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Veröffentlicht am 04.08.2025

Die Gemeinschaft stärken, anhand von konkreten Beispielen erklärt

Heimat muss man selber machen
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Sina Trinkwalder befasst sich in ihrem nunmehr fünften Buch mit den Problemen, die sich innerhalb der Gemeinschaft ihres Unternehmens manomama eingenistet hatten, sowie mit der Lösung dieser. Dabei dreht ...

Sina Trinkwalder befasst sich in ihrem nunmehr fünften Buch mit den Problemen, die sich innerhalb der Gemeinschaft ihres Unternehmens manomama eingenistet hatten, sowie mit der Lösung dieser. Dabei dreht sich der erste Teil des Buches um das Erkennen von Problemen im Umgang miteinader und der zweite Teil um die gemeinsame Umgestaltung des Miteinanders, sodass es wieder/besser funktioniert.

Vor allem der zweite Teil des Buches hat mich besonders überzeugt. Hier werden anhand von neun Regeln, welche Trinkwalder bei manomama erarbeitet hat, Handlungsmöglichkeiten für jeden Einzelnen eröffnet, auch die eigene Umwelt zu verbessern. Der Autorin gelingt dabei besonders gut, immer wieder vom Makrobereich der Gesellschaft auf den Mikrobereich des alltäglichen Lebens zu schließen - und umgekehrt. Mit leicht verständlicher Sprache fächert die Autorin auf, wie wir Heimat schaffen können. "Das kann überall dort sein, wo Menschen einen Raum erschaffen, der auf Respekt und Wertschätzung fußt und in dem Würde einzieht." Mit konkreten Beispielen kann sich (bestimmt) jeder an irgendeiner Stelle wiederfinden. Sympathisch wirkt hier, dass sie nicht einfach "DIE" Patentrezepte einer unschlagbaren Powerfrau zur Lösung unserer gemeinschaftlichen Probleme anbietet, sondern diese aus großen und kleinen Momenten des Scheiterns heraus herleitet.

Einziger klitzekleiner Kritikpunkt bleiben die manchmal zu ausgiebig genutzten ermahndenen "Wir"-Sätze, wenn es um die Darlegung der bisherigen Schwächen unserer Gesellschaft geht. Es gibt eben Menschen, die sich mehr bemühen und andere die dies weniger tun. Ein "Wir" löst da schnell mal Reaktanz aus und man fragt sich, warum denn nicht auch der Satz heißen könnte [Achtung ein Beispiel zur Verdeutlichung meinerseits, nicht aus dem Buch!] "Zu viele Menschen essen Fleisch" statt dem genutzten "Wir essen ständig zu viel Fleisch und stören uns nicht mal dran". Beim zweiten Satz würde ich mich nicht wiederfinden können.

Insgesamt empfand ich die Lektüre des Buches durchaus sehr aufschlussreich und motivierend, noch mehr an die Gemeinschaft zu denken und im Sinne dieser zu handeln. Vielleicht rennt Trinkwalder mit diesem Buch offene Türen bei ihren Lesern ein, vielleicht regt es aber auch hoffentlich viele von ihnen dazu an, sich zu sensibilisieren und damit auch die Gemeinschaft zu verändern bzw. überhaupt erst zu schaffen.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Unerwartete Geschichte, fesselnd erzählt.

Quasi
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In diesem Roman bringt Sara Mesa zwei sehr unterschiedliche Personen, unter merkwürdigen Umständen, an einem ungewohnten Ort zusammen. Die "Quasi" Vierzehnjährige und den Mitte 50jährigen "Alten". Eine ...

In diesem Roman bringt Sara Mesa zwei sehr unterschiedliche Personen, unter merkwürdigen Umständen, an einem ungewohnten Ort zusammen. Die "Quasi" Vierzehnjährige und den Mitte 50jährigen "Alten". Eine undefinierbare Beziehung entwickelt sich und der Roman stellt damit die Frage nach Freundschaften, Paarbeziehungen, Bekanntschaften, die sind aber nicht sein dürfen/sollten/können.

