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Veröffentlicht am 27.08.2025

Wichtige und aktuelle Geschichte

Heimat
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Heimat von Hannah Lühmann ist ein kurzer Roman, der sich mit Retraditionalisierung und Rechtsruck auseinandersetzt.

Jana zieht mit ihrem Mann und den Kindern aufs Land und knüpft dort Kontakt zu anderen ...

Heimat von Hannah Lühmann ist ein kurzer Roman, der sich mit Retraditionalisierung und Rechtsruck auseinandersetzt.

Jana zieht mit ihrem Mann und den Kindern aufs Land und knüpft dort Kontakt zu anderen Müttern. Schnell wird sie in die Gruppe aufgenommen, um dann festzustellen, dass vor allem die „Anführerin“, Karolin, ihr Leben als Tradwife gekonnt auf den sozialen Medien inszeniert. Diese scheinbar selbstgewählte Rückkehr in traditionelle Rollenmuster wird im perfekt kuratierten Feed geschickt als einzig erfüllendes Familienmodell präsentiert: dreckige, aber glückliche Kinder, die den ganzen Tag im Freien spielen und natürlich nicht fremdbetreut werden; Rezepte, bei denen man neben den Erzeugnissen aus dem eigenen Garten selbstverständlich vor allem die Liebe schmeckt, mit der sie für die Familie zubereitet wurden; Landhausästhetik von den Holzmöbeln bis zu den Outfits der gesamten Familie. Jana merkt, dass sie gleichzeitig fasziniert, abgeschreckt und sogar neidisch ist und wir begleiten sie dabei, wie sie sich mit dem Ganzen auseinandersetzt. Nebenbei finden Themen wie Familiendynamik, rechte Politik, Werte und Mutterschaft mit all ihren Konsequenzen Eingang in die Geschichte.

Die unheimliche Stärke dieses Buches liegt darin, dass man sich beim Lesen selbst immer wieder dabei ertappt, Karolin nicht wirklich widersprechen zu können. Es ist total gruselig, weil es aufzeigt, wie subtil die Neue Rechte agiert. Wie gut sie die Schwachpunkte bestimmter Gruppen (hier: junge Mütter) ausfindig machen und dann genau dort ansetzen. Und zwar nicht durch laute Parolen oder angriffslustige Argumente, sondern durch ganz gezielt gesetzte, scheinbar beifällige Bemerkungen. Und die treffen genau dort, wo das Selbstbewusstsein vielleicht eh schon leicht angekratzt ist. Und dann beginnen die Zweifel. Und das reicht.

Dieses Buch macht Angst, weil es sich hier keinesfalls um eine Dystopie handelt, sondern sich die Geschichte so oder so ähnlich in vielen ländlichen Regionen abspielen könnte und es vermutlich auch tut. Beim Lesen musste ich neben Margaret Attwood’s Handmaid’s Tale auch an die Metapher mit dem Frosch im Wasserglas denken: Aus einem Glas mit heißem Wasser würde er sofort wieder raushüpfen, aber wenn man ihn in kaltes Wasser setzt und die Temperatur ganz langsam erhöht, merkt er die Hitze erst, wenn es schon zu spät ist.

Das Einzige, das ich mir noch gewünscht hätte, wären etwas mehr Infos an bestimmten Stellen: Wie genau ist die Dynamik zwischen Karolin und Clemens? Über Jonas hätte ich auch so gerne mehr erfahren – vielleicht hätte man den kalifornischen Liebhaber für ein paar mehr Informationen opfern können?

Insgesamt hat mich das Buch aber überzeugen können, und von mir gibt’s definitiv eine Empfehlung. Eignet sich ganz sicher auch gut als Buchclub-Buch oder Oberstufenlektüre! Und als Geschenk für all jene, die vielleicht anfällig für die vermeintliche Idylle der Tradwife-Bewegung sind.

4,5/5

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Humorvolle und kluge Satire

Das Geschenk
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Das Geschenk ist der zweite Roman, den ich von Gaea Schoeters gelesen habe (in der wunderbaren Übersetzung von Lisa Mensing), und auch wenn er für mich nicht ganz an den grandiosen Debütroman ...

