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Veröffentlicht am 16.09.2025

Eingeweideschau

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
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Ein Roman über vier Generationen einer Familie und ein ganzes Jahrhundert ist üblicherweise ein dicker Wälzer mit penibel recherchierten Details und gegebenenfalls fiktionaler Überbrückung von Leerstellen. ...

Ein Roman über vier Generationen einer Familie und ein ganzes Jahrhundert ist üblicherweise ein dicker Wälzer mit penibel recherchierten Details und gegebenenfalls fiktionaler Überbrückung von Leerstellen. Es geht aber auch ganz anders. Anna Maschik, 1995 geborene Autorin aus Österreich, die bisher Kurzprosa und Lyrik veröffentlicht hat, schafft ein solches Panorama auf nur 232 großzügig gesetzten Seiten in Fragmenten und lässt Leerstellen bewusst offen oder füllt sie mit magischem Realismus. Das mag ungewöhnlich klingen und ist es natürlich auch, aber es gelingt dermaßen gut, dass ihr Erstling "Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten" zurecht als einer von sechs Titeln auf der Longlist zum Debütpreis im Rahmen des Österreichischen Buchpreises 2025 steht.

Vier Frauen prägen die Familie
Anna Maschik konzentriert sich in ihrem von der eigenen Familiengeschichte inspirierten Roman ganz auf die Frauen. Henrike, Bäuerin auf einem Hof an der deutschen Nordsee, geboren am 1. Januar 1901, die den jüngeren Brüdern früh die Mutter und im Krieg auf dem Hof Mann und Sohn ersetzen muss, schlachtet aus Not illegal Schafe, weil die im Gegensatz zu Schweinen still sterben. Ihre Tochter Hilde will keinesfalls Bäuerin werden, heiratet einen österreichischen Soldaten und leidet unter Heimweh. Miriam, die dritte in der Reihe, entkommt nur knapp Hildes Abtreibungsversuch und erzieht ihre Tochter Alma, Ich-Erzählerin des Romans, allein.

Alma wiederum spürt dem Schicksal ihrer Vorfahrinnen, aber auch der Vorfahren nach, die bei jedem Todesfall auftauchen und die Sterbenden in Empfang nehmen. Ständige Begleiterinnen sind außerdem Anna, die Hebamme, und Nora, die Totenfrau, die, wie Alma bei Miriams Tod erstmals bemerkt, „einander sehr ähnlich sehen“ (S. 230). Indem sie die Bruchstücke zusammenträgt, in den Innereien wühlt, wie Henrike einst in den Innereien der geschlachteten Schafe, ergründet sie die Auswirkungen vergangener Leben auf ihr eigenes und was ihr in die Wiege gelegt wurde:

Ich möchte mich vorstellen, ich bin Alma, und meine Erzählung ist eine Eingeweideschau. Leber, Lunge, Herz und Magen werden auf ihre Beschaffenheit untersucht. (S. 8)

Familienerbe
Vieles wiederholt sich. Henrike und Hilde singen nur für eines ihrer Kinder Schlaflieder, die benachteiligten beneiden ihre Geschwister, während diese wiederum unter ihrer Verantwortung leiden. Erst Miriam durchbricht die Kette, indem sie dem Drängen von Alma nach einem Geschwisterkind nicht nachgibt. Alle Frauen haben ein schwieriges Verhältnis zu ihren Töchtern, jedoch eine besondere Beziehung zur Natur und zu Gärten. Henrike, Hilde und Miriam sind gefangen in Sprachlosigkeit, bei Hilde und Miriam von ihren Müttern verordnet, im Buch spürbar durch unbedruckten Raum. Alma bricht dieses Schweigen, indem sie fragmentarisch die Familiengeschichte aufschreibt, in Anekdoten und in Listen, einer weiteren Besonderheit dieses Romans:

SYNONYME FÜR »FRÜHER «:
Im Norden
Im Krieg
Im Dorf
Daheim (S. 102)

Obwohl ich magischen Anteilen in Geschichten sonst eher kritisch gegenüberstehe, haben sie mich hier überhaupt nicht gestört, sondern im Gegenteil die Realität in eigentümlicher Weise verstärkt: ein Sohn, der die ersten 15 Jahre seines Lebens verschläft, ein anderer, der zum Wolf wird und ein dritter, der verholzt, oder Miriam, die am Ende ihres Lebens – ein wunderschönes Bild – als Zitronenbaum erblüht.

Anna Maschik ist mit ihrem innovativen, manchmal springenden Erzählstil, ihrer Sprachsensibilität und vielfältigen Metaphern ein ganz außerordentliches Debüt gelungen. Eine neue Stimme, auf deren weitere Werke ich äußerst gespannt bin.

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Veröffentlicht am 31.07.2025

Hinter der grauen Fassade

Midwatch – Schule der unerwünschten Mädchen
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Drei Mädchen landen am gleichen Tag im gefürchteten Midwatch-Institut für Waisen, Ausreißerinnen und unerwünschte Mädchen: Maggie Fishbone vom Waisenhaus in einem nahen Fischerort als Strafe für angeblich ...

Drei Mädchen landen am gleichen Tag im gefürchteten Midwatch-Institut für Waisen, Ausreißerinnen und unerwünschte Mädchen: Maggie Fishbone vom Waisenhaus in einem nahen Fischerort als Strafe für angeblich rüpelhaftes Benehmen, Nell Wozniak mit ihrer Ratte Spike, die ihrem Stiefvater zu viel liest, und Sofie Zarescu, die mit ihrer gebrochenen Hand für ihren Zirkus nutzlos geworden ist. Das Internat gilt als unbarmherzig strenge Anstalt und grauenvolle Institution zur Disziplinierung, doch werden die Mädchen ebenso überrascht wie die Leserinnen. Hinter der grauen Fassade verbirgt sich ein höchst abenteuerlicher Ort, dessen wundervolle Leiterin, Miss Mandely, im Gegensatz zum Waisenhausinspektor nichts von Lieblosigkeit, Zwangsmaßnahmen, Haferschleim und Näharbeiten hält:

"Ihr seid alle drei willkommen. Ihr seid jetzt hier zu Hause und ich hoffe sehr, dass ihr hier glücklich werdet. Glücklich und äußerst nützlich." (S. 29)

Stattdessen wird Unterricht in Fächern wie Morsen, Tresorknacken, Knotentechniken, Verstecken, Aushecken, Automobilreparatur, Sprachen oder Landkartenlesen erteilt, kurz: „Nützliche Dinge, die jedes Mädchen wissen sollte“, wie sie in Miss Mandelys in Teilen abgedrucktem Ratgeber nachzulesen sind. Diese Fähigkeiten sind für die Schülerinnen unabdingbar für ihre geheimen Undercover-Aufträge:

"Wir lösen Rätsel, kämpfen gegen Bösewichte und sorgen für Sicherheit in der Stadt.“ (S. 77)

Zwar ermitteln zunächst nur die vierte und fünfte Klasse im Fall des „Nachtmonsters“, das die Bewohnerinnen und Bewohner des wohlhabenden Nordviertels in Angst und Schrecken versetzt, aber kaum sind die drei Neuen in die erste Klasse aufgenommen, gibt es Arbeit für die Klassen eins und zwei. Der städtische Bibliothekar Dr. Entwhistle meldet das rätselhafte Verschwinden der Orchideenliebhaberin Miss Fenchurch. Eine dramatische, bisweilen höchst gefährliche Ermittlung mit vielen unerwarteten Wendung beginnt, bei der die Mädchen Mut, Grips, Teamgeist, außergewöhnliche Begabungen und in der Schule erlernte Fähigkeiten beweisen müssen.

Ein überzeugender Kinderkrimi
Der Kinderkrimi "Midwatch – Schule der unerwünschten Mädchen" der australischen Kinderbuchautorin Judith Rossell hat mich gleich in mehrfacher Hinsicht überzeugt. Nach dem überraschenden Einstieg gefiel mir besonders die Teamfähigkeit der sympathischen Mädchen beim Lösen des Falles, die ganz ohne Eitelkeiten, Neid, Mobbing, Eifersucht oder Streitereien kameradschaftlich zum Erreichen des gemeinsamen Zieles kooperieren. Für die Zielgruppe ab etwa zehn Jahren dürfte dagegen die spannende und verwickelte Krimihandlung im Vordergrund stehen, die voller Überraschungen ist. Das laut der Autorin von den 1920er-Jahren in einer US-amerikanischen Großstadt inspirierte Ambiente, angereichert durch unterirdische Geheimgänge und Zeppeline jeglicher Größe, wird in ihren mittels einer App auf dem iPad gezeichneten, zahlreichen größeren und kleineren, wie die Schrift in Blau gehaltenen Illustrationen äußerst lebendig.

Schön zu lesen ist auch, wie die Schülerinnen mit Hilfe von Miss Mandely und ihren Lehrerinnen zu starken, selbstbewussten Mädchen erzogen und auf eine eigenverantwortliche Zukunft vorbereitet werden.

Hoffentlich gibt es bald mehr Fälle mit den sympathischen Midwatch-Detektivinnen für kleine Leserinnen ab etwa neun Jahren, denn das Potential für eine Serie ist zweifellos vorhanden.

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Veröffentlicht am 01.08.2025

Stürme

Das Geschenk des Meeres
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In einer Winternacht des Jahres 1900 reißt der Sturm im schottischen Küstendorf Skerry nicht nur Dachschindeln und Schafe weg, fällt Bäume und zerschmettert zwei Boote, er wirft auch einen kleinen, leblos ...

In einer Winternacht des Jahres 1900 reißt der Sturm im schottischen Küstendorf Skerry nicht nur Dachschindeln und Schafe weg, fällt Bäume und zerschmettert zwei Boote, er wirft auch einen kleinen, leblos wirkenden Jungen an den Strand. Als der Fischer Joseph ihn am nächsten Morgen findet und durch das Dorf zum Pfarrhaus trägt, werden schlimmste Erinnerungen wach: Vor vielen Jahren verschwand in einer ähnlichen Nacht am Strand Moses, der kleine Sohn der Lehrerin Dorothy, die nach ihrer Ankunft aus Edinburgh immer eine Fremde und Außenseiterin blieb. Er war nachts die Treppe zum Strand hinuntergegangen und spurlos verschwunden. Die einzige Spur war ein zwischen Felsen eingeklemmter Stiefel, den damals ausgerechnet Joseph fand. Die Gerüchte über die Umstände von Moses‘ Verschwinden verstummten nie, denn kurz zuvor hatte man Joseph im heftigen Streit mit Dorothy gesehen, obwohl sich die beiden nach Dorothys Ankunft im Dorf eine Weile für alle sichtbar sehr nahestanden.

Wunschdenken und Vernunft
Da das winterliche Skerry von der Außenwelt abgeschnitten ist und im Pfarrhaus ein lang ersehntes Kind zur Welt kommt, bringt der Pfarrer den geheimnisvollen Jungen bis zur Klärung seiner Herkunft zu Dorothy, die dadurch mit voller Wucht von der Vergangenheit eingeholt wird. Während sie den stummen Jungen aufpäppelt, der ihr in fataler Weise Moses zu ähneln scheint, verschwimmen bei ihr zusehends die Grenzen zwischen Wunschdenken und Vernunft:

"In ihrem tiefsten Herzen weiß sie, dass der Junge, der dort oben liegt und schläft, ihr eigener Junge ist, der ihr zurückgegeben wurde, um alles wiedergutzumachen." (S. 264)

Der Wendepunkt
In ihrem Debütroman "Das Geschenk des Meeres" erzählt die britische Autorin Julia R. Kelly von einer verschworenen Dorfgemeinschaft, deren Zentrum der Dorfladen von Mrs Brown ist. Dort und im Wirtshaus wird zwar ständig geredet und kommentiert, aber noch viel mehr verschwiegen und verdrängt. Mit der Ankunft des rätselhaften Kindes setzt sich eine Lawine in Gang, in deren Folge sich nicht nur Dorothy und Joseph, sondern auch die anderen Bewohnerinnen und Bewohner von Skerry endlich der schmerzhaften Vergangenheit und ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Schuld stellen müssen – mit der Aussicht auf Heilung.

Damals und jetzt
Die Abschnitte im Buch mit dem von Franziska Neubert wunderbar passend gestalteten Holzschnitt auf dem Cover sind abwechselnd mit „Damals“ und „Jetzt“ überschrieben, jeweils unterteilt in kurze Kapitel aus unterschiedlichen Perspektiven. Stück für Stück werden Geheimnisse gelüftet, Handlungsfäden glaubhaft verknüpft und erscheinen Figuren in verändertem Licht. Neben so tragischen Themen wie Verlust, Trauer, Schuld, Vergebung, Eifersucht, Missgunst, unerfüllte Liebe, glücklose Ehen und häusliche Gewalt, um nur einige zu nennen, standen für mich die weiblichen Charaktere und vor allem das Thema Mutterschaft in vielen unterschiedlichen Facetten im Mittelpunkt. Vor dem stimmungsvollen Hintergrund einer von Naturgewalten beherrschten Landschaft und einer wie ein Chor raunenden Dorfgemeinschaft erzählt Julia R. Kelly mit viel Feingefühl und Empathie eine spannende Geschichte voller Melancholie über Wendepunkte, darüber, was war, und was hätte sein können, und über Dynamiken in einer abgeschotteten Gemeinschaft.

Ich habe den gut geschriebenen, virtuos komponierten und von Claudia Feldmann flüssig übersetzten Roman sehr gerne gelesen und mich bestens damit unterhalten.

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Veröffentlicht am 30.05.2025

Ertrunkenes Sommerland

Das Echo der Sommer
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Durch die Romane "Das Leuchten der Rentiere" und "Die Zeit im Sommerlicht" der schwedisch-samischen Autorin Ann-Helén Laestadius wurde mein Interesse an der Geschichte und Kultur der Sámi, dem indigenen ...

Durch die Romane "Das Leuchten der Rentiere" und "Die Zeit im Sommerlicht" der schwedisch-samischen Autorin Ann-Helén Laestadius wurde mein Interesse an der Geschichte und Kultur der Sámi, dem indigenen Volk im Norden Europas, geweckt. Bei einer unvergesslichen Reise durch den finnischen Teil Lapplands und die norwegische Finnmark im Sommer 2024 gehörte der Besuch des großartigen samischen Museums und Naturzentrums Siida in Inari zu den vielen Höhepunkten.

Deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass der Verlag S. Fischer nun den Debütroman der schwedisch-samischen Autorin Elin Anna Labba mit einem so wunderschönen Cover veröffentlicht hat. Die Journalistin erhielt 2020 den renommierten Augustpreis für ihr bisher nicht ins Deutsche übersetzte Sachbuch "Herrerna satte oss hit" (deutsch: Die Herren brachten uns hierher) über die Zwangsumsiedlung der Sámi bei der Aufteilung ihres angestammten Siedlungsgebietes zwischen den nordischen Ländern und Russland. Auf Interviews, die sie für ihr Sachbuch führte, sowie auf realen Ereignissen basiert nun ihr Debütroman.

In "Das Echo der Sommer" geht es nicht um den Verlust samischer Heimat durch neu gezogene Landesgrenzen, sondern durch die Nutzung von Wasserkraft zur Stromgewinnung für die Industrialisierung Schwedens im 20. Jahrhundert. Insgesamt viermal wird die samische Nomadin Rávdná Opfer der Überflutung ihres Dorfes.

Der Preis des billigen Stroms
Als der Roman 1942 einsetzt, ist ihre Torfkote im „Sommerland“ am Fuße des Hochfjälls, in der sie nach dem Tod ihres Mannes mit ihrer 13-jährigen Tochter Iŋgá und ihrer Schwester Ánne die Sommer verbringt, bereits zum dritten Mal ohne Vorwarnung, Entschädigung oder Entschuldigung des schwedischen Staates überflutet:

"Der See stand in ihrem Zuhause." (1. Satz, S. 15)

Ihr Besitz ist genau wie der Wald „ertrunken“, der lebensnotwendige Fischfang kaum noch möglich. Wieder werden provisorische Zeltkoten errichtet, wird das Dorf am Hang weiter auseinandergezogen und geht Gemeinschaft verloren. Wütend steigt Rávdná noch höher ins Fjäll und baut, obwohl es für die unter behördlicher Vormundschaft stehenden Sámi gesetzlich verboten ist und Sámi keine Hauskredite bekommen, ein eckiges Haus mit Fenstern.

Rávdná, die das „Sommerland“ und die Freiheit dort liebt und die Wanderung mit den Rentieren nach Westen im Frühling kaum erwarten kann, fühlt sich zunehmend fremd.

Im zweiten Teil springt der Roman zunächst ins Jahr 1968. Wieder soll der Staudamm ohne Rücksicht auf die Nomaden erhöht werden. Aus dem See wird ein Ozean.

Unbedingt lesenswert
Elin Anna Labba erzählt in ihrem erschütternden Roman von Rassismus, kulturellem Unverständnis, diskriminierender Gesetzgebung und Missachtung der Rechte der Ureinwohner durch den schwedischen Staat und die Mehrheitsbevölkerung. Gleichzeitig ist "Das Echo der Sommer" ein Roman über drei Frauen, die grundverschiedene Strategien angesichts von schmerzlichem Heimatverlust, Trauer, Ausgeliefertsein, Diskriminierung und Naturzerstörung entwickeln und zeigt den Preis des Widerstands (Rávdná) genauso wie den von Schweigen (Ánne) und Anpassung (Iŋgá).

Durch die Verwendung nordsamischen Vokabulars erhält der Roman eine besondere Authenzität, überraschenderweise ohne das Textverständnis zu schmälern, wenn man sich darauf einlässt. Wunderschöne Sprachbilder stechen poetisch hervor, wie das über die tief verwurzelte nomadische Unrast bis ins hohe Alter:

"Jeder wusste, dass im Frühling das Altersheim zu einer Rentierglocke wurde, die läutete und läutete." (S. 437)

Sprachliche Höhepunkte sind auch die kleinen Einschübe mit der ebenso melancholischen wie melodischen Stimme des Sees, wie der ganze Romane äußerst einfühlsam übersetzt von Hanna Granz:

"Ich wachse, denn die mich groß wollen,
kennen kein Ende.
Nie haben sie eines gekannt." (Schlusssätz S. 461)

Elin Anna Labba lebt inzwischen in Norwegen, wo die klimatischen Bedingungen für die Rentierhaltung besser und das Verständnis für die Sámi größer sind als in Schweden. Ich freue mich sehr auf weitere Romane von ihr.

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Veröffentlicht am 01.04.2025

Einschnitte

Halbinsel
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Das Daumendrücken war erfolgreich: Völlig zurecht wurde Kristine Bilkau, Journalistin und für mich eine der wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen im deutschen Sprachraum, für ihren vierten Roman "Halbinsel" ...

Das Daumendrücken war erfolgreich: Völlig zurecht wurde Kristine Bilkau, Journalistin und für mich eine der wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen im deutschen Sprachraum, für ihren vierten Roman "Halbinsel" mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2025 in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet.

Mutter und Tochter
Die nicht näher benannte titelgebende "Halbinsel" liegt im nordfriesischen Wattenmeer. Hier wohnt in eigenem Häuschen in einem 1300-Seelen-Dorf die Ich-Erzählerin, Bibliothekarin und Endvierzigerin Annett, die nach dem frühen, plötzlichen, schlecht verarbeiteten Tod ihres Partners Johan die gemeinsame Tochter Linn alleine großgezogen hat. Beide haben nach dem Schicksalsschlag perfekt funktioniert, Annett in ihrer Rolle als fürsorgliche, behütende, Schlimmes fernhaltende Mutter und Versorgerin, Linn durch Ehrgeiz, der sich schon als Kleinkind manifestierte, als sie mit anderthalb Jahren jede Treppe alleine hochkletterte. Inzwischen hat Linn zielstrebig zuerst das Abitur, dann diverse Praktika in europäischen Waldprojekten und schließlich ein Studium der Umweltwissenschaften mit dem Master in Lund abgeschlossen.

Ein Sommer zu zweit
Mit Linns erstem, gutbezahlten Job in einer Berliner Beratungsfirma für die Förderung und Finanzierung von Umweltprojekten scheinen sich die beiderseitigen Erwartungen zu erfüllen. Annett ist froh, die finanzielle Herausforderung gemeistert zu haben und blickt voller bewunderndem Stolz auf die erfolgreiche Tochter, Linn will sich mit Idealismus und Knowhow für die Umwelt engagieren. Alles spricht dafür, dass sie Karriere machen wird, anders als Annett, die durch die frühe Schwangerschaft und den Umzug von Kiel aufs Land eigene berufliche Hoffnungen zugunsten der Familie aufgab. Doch dann bricht Linn bei einem Vortrag zusammen. Aus einer Woche zuhause an der Nordsee wird ein ganzer langer Sommer, in dem Mutter und Tochter wieder zueinanderfinden und ihre Beziehung auf eine neue Grundlage stellen müssen. Für Annett gilt es, sich ihren Ängsten und der Leerstelle in ihrem Leben zu stellen, ihre Erziehungsgrundsätze kritisch zu überdenken, ihre Zukunft zu planen, Antriebslosigkeit und Menschenscheu zu bekämpfen und zu lernen, ihren eigenen Fähigkeiten, vor allem aber denen Linns zu vertrauen.

Hat sie ihrer Tochter zu wenig Freiheit gewährt, sie stattdessen mit ihrer Fürsorge erdrückt? Hat sie ihre eigenen unerfüllten Hoffnungen auf die Tochter projiziert? Warum kann sie so schwer mit Linns Sinnkrise und ihrem Wunsch nach einer Pause umgehen, was ihr Linn zum Vorwurf macht?

"Zum ersten Mal, zum allerersten Mal ist es so, dass ich nicht weiterkomme. Dass ich nicht zurechtkomme. Und du erträgst das nicht." (S. 100)

Existenzielle Fragen
Halbinsel ist einerseits eine hochinteressante Mutter-Tochter-Geschichte über Generationenunterschiede, veränderte Lebensvorstellungen und erdrückende Erwartungen mit Gedanken, die mir als Mutter erwachsener Töchter sehr nah sind. Andererseits geht es um die Bedrohungen durch den Klimawandel, die aufs Spiel gesetzte Zukunft und die Verlogenheit des CO2-Emissionshandels, bei der Linn nicht mehr mitspielen möchte:

"Darum ging es mir wohl, ich wollte zeigen, welchen unglaublichen Aufwand wir betreiben, um uns zu belügen und belügen zu lassen." (S. 146)

Den perfekten Rahmen für die beiden eng miteinander verwobenen Themen bildet die karge, sensible, durch Wind und Meer ständig im Umbruch befindliche Landschaft und Natur, ergänzt durch literarische und historische Bezüge. Wie immer bei Kristine Bilkau bleibt genug Spielraum für eigene Gedanken.

Dies zusammen macht den ruhig, linear, ohne Perspektivwechsel erzählten, einerseits melancholischen, andererseits auch hoffnungvollen Roman mit seiner beeindruckend präzisen, aufs Notwendigste reduzierten Sprache so absolut lesenswert und fraglos preiswürdig.

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