schonungslos, atemlos, dabei voller Liebe und Poesie
bruder, wenn wir nicht family sind, wer dannOliver Lovrenski legt mit „bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann“ einen erschütternd realistischen Roman vor, der die gesellschaftlichen Inklusionsprobleme von Jugendlichen - vor allem mit Migrationshintergrund, ...
Oliver Lovrenski legt mit „bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann“ einen erschütternd realistischen Roman vor, der die gesellschaftlichen Inklusionsprobleme von Jugendlichen - vor allem mit Migrationshintergrund, aber auch geprägt durch Armut - ungeschönt beleuchtet. Mit roher Ehrlichkeit und einer eindringlichen Erzählweise zeigt er, wie junge Menschen, die nicht in das gesellschaftliche Raster passen, in einem Kreislauf aus Perspektivlosigkeit, Kriminalität und Gewalt gefangen sind – und wie ihre einzige Rettung oft in der unerschütterlichen Loyalität zueinander liegt.
Die Protagonisten Ivor, Marco, Jonas und Arjan sind Teil einer Generation, die von Anfang an mit Stigmatisierung zu kämpfen hat. Sie wachsen in einem Oslo auf, das für sie nur bedingt Platz bietet – zwischen schicken Bars und hyggeligen Cafés existieren sie nur in deren Schatten. Ihre Eltern kämpfen ums Überleben, die Schule scheint ein Angebot zu sein, das ohnehin nicht für sie gemacht wurde, und die Polizei begegnet ihnen nicht mit Schutz, sondern mit Misstrauen. Ihre Namen, ihre Herkunft, ihre Sozialisation – all das setzt sie bereits von vornherein auf einen Weg, der nicht viele Optionen bietet..
Lovrenski beschreibt eindringlich, wie systemische Hürden diese Jugendlichen daran hindern, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Sie erleben tagtäglich institutionelle Ausgrenzung: Schulabbrüche sind keine Seltenheit, der Kontakt mit dem Jugendamt bedeutet oft nicht Hilfe, sondern Kontrolle, und die Gesellschaft erwartet von ihnen entweder Scheitern oder den perfekten Integrationswillen – ein Spagat, den kaum jemand von ihnen bewältigen kann.
In genau dieser Welt, die ihnen keinen Platz lässt, erschaffen sich Ivor, Marco, Jonas und Arjan ihre eigene Familie. Ihr Zusammenhalt ist ihr Schutzschild gegen eine feindliche Umgebung. Während der Staat, die Bildungseinrichtungen und die Mehrheitsgesellschaft ihnen keine echte Zukunft bieten, finden sie Halt in ihrem gegenseitigen Versprechen, immer füreinander da zu sein. Lovrenski fängt diese Verbindung mit einer sprachlichen Intensität ein, die sowohl rau als auch tief emotional ist.
Doch diese „family“ ist auch eine tickende Zeitbombe. Der Zusammenhalt wird nicht nur durch Freundschaft und Loyalität geprägt, sondern auch durch das gemeinsame Eintauchen in eine Welt, in der Gewalt und Drogen allgegenwärtig sind. Tag für Tag, ‘line für line’, rutschen sie tiefer in einen Strudel, aus dem es kaum noch einen Ausweg gibt. Die Eskalation, die schließlich alles zerstört, erscheint nicht als überraschender Wendepunkt, sondern als unausweichliche Konsequenz eines Lebens, das von der Gesellschaft längst aufgegeben wurde.
Lovrenski gelingt es meisterhaft, die systemischen Strukturen hinter der individuellen Tragödie seiner Figuren sichtbar zu machen. Er zeigt nicht nur die Auswirkungen sozialer Ungleichheit, sondern auch das Fehlen echter inklusiver Möglichkeiten für viele Jugendliche. Sein Roman ist eine Anklage an ein System, das Integration oft nur als Forderung, aber selten als echte Unterstützung begreift.
Das Buch stellt unbequeme Fragen: Warum werden junge Menschen mit Migrationsgeschichte so oft kriminalisiert, anstatt gefördert? Warum bleibt soziale Mobilität für viele eine Illusion? Und wie kann eine Gesellschaft erwarten, dass sich jemand integrieren möchte, wenn sie ihm keine Perspektiven bietet?
„bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann“ ist ein literarischer Schlag in die Magengrube – intensiv, schmerzhaft und doch voller Menschlichkeit. Lovrenski erzählt nicht nur eine Geschichte über Freundschaft und Verlorensein, sondern über strukturelle Ungerechtigkeit und eine Gesellschaft, die bestimmte Jugendliche von vornherein aufgibt.
Dieser Roman gehört gelesen, weil er eine Realität zeigt, die oft ignoriert wird. Ein schonungsloses, aber wichtiges Werk, das mit Nachdruck auf die Schattenseiten unserer Gesellschaft hinweist.