Zwischen Zugehörigkeit, Machtstrukturen, Freundschaften und Selbstverlust
BestieIn „Bestie“ von Joana June geht es um Lilly, die in eine neue Stadt zieht und einen Neustart wagen möchte, und Anouk, eine erfolgreiche Influencerin, die umgeben ist von Menschen, die alles tun um nicht ...
In „Bestie“ von Joana June geht es um Lilly, die in eine neue Stadt zieht und einen Neustart wagen möchte, und Anouk, eine erfolgreiche Influencerin, die umgeben ist von Menschen, die alles tun um nicht ihre wahren Gefühle zeigen zu müssen, sei es in ihrer Freundesgruppe oder ihrer Familie. Während Anouk berechnend, kontrolliert, kühl erscheint versucht sich Lilly zu Beginn der Geschichte beinahe krankhaft eine neue Identität aufzubauen. Lilly zieht in ein Zimmer in Anouks Wohnung und es entsteht eine Freundschaft zwischen den beiden, die infrage stellt, wieviel man von sich preisgeben muss, um wahre Nähe zu erschaffen und inwieweit man sich selbst verändern kann um dazuzugehören ohne sich zu verlieren.
Bestie ist für mich ein tiefgründiger Roman über Freundschaft, Macht, Identität und die oft unsichtbaren, aber tiefgreifenden Dynamiken zwischen Frauen. Von Beginn an hat mich die Geschichte mit ihren widersprüchlichen, komplexen Figuren in den Bann gezogen. Sowohl Lilly als auch Anouk wirken gleichzeitig nahbar und doch unnahbar. Ihre Art miteinander umzugehen hat schmerzlich aufgezeigt, was ich teilweise selber aus Freundschaften kenne, was die Sehnsucht nach emotionalen Bindungen mit einer Person machen kann und wie sehr wir geprägt sind von den Erfahrungen, die wir selbst in Familie und Freundschaften gemacht haben.
Mit viel Feingefühl hat Joana hier gesellschaftlich relevante Themen eingearbeitet. Detailliert werden Emotionen, Machtverhältnisse und subtile Manipulation in Worte gefasst. Der Schreibstil ist sehr fließend, manchmal war er jedoch für mich etwas verwirrend durch die „theatralische“ Erzählweise und die vielen Symbol-Elemente, die dem Text eine fast traumartige Ebene geben.
Insgesamt hatte ich sehr viel Freude daran, dieses Buch zu lesen. Zwischen der Suche nach Zugehörigkeit und Authentizität, der Suche nach männlicher Bestätigung und Selbstbestimmung, zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Machtstrukturen, zwischen Manipulation und wahren Verbindungen, zwischen Bewunderung und Obsession hat Joana hier einen ganz tollen, künstlerischen Roman geschrieben.