Mich konnte der Roman durch seinen ungewöhnlichen Plot und die präzise Sprache, sowie die psychologische Tiefe sehr gut erreichen. Dieses Buch ist eine Abwechslung im aktuellen Literaturkanon. Die personale Erzählstimme bleibt an Quasi dran, aber nur im Park. Wir erfahren allein aus den Gesprächen der beiden sowie den Gedankengängen von Quasi, was hier eigentlich passiert. Sehr gefühlvoll nähert sich die Autorin nicht nur einer Dreizehnjährigen, die zwischen Mädchen- und Frausein verwirrt versucht den Alltag zu meistern, sondern auch einem Mann von Mitte Fünfzig Jahren, der in seiner psychischen Auffälligkeit nicht pathologisiert wird.

Aufgrund des spannenden Plots habe ich dieses Buch eingesogen. Allein in der Form konnten mich ganze Passagen, die in Klammern eingefügt wurden, nicht gänzlich für die 5 Sterne überzeugen. Trotzdem ein definitiv empfehlenswertes Buch, welches in vielerlei Hinsicht zum Nachdenken anregt.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Anders als erwartet und trotzdem oder gerade deswegen richtig gut.

Alles, was wir geben mussten
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GAIAvor 5 Jahren

An dieses Buch kann man durchaus mit falschen Erwartungen herangehen und trotzdem äußerst positiv überrascht werden. Ich bin von einem hochspannenden Wissenschaftsthriller um das Geschäft ...


GAIAvor 5 Jahren

An dieses Buch kann man durchaus mit falschen Erwartungen herangehen und trotzdem äußerst positiv überrascht werden. Ich bin von einem hochspannenden Wissenschaftsthriller um das Geschäft mit den Organen von Klonen, die als Waisen in einem Heim aufwachsen, ausgegangen. Grundsätzlich beschreibt dies schon die Handlung, nur ist dieses Buch etwas ganz anderes und viel mehr als „nur ein Thriller“. Dass die Ich-Erzählerin Kathy und damit eine der drei Hauptfiguren des Buches, wie auch Ruth und Tommy, in einer Art Internat für sogenannte „Spender“ mit dem Wissen eine solche (Organ-)Spenderin zu sein aufwächst, ist hier nur die Hindergrundgeschichte. Haupthemen des Buches sind vielmehr das Erwachsen werden unter besonderen Bedingungen, die Beziehungsstrukturen zwischen Gleichaltrigen und die Komplexität von Freundschaft und Liebe.

Ishiguro stellte die großen Fragen des Menschseins und dies in meisterhafter Art und Weise. Die Leserin erfährt in Form eines memorierten Berichtes von Kathy von ihrem Aufwachsen als sogenannte „Kollegiatin“ unter Ihresgleichen und nähert sich auch nur in der Geschwindigkeit ihres Erkenntnisprozesses als Kind bis zur jungen Erwachsenen ihrem wahren Zweck in der Welt als geklonte Organspenderin an. Dies kann mitunter ein bisschen langatmig wirken, minderte für mich jedoch abschließend nicht stark die Freude an der Lektüre. Wenn man sich nämlich auf die leisen Zwischentöne konzentriert, mit denen Ishiguro Verhaltenskodizes zeichnet und zwischenmenschliche Beziehungen darlegt, wird dieses Buch zu einem feinen Psychogramm. Zum Ende hin bekommt das Buch dann doch noch einen starken Spannungsbogen, der die zunächst „enttäuschte“ Erwartung an den Wissenschaftsthriller wieder wett macht.

In diesem Buch lernt man nicht viel über Klonverfahren oder Lebendorganspende, dafür aber unglaublich viel über das Miteinander im Aufwachsen und durchaus auch eigene Verhaltensmuster als Kind und Jugendliche. Ein hochklassiges Buch, auf das man sich völlig offen einlassen sollte. Man wird mit dem hochklassigen Werk eines Weltliteraten belohnt.

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Veröffentlicht am 01.08.2025

Was wäre wenn,…

Im Leben nebenan
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In ihrem Romandebüt erforscht Anne Sauer, wie es sich anfühlen würde, wenn man kognitiv plötzlich in ein anderes Leben „gebeamt“ werden würde. Wie das Leben weiter verlaufen würde und ob man sich dort ...

In ihrem Romandebüt erforscht Anne Sauer, wie es sich anfühlen würde, wenn man kognitiv plötzlich in ein anderes Leben „gebeamt“ werden würde. Wie das Leben weiter verlaufen würde und ob man sich dort zurechtfinden kann. Thematisch dreht sich in „Im Leben nebenan“ um die Frage der Mutterschaft. Eine ungewollt kinderlose Frau, die nach einer Kinderwunschbehandlung mal wieder eine Fehlgeburt hatte, erwacht am nächsten Morgen in einer für sie fremden Wohnung mit einem Baby, ihrem Baby, auf der Brust liegend. Was nun?

Antonia, kurz Toni, ist mit ihrer großen Liebe zusammen. Nur können Jakob und sie keine Kinder bekommen. Sie scheinen zu spät dran zu sein, haben scheinbar zu lange damit gewartet. Ansonsten ist dieses Leben genauso, wie es sich Toni wünscht. In dem anderen Leben, in dem sie plötzlich erwacht, befindet sie sich zwar noch in ihrem Körper, dieser ist jedoch von einem Kaiserschnitt gezeichnet. Sie kann sich an keine Ereignisse aus diesem Leben erinnern, wie sie bis an diesen Punkt mit einem Neugeborenen gekommen ist und natürlich glaubt ihr keiner, als sie es verwirrt versucht zu erklären. „Keiner“ ist hier Adam. Ihre frühere Jugendliebe, von dem sich Toni vor 13 Jahren getrennt hat. Sie liebt ihn nicht mehr, muss nun aber notgedrungen mit ihm Familie spielen.

Ich finde den Roman von Anne Sauer sehr klug entworfen. Sie stellt in wechselnden Kapiteln sowohl Tonis „altes“ Leben als auch das „neue“, hineingerutschte Leben dar. Ab diesem einen Punkt der Fehlgeburt befindet sich das Bewusstsein von Toni quasi in zwei Leben. Es läuft nicht so ab, wie in anderen Büchern/Filmen mit diesem „Was wäre wenn“-Thema, dass den Lesenden einfach zwei Versionen vorgesetzt werden und die Lesenden vergleichen und „bewerten“ die beiden Versionen dann selbst. Dadurch, dass Tonis Bewusstsein mit übernommen wird in das „neue“ Leben, erleben wir sie dabei, wie sie sich dort zurechtfinden muss, wie sie selbst damit hadert, jetzt zwar das langersehnte Kind vor sich zu haben, es aber nicht ausgetragen zu haben. Wie kann man ein Kind lieben, was so plötzlich existiert? Wie kann man einen Mann lieben, gegen den man sich vor 13 Jahren bewusst entschieden hat, während das Herz sich nach dem eigentlichen Partner sehnt?

Sauer erklärt nicht, wie es zu dieser Bewusstseinsabspaltung in ein neues Leben gekommen ist. Das ist auch gar nicht nötig, sonder würde es sich um einen Sci-Fi oder Phantastik-Roman handeln. Es ist wie es ist und Toni muss damit leben. Oder besser: die zwei Tonis. Genau diesen Kniff mag ich sehr gern an diesem Roman. Über mehrere Monate hinweg begleiten wir also diese beiden Tonis. Die alte und die neue-alte. Beide treffen auf Hindernisse, beide zweifeln. Auch die alte Toni, die weiterhin in der Kinderwunschbehandlung feststeckt und sich fragen muss, ob dies noch wirklich das ist, was sie will. Das Ende lässt Sauer wunderbar offen. So kann man als Leser:in selbst weiterspinnen, welche Möglichkeiten von Mutterschaft, Schwanger-werden und vielleicht auch bewusste Nicht-Mutterschaft auf Toni zukommen.

