht am 06.08.2025

Vermeintlich idyllisches Landleben

Heimat
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In diesem eigentlich sehr bedrückenden Roman beschreibt die Autorin, wie es in unserer Gesellschaft aussehen könnte, wenn rechte Kräfte die Oberhand gewinnen. Ausdrücklich erklärt sie nicht, wo der Plot ...

In diesem eigentlich sehr bedrückenden Roman beschreibt die Autorin, wie es in unserer Gesellschaft aussehen könnte, wenn rechte Kräfte die Oberhand gewinnen. Ausdrücklich erklärt sie nicht, wo der Plot angesiedelt ist. Es dürfte sich aber um eine dörfliche Region im Umkreis von Berlin handeln. Dort wird AfD gewählt und vertreten die Bewohner traditionelle Lebensauffassungen. Das erschließt sich der zweifachen Mutter Jana sehr schnell, als sie, erneut schwanger, mit ihrer Familie ins Eigenheim aufs Land zieht. Sie, die eigentlich immer modern gelebt hat, gerät plötzlich in den sie faszinierenden Sog und Einfluss der ihr zur Freundin werdenden Karolin. Diese ist AfD-Wählerin und lebt völlig traditionell. So lehnt sieht sie etwa ihre Rolle ganz selbstverständlich in der Küche und bei den Kindern, lehnt deren Kindergartenbesuch und Impfungen ab. Vieles in Karolins Leben bleibt allerdings ungeklärt – Ist sie häuslicher Gewalt ausgesetzt? Warum taucht sie immer mal wieder ab? Was war vor ihrer Ehe mit Clemens? Vor allem aber: Was passiert mit ihr am Ende? Überhaupt ist mir das Ende unklar geblieben, möchte aber an dieser Stelle auch keine meiner Vermutungen äußern, um anderen die Spannung beim Lesen nicht zu nehmen. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass sich in Janas Leben viel zu rasche Wendungen ergeben, etwa die Trennung von ihrem Partner noch während der Schwangerschaft oder ihre schnelle Überzeugungsgewinnung, das Leben als Alleinerziehende mit drei Kindern auch gut ohne Berufstätigkeit bewältigen zu können.
Für Lesende mit Interesse an Familiengeschichten mit gesellschaftlichem Hintergrund zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Eine anspruchsvolle deutsch-japanische Familiengeschichte

Onigiri
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Dieses Buch empfehle ich wärmstens LeserInnen mit Interesse an anspruchsvollen Familiengeschichten.
Protagonistinnen sind die inzwischen betagte und demenzkranke Keiko und ihre Tochter Aki. Keiko ist vor ...

Dieses Buch empfehle ich wärmstens LeserInnen mit Interesse an anspruchsvollen Familiengeschichten.
Protagonistinnen sind die inzwischen betagte und demenzkranke Keiko und ihre Tochter Aki. Keiko ist vor 50 Jahren von Japan nach Deutschland gekommen, wo sie einen deutschen Mann heiratete und bald zur allein erziehenden Mutter zweier Kinder wurde. Zu kämpfen hatte sie mit dem Ende ihrer Beziehung, dem Kulturschock, den dominanten deutschen Schwiegereltern, schließlich mit Demenz. Aki reist mit ihrer Mutter noch einmal nach Japan, bevor diese ihre Heimat für immer vergisst. Auf wechselnden Zeitebenen wird die sehr interessante Geschichte beider Frauen erzählt. Dabei wird der komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung und dem Thema Demenz viel Raum gegeben. Überraschenderweise blüht Keiko in Japan richtiggehend auf, so dass Aki sie von einer völlig neuen Seite kennenlernt. Passend zur japanischen Kultur bleiben die Charaktere distanziert. Lobenswert ist, dass der Buchtitel so schön zur Geschichte passt. Onigiri sind Reisklößchen aus der japanischen Küche, die für Aki eine besondere Bedeutung haben.

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Veröffentlicht am 27.07.2025

Ebenso gelungen wie "Lügen über meine Mutter"

Junge Frau mit Katze
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Das Buch knüpft an den ersten Roman der Autorin an, „Lügen über meine Mutter“. Ihn muss man allerdings nicht notwendig gelesen haben, um jetzt den Inhalt zu verstehen, wenngleich sich einige Situationen ...

Das Buch knüpft an den ersten Roman der Autorin an, „Lügen über meine Mutter“. Ihn muss man allerdings nicht notwendig gelesen haben, um jetzt den Inhalt zu verstehen, wenngleich sich einige Situationen durchaus besser erhellen.
Jetzt ist Ela nicht mehr Kind, sondern junge Erwachsene, die fertig studiert und ihre Doktorarbeit beendet hat, und nicht ihre adipöse Mutter, sondern sie selbst steht im Mittelpunkt der Geschichte. Doch auch sie ist krank, und zwar ständig. Ihre Krankheitsgeschichte und ihre Odyssee von Arzt zu Arzt sind wirklich abenteuerlich. Hier setzt auch meine Kritik ein: Nicht jeder will jederzeit über Krankheit lesen. Das erkennt so auch die Autorin selbst, wenn sie an einer Stelle schreibt „Wer krank war, wollte nichts über Krankheit lesen. Wer gesund war, ebenfalls nicht“. Wie ein an dem Buch Interessierter damit umgeht, muss jeder für sich entscheiden. Mich selbst hält das aber nicht davon ab, das Buch zu empfehlen. Denn Dröschers Umgang mit dem Thema und ihre Sprache sind faszinierend, ebenso der psychologische Hintergrund.
Das Buch erhält von mir eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 13.07.2025

Wider den sozialen Tod der Vorfahren

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Der Autor, Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT hat für dieses Buch die Geschichte seiner 1866 geborenen Urgroßmutter Anna rekonstruiert, um ihrem auf den biologischen Tod zweiten Tod entgegenzuwirken. ...

Der Autor, Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT hat für dieses Buch die Geschichte seiner 1866 geborenen Urgroßmutter Anna rekonstruiert, um ihrem auf den biologischen Tod zweiten Tod entgegenzuwirken. Damit ist das allmähliche, doch eigentlich rasche Vergessen einer verstorbenen Person gemeint, wie er eingangs schön erklärt. Den Autor wie wohl auch seine Leser erstaunt es, wie wenig die lebenden Nachfahren über ihre Ahnen der Urgroßelterngeneration wissen. Im Falle der Protagonistin liegt das daran, dass von ihrem Nachlass nur einige Fotos (abgedruckt im Buch), ein Poesiealbum, Postkarten, ein Kaffeeservice, ein Ring den Weg in die Gegenwart geschafft haben. Anhand dieser Gegenstände und einiger Rechercheergebnisse aus Kirchenbüchern, Katasterkarten und ähnlichem zeichnet er letztlich ein Bild seiner Vorfahrin, das letztlich mehr auf Vermutungen seinerseits als tatsächlichen Gegebenheiten beruht. Er auch immer wieder zu, Anna so schildern, wie sie ihm am besten gefällt. Herausgekommen ist eine für ihre Zeit ungewöhnliche Frau. Ungewöhnlich deshalb, weil sie fest im Berufsleben stand und zweimal die Ehe einging, einmal davon mit einem knapp 20 Jahre jüngeren Mann. Auf jeden Fall ist ihre größtenteils wohl fiktive Geschichte sehr lesenswert. Der historisch interessierte Leser wird Gefallen finden an den regelmäßigen Einschüben über Ereignisse aus der Zeitgeschichte, betreffend Politik, Kultur, Geschichte. Diese Einschübe lassen das Buch weniger als Roman denn als Sachbuch erscheinen.

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