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Veröffentlicht am 31.08.2025

Über den Bruder

Der Absturz
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Der Autor ist mir neu. Nach der Lektüre dieses Romans scheint mir, dass ich bisher etwas versäumt habe, weil ich seine früheren Bücher über weitere Familienmitglieder noch nicht gelesen habe.
Hier nun ...

Der Autor ist mir neu. Nach der Lektüre dieses Romans scheint mir, dass ich bisher etwas versäumt habe, weil ich seine früheren Bücher über weitere Familienmitglieder noch nicht gelesen habe.
Hier nun erzählt er die tragische kurze Lebensgeschichte seines – namenlos bleibenden – älteren (Halb-)Bruders. Den Rahmen der Geschichte bilden die Nachricht der gemeinsamen Mutter vom Tod des Bruders im Krankenhaus aufgrund exzessiven Alkoholmissbrauchs und die gemeinsamen Vorbereitungen seiner Bestattung. Dazwischen bringt der Autor sechzehn „Fakten“ ein, die jeweils Geschehnisse aus dem Leben des Bruders erzählen. Dabei greift er zurück auf eigene Erinnerungen und Interviews mit den Ex-Freundinnen seines Bruders. Louis berichtet sachlich, ohne jedes Gefühl. Es wird deutlich herausgearbeitet, dass er keinerlei Trauer empfindet. Denn geliebt hat er seinen Bruder nicht. Und das verwundert auch nicht angesichts dessen Biografie. Er ist der Sohn eines gewalttätigen Vaters, in einfachen Verhältnissen aufwachsend. Nach der Trennung der Eltern hat der leibliche Vater nichts mehr von ihm wissen wollen und der Stiefvater hat ihn verhöhnt und klein gemacht. Schon jung gerät er an Alkohol, Drogen, Umgang mit den falschen Leuten. Er wird zum Fantasten, der große Karrieren im Berufsleben machen will, aber immer schon im Anfangsstadium scheitert. Der Autor erfährt zu seiner Verwunderung ganz neue Aspekte, hauptsächlich die, dass der Bruder abseits seiner gewalttätigen Exzesse unter Alkoholeinfluss ein lieber Mensch war. Er geht der interessanten, zum Nachdenken anregenden Frage nach, was oder wer für den frühen Tod des Bruders verantwortlich ist – Das soziale Milieu? Die Zurückweisung durch den Vater? Seine homophobe Einstellung? Ein interessanter Punkt ist, dass Louis immer wieder auf andere Bücher zurückgreift, in denen es um den Umgang mit Trauer geht, z.B. von Joan Didion oder Ludwig Binswanger.
Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen.

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Veröffentlicht am 20.08.2025

Bewegende Familiengeschichte

Meine Mutter
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Wow, was für eine Familiengeschichte! Immer wenn ich die Romane bekannter Autoren lese, in denen diese über ihre Familie schreiben, staune ich, was für einen geradezu abenteuerlichen Background sie meistens ...

Wow, was für eine Familiengeschichte! Immer wenn ich die Romane bekannter Autoren lese, in denen diese über ihre Familie schreiben, staune ich, was für einen geradezu abenteuerlichen Background sie meistens haben. So ist es mir auch jetzt wieder mit dem vorliegenden Buch von Bettina Flitner ergangen. Diese ist Fotografin und langjährige Lebensgefährtin/Ehefrau von Alice Schwarzer. Doch darum geht es hier gar nicht, wird nur in ein, zwei kurzen Sätzen ganz am Ende überhaupt andeutungsweise angeschnitten. Vielmehr verarbeitet sie vorrangig die Geschichte ihrer Mutter und der mütterlichen Linie, nachrangig auch die Linien der eingeheirateten Männer. Die weit verzweigte, gebildete und gut situierte Familie hat ihre Wurzeln in Schlesien im heutigen Polen vor über 100 Jahren und gelangte in den Nachkriegswirren nach Westdeutschland. Allein schon der historische Hintergrund und die Beschreibung des Lebens einer Arztfamilie in den seinerzeit zum Deutschen Reich gehörenden Gebieten sind interessant. Was die Geschichte darüber hinaus so besonders macht, ist der Umstand, dass es in der Familie zahlreiche Suizide gab, beginnend mit dem der Urgroßeltern in der alten Heimat und nach weiteren dann auch den der eigenen Mutter im Jahr 1984, dem vermutlich tiefe Depressionen von Kindheit an zugrunde lagen. Ihn verarbeitet die Autorin sehr berührend, so dass es ihr schließlich auch wieder gelingt, in Liebe auf die Mutter zurückzublicken, nachdem ihr Verhältnis in vielen Jahren zwischen Kindheit und jungem Erwachsenenleben ohne große Bindung war. Schön ist, dass trotz aller Ernsthaftigkeit des Themas auch der Humor nicht zu kurz kommt. Ein Beispiel hierfür ist etwa, wie die Autorin von einer (vermutlich entwicklungsgestörten) Großtante spricht – sie habe einen Sprung in der Schüssel. Bemerkenswert finde ich, wie modern die gesamte Familie in Liebesdingen war. Geliebte waren während des gesamten Zeitraumes an der Tagesordnung.
Ein sehr empfehlenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 14.08.2025

Nachwenderoman

Adlergestell
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Dieser Roman ist wirklich lesenswert und ist vor allem jenen zu empfehlen, die an der Wiedervereinigung Deutschlands und den Schicksalen der Ostdeutschen interessiert sind.
Eine namenlos bleibende Erzählerin ...

Dieser Roman ist wirklich lesenswert und ist vor allem jenen zu empfehlen, die an der Wiedervereinigung Deutschlands und den Schicksalen der Ostdeutschen interessiert sind.
Eine namenlos bleibende Erzählerin schildert ihre Kindheit zu Beginn der 1990er Jahre am Rande Ostberlins mit Blick auf die längste Straße Berlins, eben das sog. Adlergestell. Immer wieder blendet sie auf die Gegenwart 25 Jahre später vor. Das eigentlich Faszinierende ist, dass sie auch auf die Lebensläufe vieler Personen aus ihrem Umfeld eingeht – ihrer zwei besten Freundinnen und deren Eltern, ihrer Mutter, ihrer Großtante, ihrer Nachbarin, ihres späteren Lebensgefährten usw. Jede Person hat ein individuelles Schicksal mit unterschiedlicher Betroffenheit durch die deutsche Geschichte. Gemeinsam ist aber allen, dass sie zu den Verlierern ihrer jeweiligen Zeit gehören. Es geht auch nicht nur um das Erleben der Wendezeit, sondern zugleich um andere Zeitabschnitte in der deutschen Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg, wie etwa die Judenverfolgung oder das Anwerben von Gastarbeitern. So wird der Roman sehr informativ und deshalb wertvoll. Positiv herausgestellt sei noch ein besonderes Gestaltungsmittel, dessen sich die Autorin bedient. Durchzogen ist das Buch von jeweils zwei schwarzen Seiten, auf denen meistens Werbung für West- oder Ostprodukte wiedergegeben wird. Das ruft schöne Erinnerungen hervor, etwa an Produkte wie Fairy Ultra, Spee, Merci, Jacobs Kaffee. Die Farbe schwarz hat ohnehin eine metaphorische Bedeutung in der Geschichte wie auch das Symbol des Adlers, die sich jeder selbst erschließen möge.

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Veröffentlicht am 12.08.2025

Lesenswerte skurrile Geschichte

Das glückliche Leben
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David Foenkinos ist ein französischer Bestsellerautor. Erst mit diesem wirklich schönen Buch bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Für mich ist er ein typisch französischer Autor. Sein Erzählstil ist so ...

David Foenkinos ist ein französischer Bestsellerautor. Erst mit diesem wirklich schönen Buch bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Für mich ist er ein typisch französischer Autor. Sein Erzählstil ist so ruhig, unterlegt mit feinem Humor, passend zu diesem der Geschichte zugrunde liegenden ernsten Thema, das Verlust und Neuanfang behandelt. Es ist ein Buch für alle, die schon einmal daran gedacht haben, ein Neuanfang im eigenen Leben wäre doch eine gute Sache. Genau so ergeht es dem Protagonisten Éric, der mit seiner Karriere und seiner familiären Situation hadert. Er macht auf einer Reise in Seoul eine derart existenzielle Erfahrung, dass er anschließend sein Lebensglück selbst in die Hand nimmt und einen Neuanfang wagt. Etwas skurril mag es erscheinen, dass er hierfür das Mittel einer gefakten eigenen Beerdigung benutzt. Doch dem ist nicht so und der Autor hat sicherlich entsprechendes Hintergrundwissen benutzt. In Südkorea gibt es nämlich tatsächlich Seminare, bei denen Menschen zwecks Weckung ihres Lebensmutes ihren Tod erfahren und zur Probe in einen Holzsarg steigen, sog. Happy Dying. So verhilft das Buch auch, eine andere Kultur kennenzulernen. Welche Wendungen das bei Éric bewirkt, muss jeder selbst lesen, es lohnt sich. Auch Fans von Liebesgeschichten werden auf ihre Kosten kommen.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Gesellschaftskritische Politsatire

Das Geschenk
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Es klingt schon sehr fantastisch, was die niederländische Autorin Gaea Schoeters – bekannt geworden durch ihren Roman „Trophäe“ – hier umsetzt. Urplötzlich tauchen im gesamten Berliner Stadtgebiet 20.000 ...

Es klingt schon sehr fantastisch, was die niederländische Autorin Gaea Schoeters – bekannt geworden durch ihren Roman „Trophäe“ – hier umsetzt. Urplötzlich tauchen im gesamten Berliner Stadtgebiet 20.000 Elefanten auf, ein „Geschenk“ des Präsidenten von Botswana als Gegenleistung für das von Europa ausgesprochene Einfuhrverbot von Jagdtrophäen, das in seinem Land die Megafauna zur Krise werden lässt. Es liegt nunmehr am deutschen Bundeskanzler, all die Probleme, die sich auftun, zu lösen, als da sind: zerstörte Tiergärten, heimgesuchte Supermärkte, Verkehrschaos, Berge von Elefantendung, eine sich anbahnende innerstaatliche Krise mit dem Erstarken rechter Kräfte. Wird er „es schaffen“? Auf jeden Fall braucht er hierfür eine Elefantenhaut.
Schon die Idee zu diesem fiktiven Buch ist sehr originell, wobei es auf einer tatsächlichen Aussage eines früheren botswanischen Präsidenten beruht. Die Geschichte behandelt nach Art einer Satire auf amüsante Weise alle möglichen Fragen, die den Leser in der postkolonialen Zeit nicht nur über den Umgang Europas mit Afrika nachdenken lässt, sondern auch über aktuelle und moralische Fragen wie Klimawandel, Artenschutz, internationale Beziehungen. Solch schwierige Themen werden mit lockerem, amüsantem Schreibstil abgehandelt, so dass alles nicht zu ernst wird.
Ein Buch, das besonders politisch interessierte Leser anspricht.

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