Profilbild von nessabo

nessabo

Lesejury Star
offline

nessabo ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit nessabo über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.08.2025

Eine unglaublich gut konstruierte Geschichte mit geschickter Spannung und viel Menschlichkeit

Das Geschenk des Meeres
0

Mit historischen Romanen habe ich aufgrund ihrer logischerweise älteren Sprache oft meine Probleme. Julia R. Kelly ist mit ihrem Debüt aber ein echtes Highlight gelungen, in dem sie die damalige Zeit authentisch ...

Mit historischen Romanen habe ich aufgrund ihrer logischerweise älteren Sprache oft meine Probleme. Julia R. Kelly ist mit ihrem Debüt aber ein echtes Highlight gelungen, in dem sie die damalige Zeit authentisch abbildet, das Werk aber sprachlich sehr greifbar belässt. Außerdem ist die Bildsprache des Romans eine, die ihresgleichen sucht.

Ganz zentral für diesen Meeresroman ist seine Stimmung. Gefühlt spielt sich alles im eisigen, chaotischen Winter ab, sodass die Atmosphäre ebenso bedrohlich wie dicht ist. Bemerkenswert fand ich außerdem die Figurenzeichnung: einerseits für die damalige Zeit auf frustrierende Art authentisch (Aus heutiger Sicht sind so einige Handlungen der Frauen wirklich zum Haare raufen!), andererseits mit ganz viel Liebe und Tiefgang. Selbst die kleinste Nebenfigur erhält Vielschichtigkeit, was es den Lesenden unmöglich macht, klare Urteile zu fällen.

Besonders gut gelungen ist meiner Meinung nach die tragende Hauptfigur. Dorothy ist phasenweise eine etwas unzuverlässige Erzählerin (womit ich üblicherweise meine Probleme habe), doch das wird am Ende sehr einfühlsam und glaubwürdig aufgelöst. Ich war durchgängig absolut bei ihr und habe ihr jede Erzählung geglaubt - damit war ich dann manchmal auch ebenso überrascht wie sie selbst. Die Entwicklung der Figur ist makellos, während trotzdem auch nicht alles auserzählt wird. Sie wird keine moralisch perfekte Protagonistin, sondern eine Figur mit Schmerz und Freude gleichermaßen. Sie überwindet durch einen neuen Schmerz einen noch viel größeren und das war schlicht beeindruckend geschrieben. Ich habe sie unglaublich gern begleitet.

Der Verbund der Dorfgemeinschaft ist in seiner Dynamik außerdem äußerst reizvoll. Dank geschickter Rückblenden baut die Autorin nicht nur eine Spannung auf, die für einen tollen Lesesog sorgt, sondern entwickelt auch das glaubwürdige Bild einer solchen Gemeinschaft. Dabei sind die grundlegenden Aussagen des Romans absolut zeitgemäß: Wenig ist so, wie es scheint und wir sollten miteinander ins Gespräch kommen, statt uns auf unserem ersten Urteil über andere auszuruhen.

Die Autorin schafft es, auch mit wenigen Worten viel zu sagen. Immer wieder webt sie geschickt kleine Details ein, die in ihrer Tragweite für die Figuren enorm sind. Es macht richtig Spaß, gerade auch im Austausch mit anderen, diese Suche nach Handlungssegmenten zu starten. Ich bin völlig geflasht von der Vielzahl der Themen, die die Autorin dadurch in diese zu Beginn einfach erscheinende Geschichte einbaut.

Eine klare Empfehlung für dieses Buch, das in irgendeiner Form ein Familienroman ist, wenn auch nicht auf die typische Weise. Fans von vielschichtigen Figuren und einer melancholischen Bildsprache werden hier sicher auf ihre Kosten kommen. Die Handlung driftet bei allem Drama nie ins Überladene ab und sorgte bei mir gerade zum Ende hin für einen echten Kloß im Hals.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.08.2025

Tolle Unterhaltung mit starken Figuren

People Person
0

Ich mochte "Queenie" bereits gern und habe mich von "People Person" ähnlich gut unterhalten gefühlt. Die Geschichte ist ein wahres Plädoyer für Zusammenhalt - in diesem Fall innerhalb einer Blutsverwandtschaft, ...

