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Veröffentlicht am 01.03.2026

Zermürbt mich ebenso wie die Protagonistin

Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
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Was für ein tolles Cover – frühlingshaft, farbenfroh, inspirierend. Die Frau auf dem Cover scheint ein bisschen in ihrer Umwelt zu verschwinden. Das weckt meine Erwartungen an das Buch. Ich vermute, es ...

Was für ein tolles Cover – frühlingshaft, farbenfroh, inspirierend. Die Frau auf dem Cover scheint ein bisschen in ihrer Umwelt zu verschwinden. Das weckt meine Erwartungen an das Buch. Ich vermute, es geht um Suche nach Identität – wie gelingt es mir, wieder ich selbst zu sein? Es geht vielleicht auch um Zukunftsgestaltung, um Pläne, um Klarheit.

Die Erwartungen werden erfüllt- einerseits. Doch andererseits erreicht mich das Buch leider überhaupt nicht. Liegt es an der Protagonistin, die mir fernbleibt? Liegt es an der Sprache, die gleichzeitig verschachtelt, grob und klar ist? Zu vieles ist mir Rückbetrachtung, zu wenig gelingt der Blick nach vorn, den ich mir anhand des Titels gewünscht hätte.

Erika, Mitte 60, wird von ihrem Mann betrogen. Seit 1½ Jahren schon. Sie ist schockiert, blockiert und verzweifelt. Wollte sie doch mit ihrem Mann alt werden, auch wenn die Ehe schon immer mit Problemen behaftet war. Vielleicht weil sie selbst ihren Mann in jungen Jahren betrogen hat und das ein Ungleichgewicht in ihrer Ehe erzeugt hat.

Erikas Gedanken springen hin und her. Die aktuellen Therapiesitzungen geben Anlass, in der Vergangenheit zu wühlen. Und dann wieder in die Verzweiflung der Gegenwart zu springen. Und sich Gedanken zu machen, wie der Mann wohl mit seiner neuen Freundin agiert (lange, oft, wiederholend). Dieses ewige Kreisen um die immer wieder selben Gedanken zermürben mich als Leserin ebenso wie sie Erika zermürben.

Im zweiten Drittel des Buches – es sind nur knapp 190 Seiten in einem ungewöhnlichen kleinen Format- kommt Erika zu der Erkenntnis, dass ihre Ehe die Basis verloren hat „Nicht, weil meine Gefühle nicht aufrichtig gewesen wären, denn ich wusste ja, dass sie es waren, sondern weil Jan nicht an sie geglaubt hatte und immer noch nicht an sie glaubte.“ Für diesen Satz, der so viel Erkenntnis über Beziehungen bringt, hat sich das Buch gelohnt.

Allerdings empfand ich das Lesen als mühsam und teilweise langatmig. Zu eng war mir die Geschichte angelegt. Die wunderschönen Coverfarben sind für mich nicht auf die Story übergesprungen.

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Veröffentlicht am 07.12.2025

Selbstmord? Aufklärung Schicht für Schicht.

Der unsichtbare Elefant
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Thomas Siebenmorgen stürzt vor den Augen einer Kollegin in den Tod. Gewollt? Oder hat er eigentlich in letzter Sekunde einen Rückzug gemacht, der nicht erfolgreich war? Zuerst unabhängig voneinander, später ...

Thomas Siebenmorgen stürzt vor den Augen einer Kollegin in den Tod. Gewollt? Oder hat er eigentlich in letzter Sekunde einen Rückzug gemacht, der nicht erfolgreich war? Zuerst unabhängig voneinander, später gemeinsam, machen sich drei Personen auf, um zu verstehen, was Thomas wohl zu seinem (letzten) Schritt veranlasst hat.

Und dies ist zunächst sehr interessant zu lesen, weil die Perspektiven der drei so unterschiedlich sind und sich dadurch auch erzählerisch gut ergänzen: Maria, als Kollegin, die Thomas viel zu verdanken hat; Victor als Teil des KIT, der Thomas und dessen Familie von früher kennt und schließlich Simon, der als Vertreter der Anwaltskanzlei, in der Thomas arbeitete, den Fall klären soll. Alle drei tauchen in das Leben von Thomas ein. Es geht um Fairness, um Einsamkeit, um Angst. In diesen Momenten spürt man, dass sich der Autor sehr gut in der Welt der großen Kanzleien auskennt. Manchmal ist der Büroalltag fast zu punktgenau erzählt, so dass ich mich wie im Büro fühlte. Das ist für mich gleichzeitig Stärke und Schwäche des Buchs, denn so sehr ich einen Realitätsbezug schätze, muss eben doch nicht jedes Detail ausformuliert werden.

Ja, und dann wird – um die Zwänge des Thomas´ zu verstehen - die Geschichte der Siebenmorgens ausgepackt. Das ist für mich nicht harmonisch eingebettet in die Geschichte und nimmt sehr viel Raum ein. Dieser Teil scheint dem Autor (vielleicht durch die eigene Familiengeschichte (?) unglaublich wichtig zu sein. Dabei verliert mich das Buch, das mich anfangs wirklich gefesselt hat.

Um noch eins drauf zu setzen wird immer wieder Bezug zu Joseph Beuys genommen – auch das scheinbar ein Anliegen des Autors, das aber die Geschichte verzettelt.

Gefühlt habe ich zwei Bücher gelesen, von denen mich eins begeistert und eins verloren hat.
Optisch gefällt es mir gut, dass die Kapitel immer wieder auf das Cover Bezug nehmen. Solche Kleinigkeiten freuen mich. Leider ist die Bindung des Buchs qualitativ nicht ganz hochwertig, schlägt man das Buch weit auf, lösen sich einzelne Seiten.

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Veröffentlicht am 10.08.2025

Erinnerungen zwischen Japan und Deutschland

Onigiri
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Laut KI wird die japanische Erzählweise so charakterisiert:
„Japanische Autoren verwenden oft eine Erzählweise, die sich durch Zurückhaltung, Detailgenauigkeit und eine tiefe Verbindung zur Natur auszeichnet. ...

Laut KI wird die japanische Erzählweise so charakterisiert:
„Japanische Autoren verwenden oft eine Erzählweise, die sich durch Zurückhaltung, Detailgenauigkeit und eine tiefe Verbindung zur Natur auszeichnet. Es gibt eine Vorliebe für das Unausgesprochene, für Stimmungen und Atmosphären, die oft subtil und implizit vermittelt werden, anstatt durch direkte Erklärungen. Viele Werke zeichnen sich durch eine ruhige, fast beiläufige Erzählweise aus, die Raum für die Entfaltung von Charakteren und die Entwicklung von Beziehungen lässt.“
Vieles davon trifft auch auf das von der in München geborenen Yuko Kuhn verfasste Werk „Onigiri“ zu. Es ist eine ganz ruhige, fast beiläufig erzählte, fein beobachtete Geschichte. Gefühle und Gedanken werden irgendwie ausgeblendet. Und vielleicht genau deshalb bleibt mir die Erzählerin Aki völlig fremd.
Aki reist noch einmal mit ihrer dementen Mutter nach Japan, um - ja warum eigentlich? Die Beweggründe sind für mich leider nie klar geworden. Will sie ihrer Mutter ein paar Erinnerungen ermöglichen? Will sie sich selbst ihrer Familiengeschichte sicherer werden? Will sie Abschied nehmen von der kürzlich verstorbenen japanischen Großmutter, die ihr so viele Lebensweisheiten mitgab? Dieses für mich ungeklärte Warum macht mir tatsächlich den Zauber der Erzählung kaputt. Ich frage mich die ganze Zeit, warum bringt man eine demente Frau ans „Ende der Welt“? Wieviel Selbstzweck steckt eigentlich hinter dieser ganzen Aktion?
Und gleichzeitig bin ich sehr gerührt von der Geschichte der Mutter, die als junge Frau aus Japan loszog, um die Welt kennenzulernen. Mutig, frei und neugierig. Und die dann irgendwie hängen blieb in Deutschland, in einer geschiedenen Ehe, von den Schwiegereltern nie anerkannt. Die sich nicht wirklich gut zurecht fand im deutschen Alltag und doch mit den Kindern geblieben ist, weil sie eben auch in Japan nicht mehr wirklich zu Hause ist.
Und noch berührender sind die Momente, in den Yuko Kühn die Demenz der Mutter zum Thema macht. Die immer gleichen Fragen. Das Vergessen, das zwischendurch ganz glücklich Sein in dieser kleiner werdenden Welt. Die Momente, in denen Akis Mann die Mutter genau so nimmt, wie sie gerade ist. In diesen Momenten kann ich Doris Dörries Zitat „… zum Heulen schön“ hundertprozentig unterschreiben.
Und so lässt mich das Buch sehr ambivalent zurück.

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Veröffentlicht am 09.03.2025

Solide Unterhaltung

Middletide – Was die Gezeiten verbergen
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Elijah und Nakita sind eigentlich seit ihrer Jugend füreinander bestimmt. Doch sie verlieren sich aus den Augen. Nach Schicksalsschlägen treffen sie einander wieder. Anstatt nun gemeinsam glücklich durchs ...

Elijah und Nakita sind eigentlich seit ihrer Jugend füreinander bestimmt. Doch sie verlieren sich aus den Augen. Nach Schicksalsschlägen treffen sie einander wieder. Anstatt nun gemeinsam glücklich durchs Leben zu ziehen, geraten sie in ein Geschehen, dass Elijah sogar als Mordverdächtigen da stehen lässt.
Nun ja und darin besteht schon ein Teil der Schwächen dieses Buches. Es ist einerseits ein Roman, in dem es um Liebe, Vertrauen, Freundschaft geht und andererseits ein Krimi, in dem ein Todesfall aufgeklärt werden muss. Diesem Spagat wird die Autorin meines Erachtens nicht wirklich gerecht. In die Liebesbeziehung kann ich mich nur so halbwegs hinein fühlen, da die Charaktere blass bleiben und die Dialoge, die die Liebe bezeugen sollen, sehr schwülstig gefasst sind (und sich wiederholen). Der Krimiplot ist fein überlegt, die Aufklärung hat jedoch deutliche Schwächen.

Was mir wirklich gut gefallen hat an diesem Buch, sind die Beschreibungen der Landschaft. Ich kann mir alles sehr bildhaft vorstellen und wandere praktisch mit den Protagonisten durch ihr Land. Das hat insbesondere die erste Hälfte des Buchs lesenswert gemacht.

Die Autorin bedient sich des derzeit sehr beliebten Stilmittels der Zeitsprünge. Das führt am Anfang zu leichten Verwirrungen. Gegen Ende nehmen die Zeitsprünge ab und das Buch liest sich immer flüssiger.

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Veröffentlicht am 16.02.2025

Die Themen der Jugend

Das Leben fing im Sommer an
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Chris ist 15 und auf dem Weg vom Kind zum jungen Erwachsenen. Er sehnt sich danach, eine Freundin zu haben, cool zu sein, dazuzugehören. Seine Schwärmerei für Debbie wird erhört und er hat ein erstes Date.
Wir ...

Chris ist 15 und auf dem Weg vom Kind zum jungen Erwachsenen. Er sehnt sich danach, eine Freundin zu haben, cool zu sein, dazuzugehören. Seine Schwärmerei für Debbie wird erhört und er hat ein erstes Date.
Wir begleiten Chris durch 3 Tage im Sommer, die sein Leben verändern und doch wieder nicht. Die erste Liebe, erste Enttäuschungen, ein großes Abenteuer und die Gewissheit, sich auf seine Freunde verlassen zu können, egal, was außerhalb dieses engen Kreises passiert. Mir gefällt, dass die Freundschaft der drei Jungen einen so großen Raum im Buch einnimmt. Und ich mag die Erinnerung, wie man als Jugendlicher so schön Zeit versandeln kann.
Dennoch bin ich nicht richtig warm geworden mit der Geschichte. Vielleicht, weil die Zeit, in der Chris jung war, nicht meine war. Vielleicht auch, weil Chris die Jugendzeit mit erwachsenen Worten und Reflexionen erzählt. Vielleicht auch, weil mir die Gefühle mit viel zu vielen unterschiedlichen Metaphern beschrieben werden. Das wirkt auf mich wiederholend, nicht mitnehmend.

Zum Ende des Buches, als Chris dann tatsächlich ein Fazit aus heutiger Sicht zieht und die Zeit bewusst reflektiert, passt die Sprache für mich plötzlich. Da ist diese erwachsene Sicht wunderbar lesbar.

Ich bin mir nicht sicher, welche Zielgruppe mit dem Buch angesprochen werden soll. Das Cover und der Klappentext wirken auf mich, als sollte eher eine erwachsene Leserschaft in den Bann gezogen werden. Die Botschaften im Buch zielen für mich auf jugendliche Leser ab. Mir gefällt, dass Chris die Themen, die Jugendliche oft umtreiben (das Aussehen, die Frage, ob man auf Partys unbedingt Alkohol trinken muss, …), ganz selbstverständlich macht. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch andere in seinem fiktiven Alter erleichtert.

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