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Veröffentlicht am 17.08.2025

Elefantenparabel über unsere Gegenwart

Das Geschenk
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Elefanten in Berlin – klingt absurd, ist aber die Ausgangssituation von "Das Geschenk", einem brillanten Politthriller von Gaea Schoeters. Die flämische Autorin, bekannt durch "Trophäe", schreibt als Journalistin, ...

Elefanten in Berlin – klingt absurd, ist aber die Ausgangssituation von "Das Geschenk", einem brillanten Politthriller von Gaea Schoeters. Die flämische Autorin, bekannt durch "Trophäe", schreibt als Journalistin, Librettistin und Drehbuchautorin, wurde mit dem Jan-Wauters-Preis für Sprachkunst ausgezeichnet und überzeugt mit einem Blick für das Globale im Kleinen.

Worum geht’s?
Deutschland verbietet die Einfuhr von Jagdtrophäen – und prompt „schenkt“ der Präsident Botswanas dem Land 20.000 Elefanten. Ein scharfes „Was wäre wenn“-Szenario entfaltet sich: Politiker:innen, Medien und Bürger:innen müssen plötzlich mit einer Krise umgehen, die alles infrage stellt – von Tier- und Klimaschutz über Migration bis hin zu nationaler Identität.

Meine Meinung
Schon "Trophäe" hatte mir gefallen, aber dieses Buch hat mich noch mehr gepackt. Schoeters verknüpft Natur und Politik, Humor und Bitterkeit, Satire und Tragik zu einer Parabel über Macht, Postkolonialismus und die Absurditäten unserer Zeit. Der Bundeskanzler taumelt zwischen Witzen, Elefantendung und Gesetzesdebatten, während Botswanas Präsident trocken feststellt: „Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Vielleicht solltet ihr einfach mal selbst versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen.“ (S. 35).

Besonders beeindruckt hat mich, wie viele Ebenen Schoeters einbaut: Die Elefanten werden Symbol für Geflüchtete („Elefanten sind keine Flüchtlinge.“ S. 64), für Klimakrise, für koloniale Ungleichgewichte. Gleichzeitig bleibt es absurd komisch, wenn über „Gratis-Biomüll-Verwertung“ (S. 38) oder eine Elefanten-Liebesgeschichte im TV debattiert wird. Auch bei ernsten Themen wie „Glass-Cliff“-Mechanismen für Politikerinnen (S. 68) oder rechten Parolen („Afrikanisierung Europas!“ S. 97) zeigt sie messerscharf, wie eng Rassismus, Sexismus und Machtspiele verflochten sind.

Die Szenen sind oft grotesk, aber immer nah an unserer Realität: Bürger:innen, die „Scheiße schaufeln“ (S. 53), ein Elefantenbaby, das zur nationalen Ikone wird, nur um wenig später Opfer eines Unfalls zu werden (S. 84). Fragen wie „Welches Leben ist mehr wert?“ (S. 84) oder die Erkenntnis, dass „ein Bundeskanzler kein Recht auf Träume“ hat (S. 131), hallen nach. Klimakrise, Migration, Populismus – alles spiegelt sich in dieser „Geschenk“-Parabel. Und immer wieder blitzt Humor auf, der das Ganze erträglich, manchmal sogar leichtfüßig macht.

Fazit
"Das Geschenk" ist politisch, packend und tief satirisch – ein Roman, der uns zwingt, über Verantwortung, Gerechtigkeit und Zukunft nachzudenken. Schoeters gelingt die seltene Mischung aus bitterem Ernst und scharfem Witz. Wer sich auf diesen literarischen Spiegel einlässt, wird lachen, schlucken – und nicht mehr wegsehen können.

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Grenzen, die in uns verlaufen

Beduinenmilch
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„Beduinenmilch“ ist ein Roman, der mich mit voller Wucht hineingezogen hat – in eine Familiengeschichte, die zugleich politisch, persönlich und tief menschlich ist.
Autorin Nirit Sommerfeld ist in Israel ...

„Beduinenmilch“ ist ein Roman, der mich mit voller Wucht hineingezogen hat – in eine Familiengeschichte, die zugleich politisch, persönlich und tief menschlich ist.
Autorin Nirit Sommerfeld ist in Israel geboren, in Deutschland aufgewachsen, als Schauspielerin und Musikerin bekannt und engagiert sich seit Jahren für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen Osten. Ihre Perspektive als Grenzgängerin zwischen Kulturen und Narrativen prägt diesen Roman spürbar – literarisch kraftvoll und zugleich schmerzhaft ehrlich.

Worum geht’s genau?
Die Erzählerin Talia reist regelmäßig zu ihrer Großmutter („Savta“) nach Israel. Was als persönliche Begegnung beginnt, entfaltet sich zu einem Panorama aus Familienerinnerungen, politischen Konflikten und moralischen Fragen. Zwischen Tel Aviv, Hebron, Gaza und Beduinendörfern erlebt Talia, wie sich persönliche Geschichten mit der Geschichte des Landes verweben – und wie schwer es ist, Wahrheit, Loyalität und Zugehörigkeit miteinander zu vereinbaren. Dabei wird deutlich: Es geht um mehr als nur um eine Familie – es geht um Identität, Besatzung, Menschlichkeit und die Kraft, Dinge auszusprechen, die andere lieber verschweigen.

Meine Meinung
Selten habe ich einen Roman gelesen, der so gekonnt das Persönliche mit dem Politischen verwebt. Sommerfeld schreibt nah an ihren Figuren, ohne sie zu idealisieren – weder die kämpferische Savta, noch die unsichere Talia, die zwischen den Welten steht. Viele Szenen haben sich eingebrannt: Das Massaker in al-Lydda, bei dem „zwischen 450 und 800 Menschen getötet“ wurden (S. 323), Talias Verzweiflung darüber, dass „niemand meine Geschichte hören wollte“ (S. 317), oder Savtas mutige Rede im Gerichtssaal, in der sie sagt: „Wir könnten … vielleicht sogar miteinander leben! Es wäre Unrecht, ihn zu verurteilen!“ (S. 264).

Der Roman thematisiert die Macht von Narrativen – und wie schwer es ist, diese zu hinterfragen, wenn man von klein auf „mit einem einzigen Narrativ gefüttert“ wurde (S. 323). Besonders bewegend fand ich, wie die Begegnungen mit Palästinenser:innen persönliche Nähe schaffen, wo Politik Mauern zieht: Haytham, der „nicht wie verrückt herumspringt“ nach seinem Freispruch (S. 287), oder die Beduinenfamilie, deren Milch symbolisch für Verbindung und gemeinsames Überleben steht.

Der Blick auf Militarismus und „male gaze“-Sexualisierung – von Reizwäsche mit Uzi-Prints bis hin zu zynischen T-Shirts mit Fadenkreuz auf einer Schwangeren – ist scharf, manchmal schwer zu ertragen. Sommerfeld verschweigt nichts, weder den Zynismus mancher Soldat:innen noch die Traumata, die alle Seiten prägen. Dabei gelingt es ihr, unterschiedliche Perspektiven nebeneinanderstehen zu lassen, ohne den Schmerz der einen gegen den der anderen aufzurechnen.

Stilistisch ist das Buch packend, oft dialoggetrieben, mit einer Intensität, die fast dokumentarisch wirkt. Gleichzeitig gibt es Momente von Zärtlichkeit und Humor – etwa wenn ein Baby „zum ersten Mal durchgeschlafen“ hat (S. 311) oder Talia mit ihrer Cousine Ma’ayan spielt. Diese Balance macht den Roman so besonders: Er konfrontiert, aber er lässt auch atmen.

Fazit
„Beduinenmilch“ ist ein vielschichtiger, mutiger Roman, der uns zwingt, hinzusehen – auf Geschichte, Gegenwart und die Verstrickungen dazwischen. Er ist politisch, ohne belehrend zu sein, und menschlich, ohne zu beschönigen. Wer bereit ist, sich auf eine herausfordernde und bewegende Lektüre einzulassen, wird hier nicht nur eine Geschichte lesen, sondern Spuren davon mitnehmen.

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Veröffentlicht am 07.08.2025

Eine Geschichte über Freundschaft, die bleibt.

Unerhörte Stimmen
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Was bleibt, wenn der Tod nur der Anfang ist?

So beginnt dieser außergewöhnliche Roman – mit dem Ende. Denn Tequila Leila ist tot. Ermordet. Und während ihr Körper in einer Mülltonne liegt, rauschen die ...

Was bleibt, wenn der Tod nur der Anfang ist?

So beginnt dieser außergewöhnliche Roman – mit dem Ende. Denn Tequila Leila ist tot. Ermordet. Und während ihr Körper in einer Mülltonne liegt, rauschen die letzten Minuten ihrer Hirnaktivität durch ein ganzes Leben: Erinnerungen an Kindheit, Trauma, Gewürzduft und große Liebe.

„So sehr Leila es auch dreht und wendet: Sie wurde ermordet.“ – Schon dieser Satz lässt ahnen, wie eindrucksvoll Elif Shafak sich dem Thema Feminizid nähert. Aber sie bleibt nicht bei der Gewalt stehen. Sie gibt Leila – und mit ihr all jenen, die in unserer Gesellschaft übersehen, vergessen, zum Schweigen gebracht werden – ihre Stimme zurück.

In „Unerhörte Stimmen“ entfaltet sich eine zutiefst berührende, melancholisch-schöne und zugleich schmerzhafte Geschichte, die zwischen Istanbul, Kindheitserinnerungen, religiösen Riten und patriarchalen Systemen pendelt. Es geht um Freundschaft, Prostitution, Macht, Gewalt, Liebe, Geschlechterrollen – aber vor allem geht es darum, wie Menschen am Rande der Gesellschaft überleben. Und was es heißt, gesehen zu werden. „Sie konnte noch nicht wissen, dass das Ende der Kindheit nicht mit den körperlichen Veränderungen während der Pubertät einherging, sondern mit der plötzlich einsetzenden Fähigkeit, das eigene Leben mit den Augen eines Außenstehenden zu betrachten.“ (S. 69)

Auch stilistisch ist der Roman ein Erlebnis: voller Sinnlichkeit, voller Kontraste. Der Geschmack von Ziegeneintopf, der Geruch von Kardamomkaffee, das Flirren zwischen Tod und Leben – Shafaks Sprache ist atmosphärisch dicht und poetisch, ohne je überladen zu wirken. Zugleich scheut sie sich nicht, Gewalt und Machtmissbrauch zu zeigen – aber nie voyeuristisch, nie sensationsheischend. Und immer mit Empathie. Für Leila. Für ihre Freund:innen. Für jene, die an den Rändern leben. „Ich bin oft mit dem Körper eines Mannes in Berührung gekommen. Oder ist der Onkel kein Mann?“ (S. 154)

5 Gründe, warum dieses Buch gelesen werden muss:
🔹 Weil Elif Shafak es schafft, Marginalisierten eine Stimme zu geben – und das voller Würde.
🔹 Weil die Freundschaft zwischen Leila und ihren Weggefährt:innen zeigt, dass Familie nicht immer Blutsverwandtschaft braucht.
🔹 Weil die Geschichte Istanbul nicht als exotisches Klischee malt, sondern als pulsierenden Ort voller Widersprüche.
🔹 Weil Literatur uns dazu bringen kann, anders hinzusehen – tiefer, mitfühlender.
🔹 Weil es keine Stimme gibt, die „zu klein“ ist, um gehört zu werden.

Fazit
Unerhörte Stimmen ist mehr als ein Roman – es ist ein Mahnmal für jene, die zu früh gegangen sind, deren Leben ausgelöscht wurde, deren Geschichten verdrängt wurden. Und es ist ein zutiefst menschliches, eindrucksvolles Buch über das, was bleibt: Erinnerung. Liebe. Würde.

Ein Buch, das wehtut – und genau deshalb gelesen werden sollte. Danke, Elif Shafak, für diese Stimme.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Orientalische Küche, die alle begeistert

Vegan trifft Orient – Express
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Rezension: „Vegan trifft Orient – Express“ – Schnelle, bunte Vielfalt aus 30 Minuten Küche
Was passiert, wenn man die faszinierende Welt der orientalischen Küche mit der veganen Lebensweise verbindet? ...

Rezension: „Vegan trifft Orient – Express“ – Schnelle, bunte Vielfalt aus 30 Minuten Küche
Was passiert, wenn man die faszinierende Welt der orientalischen Küche mit der veganen Lebensweise verbindet? Serayi zeigt uns in ihrem Kochbuch „Vegan trifft Orient – Express“, dass das nicht nur wunderbar funktioniert, sondern auch richtig Spaß macht – und zwar ganz ohne stundenlang in der Küche zu stehen.

Als jemand, der seit fast 20 Jahren vegetarisch lebt und sich in den letzten Jahren immer mehr mit veganer Ernährung beschäftigt hat, war ich neugierig, wie eine Küche funktionieren kann, die traditionell viele tierische Zutaten kennt – und das trotzdem komplett pflanzlich. Die Antwort: Orientalisch-kochen heißt Hülsenfrüchte, frische Kräuter und Gewürze satt – und Serayi macht daraus schnelle und authentische Gerichte, die einfach Freude bringen.

Was mir besonders gefallen hat:
- Die Rezepte sind so konzipiert, dass du alle Gerichte in maximal 30 Minuten zubereiten kannst. Perfekt für den Alltag, wenn es schnell gehen soll, aber trotzdem lecker und abwechslungsreich sein darf.
- Die klare Dreiteilung in Vorspeisen, Hauptgerichte und Desserts macht die Navigation total einfach.
- Die Fotos sind ein echtes Highlight: So bunt, frisch und einladend, dass man am liebsten sofort loskochen möchte.
- Die Autorin spricht dich direkt mit „du“ an, das macht das ganze Buch sehr persönlich und motivierend, fast so, als würde Serayi neben dir in der Küche stehen und Tipps geben.
- Praktische Hinweise bei jedem Rezept, z.B. glutenfrei, zuckerfrei oder Tipps zu Zutaten (Granatapfelkonzentrat etwa nur aus 100 % Granatapfel kaufen!), helfen auch Kochanfänger:innen, sicher und entspannt zu kochen.
- Der beiliegende Online-Einkaufs- und Ernährungsassistent ist super praktisch: Du kannst Portionen anpassen, Zutatenlisten verwalten und Rezepte nach Kalorien oder Nährwerten filtern – ein echter Bonus!

Ein paar Gedanken zur veganen Ernährung:
Vegan leben bedeutet nicht nur, auf Fleisch, Eier und Milchprodukte zu verzichten, sondern auch, bewusster mit Lebensmitteln umzugehen – mehr Hülsenfrüchte, Gemüse und vollwertige Zutaten auf den Teller zu bringen. Die orientalische Küche ist dafür prädestiniert, weil sie traditionell viel mit Linsen, Kichererbsen, Kräutern und Gewürzen arbeitet. Wer also neugierig auf veganes Kochen ist oder schon mittendrin steckt, findet hier viele Inspirationen für leckere, unkomplizierte Gerichte, die den Körper nähren und den Gaumen erfreuen.

Was ich etwas schade fand:
Das Layout ist Geschmackssache – mir persönlich war es manchmal etwas zu schlicht, gerade bei den Rezeptbeschreibungen. Die Fotos retten das aber locker wieder und machen Lust, das Buch aufzuschlagen.

Meine Highlights im Buch:
- Die würzige Maronensuppe mit Croûtons – perfekt für kalte Tage.
- Pide-Schiffchen aus Blätterteig – ein echter Hit, der bei Gästen gut ankommt.
- Tofu „Chicken“ in cremiger Tomatensauce – super würzig und angenehm herzhaft.
- Karamellisierte Sigara Börek, Dattel-Viotto-Riegel und Baklava-Cups mit Cheesecake-Füllung – weil auch vegane Desserts glücklich machen.

Für wen eignet sich das Kochbuch?
- Für alle, die gerne schnell und unkompliziert kochen möchten, ohne auf Geschmack zu verzichten.
- Für Veganer:innen und alle, die es werden wollen oder einfach mal pflanzlich probieren möchten.
- Für Liebhaber:innen der orientalischen Küche, die neue, authentische Rezepte ohne tierische Zutaten entdecken wollen.
- Für Menschen, die Kochen als kleine Auszeit und Genuss erleben möchten – ohne viel Schnickschnack.

Wer neugierig ist, wie man mit wenigen Zutaten und tollen Gewürzen große Aromen auf den Teller zaubert, sollte „Vegan trifft Orient – Express“ unbedingt eine Chance geben. Und ganz ehrlich: Das nächste Familienessen oder Dinner mit Freund:innen bekommt hier garantiert eine würzige, farbenfrohe Note – und ganz nebenbei wird das vegane Kochen zum Kinderspiel.

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Veröffentlicht am 30.06.2025

Ein feministischer Aufruf zur machtkritischen Auseinandersetzung mit Liebe

Kluft und Liebe
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In "Kluft und Liebe" nimmt Josephine Apraku die Leser:innen mit auf eine kritische Reise durch die Mechanismen von Liebe, Macht und Diskriminierung. Die Autorin ist feministische Aktivistin und Wissenschaftlerin ...

In "Kluft und Liebe" nimmt Josephine Apraku die Leser:innen mit auf eine kritische Reise durch die Mechanismen von Liebe, Macht und Diskriminierung. Die Autorin ist feministische Aktivistin und Wissenschaftlerin mit Fokus auf intersektionale Machtstrukturen. Ihr Buch verbindet persönliche Anekdoten mit fundierter Analyse und fordert ein neues Verständnis von Liebe als politischer Praxis.

Worum geht’s?
Apraku geht der Frage nach, wie gesellschaftliche Ungleichheiten Liebesbeziehungen prägen und welche Herausforderungen daraus entstehen. Sie beschreibt, dass Machtgefälle unvermeidbar sind, da soziale Privilegien und Diskriminierung in jede Beziehung hineinwirken. Liebe wird als aktive Praxis verstanden, die gelernt und reflektiert werden muss, um nicht zur Reproduktion von Unterdrückung beizutragen. Das Buch behandelt Themen wie Macht, Begehren, Emotionen, Körperbilder, Konflikte, das soziale Umfeld sowie Arbeit und schließt mit einer visionären Forderung nach einer „liebevollen politischen Praxis“.

Meine Meinung
Ich kann es nicht anders sagen: Das Buch hat mich tief beeindruckt und soooo viel in mir ausgelöst. Aprakus These, dass Liebe ein „Tu-Wort“ ist, entmystifiziert die Vorstellung von Liebe als romantisches Schicksal und stellt sie als bewusste Praxis dar, die stetige Übung braucht. Besonders wichtig finde ich die Empfehlung zu regelmäßigen, strukturierten Check-ins in Liebesbeziehungen, die nicht nur Probleme adressieren, sondern auch positive Entwicklungen feiern und Machtverhältnisse kritisch hinterfragen. Diese Praxis fördert echte Gegenseitigkeit und reflektiert, wie Sorgearbeit oft ungleich verteilt bleibt – oft zu Lasten von Frauen und weiblich sozialisierten Personen.

Die Darstellung von Beziehungsanarchie ist ein spannendes Konzept, das traditionelle Beziehungsnormen infrage stellt und zur individuellen Gestaltung von Nähe und Intimität ermutigt. Dies ist für mich ein kraftvoller Impuls, um starre Kategorien wie „nur Freund:innen“ oder „offene Beziehung“ zu hinterfragen und stattdessen authentische Beziehungsformen zu schaffen, die frei von gesellschaftlichem Zwang sind.

Aprakus Einsicht, dass Gefühle politisch sind, eröffnet einen wichtigen Diskurs über emotionale Erfahrungen, die von rassistischen, sexistischen und ableistischen Zuschreibungen beeinflusst werden. Dass beispielsweise das Klischee der „wütenden Schwarzen Frau“ oder des „glücklichen Behinderten“ tiefgreifende Auswirkungen auf den Umgang mit Konflikten und Emotionen hat, macht die Notwendigkeit emotionaler Sensibilität und offener Kommunikation deutlich.

Die Analyse von Machtstrukturen in Beziehungen zeigt realistisch, wie Privilegien, etwa durch Hautfarbe oder Geschlecht, Konflikte und Ungleichheiten prägen. Aprakus Verweis darauf, dass gleichberechtigte Paare glücklicher sind, macht Hoffnung, dass bewusste Arbeit an Machtverhältnissen lohnenswert ist. Dies deckt sich mit feministischer Kritik am Patriarchat, die fordert, Machtasymmetrien sichtbar zu machen und aktiv zu bearbeiten.

Das Kapitel über das soziale Ökosystem verdeutlicht, dass Liebesbeziehungen niemals isoliert sind, sondern immer von äußeren gesellschaftlichen Kräften beeinflusst werden. Die Idee, als Paar ein gemeinsames „Team gegen Diskriminierung“ zu bilden, unterstreicht, wie wichtig Solidarität und gemeinsames politisches Engagement für eine gerechtere Beziehung sind.

Ich finde Aprakus Vision, Liebe als politische Praxis zu verstehen, die Verantwortung, Gelassenheit und Kreativität verlangt, inspirierend. Das Buch fordert auf, gesellschaftlichen Wandel im Privaten zu beginnen und Liebe als Werkzeug des Widerstands gegen Ungleichheit zu begreifen.

Fazit
"Kluft und Liebe" ist ein kraftvolles, kluges und berührendes Buch, das Liebe aus feministischer Perspektive neu denkt und praktische Wege aufzeigt, um Machtgefälle zu überwinden. Für alle, die Liebe verantwortungsvoll und emanzipatorisch leben wollen, ist dieses Buch eine unverzichtbare Lektüre. Ich vergebe 5 von 5 Sternen.

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