Ich mochte "Queenie" bereits gern und habe mich von "People Person" ähnlich gut unterhalten gefühlt. Die Geschichte ist ein wahres Plädoyer für Zusammenhalt - in diesem Fall innerhalb einer Blutsverwandtschaft, die bis zum auslösenden Moment der Handlung keine große Rolle spielte. Als es aber hart auf hart kommt, halten die Geschwister zusammen. Für mich wirft die Geschichte einen Blick darauf, was Familie bedeutet und wie sie ausgestaltet sein kann.

Zu Beginn des Romans war ich erst ein wenig ernüchtert, weil mir die Storyline nun schon wiederholt begegnet ist und ich sie ein wenig auserzählt finde. Doch es wird zum Glück anders aufgelöst, sodass ich insgesamt versöhnt war. Sie Skurrilität der Situation und die absolute Ernsthaftigkeit, mit der die Geschwister ihr begegnen, ist unterhaltsam und trifft meinen Humor sehr gut.

Gleichzeitig fand ich die Figuren total stark geschrieben! Alle Geschwister haben ihre ganz eigenen Charakterzüge, die mir (fast) alle auch wirklich sympathisch waren. Wir bekommen hier viel sensible Männlichkeit und solidarische Frauen - genau sowas möchte ich viel öfter lesen! Mich hat der Zusammenhalt unter den Geschwistern sehr empowert. Außerdem flicht die Autorin immer wieder gesellschaftskritische Aspekte wie z. B. rassistische Polizeigewalt oder häusliche Gewalt ein.

Mein einziger Wermutstropfen ist, dass für mein Empfinden die Auseinandersetzung mit dem Vater viel zu zurückhaltend war. Seine Figur hat mich bis auf's Blut gereizt und ich sag mal so: Ich wäre ihm ganz anders begegnet! 🤬

Nichtsdestotrotz eine tolle Unterhaltung mit authentischen, liebenswerten Figuren und ganz viel Solidarität - klare Empfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.08.2025

Wunderschöne Coming of Age Geschichte mit viel Tiefgang

Himmel ohne Ende
0

Was für ein wunder-wunderschönes Romandebüt von Julia Engelmann! Obwohl die Autorin ja kein unbeschriebenes Blatt ist, kannte ich ihr Schreiben bislang noch nicht, bleibe nun aber sehr an ihrem Werk interessiert.

Denn ...

Was für ein wunder-wunderschönes Romandebüt von Julia Engelmann! Obwohl die Autorin ja kein unbeschriebenes Blatt ist, kannte ich ihr Schreiben bislang noch nicht, bleibe nun aber sehr an ihrem Werk interessiert.

Denn Engelmann hat hier eine sanfte Geschichte geschrieben, die zwar vordergründig wie eine Jugendgeschichte erscheint, in ihrem Tiefgang aber so einiger Erwachsenenliteratur den Rang abläuft. Charlie ist eine Protagonistin, die uns nah ranlässt - zu Beginn vor allem an das Dunkle in ihrem Leben. Depressionen werden hier zwar als Ursache nicht ausgesprochen, ich sehe da aber mindestens sehr viele Parallelen.

Mit ihren Gedanken rund um den eigenen Platz im Leben geht viel Einsamkeit einher - nicht zuletzt, weil sie nicht unbedingt die beliebteste Mitschülerin ist und sich ihre einzige Freundin überraschend von ihr abwendet. Diese Umstände werden von einer 15-Jährigen beschrieben, haben aber eine Tragweite für Menschen jeglichen Alters.

Was ich besonders herausheben möchte, ist die klare und zugleich ehrliche Sprache, die phasenweise regelrecht schmerzhaft melancholisch ist. Ich finde es auch bemerkenswert, wie die Autorin es geschafft hat, die jugendliche Charlie sprachlich so authentisch abzubilden, ohne dass ich es als „jugendlich“ einstufen würde. Der Roman liest sich unglaublich gut und wartet mit subtilen Spannungsmomenten auf, die aber keinem überspitzten Drama entspringen, sondern sehr aus dem Leben gegriffen sind.

