Profilbild von Magnolia

Magnolia

Lesejury Star
online

Magnolia ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Magnolia über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.08.2025

Einfühlsam erzählt

Die Sonne und die Mond
1

Chris Kraus schreibt vom Tod, vom Loslassen und vom Leben und von Freundschaft schreibt er auch. Die Sonne, das ist Sonja, und Jana von Mond waren in jungen Jahren beste Freundinnen, bis sie es nicht mehr ...

Chris Kraus schreibt vom Tod, vom Loslassen und vom Leben und von Freundschaft schreibt er auch. Die Sonne, das ist Sonja, und Jana von Mond waren in jungen Jahren beste Freundinnen, bis sie es nicht mehr waren. Jana ist mittlerweile ein gefeierter Comedy-Star und nun steht sie vor Sonnes Tür, denn ihr Liebster muss bestattet werden und wer wäre da besser geeignet als Sonne und ihr Bestattungsunternehmen. Allerdings ist Sonne alles andere als begeistert, sie geht sogar so weit, Jana hinauszukomplimentieren. Diese aber denkt gar nicht daran, sie nistet sich in Sonnes Leben ein, gewinnt das Herz des 8jährigen Nicky und auch Sonnes Mitarbeiter Samuel ist von Jana angetan.

„Alles war gerichtet. Und sie fühlte sich wie auf Wellen. Es gab keine Seekrankheit, die vergleichbar gewesen wäre mit ihrem Zustand. Sie begann zu weinen. Und doch hatte sie nicht die geringste Ahnung, welch perfekter Sturm sie an diesem Tag noch erwarten sollte.“ Jana wusste es nicht, auch nicht Samuel und Sonne war auch nicht darauf vorbereitet.

Während des Lesens bin ich durch eine Achterbahn der Gefühle gegangen. Ich mochte das Buch, dann wieder gar nicht. Zuweilen schrammt es an der Grenze des Erträglichen und doch konnte ich es nicht weglegen. Der Tod gehört zum Leben, wer kennt den Schmerz darum nicht. Auch der Autor weiß, wovon er schreibt, wie er im Nachwort verrät. Es ist seine Geschichte um Tod und Vergänglichkeit, um Abschied und Liebe und das unerträgliche, das tragische Ende eines geliebten Menschen.

Was das Buch so besonders macht, ist dieser feine Sinn für Humor, der auch den Schmerz und die Trauer erträglich macht. Zumindest ein wenig. Auch lässt es so einiges von den so unterschiedlichen Ritualen, die rund um das Sterben und den Tod in den verschiedenen Kulturen zelebriert werden, mit einfließen.

„Die Sonne und die Mond“ ist ein emotionales, ein einfühlsames Buch, nicht nur über den Tod. Auch und vor allem über Freundschaft, über verletzte Gefühle und das Sich-Wiederfinden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.08.2025

Tiefgründig, absolut lesenswert

Die Verlorene
1

„Die Verlorene“ ist Miriam Georgs persönlichstes Buch, wie sie im Nachwort verrät. Es ist nicht autobiographisch und doch erzählt es viel von ihrer Familie. Von ihrem Großvater etwa, der mit gerade mal ...

„Die Verlorene“ ist Miriam Georgs persönlichstes Buch, wie sie im Nachwort verrät. Es ist nicht autobiographisch und doch erzählt es viel von ihrer Familie. Von ihrem Großvater etwa, der mit gerade mal zweiundzwanzig Jahren auf der Krim stationiert und dann Jahre in russischer Gefangenschaft war, der als anderer Mensch heimgekehrt ist. In kleinen Schnipseln hat er ab und an erzählt, das meiste aber für sich behalten, wie so viele, die über ihre traumatischen Erlebnisse nicht sprechen konnten.

Miriam Georg hat mich sofort ins Buch gezogen und auch jetzt, nachdem ich um die ganze Geschichte weiß, bin ich noch bei ihnen. Bei Änne, die im hohen Alter gestorben ist, die von Schlesien erzählt hat, über ihre Familie jedoch hat sie geschwiegen. Laura, ihre Enkelin, findet in einer Pferdeskulptur aus Ännes Nachlass ein Bild, das ihre Großmutter in jungen Jahren zeigt, auf der Rückseite jedoch liest sie den ihr unbekannten Namen Luise. Was hat es damit auf sich? Kurzerhand beschließt Laura, auf den ehemaligen Gutshof der Familie zu fahren, der im heutigen Polen liegt. Ellen, ihre Mutter, will nicht mit, kommt aber ein paar Tage später dann doch nach – die beiden Frauen graben tief in der Vergangenheit. Was sie zutage fördern, ist so unglaublich und doch so erschreckend real…

…der Blick zurück beginnt 1941 auf der Krim mit Karl, der sich vor dem Feindesbeschuss in einen Schützengraben rettet. Mit einem Brief, den er immer wieder hervorholt. „Komm heim“ - geheimnisvolle Worte. Waren es tröstliche Worte? Worte voller Sehnsucht?

Zwei Zeitebenen sind es, die sich abwechseln. Wobei ich die Erzählung um die Kriegsjahre noch ein Stück weit intensiver empfinde. Das Leben auf dem Gutshof der Familie und der Helfer in Haus und Hof, die auch aus Kriegsgefangenen bestehen, ist hart. Es gilt, eine Krankheit zu vertuschen, denn die Deutschen fackeln nicht lange. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens schwebt im Raum und nicht zuletzt treibt sie auch die Furcht vor den Russen um. Das Traumata um diese Kriegsjahre ist greifbar. Es geht um Vertreibung und Verlust - nicht nur von Hab und Gut - und um familiäre Geheimnisse, die ein Leben lang nicht angesprochen werden.

Diese beiden Erzählebenen nähern sich immer mehr an. Ich bin tief erschüttert, fühle mit ihnen, begreife das ganze Ausmaß dieser dramatischen, so traurigen und der so eindringlich erzählten Geschichte erst ganz zum Schluss so richtig, der so einiges vom meinem Denken, von meinen vorschnellen Urteilen, zurechtrückt. „Die Verlorene“ ist ein Roman, der im Gedächtnis bleibt und trotz aller Tragik ist es ein wundervolles, ein sehr lesenswertes Buch.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.08.2025

Rachel Louise Carson – eine faszinierende Frau

In uns der Ozean
1

In ihrem Buch „In uns der Ozean“ erzählt Theresia Graw die beeindruckende Lebensgeschichte der Meeresbiologin und Umweltschützerin Rachel Carson, die ihrer Zeit weit voraus war. 1907 geboren, sah sie sich ...

In ihrem Buch „In uns der Ozean“ erzählt Theresia Graw die beeindruckende Lebensgeschichte der Meeresbiologin und Umweltschützerin Rachel Carson, die ihrer Zeit weit voraus war. 1907 geboren, sah sie sich als Frau in einer männerdominierenden Welt vielen Hindernissen ausgesetzt.

„Ich durfte an meinem geliebten Meer die Gesetzmäßigkeiten des Lebens erforschen.“ Sie hatte tatsächlich die Zusage zur Promotion im Meeresforschungsinstitut in Woods Hole, doch als ihr Vater starb musste sie sich von ihrem Traum vorerst verabschieden. Geld war knapp, sie musste für ihre Familie sorgen.

Sie arbeitet als Biologin für die dem US-Innenministerium unterstellte Fischereibehörde, deren Aufgabe die Erhaltung der Natur und ihrer Artenvielfalt ist, sie verfasst als wissenschaftliche Autorin Reportagen in einer sehr ansprechenden, verständlichen Form. Sie erhält eine Rundfunkserie, in der sie das Leben im Wasser thematisiert, sie schreibt für Zeitungen und Magazine und schreibt Bücher. Die Umwelt liegt ihr seit jeher sehr am Herzen, ihre zunehmende Kritik an DDT, dem viel zu laschen Umgang mit den synthetischen Pestiziden, ist der Industrie ein Dorn im Auge. Rachel aber lässt sich nicht einschüchtern, die verheerende Auswirkung des großflächig aufgebrachten DDT thematisiert sie auch in ihrem auch heute noch aktuellen Buch „Der stumme Frühling“.

Das faszinierende Leben der Rachel Carson hat mir Elke Schützhold in 10 Stunden und 12 Minuten nähergebracht. Sie hat der Ich-Erzählerin Rachel eine Stimme gegeben, der ich gerne zugehört habe. Ihr berufliches und ihr nicht minder turbulentes, von Schicksalsschlägen geprägtes privates Leben hat mich sehr beeindruckt. Und auch, wenn das Insektenvernichtungsmittel DDT, das in den 60er Jahren als Wunderwaffe galt, und Rachels unermüdlicher Kampf dagegen hier einen großen Raum einnimmt, so erfahre ich von der privaten Rachel so einiges, das sie als liebevolle, sehr empathische Frau beschreibt.

Der Roman ist eine Hommage an eine großartige Frau, Theresia Graw versteht es hervorragend, Rachel Carsons Leben und Wirken spannend und gut lesbar, dazu perfekt recherchiert, darzubieten. Ein Buch, das ich nicht missen möchte und in mir den Wunsch weckt, auch Rachels Bücher kennenzulernen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.08.2025

Von drei starken Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten

Die Hummerfrauen
1

Männer sind es für gewöhnlich, die zum Fischen rausfahren. Zumindest assoziiere ich diesen doch schweren, sehr anstrengenden Beruf eher mit einem starken Mann denn einer zarten Frau. Soweit mein Vorurteil, ...

Männer sind es für gewöhnlich, die zum Fischen rausfahren. Zumindest assoziiere ich diesen doch schweren, sehr anstrengenden Beruf eher mit einem starken Mann denn einer zarten Frau. Soweit mein Vorurteil, das so nicht ganz stimmt, wenngleich Hummerfischerinnen, von denen ich lese, eher selten sind. Aber doch gibt es sie.

„Die Hummerfrauen“ faszinieren mich jede für sich. Ann ist mit ihren 72 Jahren die älteste der drei Hummerfischerinnen. Sie lebt schon lange alleine. Fast alleine, denn Mr. Darcy, der blaue Hummer, hat sein Aquarium in ihrem Haus. Die Frage, ob er denn freiwillig hier wäre, kann sie mit JA beantworten, denn sie hat ihn schon mehrfach am Strand ausgesetzt, ihn ins Meer getrieben. Er aber ist immer wieder zu ihr zurückgekrabbelt.

Auch die 54jährige Julie hat ihre ganz eigene Geschichte. Schon vor ihrem schweren Unfall hatte sie einen mitunter scharfen Ton drauf, sie eckt gern mal an, wer sie aber besser kennt, weiß um ihre Hilfsbereitschaft. Sie lernt das Hummerfischen als Achtermann bei Nat und ist nun mit ihrem eigenen Boot draußen, hat ihre Kapitänslizenz und auch Fangrechte. Einst hat sie Nat das Schwimmen gelernt, was unter Fischern nicht üblich ist. Warum sie nicht schwimmen können? Da hab ich erst mal schlucken müssen…

„Du wirst es nicht glauben, ich habe eine Meerjungfrau im Haus.“ Was für ein Kraut sie denn geraucht hätte, wird Ann gefragt. Nun, Ann hat Mina (28) aufgenommen, sie wurde am Strand aufgelesen und zu ihr gebracht - vorerst bleibt sie bei ihr. Schon früher war die kleine Mina mit ihren Eltern und ihrem großen Bruder in Maine. Als Kind trifft sie auf den Fischerjungen Sam, dem sie nun, als erwachsene Frau, wiederbegegnet.

Beatrix Gerstberger hat sich viel mit Hummerfischerinnen unterhalten, wie sie verrät. Sie war für ein halbes Jahr direkt in einem Hummerfischerdorf. Sie schreibt vom Leben und von der Liebe, von Verlust, den jeden treffen kann und von der Trauer und deren Bewältigung. Jeder geht anders mit Schicksalsschlägen um und so manch raue Schale, die nach außen hin gezeigt wird, hat einen weichen Kern. Der generationenübergreifenden Zusammenhalt der Dorfbewohner schwingt mit, ebenso ein Gespür für den Kummer und Schmerz der anderen. Nicht jeder kann die Schatten der Vergangenheit hinter sich lassen, Mina etwa geht ganz anders damit um wie Sam.

