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Veröffentlicht am 16.02.2026

Kala Missing

Kala
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2003: Ein unvergesslicher Sommer findet sein jähes Ende als die fünfzehnjährige mutterlose Kala plötzlich verschwindet. Sie ist nicht nur Teil einer eng verwobenen Clique aus sechs Teenagern, sie ist das ...

2003: Ein unvergesslicher Sommer findet sein jähes Ende als die fünfzehnjährige mutterlose Kala plötzlich verschwindet. Sie ist nicht nur Teil einer eng verwobenen Clique aus sechs Teenagern, sie ist das Zentrum, um das alle kreisen.
Gegenwart: Es ist wieder Sommer an der irischen Westküste und drei der ehemaligen Freunde treffen sich wieder. Helen, eine Journalistin, die nur wiederwillig zurückkehrt. Joe, ein erfolgreicher Musiker, auf der Flucht vor sich selbst. Und Mush, der niemals weggegangen ist, und die Narben von damals nicht nur im Herzen trägt.

Colin Walsh erzählt aus diesen drei sehr unterschiedlichen Perspektiven die Ereignisse von damals nach, während sich in der Gegenwart die Ereignisse erneut zuspitzen, Knochen werden gefunden und Helen - in ihrer Rolle als Journalistin - ist nicht die einzige, die nun beginnt Fragen zu stellen.

Kala ist ein schweres Buch. Schwer mit Nostalgie und Reue und dem Gefühl für immer in der Vergangenheit gefangen zu sein. Aber auch schwer im Bezug auf seine Themen, die zuerst eine subtile und später eine sehr plakative Art von Grauen in mir ausgelöst haben.

Die größte Stärke des Romans sind die drei sehr individuellen Erzählperspektiven, die die Geschichte authentisch machen. Der Autor entscheidet sich jeweils für einer sehr eigenwillige Sprache. Man weiß zu jedem Zeitpunkt sofort, ob hier Helen, Joe oder Mush erzählt. Im irischen Original ist dieses Stilmittel sehr deutlich, ich habe es als großen Bonus empfunden, dass die deutsche Übersetzung es geschafft hat, daran festzuhalten.

Aus dem Zusammenspiel zwischen diesen Perspektiven entsteht ein plastisches, mehrdimensionales Bild der irischen Kleinstadt Kinlough mit ihren eingefahrenen Strukturen, ihrem hohen Tellerrand, über den man nur schwer klettern kann, und ihren gewaltvollen Hierarchien.
Mosaikartig setzt der Autor aus den Ereignissen vor und nach Kalas Verschwinden ein immer klareres Bild zusammen. Kala selbst bleibt dabei ein flüchtiger Mittelpunkt, um den sich die Geschichte und die Freunde drehen, den man aber auch als Leser nie vollständig zu fassen bekommt.

Letztlich entsteht ein "Herzschlagfinale", wie man es nicht so oft liest. Ich meine das wortwörtlich: Ich hatte selten im letzten Drittel eines Spannungsromans ein so schweres, klammes Herz, wie in diesem.
"Kala" ist wirklich keine leichte Kost, aber doch ein furioses Mehr-Gänge-Menü.

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Veröffentlicht am 12.08.2025

FURYE on fire

Furye
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Sommerromane - Bücher über diesen einen Sommer - gibt es viele. Jedes Jahr immer wieder neue. Dieses hier ist anders als die anderen.
In ihrem Debütroman erzählt die Autorin vom Leben einer Protagonistin, ...

Sommerromane - Bücher über diesen einen Sommer - gibt es viele. Jedes Jahr immer wieder neue. Dieses hier ist anders als die anderen.
In ihrem Debütroman erzählt die Autorin vom Leben einer Protagonistin, die wir Alec nennen. Heute ist sie eine erfolgreiche Businessfrau, damals (während ihres einen, umumkehrbaren Sommers) war die eine Teenagerin und Teil einer Mädchenclique, die sich angelehnt an drei Rachegöttinnen benannte und identifizierte.
Der Text wechselt zwischen einer Gegenwarts- und einer Vergangenheitsperspektive. Das Ganze ist in sehr lyrischer Sprache verfasst, stellenweise liest es sich wie ein Gedicht. Ins Auge springt außerdem, dass zwischen verschiedenen Schriftarten gewechselt wird. Das hat mir als übergeordnetes Stilmittel sehr gut gefallen, weil es unterstreicht, wie sehr sich die Protagonistin verändert hat.
Das Buch fragt danach, inwiefern wir uns wirklich verändern und die Vergangenheit hinter uns lassen können? Außerdem geht es um die großen Themen im Leben junger Frauen: Freundschaft, Schwesternschaft, Erwachsenwerden, Frauwerden, Familie, und nicht zuletzt auch Romantik.
Das Buch hat bei mir einen Nerv getroffen, weil es eine sehr aufgewogene, nie in ein "Zuviel" abdriftende Balance gehalten hat zwischen all den Themen die ich gerne lese. Dabei glänzt es mit seiner außergewöhnlichen Sprach- und Bildästhetik.
Thematisch trifft der Roman einen gewissen Zeitgeist. In ähnlichen Spannungsfeldern bewegen sich aktuell viele (vor allem junge) Autor*innen. Die Umsetzung hat mich hier absolut überzeugt. Eine große Sommerempfehlung!

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Veröffentlicht am 08.06.2025

Sonnenbrand

Sunburn
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Ich habe viele Coming Off Age Romane gelesen und selten einen, der vergleichbar ist mit "Sunburn" von Chloe Michelle Howarth. Im ländlichen Irland der Neunzigerjahre erzählt die Autorin vom Erwachsenwerden ...

Ich habe viele Coming Off Age Romane gelesen und selten einen, der vergleichbar ist mit "Sunburn" von Chloe Michelle Howarth. Im ländlichen Irland der Neunzigerjahre erzählt die Autorin vom Erwachsenwerden einer Gruppe Mädchen. In ihrem Zentrum Protagonistin Lucy und ihr queeres Erwachen, sowie die unsterblich große und verbotene Liebe zu ihrer besten Freundin Susannah.
Dafür nutzt Howarth eine vor Metaphern strotzende, poetische, manchmal schon fast kitschige Sprache. Aber das erträgt man als Leser (mir persönlich ist es niemals zu viel geworden), weil sich darin so authentisch die überbordenden Gefühle zweier Teenagerinnen widerspiegeln, die alles zum ersten Mal erleben. Es ist Teenie-Poesie, im besten Sinne dieses Wortes. Und es ist unglaublich schöne, mitreißende Literatur, die auch tragisch ist, weil Lucys Welt katholisch geprägt, wenig aufgeklärt ist und von einem engen Korsett aus angestaubten Moralvorstellungen zusammengehalten wird.
Darüber hinaus erkennt man in den Erlebnissen von Lucy, Susannah und ihrer Mädchenclique so viele universelle Muster, die das Leben von Mädchen in der Pubertät zur damaligen Zeit, aber auch heute prägen. Ich mochte die Darstellung von Dynamiken und Machtverhältnissen innerhalb der Geschichte. Nicht nur im Bezug auf die Teenager untereinander, sondern auch, wenn es um ihre jeweiligen Familienkonstrukte geht.
Lucy selbst ist kein likeable character. Sie ist manipulativ, manchmal naiv und häufig egoistisch. Ihre Liebe zu Susannah ist schön und tut weh.
"Sunburn" als Roman ist schön und tut weh. Für mich handelt es sich um die beste Art von Sommerread. Man ahnt als Leser unweigerlich, welche Art von Schicksal den beiden Mädchen bevorstehen wird. Es ist unausweichlich und trotzdem hofft man. Ein Buch, das sich einbrennt.
Es ist ein wenig wie bei einem Sonnenbrand. Man weiß genau, dass es schmerzlich endet, wenn man sich zu lange und ungeschützt der Sonne aussetzt - und trotzdem kann man sich nicht entziehen.

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Veröffentlicht am 05.05.2025

Girlhood gone wrong

Before we were innocent
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Es gibt eine Menge Bücher über Freundinnenschaften.
Oft werden sie glorifiziert, manchmal auch die dunklen Seiten beleuchtet. Immer wieder werden sie auch zum Stoff für Krimis oder Thriller gemacht.
Vielleicht ...

Es gibt eine Menge Bücher über Freundinnenschaften.
Oft werden sie glorifiziert, manchmal auch die dunklen Seiten beleuchtet. Immer wieder werden sie auch zum Stoff für Krimis oder Thriller gemacht.
Vielleicht so ähnlich ist es auch im Fall von "Before we were innocent" von Ella Berman.
Die Freundinnen Bess, Joni und Evangeline wachsen in extrem privilegierten Verhältnissen in den USA auf. Den Sommer nach dem Highschool-Abschluss wollen sie gemeinsam auf der griechischen Insel Tinos verbringen. Dort steht ein altes Ferienhaus, in dem Evangeline viele Urlaube ihrer Kindheit verbracht hat. Als Evangeline in Griechenland ihr Leben verliert, werden Bess und Joni verdächtigt, in den Tod ihrer Freundin verwickelt zu sein. Danach sprechen die beiden sich zehn Jahre lang nicht mehr, bis Joni erneut mit einem Kriminalfall in Zusammenhang gebracht wird.

Ich lese viele und gerne Bücher, die Themen wie Girlhood und female friendship behandeln. Selten habe ich das so gut gesehen, wie in Ella Bermans Roman.
Dabei muss man ganz klar sagen: "Before we were innocent" ist kein Thriller!
Wer einen solchen sucht, wird von diesem langsamen, hauptsächlich charaktergetriebenen Roman, in dem sehr viel Zeit darauf verwendet wird, die Beziehungen der Protagonistinnen untereinander zu sezieren, enttäuscht werden.
Die große Stärke des Buches liegt gar nicht so sehr im Spannungsaufbau (auch wenn ich es spannend finde!), sondern in der Charakterzeichnung. Der Autorin ist es hier gelungen, ein unglaublich authentisches Bild von drei Teenagerinnen zu zeichnen. In ihrer Ambilvalenz, ihrer Impulsivität, manchmal Manipulativität und - ja, auch in ihrer Grausamkeit.
Das Buch bietet keine furiosen Plottwists, aber die Autorin hat sich für eine Auflösung der Handlung entschiedne, die für mich schlüssig und letztlich folgerichtig war.
Außerdem mochte ich die Sprache des Textes, wie auch die Stimmung, die eingefangen wird: Das Urlaubsflair einer griechischen Insel, der Traum vom European Summer, die späten Nullerjahre. Der Überfluss innerhalb der amerikanischen Oberschicht, aus der die Protagonistinnen stammen, hat mich anfangs etwas irritiert, weil so weit weg, von dem, was wir als Realität wahrnehmen, aber letztlich hat dieser Background das Gesamtbild der Geschichte nicht gestört.

Fazit:
Für mich ist "Before we were innocent" eines der besten Bücher, die ich im Jahr 2025 bisher gelesen habe, und ebenso einer meiner neuen Favoriten aus dem Genre "Girhood-Literatur".

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Veröffentlicht am 30.03.2025

Literarische Spannung

Der Gott des Waldes
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Warum irgendwer auf die Idee gekommen ist, dieses Buch "Der Gott des Waldes" zu nennen, erschließt sich mir nach der kompletten Lektüre aller 590 Seiten nicht.
Beinahe hätte ich das Buch nicht gekauft, ...

Warum irgendwer auf die Idee gekommen ist, dieses Buch "Der Gott des Waldes" zu nennen, erschließt sich mir nach der kompletten Lektüre aller 590 Seiten nicht.
Beinahe hätte ich das Buch nicht gekauft, weil ich an einen Thriller mit paranormalen Elementen geglaubt habe. Die finden sich in diesem Spannungsroman, der noch viel mehr ein Gesellschaftsroman ist, jedoch nicht. Es geht um das Verschwinden der zwei Kinder der wohlhabenden Familie Van Laar - mit 15 Jahren Abstand, und um die Menschen, die mit dieser Familie in Verbindung stehen. Aus zahlreichen Perspektiven erzählt die Autorin von einem großen dunklen Haus in einem Naturschutzgebiet, von einem Feriencamp, vom Wald in den Adirondiacks, davon, wie die starren Strukturen sozialer Schichten ein Leben prägen und auch zerstören können. Dabei werden über Jahrzehnte hinweg unterschiedliche Zeitebenen umspannt.
Ich habe selten ein Buch gelesen, das so komplex ist, ohne verwirrend zu sein. Das so gut darin ist, über viele Seiten hinweg, die Spannung aufrechtzuerhalten, ohne dabei laut oder blutrünstig zu sein. "Der Gott des Waldes" hat einen merkwürdigen Titel, ist aber ansonsten ein selten gut geplottetes und cleveres Buch. Ein wirklich gelungenes Mix Up aus Familien-, Spannungs- und Gesellschaftsroman. In seinem Kern klassisch amerikanische Literatur, und doch in den inhaltlichen Details und der handwerklichen Ausführung einzigartig.
Bisher eines der besten Bücher des Jahres für mich!

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