Profilbild von uli123

uli123

Lesejury Star
offline

uli123 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit uli123 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.09.2025

DDR-Nostalgie

Hoplopoiia
0

Ein rätselhafter Titel, dessen Bedeutung sich mir nicht erschloss und auf dessen Erklärung im Text ich lange Zeit gewartet habe, bis sich des Rätsels Lösung endlich auf S. 277 offen tat. Doch bis dahin ...

Ein rätselhafter Titel, dessen Bedeutung sich mir nicht erschloss und auf dessen Erklärung im Text ich lange Zeit gewartet habe, bis sich des Rätsels Lösung endlich auf S. 277 offen tat. Doch bis dahin vorzudringen, war gar nicht so einfach angesichts der vom Autor gewählten formalen Erzählweise. Es ist einfach sagenhaft, was der Autor an Informationen in einen einzigen Satz packt, der dadurch sehr verschachtelt wird. Solche Schachtelsätze reihen sich endlos aneinander. Manchmal wird eine Seite mit nur einem Satz gefüllt. Absätze sind eher selten. In meinen Augen ist das hohe Erzählkunst. Inhaltlich kommt der Ich-Erzähler Richard Sparka vom Hölzchen aufs Stöckchen. Die Rahmengeschichte ist in der Gegenwart in Ost-Berlin angelegt, als Richard über die Trennung von seiner Lebensgefährtin nicht hinweg kommt, mit seinem gesamten vermeintlich unglücklichen Leben hadert und regelmäßig zum Therapeuten geht. Dabei blickt er immer wieder auf seine Kindheit, Jugend und sein junges Erwachsenenleben bis zum Mauerfall zurück. Der Leser erhält ein umfassendes Bild über die Besonderheiten in der DDR; für Zeitgenossen eine schöne Gelegenheit, in nostalgischen Erinnerungen zu schwelgen. Obwohl Richard es zu nichts gebracht hat, weil er ein begonnenes Mathematik-Studium abgebrochen hat, ist er ein durchweg sympathischer Protagonist. Herrlich sind die vielen Ausflüge in die Mathematik, die für Leser mit nicht entsprechender Begabung allerdings nur schwer zu verstehen sind. Nicht minder interessant sind die vielen Anekdoten rund um Richards weit verzweigte Familie.
Auf jeden Fall kein Nullachtfünfzehnbuch und deshalb empfehlenswert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.08.2025

Karriere über alles?

Aufsteiger
0

Zu Beginn der Lektüre war ich doch sehr überrascht. Deutete der Prolog doch darauf hin, einen Thriller vor sich zu haben. Doch schon ab S. 13 entpuppte sich der Roman als der, den ich nach der Buchbeschreibung ...

Zu Beginn der Lektüre war ich doch sehr überrascht. Deutete der Prolog doch darauf hin, einen Thriller vor sich zu haben. Doch schon ab S. 13 entpuppte sich der Roman als der, den ich nach der Buchbeschreibung erwartet hatte.
Es geht um den steilen Aufstieg des Journalisten Felix Licht, der Jahre auf den Höhepunkt seines Berufslebens hingearbeitet hat, nämlich die Stelle des Chefredakteurs eines bedeutenden deutschen Politmagazins zu erhalten. Entgegen allen Erwartungen ernennt der Verleger aber die junge, farbige Zoe, zwölf Jahre zuvor Felix vielversprechende Praktikantin und Beinahe-Geliebte. Felix rastet zu Hause aus, sein Familienleben zerbricht. Mithilfe eines populistischen rechtsgerichteten Anwaltes versucht er eine hohe Abfindung herauszuschinden. Währenddessen hat Zoe im Magazin um ihre Themen zu kämpfen. Der traditionelle Journalismus und der in den sozialen Medien, von Influencern und Populisten geschickt manipuliert, stehen sich konträr gegenüber. Aktuelle Themen werden angesprochen, wie Frauenquote, Klimaaktivismus, LSBTIQ+. Hierzu äußern sich verschiedene Romanfiguren mit ihren jeweiligen Ansichten, so dass der Leser aufgerufen ist, sich hierzu seine Meinung zu bilden.
Das Cover mit dem Fischreiher passt sehr treffend zu dem Protagonisten Felix, steht er doch für die Fähigkeit, im Unterbewusstsein zielgerichtet zu fischen. Ein wenig gestört habe ich mich an der Liebesgeschichte zwischen Felix und Zoe. Es ist lebensfremd, ihm abzunehmen, dass er bis zu seinem Absturz eine lange glückliche Ehe geführt hat, dann aber die vergangenen zwölf Jahre unentwegt an Zoe gedacht haben will. Auch die vielen Drinks, die er täglich in der Hotelbar zu sich nimmt, hätten nicht in der Häufigkeit erwähnt werden müssen.
Besonders für Leser mit Interesse für Journalismus werden auf ihre Kosten kommen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.08.2025

Trauerverarbeitung in einer Abschiedsgruppe

Café Finito
0

Der Roman passt gut in die heutige Zeit, in der zunehmend offen über Tod und Trauer gesprochen wird und sich die Gesellschaft neuen Bestattungskulturen zuwendet. Die Autorin hat den Faden aufgenommen, ...

Der Roman passt gut in die heutige Zeit, in der zunehmend offen über Tod und Trauer gesprochen wird und sich die Gesellschaft neuen Bestattungskulturen zuwendet. Die Autorin hat den Faden aufgenommen, zumal sie über eigene Trauererfahrungen schreiben wollte, wie sie in ihrem Nachwort erklärt. Sie hat den realen Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof, auf dem Künstler und bekannte Persönlichkeiten aus vielen Epochen bestattet sind, zum Schauplatz ihrer Geschichte gemacht. In dem dort tatsächlich aufzufindenden und früher vom Verwalter bewohnten kleinen, ockergelben Haus lässt sie ihren fiktiven Protagonisten Kristof in der Rolle des Friedhofsgärtners und –verwalters wohnen. Er betreibt im Erdgeschoss ein Café und versammelt dort für die Dauer eines Jahres eine Abschiedsgruppe, die er für ein Jahr durch das Tal der Trauer manövriert. Konkret setzt sie sich aus sechs unterschiedlichen Personen zusammen, die alle einen schweren Verlust eines Nächsten erlitten haben. Ihre Schicksale werden nach und nach geschildert. Im Verlauf ist deutlich zu merken, dass sie behutsame Fortschritte in der Trauerbewältigung machen. Bei ihren Gesprächen werden alle möglichen Themen im Zusammenhang mit Tod und Trauer angesprochen, die auch die Lesenden zum Nachdenken und eigener Meinungsbildung anregen, etwa bzgl. eines Weiterlebens nach dem Tod. Vom Thema her zwar ein trauriger Roman, dem es aber nicht an tragikomischen Inhalten und humorvollen schönen Wortspielen fehlt. Wissenswerte Informationen werden immer wieder bzgl. der begrabenen Persönlichkeiten eingestreut, z.B. über John Heartfield und seinen Bruder, Lin Jadalti, Wolfgang Herrndorf. In den ersten beiden Dritteln des Romans wird das Thema nachvollziehbar und realistisch entwickelt, während es dann im letzten Drittel zu einer mich nicht mehr einnehmenden Wendung kommt. Im Anschluss an die Trauerfeier für die später selbst verstorbene älteste Dame der Gruppe findet ein Fest der Lebenden und Toten auf dem Friedhof statt. Es mutet etwas schrill und aus dem Rahmen gefallen an und lässt mich etwas verwirrt zurück, weshalb meine Bewertung vier von fünf Sternen schließt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.08.2025

Bedrückende Stellung eines japanischen Mädchens

Das gelbe Haus
0

Es ist sehr bedrückend, diesen Roman zu lesen. In ihm geht es um eine Reihe junger Japaner, die kurz vor der Jahrtausendwende am Rande der Gesellschaft in Tokio leben und – chancenlos, wie sie vor allem ...

Es ist sehr bedrückend, diesen Roman zu lesen. In ihm geht es um eine Reihe junger Japaner, die kurz vor der Jahrtausendwende am Rande der Gesellschaft in Tokio leben und – chancenlos, wie sie vor allem aufgrund ihrer Herkunft sind – zu Randfiguren der Gesellschaft werden. Schnell geraten sie in kriminelle Kreise, die von mafiösen Strukturen, organisierter Kriminalität, Drogen, Frauenhandel, Kartenbetrug jedweder Form gekennzeichnet sind. Nie hätte ich vermutet, dass es in dem doch als reiches Land geltenden Japan derartig in der Gesellschaft zugeht. Detailliert eingewoben werden die Lebensgeschichten einiger Romanfiguren, allen voran die der Protagonistin Hana, mit der man eigentlich nur Mitleid empfindet. Ohne Abschluss verlässt sie die Schule, setzt alle ihre Kräfte ein, Geld zu verdienen und für ihr weiteres Leben zu sparen. Doch immer wieder steht sie nach einer Zeit mittellos da, weil ihr die Ersparnisse entweder gestohlen werden oder sie sie Dritten aus ihrem Umfeld zur Behebung diverser Schwierigkeiten überlässt. Zugleich würde man sie am liebsten aber auch tüchtig durchprügeln, damit sie merkt, wie sie sich ausnutzen lässt, weil sie so lebensuntüchtig und geschäftsunerfahren ist. Wie auch sonst in vielen Büchern aus dem asiatischen Raum wird auch vorliegend thematisiert, wie patriarchalisch die Gesellschaftsstrukturen sind und wie unterwürfig noch immer die Frauen. So interessant der Roman auch ist, so langatmig erscheint er gelegentlich, weil sich Einiges in Hanas Leben mehrmals wiederholt. Hervorzuheben ist, dass der Buchtitel so treffend zum Inhalt passt. Die Farbe Gelb hat für Hana eine besondere Bedeutung genau wie ein Haus, in dem sie erstmals nach Art einer Familie mit vermeintlichen Freundinnen zusammenlebt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.08.2025

Berührende Familiengeschichte

Zwischen uns liegt August
0

Dieser Roman ist äußerst berührend, sollte aber vielleicht nicht in einer Phase gelesen werden, in der die Lesenden sich in Trauer befinden oder gegen schwere Erkrankungen ankämpfen. Der Autor widmet ihn ...

Dieser Roman ist äußerst berührend, sollte aber vielleicht nicht in einer Phase gelesen werden, in der die Lesenden sich in Trauer befinden oder gegen schwere Erkrankungen ankämpfen. Der Autor widmet ihn seiner Mutter. Und auch von ihr handelt er im Wesentlichen. Abgewechselt wird zwischen zwei Erzählsträngen – in der Gegenwart am Geburtstag der Mutter in Deutschland, der angesichts ihrer fortgeschrittenen Bauchspeicheldrüsenkrebserkrankung vermutlich ihr letzter sein wird und den die engste Familie gemeinsam begeht, und während einiger Monate des Jahres 1973 in Aydin/Türkei, als die Mutter junge Erwachsene ist, die politischen Umbrüche in ihrer Heimat erlebt und bald dem in Deutschland als Gastarbeiter tätigen Vater folgen wird.
Leider bleibt Vieles von der Familiengeschichte bruchstückhaft bzw. wird „unterschlagen“ (etwa die offenbar eigene Therapiebedürftigkeit des Sohnes/Autors, der Werdegang der Familie in den vergangenen 50 Jahren). Ich hätte gerne manche Einzelheit gewusst. Zudem erschwerte mir das Lesen ein wenig, dass sehr viele türkische Vokabeln und ganze Sätze verwendet wurden, deren Bedeutung ich mir nur selten selbst erschließen konnte. Ein letzter Kritikpunkt betrifft den Umstand, dass fundierte Kenntnisse von der politischen und gesellschaftlichen Lage in der Türkei Anfang der 1970er Jahre vonnöten sind. Ohne diese lassen sich in Bezug genommene Namen von Parteien, Politikern und ihren Programmen nicht so recht verstehen. Sehr gefallen haben mir die vielen türkischen Spezialitäten und Speisen, die erwähnt wurden.
Insgesamt ein interessantes Buch, das Lesende mit Interesse an Familiengeschichten vor anderem kulturellen Hintergrund ansprechen dürfte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere