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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.08.2025

Eine gelungene Fortsetzung

Hiobs Brüder
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"Hiobs Brüder" ist der zweite Band der Helmsby-Reihe von Rebecca Gablé. Dieser Roman schließt an "Das zweite Königreich" an und spielt rund 80 Jahre später. England befindet sich im Erbfolgekrieg nachdem ...

"Hiobs Brüder" ist der zweite Band der Helmsby-Reihe von Rebecca Gablé. Dieser Roman schließt an "Das zweite Königreich" an und spielt rund 80 Jahre später. England befindet sich im Erbfolgekrieg nachdem der einzige legitime Sohn von König Henry I. bei einem Schiffsunglück ertrunken ist. Zwar geht aus dem Erbfolgekrieg kurzfristig Stephan von Blois (Enkel von William dem Eroberer) als Sieger und König hervor, doch langfristig sichert sich Königin Maud (die Tochter von Henry I.) den Thron für die Plantagenets. Als erster einer langen Reihe von Henrys, besteigt ihr Sohn als Henry II., 1154 den englischen, den die Plantagenet rund 250 Jahre für sich behaupten.

Das Interessante an diesem Buch ist, dass Autorin Rebecca Gablé sich einer Menschengruppe widmet, die im allgemeinen kaum in der Literatur vorkommt: geistig und körperlich beeinträchtigen Menschen (damit sind aber nicht die Kriegsversehrten gemeint). Diese Menschen werden auf eine Insel nahe East Anglia abgeschoben, mangelhaft bis gar nicht verpflegt und betreut. Hier treffen Simon, der an Epilepsie leidet, mit Loisan, der sein Gedächtnis verloren hat mit den siamesischen Zwillingen und anderen aus der Gesellschaft Ausgestoßenen zusammen. Wider Erwarten werden einige davon treue Gefährten von Henry II..

Wie alle historischen Romane von Rebecca Gablé ist auch dieser hier penibel recherchiert und gekonnt erzählt. Auf keiner der über 900 Seiten kommt Langeweile auf. Geschickt sind Fakten und Fiktion zu einem detailreichen Historienschmöker verknüpft.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem zweiten Band der Helmsby-Reihe wieder 5 Sterne und warte mit großer Neugier auf den den dritten Band, der demnächst, im August 2025, unter dem Titel Rabenthron erscheinen wird.

Veröffentlicht am 16.08.2025

Fakten und Fiktion gut verknüpft

Das zweite Königreich
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Ich kenne zahlreiche Bücher von Rebecca Gablé, darunter natürlich die Waringham-Saga. In dieser Reihe begegnen wir nicht nur dem jungen Adeligen Cædmon of Helmsby, dessen Start in sein Leben ein wenig ...

Ich kenne zahlreiche Bücher von Rebecca Gablé, darunter natürlich die Waringham-Saga. In dieser Reihe begegnen wir nicht nur dem jungen Adeligen Cædmon of Helmsby, dessen Start in sein Leben ein wenig holprig verläuft, sondern auch William dem Eroberer (1028-1087). Da der dritte Band der Helmsby-Reihe demnächst im August 2025 unter dem Titel Rabenthron erscheinen wird, ist es opportun, die beiden Vorgänger abermals zur Hand zu nehmen..

Weder über den Inhalt noch über die penible Recherche von Rebecca Gablé brauche ich all zu viele Worte verlieren. Der Inhalt, die englische Geschichte im Mittelalter ist bereits mehrmals erzählt worden. Doch niemand beherrscht sein/ihr Handwerk so gut wie Rebecca Gablé. Mit ihr tauchen wir ein in eine Zeit der Intrigen, blutiger Kämpfe, die authentisch beschrieben werden, und dürfen an der Seite von raubeinige Charakteren England erobern.

Sehr geschickt flicht die Autorin historische Details in die Handlung ein, so dass wir ein gutes Bild vom Charakter von William den Eroberer, der häufig auch als William der Bastard, bezeichnet wird, erhalten.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser Schwarte, die man trotz der rund 900 Seiten nicht aus der Hand legen kann, 5 Sterne.

Veröffentlicht am 05.08.2025

Fesselnd bis zur letzten Seite

Der Barmann des Ritz
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Mit diesem historischen Roman, der geschickt Fakten mit Fiktion verbindet, tauchen wir in das Paris, das von 14. Juni 1940 bis 25. August 1944 von der Deutschen Wehrmacht besetzt war, ein. Die Besatzer ...

Mit diesem historischen Roman, der geschickt Fakten mit Fiktion verbindet, tauchen wir in das Paris, das von 14. Juni 1940 bis 25. August 1944 von der Deutschen Wehrmacht besetzt war, ein. Die Besatzer haben alle großen Hotels der Stadt für ihre Zwecke requiriert. So auch das Ritz.

Star des Ritz bzw. seiner Bar ist Barmann Frank Meier, dessen, mit 1.000 Exemplaren streng limitierte, Buch "The Artistry of Mixing Drinks" ihn weit über das Ritz hinaus bekannt gemacht hat. Diese Bekanntheit birgt auch eine große Gefahr, denn was niemand wissen darf: Frank ist als Sohn eines polnischen Juden in der untergegangenen Donaumonarchie geboren worden. Im Ersten Weltkrieg hat er auf Seiten Frankreichs gekämpft. Einiges aus seinem bewegten Leben erfahren wir durch seine fiktiven Tagebuchaufzeichnungen, die zwischendurch eingeflochten sind.

Die Bar des Ritz ist auch Treffpunkt von Schauspielern, Diplomaten, Denunzianten, Schriftstellern, Schwarzmarkthändlern, Luxusdirnen und zahlreicher Offiziere der Wehrmacht, wie Hermann Goering. Es ist fesselnd zu lesen, wie einerseits zahlreiche Franzosen, Künstler und Geschäftsleute wie Coco Chanel, sich den Deutschen anbiedern, und andererseits vor allem die Pariserinnen durch kleine Gesten, wie schwarze Bänder an Hüten und in den Haaren als Zeichen der Trauer wegen der Besatzung, passiven Widerstand leisten. Coco Chanel hat übrigens von 1936 bis zu ihrem Tod 1971 in einer Suite des Hotels gewohnt hat. Allerdings, wenn man dem Roman hier glauben darf, in einem separaten Trakt.

Philippe Collin hat hier einen fesselnden historischen Roman, der die Stimmung in Paris recht gut wiedergibt. Hofft man zunächst auf das Eingreifen von Staatschef Henri Pétain und seiner Vichy-Regierung, so wendet sich mit Fortdauer des Krieges und der Verfolgung der Juden das Blatt. Vor allem Frank Meier ist maßlos enttäuscht von Pétain, den er vor Verdun als Kommandierenden kennengelernt hat.

Interessant ist die Arroganz der Deutschen, die mit mehreren Cocktails intus, völlig ungeniert über ihre nächsten Pläne schwätzen und nicht bemerken, dass Frank Meier der deutschen Sprache mächtig ist bzw. ihn, ähnlich wie ein Möbelstück, ignorieren.

Sehr gut ist Meiers Angst vor einer Denunziation, die nicht nur ihn alleine, sondern auch Blanche, die Ehefrau des Hoteldirektors Claude Auzello, und seinen Lehrling Luciano betrifft, geschildert. Diese diffuse Angst steigert sich von Kapitel zu Kapitel. Auf Grund seiner Beziehungen gelingt es Meier, zahlreichen Juden gefälschte Pässe zu organisieren, was ihn natürlich in noch größere Gefahr bringt.

Das Cover zeigt eine Szene in der Bar. Welches Schicksal einige der historischen Personen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erwartet, ist im Anhang, der auch einige Abbildungen beinhalte, nachzulesen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Roman, der auf Tatsachen beruht und fesselnd erzählt wird, 5 Sterne.

Veröffentlicht am 05.08.2025

Eine Leseempfehlung!

Irina
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Dieser autofiktionale Roman ist die Geschichte ihrer mütterlichen Familie, die Autorin Sasha Colby, soweit es möglich war, akribisch recherchiert hat und nun gekonnt erzählt.

Alles beginnt im Jahr 1942 ...

Dieser autofiktionale Roman ist die Geschichte ihrer mütterlichen Familie, die Autorin Sasha Colby, soweit es möglich war, akribisch recherchiert hat und nun gekonnt erzählt.

Alles beginnt im Jahr 1942 als die junge Ukrainerin Irina Kylynych im Alter von 19 Jahren wie Hunderttausende ihrer Landsleute zur Zwangsarbeit in Nazi-Deutschland verschleppt wird. Nach tagelanger Irrfahrt kommt sie in Wetzlar an und hat „a bisselchen Glück“ wie sie später immer wieder sagen wird. Irina wird der Verpackungsabteilung der Leitzwerken zugeteilt, lernt recht schnell die deutsche Sprache und wird nach einigen Wochen in den Haushalt von Elsie Kühn-Leitz übernommen. Dort muss sie miterleben, wie Elsie Kühn-Leitz 1943 von der Gestapo verhaftet wird, weil sie ihre Zwangsarbeiter „übertrieben menschlich“ behandelt.

Irina lernt ihren Mann Sergei kennen, bekommen ihr erstes Kind Alexandre und fliehen unter falschem Namen zu Kriegsende vor den Truppen der Roten Armee und landen nach Umwegen über Displaced-People-Camps in Kanada. Denn die russischen Zwangsarbeiter werden den Sowjets übergeben, gelten aber in der UdSSR als Kollaborateure und werden in Straflager nach Sibirien gebracht oder gleich hingerichtet. Doch auch in Kanada glauben sie sich lange Jahre (noch) nicht sicher. Hier kommt Lucy zur Welt, die Sashas Mutter werden wird.

„Großmutters Vorliebe für Spitze, hat ihre eigene Geschichte, die in einem tief im Mark verankerten Glauben wurzelt, dieses Material würde den Sieg der Zivilisation über die Barbarei symbolisieren, den Sieg der Schönheit über die animalische Hässlichkeit der Armut. Als jemand, der von den Feldern der durch Stalin ausgehungerten Ukraine in ein Zwangsarbeiter in Nazi-Deutschland und dann über Displaced-Person-Camps ins Nachkriegs-Kanada gekommen war, musste sie es schließlich wissen. Im Haus meiner Großmutter ist alles voll mit Spitze - die Vorhänge, die zierdeckchen, das Tischtuch auf dem Esstisch. Sie dient als Barriere.“ (S. 15)

Sasha Colby erzählt abwechselnd in zwei Zeitebenen ihre Familiengeschichte. Zunächst steigen wir im Jahr 2011 bei den Vorbereitungen eines Festes im Hause von Irina ein, um wenig später in das Jahr 1942 nach Wetzlar zurückzukehren und Elsie Kühn-Leitz kennenzulernen. Elsie ist die Tochter von Ernst Leitz II, deren Großvater die Leitz-Werke 1869 gegründet hat. Vater und Tochter Leitz sind Gegner der Nazis und versuchen so viele Menschen zu retten wie möglich. Das gelingt mit viel Geld und Chuzpe, denn es gibt zahlreiche Leitz-Werke in den USA, die nun neue, meist jüdische Mitarbeiter erhalten. Dennoch müssen sie sich in Acht nehmen und Ernst Leitz II muss nicht nur der Partei beitreten, sondern auch optische Geräte wie Ferngläser und Kameras etc. für die Wehrmacht produzieren. Die Wochen der Haft, die Elsie Kühn-Leitz im Polizeigefängnis von Frankfurt verbringen muss, sind ihren Aufzeichnungen entnommen.

Meine Meinung:

Der Autorin gelingt es ausgezeichnet ihre gegenwärtige Familiengeschichte mit der Vergangenheit ihrer Großmutter zu verknüpfen. Dazu tragen so manche Eigenheiten von Irina wie die schon erwähnte Vorliebe für Spitze oder ihre Einkaufsgewohnheiten in den Supermärkten, die immer wieder für Augenrollen und mitunter auf Unverständnis bei Tochter und Enkelin sorgen bei. Liebevoll lässt Sasha ihre Baba (Großmutter) in dem ihrer eigentümlichen Sprache, die mich als Wienerin, ein wenig an das Jiddische erinnert, sprechen.

Dass Elsie Kühn-Leitz und ihr Vater Widerstand gegen das NS-Regime geleistet haben, ist, im Gegensatz zu Oskar Schindler, relativ unbekannt. Ich habe darüber vor Jahren gelesen. Zum einen, weil mir als Vermesserin der Konzern, der früher unter dem Namen Wild Heerbrugg Vermessungsgeräte hergestellt hat und dieses als Leica-Geosystems nach wie vor macht, und weil Leica-Kameras (neben Hasselblad) das Nonplusultra der Fotografie sind, sehr gut bekannt ist. Zum anderen habe ich bereits einige Firmengeschichten und ihre Haltung während der Nazi-Diktatur gelesen. Nicht alle Konzerne, die in dieser Zeit profitiert haben, stellen sich ihrer Verantwortung.

Fazit:

Mir hat dieser autofiktionale Roman sehr gut gefallen, was vor allem an Baba Irina liegt, die mit ihren Eigenheiten liebevoll, wie es nur eine Enkelin vermag, geschildert ist. Zahlreiche private Fotos ergänzen diese Familiengeschichte. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 04.08.2025

Beste Krimiunterhaltung!