Zwei Zeitebenen wechseln sich ab, wobei der Sommer 1982 viel von der Familie Gray aus Philadelphia erzählt. Richard und Judith Gray verbringen mit ihren Kindern Christopher und Mina ihre Ferien. Wir bekommen einen tiefen Einblick in das Familienleben, die so unterschiedlichen Figuren sind fein gezeichnet, nicht jeder ist sympathisch. So auch im Jahr 2000, in dem so manche Beziehung auf dem Prüfstand steht. Sie leben im Einklang mit der Natur, sie wissen um die Vergänglichkeit jeglichen Lebens.

Es wird zunehmend intensiver. Je mehr ich von ihnen allen weiß, desto klarer wird mein Bild, auch das des Hummerortes und dessen Bewohnern, die alle von Hummerfang abhängig sind. Das Hineinfinden ins Buch verlangt schon Aufmerksamkeit, sobald ich aber die einzelnen Charaktere verinnerlicht, je mehr ich gelesen habe, desto weniger mochte ich das Buch zur Seite legen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.07.2025

Was geschah in Camp Donkerbloem?

Der Trailer
1

„Willkommen im Camp Donkerbloem.“ Lisa kann zunächst für eine Nacht hier bleiben. Der Angestellte der Campinganlage muss erst mit seinem Chef reden, denn soviel er weiß, ist der Platz für dieses Wochenende ...

„Willkommen im Camp Donkerbloem.“ Lisa kann zunächst für eine Nacht hier bleiben. Der Angestellte der Campinganlage muss erst mit seinem Chef reden, denn soviel er weiß, ist der Platz für dieses Wochenende ausgebucht. Sie bekommt den Wohnwagen mit der Standnummer W3 zugewiesen, der sich am Ende der Anlage, dicht am See, befindet. Dies war vor fünfzehn Jahren, seither fehlt von Lisa jede Spur.

Und nun, in der Gegenwart, spricht die Hauptkommissarin Frieda Stahnke in einem Podcast über diesen Vermisstenfall. Noch ahnt sie nicht, was sie damit lostritt und auch sie selber lässt dieser Fall nicht mehr los. Sie trifft auf den halbseidenen Wount Meertens und seinen Angestellten Tayfun, auch mischt Wounts Mieterin Kathinka mit. Wount war damals, als Lisa verschwand, in Camp Donkerbloem, was ihn per se verdächtig macht.

Das erste Buch der Donkerbloem-Trilogie war in Rekordgeschwindigkeit ausgelesen, Linus Geschke hat mich wiederum vollkommen überzeugt und natürlich fiebere ich den beiden Nachfolgebänden gespannt entgegen, auch wenn es noch gefühlt ewig dauern wird, bis ich „Das Camp“ (02.26) und „Die Schlucht“ (07.26) in Händen halte.

Die Story lebt von den wechselnden Schauplätze und den Figuren, die - jede für sich - gut ausgearbeitet sind. Da ist (neben so einigen anderen Gestalten) Frieda, die wegen einer anderen Geschichte suspendiert ist, die aber hier nicht locker lässt, auch wenn sie momentan eher in einer Grauzone unterwegs ist. Auch Wount, dieser Unterwelttyp, der nichts anbrennen lässt, ist ein vielschichtiger Charakter mit Ecken und Kanten nicht zu knapp und so zart Kathinka auch ist, lässt sie sich nicht so einfach wegschieben. Sie alle sind nicht unbedingt nett, aber tough und unerschrocken sind sie allemal.

Gleich mal erleben wir Lisa, die durch die Nacht rennt, sie versucht dem Grauen zu entkommen. Was genau sich hier abspielt, sickert schon durch und doch weiß man nichts, auch wenn die Gedanken beim Lesen permanent rattern. Der Podcast schreckt so einige Typen auf, die damals auf dem Campingplatz waren. Bei anderen wiederum ist nicht klar, warum sie dermaßen alarmiert agieren. Wer ist Opfer, wer ist Täter? Es geht um Missbrauch, um Gewalt und Wut, die oftmals einen klaren Blick verhindert und wie Linus Gescheke so treffen schreibt, ist Wut auch die Beschützerin der Trauer.

„Der Trailer“ ist absolut fesselnd, die Handlung ist durchdacht - ein Thriller-Schmankerl vom Feinsten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere