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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.08.2025

Vom Kritiker zum Kritisierten

Standing Ovations
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Beim Fringe Festival in Edinburgh tritt Hayley Sinclair zum ersten Mal mit ihrer Live Performance auf. Der Starkritiker Alex Lyons verfasst einen Verriss über ihre Show und bewertet sie mit nur einem Stern. ...

Beim Fringe Festival in Edinburgh tritt Hayley Sinclair zum ersten Mal mit ihrer Live Performance auf. Der Starkritiker Alex Lyons verfasst einen Verriss über ihre Show und bewertet sie mit nur einem Stern. Hayley sieht die Kritik am nächsten Morgen in der Zeitung und erfährt, dass Alex Lyons der Mann ist, mit dem sie die Nacht verbracht hat. Alex Lyons, der ganz genau wusste, mit wem er Sex hatte, dem sie ihr Herz ausgeschüttet hat und der nichts darüber gesagt hat, wer er ist oder dass er eine Kritik über ihr Programm verfasst hat. Ihre Konsequenz daraus: Sie ändert den Titel ihrer Show, die ab jetzt davon handelt, was Alex Lyon ihr angetan hat. Im Verlauf des Festivals kommen immer mehr Erfahrungen anderer Frauen hinzu, die Alex verletzt oder erniedrigt hat. Plötzlich steht der Starkritiker im Fokus der Kritik.
Erzählt wird alles aus der Perspektive von Sophie, einer Kollegin und Freundin von Alex, die während des Festivals mit ihm zusammenwohnt und ebenfalls Journalistin ist.

Charlotte Runcie hat mit "Standing Ovations" einen Roman über patriarchale Strukturen, die Machtverhältnisse in der Kunst- und Medienwelt sowie die Dynamik zwischen Künstler*in, Kunstwerk und Kritik geschaffen. Hayley macht sich ihre Erfahrung zunutze und ist bestrebt, die Position zu verändern, den Konflikt umzudrehen. Alex hingegen ist nicht einsichtig und Sophie beobachtet alles mehr oder weniger tatenlos.
Der Plot hat mich gereizt, ich war sehr gespannt darauf, wie Hayley mit der Situation umgeht, wie das Publikum reagiert und zu welcher Auflösung Charlotte Runcie kommt. Während ich die erste Hälfte des Buches geradezu verschlungen habe, hat das Tempo in der zweiten Hälfte arg nachgelassen und mich streckenweise etwas verloren, da es immer mehr um Sophie und ihre Beziehung ging.
Insgesamt ein guter Roman über weibliche Wut, Machtmissbrauch und den öffentlichen sowie privaten Umgang damit.

Veröffentlicht am 06.08.2025

New-Adult-Romanze in Zeitschleife

Gestern waren wir unendlich
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Louis und Henry sind seit drei Jahren ein Paar und können beide fast nicht glauben, was für einen tollen Partner sie im jeweils anderen gefunden haben - es ist die Liebe ihres Lebens. Doch eines Abends ...


Louis und Henry sind seit drei Jahren ein Paar und können beide fast nicht glauben, was für einen tollen Partner sie im jeweils anderen gefunden haben - es ist die Liebe ihres Lebens. Doch eines Abends haben sie Streit. Dennoch begleitet Louis Henry auf eine Familienfeier, die ihm wichtig ist. Nach der Feier wollen sie über ihren Streit sprechen und sich versöhnen, doch es kommt anders: Auf dem Rückweg haben sie einen schweren Autounfall, bei dem Henry stirbt. Louis erwacht am nächsten Morgen in seinem eigenen Bett, wo Henry ihn abholt, um gemeinsam zur Familienfeier zu fahren. Schnell steht für Louis fest: Er befindet ich in einer Zeitschleife, während Henry sich an nichts erinnert. Also gibt Louis alles dafür, Henrys Leben an diesem einen Tag zu retten.

Mir gefiel Dominik Gaidas Idee der Zeitschleife sehr gut und ich lese gern queere lovestories, die ohne Klischees auskommen (well done). Die ersten zwei Durchgänge des schicksalhaften Tages habe ich angespannt verfolgt in der Hoffnung, dass sich irgendetwas ändern könnte. Ich mochte die geschilderten Gespräche, ich mochte die Rückblenden, wie über die Beziehung und die Liebe zwischen Henry und Louis gesprochen wurden und der stets respektvolle Ton miteinander.
Doch insgesamt waren es mir zu viele Durchgänge der Zeitschleifen, an manchen Stellen fand ich die Rückblenden ungünstig gesetzt, weil sie aus dem aktuellen Geschehen gerissen haben, da wäre die ein oder andere Stelle eventuell passender gewesen.
Die Auflösung mochte ich dann wieder gern.
Insgesamt eine schöne, queere Romanze, die im Zeitschleifen-Modus erzählt ist. Dominik Gaidas flüssiger, leichter Schreibstil gefiel mir ebenso sehr gut.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.06.2025

Ein moderner Knigge

Der neue Taschen-Knigge
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In vielen Lebensbereichen und -situationen herrschen immer noch Fragen über die Angemessenheit und entsprechende Erwartungen. In "Der neue Taschen-Knigge" hat Herbert Schwinghammer daher für sämtliche ...

In vielen Lebensbereichen und -situationen herrschen immer noch Fragen über die Angemessenheit und entsprechende Erwartungen. In "Der neue Taschen-Knigge" hat Herbert Schwinghammer daher für sämtliche Bereiche angemessene Verhaltens- und Kleidungsweisen zusammengetragen. Dabei geht es vom Eindecken des Tisches und dem Verzehr diverser Speisen über Einladungen, Bewerbungsgespräche, Theaterbesuche und Reisen hin zu Beerdigungen und Hochzeiten. Während einige Ausführungen für mich selbstverständlich und vermeintlich jeder Person bekannt sein sollten, waren andere Dinge für mich tatsächlich neu bzw. hatte ich damit bisher noch keinen engen Bezug (beispielsweise die Anordnung von Gäst*innen am Tisch nach Ranghöhe) oder war nicht in knigge-notwendigen Kreisen unterwegs und habe mir die Frage daher noch nie gestellt, wie richtiges Verhalten in dieser Situation geht.

Insgesamt ist Schwinghammers Schreibstil sehr flüssig und die Abschnitte sind sehr leicht zu lesen. Durch die Kategorisierung und Einordnung in die verschiedenen Bereiche sind die Inhalte sehr übersichtlich gestaltet, sodass der Knigge ideal als Nachschlagewerk behandelt werden kann. Ich habe in erster Linie die Abschnitte gelesen, die mich selbst betroffen oder am meisten interessieren, alles andere eher stichprobenartig und auszugsweise. Gerade was den Dresscode im Theater angeht, habe ich beispielsweise auch anderer Erfahrungen gemacht und finde einige Ausführungen im Buch immer noch recht veraltet. Daher würde ich sagen: Der moderne Knigge ist ein gutes Nachschlagewerk und gibt eine gute, grobe Orientierung. Wie es dann tatsächlich im eigenen Lebensbereich umgesetzt wird, sollte nach eigenem Gespür und Ermessen natürlich gegengecheckt werden. Das Glossar bietet mit sehr vielen Stichworten eine gute Möglichkeit, zusätzlich zum Inhaltsverzeichnis, zum Nachschlagen.

"Der neue Taschen-Knigge" ist ein gutes Nachschlagewerk, durch das ich einiges Neues lernen, mich in meinen Verhaltensweisen bestätigen lassen und mich stellenweise gut unterhalten lassen konnte.

Veröffentlicht am 13.06.2025

Reisebericht und eigene Beobachtungen

Urlaub vom Patriarchat
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Friederike Oertel ist genervt von ihrem Chef, ihrem Leben in der Stadt und ganz allgemein gesagt vom alltäglichen Leben innerhalb des Patriarchats. Als ihr ein Buch über Juchitán, eine Stadt in Mexiko, ...

Friederike Oertel ist genervt von ihrem Chef, ihrem Leben in der Stadt und ganz allgemein gesagt vom alltäglichen Leben innerhalb des Patriarchats. Als ihr ein Buch über Juchitán, eine Stadt in Mexiko, geprägt von matriarchalen Strukturen, in die Hände fällt, fasst sie einen Entschluss: Sie möchte mehr über diese matriarchalen Strukturen erfahren und reist daher für drei Monate nach Juchitán. Sie mietet ein Zimmer bei einer Familie vor Ort und hat mit ihrer Gastschwester direkt eine local guide, die ihr Wissen bereichert und sie durch den Ort führt.

Der Schreibstil ist flüssig, leicht und locker und die Leser*innen begleiten Friederike Oertel bei ihrer Reise und ihren Eindrücken. Sämtliche Begegnungen, Begebenheiten und Abläufe werden beschrieben und erläutert, sodass wir einiges über das Leben in Juchitán und die Stellung und Aufgaben der Frauen und der Muxen (das anerkannte dritte Geschlecht) erfahren. Allerdings wird auch recht schnell klar, dass sich in Juchitán nicht alle patriarchalen Strukturen, wie wir sie in Deutschland erleben, wiederfinden, allerdings herrschen sie dort ebenfalls, wenn die Erziehung der Kinder beispielsweise auch ausschließlich Aufgabe der Frauen ist.

Ich mochte "Urlaub vom Patriarchat" gern, habe viele Eindrücke gesammelt und schöne Lesestunden gehabt. Allerdings möchte ich betonen, dass es sich hier nicht um ein Sachbuch handelt, sondern um einen Reisebericht mit sehr vielen persönlichen Erlebnissen, unterfüttert mit Wissen über Juchitán und das Leben dort. Es werden viele Fragen und Gedanken geteilt, die zum Nachdenken anregen. Es handelt sich hier nicht um die Darstellung von Matriarchat vs. Patriarchat und ein klares Ergebnis oder eine abschließende allgemeine Auswertung.

Veröffentlicht am 12.06.2025

Ein Sommer voller Entdeckungen

Wenn die Tage länger werden
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Lisa ist Musiklehrerin und alleinerziehend. Als der Vater ihres Sohnes mit ihm über die Sommerferien in den Urlaub fahren möchte, ist sie überfordert. Sechs Wochen soll sie ohne ihren Sohn verbringen? ...

Lisa ist Musiklehrerin und alleinerziehend. Als der Vater ihres Sohnes mit ihm über die Sommerferien in den Urlaub fahren möchte, ist sie überfordert. Sechs Wochen soll sie ohne ihren Sohn verbringen? Sie merkt, dass sie lange keine Zeit mehr nur für sich hatte, fängt an, sich mit sich auseinanderzusetzen und holt ihre alte Geige hervor. Da diese schon lange restauriert werden muss, bringt sie sie zu Geigenbauer Hans. Als der sie kontaktiert, weil er etwas zur Herkunft der Geige gefunden hat, lernt sie nicht nur dessen Tochter Ute näher kennen, sondern beginnt auch, sich mit der Vergangenheit ihrer Familie und lang gehüteter Geheimnisse auseinanderzusetzen.

Das Cover und der Klappentext ließen mich einen leichten Sommerroman erwarten. Doch wer Anne Stern kennt, weiß, dass sie komplexe und erinnerungsträchtige Themen in ihren Romanen einarbeitet. Daher hielt ich bei "Wenn die Tage länger werden" vermehrt inne, wurde dazu angeregt, mich mit diversen Themen auseinanderzusetzen und mochte die historischen Hintergründe und Lisas Figurenentwicklung gern. Anne Stern schreibt ruhig, atmosphärisch und hat durch Ute und Hans einen schönen Nebenstrang geschaffen.