Auch die Figurenzeichnung selbst finde ich großartig. Rebellische Teenie-Aspekte treffen hier auf Unsicherheiten und ehrliche Freude. Kornelius aka Pommes ist ein wunderbar sanfter männlicher Nebencharakter, der seine eigenen ernsten Struggle hat und jegliche Männlichkeitsbilder pulverisiert. Er ist eine enorm wichtige Person für Charlie und doch - und das hat mich sehr gefreut - fühlt es sich nie wie eine Rettung an. Die Erkenntnisse über zwischenmenschliche Beziehungen und das Leben selbst sind ehrlich und ich habe sie nie als plakativ empfunden.

Eine klare Kritik habe ich jedoch. Ich verstehe, aus welchem Grund Meerschweinchen Markus Teil der Handlung ist (Einzeltier Markus trifft auf mutmaßliche Einzelkämpferin Charlie). Doch ich finde es so schade, welches falsche Bild hier immer wieder besonders von Nagetieren und Kaninchen vermittelt wird. Diese sind (abgesehen von Hamstern) NIEMALS Einzeltiere - Verhaltensauffälligkeiten haben Gründe und die können behandelt werden. Abgesehen davon haben sie weder etwas in einem Käfig verloren noch in den Händen eines Menschen bei dessen freizeitlichen Aktivitäten. Es sind weder Kuscheltiere noch Spielzeuge und auf den Trope hätte ich liebend gern verzichtet.

Nichtsdestotrotz bekommt dieses Debüt von mir eine makellose Bewertung, weil es mich gefesselt und emotional bewegt hat. Große Empfehlung für eine sanfte Sommerlektüre mit ein bisschen Tränenpotenzial.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.07.2025

Eines der besten und unterhaltsamsten Hörbücher!

Single Mom Supper Club
0

Jacinta Nandi kannte ich zuvor nur von ihren kurzen Texten im Missy Magazine, die ich bereits sehr mochte. Und das Hörbuch zu „Single Mom Supper Club“ ist wirklich eines der besten, die ich je gehört habe! ...

Jacinta Nandi kannte ich zuvor nur von ihren kurzen Texten im Missy Magazine, die ich bereits sehr mochte. Und das Hörbuch zu „Single Mom Supper Club“ ist wirklich eines der besten, die ich je gehört habe! Britta Steffenhagen ist eine fantastische Sprecherin, die es wie kaum eine andere geschafft hat, den vielen Single Moms einen Charakter zu verleihen. Ihr Einsatz von Akzenten und Stimmvarianz ist schlicht bemerkenswert. Ich kann immer schwer einschätzen, ob mir das Buch beim Lesen genauso viel Freude bereitet hätte, aber das Hörbuch war ein absoluter Genuss!

Nandi hat hier eine episodenhafte Satire geschrieben, die einige Wahrheiten enthält - ohne diese aber je klar auszuformulieren. Die Perspektiven der kurzen Kapitel wechseln zwischen den verschiedenen Müttern, der grundlegende Ton bleibt aber vergleichbar. Die Autorin ist einfach witzig und das schlägt sich in ihren Figuren nieder. Die Frauen geraten über diverse Themen auf eine trockene, nüchterne und zugleich ernsthafte Art aneinander, die ich äußerst unterhaltsam finde.

Themen wie Rassismus, inklusive Sprache, AfD im Osten sowie Ostfeindlichkeit, Ungleichheit bei Care-Arbeit, das deutsche Steuersystem, Klassismus und natürlich Feminismus spielen eine Rolle. Manche Aussagen sind klar, aber meistens bleibt das endgültige Urteil den Lesenden vorbehalten. Einige Szenen darf mensch auch wirklich nicht so ernst nehmen (Ist ein bisschen Koks okay, wenn die Mutter gerade auf ihre Kinder aufpasst?), denn Nandi arbeitet oft mit einer extremen Überspitzung. Für mich war immer klar, wie ich die Szenen zu verstehen habe, sodass mich die skurrile Ernsthaftigkeit ihrer Figuren in diesen Situationen oft hat schallend lachen lassen.

Ich finde nicht, dass der Roman den Anspruch hat, besonders gesellschaftskritisch zu sein. Auf einige Dinge weist die Autorin mit ihrer ironischen Art auf jeden Fall hin, doch ich verstehe die Geschichte vor allem als äußerst unterhaltsame, kurzweilige Impulsgeberin. Und über so einige Dinge können wir schließlich nur noch lachen, weil wir sonst über sie weinen müssten. Große Empfehlung für diesen Roman und seine Autorin!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.07.2025

Ein spannendes Gedankenspiel auf fantastische und emotionale Weise umgesetzt

Im Leben nebenan
0

Anne Sauer bleibt nach diesem Romandebüt auf jeden Fall eine Autorin, die ich im Auge behalte. Nicht nur schafft sie es, eine innovative Idee in Buchform zu bringen, sondern sie setzt diese dann auch noch ...

Anne Sauer bleibt nach diesem Romandebüt auf jeden Fall eine Autorin, die ich im Auge behalte. Nicht nur schafft sie es, eine innovative Idee in Buchform zu bringen, sondern sie setzt diese dann auch noch mit so viel Fein- und Taktgefühl um, dass es mich emotional kaum losgelassen hat. An den richtigen Stellen ist der Text stilistisch besonders, ohne zu extravagant zu sein und damit von der Emotionalität der Handlung abzulenken.

Die Geschichte dreht sich um Antonia und Toni - erstere im Heimatdorf mit frisch geborenem Kind und verheiratet mit ihrer Jugendliebe, letztere in der Stadt ohne Kinder und in einer festen, unkomplizierten Beziehung mit einem anderen Mann. Nur… es handelt sich um die gleiche Person und Antonia wacht eines Tages als Mutter auf, obwohl sie gestern noch als Toni ein kinderloses (oder -freies?) Leben führte. Die beiden Perspektiven laufen immer wieder ineinander, scheinen sich manchmal sogar fast zu kreuzen. Zwei Perspektiven, die irgendwie eine sind und doch auch wieder nicht - Knotenpotenzial für den Kopf, aber ich fand es genial und intelligent umgesetzt.

Es ist sehr klar, dass es sich hier um Fiktion handelt und trotzdem habe ich bangend auf eine logische Auflösung gewartet - so gut kann die Autorin schreiben. Beide Versionen der Protagonistin sind vielschichtig. Antonia struggelt in verschiedener Hinsicht mit ihrer Mutterrolle, obwohl sie sich diese als Toni gewünscht hatte - hat sie doch jahrelang vergeblich versucht, schwanger zu werden. Anne Sauer webt wiederholt gesellschaftliche Elemente in die Geschichte ein und schafft es, Eltern und Nicht-Eltern nebeneinanderzustellen ohne in ein Werten oder gar Vergleichen zu verfallen. Deshalb können meiner Meinung nach alle Lesenden ungeachtet der eigenen Situation etwas aus dem Roman ziehen.

Mich haben beide Seiten der Geschichte restlos überzeugt. Am Ende geht es weniger um die Frage „Kinder - ja oder nein?“, sondern vielmehr um Lebensentscheidungen und dem Umgang mit ihnen im Allgemeinen. Mal schwermütig und verzweifelt, mal hoffnungsvoll und proaktiv gehen beide Versionen der Protagonistin durch eine bestimmte Phase ihres Lebens. Die beiden Partner haben mir als Nebenfiguren gut gefallen, da auch sie sich jeglicher Eindeutigkeit entziehen und eben einfach menschlich sind - mit nervigen und liebenswerten Seiten.

Das Ende ist kryptisch, aber mir ist fast die Kinnlade herabgefallen, so gut fand ich es! Ich habe auch wirklich ein paar Tränchen verdrückt, die gar nichts mit einem besonders konkreten Drama zu tun haben, sondern sich einfach mit der sanften Echtheit der Geschichte begründen lassen. Ein großartiges Debüt, mit dem die Autorin zeigt, wie viel Mitgefühl und Verständnis sie für verschiedene Lebensentwürfe aufbringen kann!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere