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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.08.2025

Beeindruckend

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
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Wow! Dieses Buch ist etwas Besonderes! Ein echtes Juwel, das mich sehr beeindruckt hat!

Anna Maschik (*1995) erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte ihrer Familie über vier Generationen. Alles Berichtenswerte ...

Wow! Dieses Buch ist etwas Besonderes! Ein echtes Juwel, das mich sehr beeindruckt hat!

Anna Maschik (*1995) erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte ihrer Familie über vier Generationen. Alles Berichtenswerte packt sie in wenige poetische Worte. In vielen ihrer Sätze befindet sich eine ganze Geschichte. Wie zum Beispiel auf Seite 27: „Henrikes Blick fällt auf die schwarze Tasche der Hebamme, und sie erinnert sich, früher gedacht zu haben, Anna würde darin die zappelnden Kinder in die Häuser tragen und sie den Müttern aushändigen“.
Ein Roman, der auf 240 Seiten die Geschichte von vier Generationen erzählt, kommt nicht an Geburt und Tod vorbei. Dass dabei auch die Charaktere der Menschen beleuchtet werden, erfordert genaues Hinsehen und die Beschränkung auf das Nötigste. Das ist der jungen Autorin hervorragend gelungen.
Doch es ist nicht die Story an sich ist es, die mich so für sich eingenommen hat, sondern eindeutig der ungewöhnliche Schreibstil, der mit wenigen Worten alles erzählt. Da gibt es Liebe und Eifersüchteleien, Arbeit und Lebenskrisen, Angst und Sprachlosigkeit.
Sehr treffend fand ich den Satz „Ein Kind verspeist die Mutter, erst von innen, dann von außen.“

Fazit: Wer sich den Titel und das Zitronencover betrachtet, der ahnt, dass der Inhalt ungewöhnlich ist. Dass er aber mit solcher Wucht zuschlägt und mich so sehr berühren wird, hatte ich mir nicht vorgestellt. Wenn ich könnte, würde ich diesem Werk mehr als fünf Sterne verpassen.

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Veröffentlicht am 12.08.2025

Märchenhafte Geschichte

Das Geschenk des Meeres
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Während einer stürmischen Nacht rettet ein Fischer ein Kind aus den tosenden Fluten. Es sieht aus wie Moses, ein vor Jahren im Meer ertrunkener Junge. „Was vergessen war, kehrt zurück, wenn das Meer bereit ...

Während einer stürmischen Nacht rettet ein Fischer ein Kind aus den tosenden Fluten. Es sieht aus wie Moses, ein vor Jahren im Meer ertrunkener Junge. „Was vergessen war, kehrt zurück, wenn das Meer bereit ist.


Die Schriftstellerin Julia R. Kelly ist Englischleherin und Mutter von fünf Kindern. Ihr Debütroman stand auf der Longlist diverser Preise und wurde in zehn Sprachen übersetzt.

Sie nimmt uns darin mit nach Schottland um das Jahr 1900. Wir landen mitten in einem kleinen Fischerdorf, in dem man Fremden gegenüber skeptisch ist. Misstrauen und Mythen begleiten das karge Leben. Dorothee, die neue, aus Edinburgh zugezogene Lehrerin, bleibt Außenseiterin. Einzig Fischer Joseph hält zu ihr.


Dieses Hörbuch hat mir wundervolle Stunden bereitet. Begeistert lauschte ich der Stimme von Astrid Kohrs, die das geschriebenen Wort lebendig werden ließ. Wie eine Märchenerzählerin transportierte sie Gefühle und weckte Träume. Dank ihr landete ich vorübergehend in einer anderen Welt, die mir wie ein Märchen vorkam. Nicht, weil alles glatt verlief, sondern weil jedem Tiefschlag auch wieder ein Höhepunkt folgte.


Fazit: Wer Märchen mag, ist hier gut aufgehoben. Aber auch allen anderen empfehle ich dieses märchenhafte Werk.

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Veröffentlicht am 31.07.2025

Verbotene Liebe

Wohin du auch gehst
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In diesem Buch reisen wir durch zwei Kontinente in zwei Jahrhunderten. Es liegen nur gut 30 Jahre, ein Bürgerkrieg und Aufstände, sowie viele seelische Verletzungen zwischen dem Beginn 1974 im Kongo und ...


In diesem Buch reisen wir durch zwei Kontinente in zwei Jahrhunderten. Es liegen nur gut 30 Jahre, ein Bürgerkrieg und Aufstände, sowie viele seelische Verletzungen zwischen dem Beginn 1974 im Kongo und dem Ende 2006 in London. Frei gewählte Liebe hat da keine Chance. Weder bei Mira aus der gut gestellten Familie, die sich in einen mittellosen Musiker verliebt, noch bei Bijoux, die Frauen zugeneigt ist. Bei der einen ist es die Familie, die ihr das Leben erschwert, bei der anderen die der Kirche angehörige Tante, die alles daran setzt, dass sie einen ungeliebten Mann heiratet. Glücklich sind sie beide nicht – oder wenn, dann nur für kurze, heimliche Augenblicke. Beide Frauen müssen ein Leben leben, das sich nicht wie ihr eigenes anfühlt.


Es dauerte einige Seiten, bis ich mit den Sprüngen zwischen den Zeiten und Ländern zurecht kam. Doch dann empfand ich das Buch über weite Strecken als richtig spannend. Die Seiten flogen nur so dahin. In jedem Kapitel wartete eine neue Überraschung. So klärten sich nach und nach die Zusammenhänge.

Der Erzählstil ändert sich, je nachdem um welche der beiden Frauen es gerade geht. Mira wird von außen betrachtet, Bijoux meldet sich selbst zu Wort. Wie nah sie sich stehen, merken sie erst zum Schluss, wenn die ganze Wahrheit ans Licht kommt.