Die Buch liest sich leicht, obwohl mitunter heftige Themen behandelt werden. Ein gelungenes Debüt.

4/5 Sterne

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Gesellschaftsstudie im angedeuteten Gewand eines "literarischen Thrillers"

Das Verschwinden der Erde
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Gleich vorweg: Die Sache mit dem "literarischen Thriller" bringt The Los Angeles Review of Books als Zitat auf der Rückseite des Buches ins Spiel. Dadurch werden Erwartungen geschürt, die das Buch nicht ...

Gleich vorweg: Die Sache mit dem "literarischen Thriller" bringt The Los Angeles Review of Books als Zitat auf der Rückseite des Buches ins Spiel. Dadurch werden Erwartungen geschürt, die das Buch nicht erfüllen kann. Dafür kann es jedoch ganz ungeahnte und aus meiner Sicht viel interessantere Aspekte beleuchten.

Dieser Roman von einer amerikanischen Autorin, die zu Recherchezwecken viel Zeit in Russland verbrachte, seziert mit dem Blick einer Journalistin die post-sowjetische Gesellschaft Russlands weit weg vom cosmopilitischen Moskau. Auf der Halbinsel Kamtschatka teilen sich Ureinwohner und Russen das Land, das Leben, das Leid. Nicht nur in der ganz groben Rahmenhandlung um die Entführung zweier russischer Mädchen aus der größten Stadt der Halbinsel und das vorausgegangene Verschwinden einer jungen Ewetin sondern auch viele genau ausgeleuchtete Lebensszenen anderer Frauenfiguren dieser Bevölkerungsgruppen zeigen die Probleme dieser zerrütteten Gesellschaft auf. Vorrangig lernen die Leserinnen hier viel über die weiterhin bestehende Benachteiligung von Ureinwohnern im riesigen Vielvölkerstaat Russland, aber auch über die Emazipationsversuche von Frauen verschiedener Schichten. Auch die Gefahr, welche für Homosexuelle in diesem Land real existiert, findet hier Raum , um dargestellt zu werden. Etwas, was im Werk einer russischen Autorin sicherlich zumindest innerhalb Russlands niemals Erwähnung hätte finden dürfen. Phillips nutzt ihre Distanz, um ungeschönt zu erzählen. Andererseits gibt es in diesem überwiegend düsteren Gemälde dieser Zeit auch Lichtblicke. Beschreibungen von indigenen Traditionen, Zusammengehörigkeitsgefühle, Hoffnung.

Sprachlich seziert die Autorin messerschaft die Lebensumstände der in den Fokus genommenen Frauenfiguren, wie auch deren Emazipationsversuche. So spielt die Entführung der Mädchen bald im Plot kaum mehr eine Rolle, bewegt sich die Handlung weg davon und wird zu einer Randnotiz. Dies könnte Leser
innen, die einen Thriller erwarten, abschrecken und sogar langweilen. Wer jedoch genau an solchen Gesellschaftsstudien interessiert ist, kommt hier auf seine Kosten. Jedes (manchmal ein wenig zu fernes) Frauenschicksal webt sich jedoch letztendlich wieder irgendwie in die Rahmenhandlung ein, wird touchiert von dem Verschwinden der Mädchen. Und dann, ganz zum Schluss, kommt der Thriller. Da kommt die Spannung, die mich die letzten 40 Seiten gefühlt kaum hat atmen lassen.

Insgesamt handelt es sich hier um ein wirklich sehr gelungenes Porträt - des vornehmlich weiblichen Teils - einer angespannten Gesellschaft, die ihren Zusammenbruch noch nicht überwunden und den möglichen gemeinsamen Aufbau noch nicht ansatzweise vollendet hat. Im Real-Kommunismus gab es keine Gleichheit und auch danach existiert diese (noch) nicht.

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