Profilbild von Havers

Havers

Lesejury Star
offline

Havers ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Havers über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.08.2025

Entschleunigende Lektüre

Die Bibliothek meines Großvaters
0

In „Die Bibliothek meines Großvaters“ des japanischen Autors Masateru Konishi (Debüt und Auftaktband einer Trilogie) lernen wir Kaede, eine junge, schüchterne Lehrerin kennen, die sich hingebungsvoll ...

In „Die Bibliothek meines Großvaters“ des japanischen Autors Masateru Konishi (Debüt und Auftaktband einer Trilogie) lernen wir Kaede, eine junge, schüchterne Lehrerin kennen, die sich hingebungsvoll um ihren an Demenz erkrankten Großvater kümmert. Eine innige Beziehung, die von Respekt getragen wird, auch wenn die Umstände schwierig und von Verlustängsten geprägt sind.

Es ist die gemeinsame Vergangenheit und die Liebe zu Bücher, insbesondere zu den Klassikern der Spannungsliteratur, die ein starkes Band zwischen den beiden geknüpft haben. Als Kaede in einem Buch Zeitungsausschnitte findet, in denen ein mysteriöses Verbrechen Thema ist, nimmt sie diese bei einem Besuch mit, um sie ihrem Großvater zu zeigen, um seine Meinung zu dem Fall zu hören. Und vielleicht, so hofft sie, ihn damit an einem seiner guten Tage zu erwischen und zumindest kurzzeitig aus dem Nebel seiner Erkrankung zu befreien. Und ja, es gelingt. Gemeinsam versuchen sie, Licht ins Dunkel zu bringen, wobei die Herangehensweise und die logischen Schlussfolgerungen, die in erster Linie der Großvater zieht, seinen Verstand zu stimulieren scheinen. Neue Aufgaben/Fälle folgen, ein schöner Streifzug durch die klassische Kriminalliteratur beginnt für die Leser, in deren Verlauf Kaede auch von Freunden aus ihrem Bekanntenkreis unterstützt wird. Selbst dann, als sich die Büchse der Pandora öffnet und persönlichen Verwicklungen der Beteiligten Anlass zur Sorge geben.

Romane aus dem asiatischen Raum haben einen eigenen Sound, so auch dieser. Der Autor hat Sympathien für seine Protagonisten, geht respektvoll und empathisch mit ihnen um (insbesondere mit der Erkrankung des Großvaters), blickt hinter die Kulissen und beschreibt die Lebensumstände sehr detailliert. Er erzählt persönliche Geschichten, und obwohl auch Spannungselemente vorhanden sind, überlagern diese nicht die individuellen Schicksale, sondern bilden trotz des Verzichts auf Knalleffekte größere Zusammenhänge ab. Für manche Leserinnen/Leser mag diese Art des Erzählens langatmig und ermüdend wirken, ich empfand sie warmherzig und anrührend, und so war dieser Roman für mich eine entspannende und entschleunigende Lektüre, die ich sehr genossen habe.

Veröffentlicht am 24.08.2025

Zu viel Stoff für einen einzigen Kriminalroman

Hildur – Die Toten am Meer
0

Der plötzliche Kindstod eines Babys, der blutüberströmte Küchenhelfer von einem Kreuzfahrtschiff mit zerschnittenem Gesicht, Einbrüche in Sommerhäuser, bei denen nichts gestohlen wird, vier Skelette im ...

Der plötzliche Kindstod eines Babys, der blutüberströmte Küchenhelfer von einem Kreuzfahrtschiff mit zerschnittenem Gesicht, Einbrüche in Sommerhäuser, bei denen nichts gestohlen wird, vier Skelette im Hinterhof von Hildurs, der Todesfall im Seniorenheim, der Auffälligkeiten zeigt.

Und als wäre das noch nicht genug, müssen sich Hildur und ihr strickender Kollege Jakob auch noch mit diversen privaten Problemen herumschlagen, die ansatzweise bereits in den Vorgängern thematisiert wurden. Jakob, der ständig Nachrichten auf seinem Handy bekommt, über die er sich beharrlich ausschweigt und zudem immer noch Schwierigkeiten mit seinem Sohn hat, der die neue Lebensgefährtin seines Vaters kategorisch ablehnt. Hildur, die sich noch immer fragt, weshalb ihre inhaftierte Schwester Björk die Verantwortung in der Stutenblut-Affäre auf sich genommen hat, obwohl alle Hinweise darauf hindeuten, dass Hintermänner die Strippen gezogen haben. Und ihre Fernbeziehung zu Anton, die durch ein unerwartetes Ereignis belastet wird.

Zu viel Stoff für einen einzigen Kriminalroman, und das zeigt sich auch im Verlauf dieses vierten Bandes der Hildur-Reihe, in dem die Autorin Satu Rämö zwar gewichtige Themen wie Menschenhandel, Profitgier und Fischfangquoten anreißt, aber leider immer nur an der Oberfläche kratzt. Sie schafft es zwar, die verschiedenen Fälle zum Ende hin mehr oder weniger nachvollziehbar zu verbinden, wobei hier allerdings weniger Logik und kriminalistische Ermittlungsarbeit im Mittelpunkt steht, als vielmehr Vermutungen und Gedankenblitze Hildur zum Ziel führen.

Dennoch habe ich „Die Toten am Meer“ gerne gelesen. Ich mag diese geerdete Protagonistin und ihre komplizierte Familiengeschichte, letztere zwar immer im Hintergrund vorhanden, aber nie zu viel erzählerischen Raum einnehmend. Und ja, ich mag auch die Beschreibungen dieser dünn besiedelten, rauen Landschaft der isländischen Westfjorde, die perfekt mit dem knappen, aufs Wesentliche konzentrierten Stil der Autorin korrespondieren.

Veröffentlicht am 03.08.2025

Ein Leben in Einsamkeit

Deckname: Bird
0

Heather Berriman, Mittfünfzigerin, Deckname Bird, arbeitet seit vielen Jahren, wie auch schon ihr verstorbener Vater, für den britischen Geheimdienst. Nie hat sie sich etwas zu Schulden kommen lassen. ...

Heather Berriman, Mittfünfzigerin, Deckname Bird, arbeitet seit vielen Jahren, wie auch schon ihr verstorbener Vater, für den britischen Geheimdienst. Nie hat sie sich etwas zu Schulden kommen lassen. Bis zu dem Tag, an dem auf ihrem Konto der größerer Geldbetrag eines unbekannten Absenders eingegangen ist. Geld, das sie damals wegen einer finanziellen Klemme gut gebrauchen konnte. Aber jetzt scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein, an dem es ihr diese Verfehlung um die Ohren fliegt.

Ihr Vorgesetzter ruft die Abteilung zusammen und informiert diese während eines darüber, dass gegen einen seiner Mitarbeiter/innen ein begründeter Verdacht wegen Bestechlichkeit besteht. Heather weiß, dass sie gemeint ist und verschwindet ohne Erklärung aus dem Besprechungszimmer. Ein Szenario, mit dem sie gerechnet hat und auf das sie vorbereitet ist. Sie schnappt sich ihre gepackte Notfalltasche und flüchtet aus dem Gebäude Richtung Bahnhof.

Damit beginnt für sie ein Versteckspiel, bei dem sie ihren Verfolgern immer einen Schritt voraus ist, hat sie ihre Fluchtroute doch schon seit langer Zeit geplant und die einzelnen Stationen im Kopf. Zuerst Richtung Schottland, dann auf die vorgelagerten Inseln im Westen, anschließend mit der Fähre nach Norwegen und schließlich zu dem Endpunkt auf Island. Immer auf dem Sprung, in ständiger Alarmbereitschaft, hochkonzentriert, bereit zum Aufbruch, alles hinter sich zu lassen.

Doughty bleibt immer nahe an ihrer Protagonistin, lässt uns durch deren Augen auf Gegenwart und Vergangenheit blicken. In einer ausführlichen Retrospektive erfahren wir viel über das, was Heathers Leben bis zu diesem Zeitpunkt ausgemacht hat. Die Ausbildung beim Militär, die Anwerbung beim Service, das Leben, in dem Verschwiegenheit an erster Stelle steht und kaum Platz für Freundschaften ist. Ein Leben, geprägt von Misstrauen und Einsamkeit, in dem für Gefühle kaum Platz und Überleben alles ist.

Leise im Ton, eindringlich in den Beschreibungen, ohne Action und Effekthascherei à la James Bond ein Ende, das von Beginn an offensichtlich ist oder vermutet werden kann. Und ob der Verlag diesem fein gezeichneten psychologischen Porträt mit der Etikettierung als Thriller einen Gefallen getan und damit Erwartungen geweckt hat, die nicht eingelöst werden können, sei dahin gestellt.

Veröffentlicht am 02.08.2025

Bestandsaufnahme

Die Unbehausten
0

Zwei Zeitebenen, zwei Familien, zwei Handlungsstränge mit 145 Jahren Abstand, und dennoch zwei Gemeinsamkeiten.

Die eine schafft der Handlungsort, die viktorianische Villa in Vineland, New Jersey. Alt, ...

Zwei Zeitebenen, zwei Familien, zwei Handlungsstränge mit 145 Jahren Abstand, und dennoch zwei Gemeinsamkeiten.

Die eine schafft der Handlungsort, die viktorianische Villa in Vineland, New Jersey. Alt, heruntergekommen, baufällig vom Dach bis zu den Grundmauern, aber sowohl damals (die Greenwoods) wie heute (die Knox‘) fehlen den Bewohnern die finanziellen Mittel für eine umfassende Renovierung, die ihnen das Dach über dem Kopf sichern würde.

Die zweite Verbindung ergibt sich aus dem Wirken der historisch verbürgten Mary Treat, einer Biologin und Entomologin, die damals im Haus nebenan lebte und mit der Thatcher Greenwood die Darwinsche Evolutionstheorie diskutiert, was im konservativen Vineland zu dieser Zeit einer Gotteslästerung gleichkommt. Soll man in alten Denkmustern verharren oder Neues willkommen heißen? Thatcher entscheidet sich für den Fortschritt. Er lässt sich nicht entmutigen und mundtot machen, kämpft gegen alle Widerstände für das, was ihm wichtig ist.

Auch in der Gegenwart ist Willa Fox nicht bereit, kampflos aufzugeben. Die Mitfünfzigerin will die drohende Obdachlosigkeit ihrer Familie abwenden, setzt ihre journalistischen Fähigkeiten ein und recherchiert. Auch wenn sie aktuell ohne Job ist, beherrscht sie ihr Metier aus dem Effeff und findet heraus, dass die Villa als historisch wertvolles Gebäude, nicht zuletzt wegen Mary Treat und den Greenwoods, einen Anspruch auf Fördergelder haben müsste. Eigentlich. Es folgen endlose Kämpfe mit den Behörden, die sie ausfechten wird.

Auf den ersten Blick scheint „Die Unbehausten“ eine Familiengeschichte zu sein, aber im Kern ist es ein höchst politisches Buch. Die Probleme, mit der Familie Knox in der Gegenwart zu kämpfen hat, speisen sich überwiegend aus Unsicherheiten, auf die sie keinen Einfluss nehmen können und die für sehr viele Amerikaner täglich Brot sind. Befristete Arbeitsverhältnisse, die nicht verlängert werden, die Rückzahlung hoher Studienkredite, ein Gesundheitssystem, das bei Inanspruchnahme den finanziellen Ruin nach sich zieht. Money makes the world go round. Der amerikanische Traum, für viele Menschen schon längst zum desaströsen Albtraum verkommen.

Im Original wurde der Roman 2018 veröffentlicht, also kurz nachdem Trump zum Präsidenten gewählt wurde. 2021 folgte Biden, seit diesem Jahr wieder Trump, aber großartig zum Besseren hat sich seither leider nichts für die Menschen in den Vereinigten Staaten verändert. Im Gegenteil. Die Alltagsprobleme der weißen, amerikanischen Familien, die Kingsolver hier ungeschönt beschreibt, bestehen weiter.

Unter diesem Aspekt hat der Roman für politisch interessiert Leserinnen und Leser wenig Neues zu bieten, aber dennoch habe ich „Die Unbehausten“ gerne gelesen, Zum einen mochte ich Kingsolvers Menschen, die trotz aller Probleme nicht klein beigeben, zum anderen aber auch die von ironischem Humor getragenen Passagen. Weniger gelungen waren allerdings die langatmigen, erklärenden Einschübe. Überflüssige und hölzerne Fremdkörper, die Dialoge langatmig und gescriptet wirken ließen. Darauf hätte ich gut verzichten können.

Veröffentlicht am 24.07.2025

Dolce Vita mit Knalleffekt

Teddy
0

Emily Dunlay nimmt uns mit nach Rom, Ende der sechziger Jahre das glamouröse Zentrum der Reichen und Schönen, in dem der äußere Schein das Sein bestimmt.

Im Zentrum steht Teddy, die mit ihren 34 Jahren ...

Emily Dunlay nimmt uns mit nach Rom, Ende der sechziger Jahre das glamouröse Zentrum der Reichen und Schönen, in dem der äußere Schein das Sein bestimmt.

Im Zentrum steht Teddy, die mit ihren 34 Jahren zum Leidwesen ihrer einflussreichen, texanischen Familie ein „spätes Mädchen“ ist, das dringend unter die Haube gebracht werden muss, bevor sie zu „verdorbener Milch“ wird. Der Plan ihrer Cousine Marcia gelingt, die Teddys Telefonnummer an David, Studienfreund ihres Mannes und mittlerweile in der römischen Botschaft beschäftigt, weitergibt. Nach einer sehr kurzen Phase des Kennenlernens heiraten die beiden und Teddy folgt ihrem Mann nach Rom. Zwanghaft bemüht versucht sie sich in ihrem neuen Leben einzurichten, perfekt zu sein, alles richtig zu machen und den Ansprüchen ihres Ehemannes zu genügen. Aber dass das in die Hose gehen wird, ist zu vermuten.

Teddy ist zu Beginn ein Ausbund an Oberflächlichkeit ist, aber dennoch eine sympathische Protagonistin, die sich leider den gesellschaftlichen Zwängen einer Zeit unterordnet, in der die Rolle der Frau zwar sehr eng gefasst ist, es durchaus aber Möglichkeiten gäbe, dieses Rollenmuster zu durchbrechen. Und dass sie es kann, zeigen die Wochen nach dem Unabhängigkeitstag.

Es sind die stimmungsvollen Beschreibungen der Örtlichkeiten, die mir beim Lesen immer wieder das Gefühl vermittelt haben, einen Film über das römische Dolce Vita aus der Glanzzeit von Hollywood anzuschauen, gesehen und beschrieben durch die Augen einer Amerikanerin. Das ist der Autorin sehr gut gelungen, ebenso von Beginn an die die leise Spannung, die suggeriert, dass im Verlauf der Story noch ein Knalleffekt zu erwarten ist und die Handlung eine andere Richtung einschlägt.

Mit leichten Abstrichen ein schönes Sommerbuch, das man durchaus in den Urlaubskoffer packen kann, auch wenn man nicht nach Rom fährt.