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Veröffentlicht am 06.11.2025

Zwischen Einsamkeit und Verbundenheit

Die Rettung
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Eine halbtote Frau wird an die Küste von Shearwater gespült – einer abgelegenen Insel zwischen Australien und der Antarktis. Dort lebt Dominic Salt mit seinen drei Kindern in der Einsamkeit, seit das Forschungsteam, ...

Eine halbtote Frau wird an die Küste von Shearwater gespült – einer abgelegenen Insel zwischen Australien und der Antarktis. Dort lebt Dominic Salt mit seinen drei Kindern in der Einsamkeit, seit das Forschungsteam, das einst mit ihnen die Insel bewohnte, abgereist ist. Als Dominics Tochter Fen die Gestrandete findet, nimmt die Familie sie auf und pflegt sie gesund. Doch schon bald stellt sich die Frage: Wer ist diese geheimnisvolle Frau – und was führt sie an diesen unwirtlichen Ort?

Die Rettung von Charlotte McConaghy hat mich von der ersten Seite an gepackt. Der Roman verbindet gekonnt Spannung, tiefgehende Familien- und Beziehungsdynamiken sowie eine eindringliche Auseinandersetzung mit der Natur und der drohenden Klimakrise. Dazu kommt eine gute Portion Thrill, die mich das Buch kaum aus der Hand legen ließ.

Der atmosphärische Schreibstil zieht einen unmittelbar in die raue Welt der Insel hinein – man spürt Wind, Kälte und Einsamkeit förmlich mit. Durch die wechselnden Erzählperspektiven erhält man einen intensiven Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der Figuren, deren zentrale Themen Isolation, Schuld, Naturverbundenheit, Liebe und Hoffnung sind. Besonders gelungen fand ich, wie facettenreich und glaubwürdig die Charaktere gezeichnet sind – mit all ihren Stärken, Schwächen und Widersprüchen.

Fazit:
Eine große Leseempfehlung für alle, die spannende, emotionale Geschichten mit starkem Naturbezug lieben – und sich gerne von intensiven Figurenporträts berühren lassen.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Was bleibt, wenn Worte fehlen

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
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„Du musst meine Hand fester halten Nr. 104“ ist ein Roman über das, was in einer Familie nicht gesagt wird – und dennoch über Generationen hinweg bleibt.

Die Geschichte erzählt von Hardy und Magret, die ...

„Du musst meine Hand fester halten Nr. 104“ ist ein Roman über das, was in einer Familie nicht gesagt wird – und dennoch über Generationen hinweg bleibt.

Die Geschichte erzählt von Hardy und Magret, die in der Nachkriegszeit im selben katholischen Kinderheim aufwachsen - einer Zeit, die für beide traumatisch prägend ist. Parallel dazu wird die aktuelle Zeitebene betrachtet, in der wir Hardy und Margret sowie vor allem ihre Urenkelin Emily auf ihrem Weg begleiten.

Susanne Abels Schreibstil ist unaufgeregt, präzise und zutiefst bewegend. Sie erzählt nicht überdramatisch, sondern mit einem tiefen Gespür für Zwischentöne. Besonders gelungen ist die Symbolik: Der Titel selbst verweist auf das zentrale Motiv – das Bedürfnis nach Halt. Dieser wird im Roman gleichzeitig eingefordert und verweigert oder mitunter sogar zerstört.

Die Geschichte entfaltet sich langsam, aber mit emotionaler Wucht. Man erfährt nicht alles auf einmal, sondern durch Rückblenden, Andeutungen und Erinnerungsfetzen. Diese fragmentarische Struktur spiegelt den inneren Zustand der Figuren: zerrissen, verletzt, unvollständig.

Emily ist dabei nicht nur eine Beobachterin, sondern ein Katalysator. Sie sieht, was andere übersehen - oder nicht sehen wollen - und stellt Fragen, die lange vermieden wurden. Ihr empathischer Blick durchbricht die alten Familienmuster - nicht laut, sondern mit Einfühlungsvermögen und stiller Beharrlichkeit.

Das zentrale Thema – das generationenübergreifende Schweigen – wird mit viel Feingefühl und psychologischer Genauigkeit dargestellt. Der Roman zeigt, wie gut gemeintes Verschweigen zum größten Hindernis werden kann – für Liebe und Nähe, für Verständnis, für Heilung, für Entwicklung.

Ein stiller, tief bewegender Roman über das, was bleibt, wenn Worte fehlen – und darüber, wie Liebe auch dort wirken kann, wo sie nicht ausgesprochen wird.

Selten hat mich ein Buch so tief berührt - eine absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 25.08.2025

Ein schonungslos ehrlicher Roman über familiären Alkoholismus

Das Schwarz an den Händen meines Vaters
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Eine Familie, geprägt vom generationsübergreifenden Alkoholismus - im Mittelpunkt die Protagonistin, von ihrem Vater liebevoll Motte genannt. Zwischen den beiden besteht eine enge Verbindung - getragen ...

Eine Familie, geprägt vom generationsübergreifenden Alkoholismus - im Mittelpunkt die Protagonistin, von ihrem Vater liebevoll Motte genannt. Zwischen den beiden besteht eine enge Verbindung - getragen von Liebe, aber auch gezeichnet von Schmerz.

Motte schildert ihr Heranwachsen in einem familiären Umfeld, das stark von der Alkoholsucht des Vaters geprägt ist. Als junge Erwachsene gerät auch sie selbst in ein problematisches Trinkverhalten und findet sich in teils prekären Lebenssituationen wieder. Erst als ihr Vater mit Krebs im Endstadium diagnostiziert wird, beginnt sie, ihr eigenes Leben kritisch zu hinterfragen und neue Wege zu suchen.

Der Schreibstil ist klar, nüchtern und ehrlich. Lena Schätte beschönigt nichts - Konflikte, Scham, Ohnmacht und emotionale Ambivalenz werden offen benannt. Gerade dadurch entsteht ein intensiver, mitunter verstörender Einblick in das familiäre Zusammenleben mit einem suchtkranken Elternteil, insbesondere aus der Perspektive derer, die mitleiden, aber oft schweigen. Ein besonderes Augenmerk liegt hier auf der Rolle der Frauen innerhalb dieser Familienstruktur, die in diesem Roman als Hauptleidtragenden sichtbar werden.
Trotz aller Schwere spart die Autorin die kleinen, liebevollen Momente nicht aus - jene Augenblicke, in denen Nähe, Liebe und echte Verbindungen spürbar sind. Gerade diese machen den Roman nicht nur schmerzhaft, sondern auch berührend schön.

Mottes Gefühlswelt - Zerrissenheit, Wut, Scham, Fürsorge, Mitgefühl und tiefe Liebe - ist durchweg greifbar. Man begleitet sie durch Krisen und Selbstzweifel und entwickelt ein tiefes Verständnis für ihre Geschichte.

Das Schwarz an den Händen meines Vaters hat mich tief bewegt - ein Roman, der schmerzt, berührt und lange nachhallt.

Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich von ehrlicher, tiefgründiger Literatur bewegen lassen wollen.

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Veröffentlicht am 17.08.2025

Wenn der Schein trügt

Blaues Wunder
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Eine Luxusyacht in den Philippinen. Drei Paare. Traumhaftes Wetter und aufmerksames Personal, das beinahe jeden Wunsch zu erahnen scheint. Es könnte der perfekte Urlaub sein - wären da nicht die Geheimnisse, ...

Eine Luxusyacht in den Philippinen. Drei Paare. Traumhaftes Wetter und aufmerksames Personal, das beinahe jeden Wunsch zu erahnen scheint. Es könnte der perfekte Urlaub sein - wären da nicht die Geheimnisse, Machtspiele, Intrigen und schwelende Konflikte, die das Idyll zunehmend trüben.
Schließlich sieht sich jedes Paar - vor allem aber jede Frau - mit ganz eigenen Krisen konfrontiert, denen sie sich stellen muss. Und das tut jede Frau auf ihre eigene Art und Weise…

Anne Freytag hat mich durch ihren flüssigen, klaren und atmosphärischen Schreibstil sofort in den Bann ihrer Geschichte gezogen. Die kurzen Kapitel, jeweils erzählt aus der Perspektive einer der drei Frauen, verleihen dem Erzählfluss Tempo und ermöglichen einen vielschichtigen Blick auf das Geschehen. Dabei schafft es die Autorin, ihre Protagonistinnen durch innere Monologe nahbar und interessant zu gestalten. Ihre Gedanken, Wünsche, Zweifel und innere Wunden werden auf eindrucksvolle Weise offengelegt und ein tiefer Einblick in ihre Innenwelten gewährt.

Blaues Wunder ist für mich ein Lesehighlight: intensiv, spannend und psychologisch feinfühlig. Ein fesselnder, klug konstruierter Roman, den ich kaum aus der Hand legen konnte.

Eine klare Empfehlung für alle, die vielschichtige Geschichten über zwischenmenschliche Beziehungen, weibliche Selbstbestimmung und gesellschaftliche Machtstrukturen lieben.

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Veröffentlicht am 30.10.2025

Zwischen Wahrheit und Fiktion

Melody
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„In der Fiktion steckt oft mehr Wahrheit als in den Fakten.“

Tom Elmer, ein junger Rechtsanwalt, wird beauftragt, den Nachlass des bekannten, einflussreichen und todkranken Dr. Peter Stotz zu ordnen. ...

„In der Fiktion steckt oft mehr Wahrheit als in den Fakten.“

Tom Elmer, ein junger Rechtsanwalt, wird beauftragt, den Nachlass des bekannten, einflussreichen und todkranken Dr. Peter Stotz zu ordnen. Bei seiner Arbeit erfährt er immer mehr über das Leben seines Auftraggebers – und über die mysteriöse Frau, deren Porträts das gesamte Haus schmücken: Melody, die ehemalige Verlobte von Stotz, die kurz vor der gemeinsamen Hochzeit spurlos verschwunden ist.

Die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben mit ihr hat Stotz nie ganz aufgegeben, auch wenn sie offiziell als verstorben gilt. Nach und nach fallen Tom einige Ungereimtheiten zwischen den Fakten und den Erzählungen des alten Mannes auf. Gemeinsam mit Stotz’ Großnichte Laura begibt er sich schließlich auf die Suche nach der Wahrheit über Melody.

„An sich ist der Tod nichts Schlimmes. Nur das Timing kann schlecht sein. Weißt du, wann es schlecht ist?“
Tom stand unbehaglich neben dem Pflegebett und sagte: „Nicht immer?“
„Nein. Wenn das Leben endet, bevor es abgeschlossen ist. Dann ist es kein Happy End. Ein glückliches Ende gibt es nur, wenn die Story in dem Moment endet, in dem der Protagonist das Ziel erreicht, das er verfolgt hat. Und nur dann. Merk dir das.“

Ob Peter Stotz sein Happy End bekommen hat?

Martin Suter schafft es auch in Melody, eine dichte, atmosphärische Stimmung zu erzeugen, die Leserinnen und Leser sofort in den Bann zieht. Seine Sprache ist ruhig und präzise, dabei aber so bildhaft und detailreich, dass man die Räume, Gesichter und Stimmungen förmlich vor Augen hat. Besonders gelungen ist die Art, wie Suter Realität und Erinnerung, Wahrheit und Wunsch ineinanderfließen lässt – manchmal weiß man selbst nicht mehr genau, was Fiktion und was Wirklichkeit ist.

Die Figuren wirken authentisch und nahbar, mit all ihren kleinen Macken, Unsicherheiten und Hoffnungen. Tom, der zunächst nüchterne Jurist, wächst im Laufe der Geschichte über sich hinaus, während Peter Stotz trotz seines Alters und seiner Gebrechlichkeit eine faszinierende, komplexe Figur bleibt. Auch Nebenfiguren wie Laura sind fein gezeichnet und tragen wesentlich zur Lebendigkeit der Geschichte bei.

Mehrere überraschende Wendungen sorgen dafür, dass die Spannung bis zum Schluss erhalten bleibt. Melody ist kein Krimi im klassischen Sinn, sondern eine fein komponierte Mischung aus Liebesgeschichte, Mysterium und Charakterstudie – melancholisch, klug und berührend.

Martin Suter beweist, dass er ein Meister darin ist, die Grenzen zwischen Schein und Sein verschwimmen zu lassen – und dass hinter jeder Fiktion vielleicht ein Stück Wahrheit steckt.

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