Das Geschenk ist der zweite Roman, den ich von Gaea Schoeters gelesen habe (in der wunderbaren Übersetzung von Lisa Mensing), und auch wenn er für mich nicht ganz an den grandiosen Debütroman Trophäe herankommt, ist es doch ein sehr gelungenes Buch.

Eines Tages stehen plötzlich Elefanten mitten in Berlin. Nach einem kurzen Moment der Verwirrung stellt sich heraus, dass die Regierung von Botswana 20.000 Tiere nach Deutschland geschickt hat. Und zwar als Reaktion auf die Einmischung des Bundeskanzlers in die dortige Politik: eine Änderung des deutschen Elfenbeineinfuhrgesetzes sorgt in dem afrikanischen Land nämlich für eine erhebliche Elefantenüberpopulation. Und nun muss Deutschland selbst sehen, wie man damit fertig wird, wenn Unmengen an Elefanten durchs Land streifen, und das Ausland bevormundend verbietet, korrigierend einzugreifen.

Es geht in diesem kurzen Roman um Überheblichkeit und Doppelmoral, um das gönnerhafte Auftreten westlicher Regierungen gegenüber ehemaligen Kolonien, deren scheinbare Zugeständnisse selten ohne erhobenen Zeigefinger auskommen.

Der Roman trifft – neben der Kritik an der Außenpolitik – auch voll ins Zentrum aktueller politischer Vorgänge. Ein konservativer Kanzler, eine rechte Partei als zweitstärkste Kraft, eine Ministerin, die wissentlich als Bauernopfer instrumentalisiert wird, und das, obwohl sie sich als äußerst kompetent herausstellt. Und inmitten der persönlichen Befindlichkeiten die Frage: wollen Politiker:innen „das Richtige tun oder an der Macht bleiben“?

Auf teils groteske, absurde Weise findet Schoeters wunde Punkte und drückt mal kurz drauf. Nicht zu sehr, doch schon so, dass man es spüren kann. Dadurch ist der Roman zwar kritisch, aber nicht dogmatisch oder belehrend, sondern ein Impuls zur Reflektion.

Diese Leichtigkeit erreicht die Autorin auch durch die präzise sprachliche Gestaltung. Die Geschichte liest sich unheimlich flüssig, hat aber dennoch einen gewissen Wortwitz, der auch dank der tollen Übersetzung erhalten bleibt. Daneben ist die Zeichnung der Personen und auch die Beschreibung der Elefanten äußerst gelungen.

Kleiner Wehrmutstropfen: Das Cover des Buches wurde mit KI erstellt. Das finde ich nicht gut, denn gerade in der Welt der Kunstschaffenden würde ich mir hier mehr Bewusstsein wünschen. Ich bin mir sicher, es gibt wunderbare Künstler:innen, die dem Buch ein würdiges Cover beschert hätten.
Abgesehen davon: Lest das Buch! Es ist kurz und knapp, und dabei wunderbar kluge und humorvolle Unterhaltung.

4,5/5

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Veröffentlicht am 12.07.2025

Roman über Erinnerungskultur mit innovativer Erzählperspektive

Treppe aus Papier
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Treppe aus Papier von Henrik Szántó hat mich überrascht. Mit einer außergewöhnlichen Erzählperspektive, zwei sehr gut ausgearbeiteten Protagonistinnen und einem sehr nuancierten Blick auf Schuld ...

Treppe aus Papier von Henrik Szántó hat mich überrascht. Mit einer außergewöhnlichen Erzählperspektive, zwei sehr gut ausgearbeiteten Protagonistinnen und einem sehr nuancierten Blick auf Schuld und Verantwortung.

Die sechzehnjährige Nele, die sich mit dem Geschichtsunterricht rund um den Nationalsozialismus und die Gründung der BRD in der Schule schwer tut, gerät mit ihrer neunzigjährigen Nachbarin ins Gespräch und im Laufe des Buches erfährt sie von ihr aus erster Hand viel über die Vergangenheit. Der abstrakte Schulstoff wird so für sie greifbar und motiviert sie, sich selbst weiter zu informieren, sowohl allgemein als auch über ihre Familiengeschichte. Sie erkennt, wie wichtig es ist, (sich) auch unangenehme(n) Fragen zu stellen und verzweifelt an dem Verhalten der Mitmenschen, die sich dem Verweigern wollen.

