Nice to have :)
Kleine Wunder in der MitternachtskonditoreiManchmal braucht man Bücher, die sich anfühlen wie eine warme Tasse Tee an einem kalten Abend. So ging es mir mit "Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei" von Lee Onhwa, einem Roman über eine junge ...
Manchmal braucht man Bücher, die sich anfühlen wie eine warme Tasse Tee an einem kalten Abend. So ging es mir mit "Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei" von Lee Onhwa, einem Roman über eine junge Frau, die eine geheimnisvolle Konditorei erbt, in der die Grenze zwischen Leben und Tod verschwimmt. Lee Onhwa, das Pseudonym einer preisgekrönte Bestsellerautorin aus Seoul, schreibt seit 2021 Romane, die weltweit Leser:innen begeistern. Sie lebt in Seoul und verrät, dass sie sich an traurigen Tagen mit süßem Essen tröstet – genau das spürt man auch in diesem Buch.
Worum geht’s?
Yeonhwa erbt von ihrer Großmutter eine Konditorei – allerdings mit ungewöhnlichen Regeln: Geöffnet ist nur von 22 bis 24 Uhr, und die Gäste sind nicht mehr unter den Lebenden. Mit Hilfe einer schwarzen Katze und ihren Gebäcken hilft Yeonhwa den Verstorbenen, letzte Botschaften an ihre Liebsten zu senden und Frieden zu finden. Nach und nach lernt sie nicht nur ihre Gäste kennen, sondern stößt auch auf Geheimnisse der eigenen Familie.
Meine Meinung
Zuerst: Das Cover ist ein absolutes Highlight – 10/10 – und auch die Innenseite des Buches ist wunderschön gestaltet. Schon der erste Satz hab ich mir direkt angestrichen: „Vom Leben mag man davonlaufen können, vor seinem Schicksal jedoch nicht.“ (S. 7). Genau dieses Spiel zwischen Schicksal, Trauer und Neubeginn zieht sich durch den ganzen Roman. Ebenso das Thema Liebe in Form von Eltern-Kind-Beziehung, romantischer Liebe, Freundschaft und Geschwisterliebe.
Yeonhwa als Protagonistin ist verletzlich, unsicher, manchmal unlogisch – etwa, wenn sie jemandem einfach eine Ohrfeige gibt, um zu prüfen, ob er noch lebt. Für mich passte das nicht ganz zu ihrem sonst sanften Charakter. Gleichzeitig macht genau diese Widersprüchlichkeit sie menschlich.
Die Konditorei selbst ist ein magischer Ort zwischen Tradition und Moderne. Immer wieder zeigt das Buch auch gesellschaftliche Themen auf: Individualismus und Vereinsamung (S. 10), Globalisierung, die traditionelle Backwaren verdrängt (S. 11), oder der Leistungsdruck in Korea: „Wer hart arbeitet, hat immer Essen auf dem Tisch.“ (S. 137), sozusagen stille Kritik an den Irrtümern des Kapitalismus.
Der Schreibstil ist eher nüchtern, typisch für viele koreanische Romane (so zumindest mein Eindruck auf Basis davon, was ich schon aus Korea gelesen hab), mit kleinen poetischen Einschüben. Schön fand ich Sätze wie: „Gegenüber Dingen, die sich einem mit der Zeit ganz von selbst offenbaren, braucht es keine Ungeduld.“ (S. 66) oder „Glück war etwas, das man umso deutlicher spürte, wenn man es nicht allein, sondern mit jemand anderem zusammen kreierte.“ (S. 197).
Nicht alles hat für mich funktioniert: Manche Logikfehler (wie ein lebender Gast während der „Geisterzeit“) haben mich irritiert. Auch einige Konflikte wirkten überzogen – etwa, dass Geschwister wegen einer Konsole in einen heftigen Streit geraten. Gleichzeitig gab es wunderbare Momente von Freundschaft, Geschwisterliebe und dem Mut, Gefühle auszusprechen. Dieses Zitat rundet den Kerngedanken des Buches perfekt ab: „…werde die Art Mensch, die die Gefühle jener, die sie nicht laut aussprechen können, liest und versteht.“ (S. 256).
Die Rezepte am Ende (via QR-Code) waren für mich ein tolles Extra und vielleicht werde ich ja tatsächlich was davon nachbacken :D
Fazit
Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei ist ein Buch, das mit Atmosphäre, Herz und gesellschaftlichem Unterton überzeugt, aber auch Längen, kleinere Ungereimtheiten und einen nüchternen Stil hat, der nicht alle Leser:innen begeistern wird. Für Fans poetischer, ruhiger Geschichten mit einem Hauch Magie ist es eine schöne Lektüre für zwischendurch. Wer sehr stringente Logik und tiefgehende Charakterzeichnungen erwartet, könnte hier weniger glücklich werden.
Danke an @lovelybooks.de und den @fischerverlage für das Rezensionsexemplar! 💛