Die 1987 in Kigshasa geborene Christina Fonthes werde ich mir merken. Die Autorin lebt in London und ist Gründerin einer Schreibakademie für PoC-Autorinnen. Dies ist ihr erster Roman.


Fazit: Das Buch hat mich überrascht und zum Nachdenken animiert. Ich hatte es zur Hand genommen, weil mich Bücher aus dem Diogenes Verlag noch nie enttäuscht haben; doch ich hatte nicht damit gerechnet, dass sich dieses Exemplar als wahre Perle entpuppt. Dicke Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 31.07.2025

Liebevolle Erinnerungen an die Mutter

Onigiri
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Hier erzählt Aki, die Tochter einer japanischen Mutter und einem deutschen Vater, sehr liebevoll von ihrer Kindheit und dem Verhältnis zu ihrer Mutter. Auch deren spannende Vergangenheit wird beleuchtet ...

Hier erzählt Aki, die Tochter einer japanischen Mutter und einem deutschen Vater, sehr liebevoll von ihrer Kindheit und dem Verhältnis zu ihrer Mutter. Auch deren spannende Vergangenheit wird beleuchtet und schärft den Blick auf die Schwierigkeiten, die Keiko in ihrem Leben souverän meisterte. Natürlich kommen auch die anderen Familienangehörigen nicht zu kurz.

Keiko, inzwischen dement geworden, fordert Aki ungewollt sehr heraus. Doch die hat gelernt, ebenso wie ihr Bruder, ihre Mutter mit all den Schwierigkeiten in Liebe anzunehmen. Mutig begibt sie sich mit ihr noch einmal auf die Reise nach Japan.

So konnte ich viel über das Leben in Japan erfahren. Nicht nur das Essen (Onigiri sind laut Wikipedia gefüllte Reisbällchen), sondern auch die dortigen Bräuche unterscheiden sich doch sehr von denen bei uns. Umso mehr bewunderte ich Keiko, die als junge Frau allein versuchte, in Deutschland heimisch zu werden. Dank ihrer schönen Singstimme landete sie in einem Chor, fand dort Freunde und den Vater ihrer Kinder. Als die Ehe mit dem depressiven Mann nicht hielt, zog sie die Kinder allein groß, blieb aber in der neuen Heimat.

Die sympathische Stimme von Inka Löwendorf hat mich über sechs kurzweilige Stunden durch die Welt getragen. Trotz der vielen, manchmal schwer einzuordnenden Zeitsprünge, kamen mir mit dieser ansprechenden Geschichte meine Nordic-Walking-Runden viel kürzer vor.
Ich kann dieses Hörbuch jedem empfehlen, der mehr über fremde Länder, ihre Sitten und Gebräuche oder über den Umgang mit Demenzkranken wissen möchte. Nichts ist belehrend, aber einiges sehr lehrreich!

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Veröffentlicht am 18.10.2024

Selbstmordserie im Waisenhaus

Der Schatten einer offenen Tür
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„Dann geh, und sieh es dir an, dann erfährst auch du auch gleich, wie dein Volk abseits der Hauptstadt lebt.“

Schon in seinen Romanen „Rote Kreuze“ und „Der ehemalige Sohn“ prangert Filipenko russische ...

„Dann geh, und sieh es dir an, dann erfährst auch du auch gleich, wie dein Volk abseits der Hauptstadt lebt.“

Schon in seinen Romanen „Rote Kreuze“ und „Der ehemalige Sohn“ prangert Filipenko russische Zustände an. So auch in diesem Buch, in dem er Ermittler nach einem Schuldigen für eine Selbstmordserie Jugendlicher suchen lässt.

Der scheint schnell in dem Außenseiter Petja gefunden zu sein. Aufgewachsen im Waisenhaus, von diversen Pflegefamilien wieder zurückgegeben, verhält er sich anders als andere. Einst hat er sich gegen eine Reise der Waisenhauskinder nach Griechenland ausgesprochen, die mehreren Selbstmorden vorausgegangen ist. Nun begleiten wir die Ermittler bei ihrer Recherche, warum die Kinder nicht mehr leben wollten.


Dieses Buch ist geschrieben wie ein emotionsloser Bericht und hat mich – vielleicht gerade deswegen - aufgewühlt. Denn was hier alles beleuchtet wird, ist kaum vorstellbar. Der Autor zeigt seine Figuren mit all ihren Eigenschaften und die Reaktion der Umwelt darauf. Wer nicht so ist wie gewünscht, wird schief angeschaut und verurteilt. Der Aufbau des Romans hat mich besonders angesprochen: Hier werden keine Erklärungen gegeben, sondern anhand von Momentaufnahmen nur Geschehenes berichtet, untermalt mit diversen Aufsätzen und Zeitungsberichten.


Sasha Filipenko, 1984 in Minsk geboren, ist laut PEN Berlin einer der herausragenden belarussischen Autoren und einer der profiliertesten Kritiker des Lukaschenko-Regimes. Er studierte an der Europäischen Humanistischen Universität in Minsk und nach deren Schließung 2004 an der Universität Sankt Petersburg Literatur. Nach dem Master arbeitete er für die unabhängigen Sender Dozhd und RTVi. Er beteiligte sich an den Protesten 2020 und lebt seitdem mit seiner Familie im Schweizer Exil. Hier engagiert er sich für Meinungsfreiheit, was dazu führte, dass sein Vater mit den Worten »Danke deinem Sohn« von belarussischen Polizisten im November 2023 festgenommen wurde.


Fazit: diese zeitgenössische Literatur über russische Zustände ist ausgesprochen lesenswert!

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