Über weitere Erzählstränge erfahren wir von den unterschiedlichsten Hausbewohner:innen zu verschiedenen Zeiten und wie diese auf unterschiedliche Arten zu Opfern, Tätern, und Nutznießern einer Ideologie wurden. Dabei wird deutlich, dass die Hintergründe zwar oft erklären können, wie es zu einer Situation kommen konnte, diese aber nie eine Entschuldigung für das Verhalten darstellen. Es geht um Erinnerungskultur, um Schuldfragen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene und darum, dass es ohne ein Anerkennen dieser Schuld keine Möglichkeit gibt, die Vergangenheit aufzuarbeiten.

Der Roman hat mich zunächst aufgrund der außergewöhnlichen Erzählperspektive angesprochen. Wir bekommen die Geschichte nämlich vom Haus selbst erzählt, was ein richtig spannendes Konzept ist. Und das zieht sich allegorisch durch das ganze Buch und zeigt, dass Geschichte und Geschichten eben nicht nur flüchtig sind, sondern ihre Spuren hinterlassen und sich im Fundament einer Gesellschaft niederlassen, sich überlagern und wichtig für das Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind. Im Gegensatz zu den meisten anderen Büchern, bei denen wir uns zeitlich auf einer Ebene befinden, uns aber räumlich mit den Figuren fortbewegen, überlagern sich hier die Ereignisse aus hundert Jahren, während wir uns räumlich auf einen Ort konzentrieren und dadurch die deutsche Geschichte in einer Art Mikrokosmos wahrnehmen. Diese besondere Erzählperspektive wurde hier meiner Meinung nach richtig gut umgesetzt und macht für mich den Reiz des Werkes aus.

Was mich immer wieder aus der Geschichte gerissen hat, waren die Eltern von Nele. Schon am Anfang fand ich sie ziemlich nervig (der Vater kümmert sich nicht um seine stinkigen Sportsachen, und die Mutter erwartet dann, dass die Tochter das übernimmt?), aber als Nele dann beginnt, ihre Fragen zu stellen, kann ich mir die abweisende Reaktion der Eltern einfach nicht erklären. Klar, sie werden damit konfrontiert, sich nicht/zu wenig mit der potenziellen Nazi-Vergangenheit der eigenen Familie auseinandergesetzt zu haben, und niemand wird gerne kritisiert, aber die Heftigkeit, mit der sie Neles Nachforschen als unangemessen hinstellen, fand ich nicht nachvollziehbar.

Abgesehen davon hat mir das Buch aber richtig gut gefallen und die Thematik rund um Erinnerungskultur, Schuld und Scham wurde durch die Erzählung auf innovative Art transportiert. Der Roman regt zum Nachdenken an, über die eigene Familiengeschichte, aber auch über Hintergründe, die unsere Gesellschaft geformt haben und vielleicht die ein oder andere aktuelle Entwicklung erklären können.
4,5/5

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Veröffentlicht am 27.05.2025

Stilistisch hervorragend

Die Schrecken der anderen
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Die Schrecken der Anderen von Martina Clavadetscher ist ein Roman, den man sich erarbeiten muss, der aber dafür umso eindringlicher die wichtigen Themen behandelt.
Es geht um ein Dorf in der Schweiz, in ...

Die Schrecken der Anderen von Martina Clavadetscher ist ein Roman, den man sich erarbeiten muss, der aber dafür umso eindringlicher die wichtigen Themen behandelt.
Es geht um ein Dorf in der Schweiz, in dem mehrere Erzählstränge zunächst scheinbar unverbunden nebeneinanderher laufen. Irgendwann wird klar, dass sie sich auf verschiedenen Zeitebenen abspielen und vielleicht doch nicht so unverbunden sind wie gedacht. Spiralförmig nähern sich die Erzählungen immer mehr einem Zentrum, das tiefer und verwobener ist als man es anfangs für möglich gehalten hat. Manche Sachverhalte werden klarer, andere in Frage gestellt und es werden Hypothesen aufgestellt und dann doch wieder verworfen. Ein Roman, der die Lesenden aktiv mit einbezieht, die die Leerstellen im Sinne Isers füllen müssen (in einer Art Metareflexion stellt dies auch eine der Figuren fest) und so unheimlich tief in das Geschehen eintauchen.
Das wird unterstützt durch den Schreibstil der Autorin: der Erzähler tritt oft in den Hintergrund und präsentiert das Geschehen sehr szenisch – ich kann es mir so gut als Film vorstellen! Dazu kommen Tempuswechsel, treibende Endlossätze (die jedoch den Lesefluss keineswegs hindern) und semantische Übertragungen, die Verbindungen herstellen, ohne sie auch nur ansatzweise anzusprechen – überaus gelungen!
Inhaltlich finden sich einige wichtige Themen, aber ich will dazu gar nichts weiter sagen, da diese nicht alle auf den ersten Blick ersichtlich sind und ich hier nichts vorwegnehmen möchte.
Schade, dass im Lektorat ein paar sprachliche Fehler übersehen wurden, aber dem Roman selbst soll dies nicht angelastet werden. Den Verzicht auf Anführungszeichen bei direkter Rede finde ich furchtbar (aber das scheint gerade en vogue zu sein) und es trägt hier auch nichts inhaltlich bei, sodass ich diese Wahl nicht verstehe.
Fazit: Mir hat die Geschichte sehr gefallen, auch wenn es ein bisschen gedauert hat, bis ich drin war. Doch dann hat sich die ganze Arbeit gelohnt! Ein Roman, auf den man sich einlassen muss, der einem aber so viel zurückgibt.
4,5/5

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Veröffentlicht am 19.05.2025

Gute Geschichte, die den Horizont erweitert

Hello Baby
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Hello Baby, geschrieben von Kim Eui-kyung und übersetzt von Inwon Park, thematisiert künstliche Befruchtung in Südkorea. Dabei geht es nicht nur um die verschiedenen Möglichkeiten, sondern vor allem auch ...

Hello Baby, geschrieben von Kim Eui-kyung und übersetzt von Inwon Park, thematisiert künstliche Befruchtung in Südkorea. Dabei geht es nicht nur um die verschiedenen Möglichkeiten, sondern vor allem auch um die Frauen, die sich diesen Behandlungen unterziehen.
Gemeinsam haben sie vor allem das „fortgeschrittene“ Alter und den Umstand, auf natürlichem Weg nicht schwanger werden zu können. Abgesehen davon könnten die Protagonistinnen jedoch nicht unterschiedlicher sein was familiäres Umfeld, Herkunft, Bildung, Beruf, finanzielle Situation, etc. angeht. Wobei – eine Sache ist doch noch relativ weit verbreitet: die Einmischung der Eltern und vor allem Schwiegereltern und der Druck, den diese auf die Frauen ausüben. Das scheint in Südkorea tatsächlich noch einmal ein ganzes Stück heftiger zu sein als hier bei uns. Klar wünschen sich auch hier viele potenzielle Großeltern Enkelkinder, aber in meinem Umfeld kenne ich zumindest keine Frau, die wöchentlich von ihrer Schwiegermutter telefonisch dazu belästigt wird.
Zum Plot möchte ich gar nicht viel sagen, denn da passt der Klappentext als Orientierung sehr gut. Im Buch begleiten wir mehrere Frauen auf ihrem Weg und kriegen durch den Perspektivwechsel verschiedenste Facetten der Kinderwunschbehandlungen mit: von schmerzhaften medizinischen Aspekten, über die unterschiedlichsten Verhaltensmuster der zugehörigen Partner, bis hin zum gesellschaftlichen und familiären Druck.
Die Frauen stehen zueinander über eine Nachrichtenapp in Kontakt und man spürt richtig, wie wichtig ihnen diese Gruppe ist: nur diejenigen, die selbst die Tortur durchmachen, können das Leiden der jeweils anderen wirklich verstehen und so werden die Frauen einander die wichtigsten Vertrauten, die über alle Aspekte der Situation reden können. Neben dem informativen Gehalt des Buches hat mir der Zusammenhalt unter den Frauen besonders gefallen!
Sprachlich ist das Buch unauffällig (was für eine gute Übersetzung spricht!) und lässt die Geschichte im Vordergrund stehen. So habe ich das Buch ungeplant in einem Rutsch durchgelesen.
Von mir gibt’s eine Empfehlung, vor allem für all diejenigen, die Geschichten über weiblichen Zusammenhalt mögen und auch mal außereuropäische Perspektiven lesen möchten.

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