Die Lotsin
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„Die Lotsin“ von Mathijs Deen ist bereits der vierte Fall für Kommissar Liewe Cupido. Er ist gebürtiger Deutscher, aber auf Texel aufgewachsen und wird darum »der Holländer« genannt. Diesmal greift er ...

„Die Lotsin“ von Mathijs Deen ist bereits der vierte Fall für Kommissar Liewe Cupido. Er ist gebürtiger Deutscher, aber auf Texel aufgewachsen und wird darum »der Holländer« genannt. Diesmal greift er später als üblich ins Geschehen ein. Worum geht‘s?

Die Glaziologin und Klimaforscherin Iona Grimstedt arbeitet auf eine Forschungsstation im Nordosten Grönlands. Auf Grund eines gefährlichen Zwischenfalls funkt man das nächste Schiff an, um sie an Land, nach Kiel, zu bringen, da sie an zahlreichen Erfrierungen leidet. Es ist ausgerechnet das Forschungsschiff Anthropocene auf dem ihr Mann Torsten als Erster Offizier Dienst tut. Niemand ist von Ionas Anwesenheit recht begeistert und auch der Ehemann verhält sich eigenartig. Wenig später erhält die deutsche Küstenwache einen Notruf, denn Iona scheint kurz vor Helgoland über Bord gegangen. Ist sie gesprungen oder hat hier jemand nachgeholfen?

Xaver Rimbach, der junge Kollege von Liewe Cupido, der im Moment nicht abkömmlich ist, übernimmt die ersten Befragungen der Schiffsbesatzung bis er von seinem Hermann Rademacher, dem Leiter der Bundespolizei SeeEinheit, rüde zurechtgewiesen und abkommandiert wird. Rimbach, ein Winzersohn aus dem Neckargebiet ist die raue See nicht geheuer und zudem hat er das Gefühl, dass auf dem Schiff etwas im Argen liegt. Doch ein Gefühl, auch wenn es noch so mies ist, ist zu wenig. Auf die Fakten kommt es an, sagt Xanders Mentor Liewe immer. Wenig später übernimmt Liewe Cupido die Ermittlungen, die immer mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten.

Was hat der Kapitän zu verbergen, dass er die Lotsin niederstößt?

Meine Meinung:

Ich mag den wortkargen Ermittler Liewe Cupido und auch Xander bin ich in diesem Band näher gekommen. Er ist ja das genaue Gegenteil von Cupido, weil ob seiner Unsicherheit immer ein wenig zu viele Worte macht. Ich denke, Xander hat enormes Potenzial, das auch von Cupido erkannt wird.

Interessant finde ich die Beschreibung des Lebens auf See. Für mich als Wiener Landratte ist das nichts, obwohl ich immer wieder gerne den Schiffen zusehe, sei es in Hamburg oder auf der Kieler Woche. Gut beschrieben ist die eigenartige Atmosphäre, die auf der Anthropocene herrscht. Den Begriff „Geisterschiff“ finde ich gut gewählt.

Der Krimi ist komplex, zumal ja auch mehrere Dienststellen, die nicht immer besonders gut harminieren, an den Ermittlungen beteiligt sind.

Die Charaktere haben alle ihre Ecken und Kanten. Allerdings sind sowohl Torsten als auch Iona Grimstedt ist keine besonderen Sympathieträger. Besessen von ihrer Arbeit lässt sie ihre fünfjährige Tochter bei ihrer Mutter, die kaum die deutsche Sprache beherrscht, zurück und sein Verhalten ist auch sehr fragwürdig.

Mit dem Auftauchen von Liewes Schwester Paula und dem Tod der Mutter erhält der Krimi dann noch einen persönlichen Touch und wir Leser erfahren, warum sich die Geschwister aus dem Weg gehen.

Eine kleine Anmerkung muss ich zur Übersetzung machen: Der niederländische Originaltitel heißt „De loods“ was ins Deutsche übersetzt soviel wie Schuppen, Halle, Lager oder schlicht Container, wie sie auf der Anthropocene in Verwendung stehen, bedeutet. Ein (Schiffs)Lotse wird als Scheepspiloot bezeichnet. Das hat mir der Mann meiner Freundin, ein gebürtiger Holländer aus Zeeland erklärt. Das hat nichts mit der Lotsin zu tun, die kurz an Bord war, sondern mit den Containern und ihrer besonderen Fracht.

Fazit:

Dieser vierte Fall für Liewe Cupido hat mich sehr gut unterhalten, weshalb ich ihm 5 Sterne und eine Leseempfehlung gebe.