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Frau_Lentge

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.08.2025

Dieses Buch tut weh, weil es zeigt: Der Abgrund ist nicht fern, er wohnt nebenan. Und genau das ist seine literarische und gesellschaftspolitische Sprengkraft.

Heimat
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Dieses Buch hat mich kalt erwischt. So schmal der Roman ist, so lange wird er in mir nachhallen. Lühmann gelingt es, mit erschreckender Präzision sichtbar zu machen, wie harmlos verpackte Ideologien unsere ...

Dieses Buch hat mich kalt erwischt. So schmal der Roman ist, so lange wird er in mir nachhallen. Lühmann gelingt es, mit erschreckender Präzision sichtbar zu machen, wie harmlos verpackte Ideologien unsere Gegenwart vergiften.

In der Figur Karolin steckt das gesamte Paradox der »Tradwife«-Szene: Ein Frauenbild, das vorgibt, emanzipatorisch »gewählt« zu sein, tatsächlich aber die Rückkehr zu ultrakonservativen Mustern feiert – und das in einer hippen, fast glamourösen Verpackung. Es ist dieser Widerspruch, der Jana nicht loslässt – und uns Leser:innen ebenso. Denn wer kennt nicht diesen kurzen Moment der Faszination für ein scheinbar „geordnetes“ Leben? Lühmann zwingt uns, genau dort hinzusehen, wo Bequemlichkeit in politische Gefahr kippt.

📚 Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive ist Heimat ein Meisterstück der Verdichtung: Der Text arbeitet mit Spiegelungen, Ambivalenzen, Schweigen. Das Private ist hier radikal politisch – Nachbarschaft wird zum Mikrokosmos des Rechtsrucks.

💡 Feministisch gelesen entlarvt der Roman nicht nur internalisierte Misogynie, sondern auch den perfiden Charme einer Ideologie, die Frauenrechte unterwandert, indem sie Lifestyle-Ästhetik mit reaktionären Werten koppelt. Das macht Heimat so beunruhigend aktuell.

Veröffentlicht am 17.08.2025

Feministisch, literarisch raffiniert, gleichzeitig voller Herz. Eine absolute Überraschung und definitiv ein Highlight!

Wedding People (deutsche Ausgabe)
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Selten hat mich ein Buch so unerwartet getroffen. Ich dachte erst: Hochzeitsszenario = Kitschgefahr. Aber was Alison Espach hier schafft, ist das Gegenteil: ein schonungslos ehrlicher, gleichzeitig absurd ...

Selten hat mich ein Buch so unerwartet getroffen. Ich dachte erst: Hochzeitsszenario = Kitschgefahr. Aber was Alison Espach hier schafft, ist das Gegenteil: ein schonungslos ehrlicher, gleichzeitig absurd komischer Roman über das Leben am Abgrund – und über Begegnungen, die uns retten können.

Phoebe hat mich vollkommen eingenommen: widersprüchlich, verletzlich, gleichzeitig unfassbar klug erzählt. Genau solche Figuren braucht die Literatur – Frauen, die nicht „perfekt“ sein müssen, um bedeutsam zu sein. Daneben Lila, die perfekte Ergänzung, weil sie zeigt, wie sehr wir alle in vorgefertigten Rollen gefangen sind.

Was mich am meisten bewegt hat: Wie Espach Sprache einsetzt, um diese Rollen sichtbar zu machen – mal ironisch, mal tief berührend. Ein Hochzeitsroman, der eben nicht von der Hochzeit handelt, sondern von Freiheit, Identität und der Frage, wie man weiterlebt, wenn man eigentlich nicht mehr kann.

Und ja: Ich liebe jede einzelne Interaktion zwischen Phoebe und den Menschen um sie herum. Weil darin eine Wahrheit steckt, die größer ist als jede „Happy End“-Erzählung.

Veröffentlicht am 04.08.2025

Wer The Da Vinci Code nur als spannenden Thriller liest, verpasst eine tiefere, fast schon subversive Ebene: die feministische Spurensuche zwischen den Zeilen.

Der Da Vinci Code
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Nein, Sophie Neveu ist nicht die feministische Idealfigur – sie handelt oft innerhalb patriarchaler Strukturen und bleibt neben Robert Langdon eher zurückhaltend. Und trotzdem: Gerade durch die zentrale ...

Nein, Sophie Neveu ist nicht die feministische Idealfigur – sie handelt oft innerhalb patriarchaler Strukturen und bleibt neben Robert Langdon eher zurückhaltend. Und trotzdem: Gerade durch die zentrale Rolle der sogenannten heiligen Weiblichkeit und die Neudeutung religiöser Narrative öffnet Dan Brown Räume für feministische Deutung.

Dass ein internationaler Bestseller sich traut, die Geschichte von Macht und Religion aus einer weiblichen Perspektive umzuschreiben – das kam für mich völlig unerwartet. Es geht um Sichtbarkeit, Deutungshoheit und darum, wie gezielt weibliche Figuren aus religiösen und historischen Überlieferungen verdrängt wurden.

Literarisch ist das Buch ein Rausch aus Symbolik, Tempo und Popkultur – gesellschaftlich bietet es reichlich Stoff zur Diskussion. Für mich eine überraschend erkenntnisreiche Lektüre.

Fazit: Ein unterhaltsamer Pageturner mit feministischer Sprengkraft – wenn man bereit ist, genauer hinzusehen.

⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (5/5)

Veröffentlicht am 30.07.2025

🕰️✨ Ein Buch wie ein Zeitsprung direkt ins Herz.

Das Ministerium der Zeit
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Ich bin selten so sprachlos aus einem Buch gefallen. Das Ministerium der Zeit ist nicht einfach nur eine Romance mit Sci-Fi-Elementen – es ist klug, emotional, bissig und so literarisch, dass ich mir ...



Ich bin selten so sprachlos aus einem Buch gefallen. Das Ministerium der Zeit ist nicht einfach nur eine Romance mit Sci-Fi-Elementen – es ist klug, emotional, bissig und so literarisch, dass ich mir beim Lesen ständig Zitate markieren wollte.

Commander Gore? Ein historischer Softboi, den man einfach lieben muss.
Die Erzählerin? Komplex, reflektiert, ironisch – eine Figur, in der man sich verlieren kann.
Und dann dieser unterschwellige politische Kommentar, der sich ganz leise, aber umso wirkungsvoller in die Handlung schleicht.

Zwischen Spotify und Kolonialkritik, zwischen Gefühlen und Systemkritik – dieses Buch ist so viel mehr als es vorgibt zu sein. Ich hab gelacht, gestaunt, war wütend und am Ende einfach nur: hingerissen.

🖤 Eine Zeitreise-Geschichte, die nicht in die Vergangenheit flieht, sondern die Gegenwart seziert. Für mich: ein Jahreshighlight.

Veröffentlicht am 23.06.2025

Ein feministisches Märchen über Selbstermächtigung

Weit über der smaragdgrünen See
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Brandon Sandersons Weit über der smaragdgrünen See beginnt wie ein klassisches Abenteuer: Ein Mädchen macht sich auf, ihren Freund zu retten. Doch Tress ist keine typische Heldin – und genau das macht ...

Brandon Sandersons Weit über der smaragdgrünen See beginnt wie ein klassisches Abenteuer: Ein Mädchen macht sich auf, ihren Freund zu retten. Doch Tress ist keine typische Heldin – und genau das macht sie so besonders.

Statt übernatürlicher Kräfte bringt sie Neugier, Mitgefühl und Mut mit. Sie verlässt ihre Insel nicht aus romantischer Naivität, sondern weil sie erkennt: Wenn niemand handelt, muss sie es tun – und sie kann es.

Sanderson spielt mit Märchenkonventionen und bricht sie bewusst auf. Die Erzählstimme kommentiert augenzwinkernd traditionelle Rollenbilder – und lässt Tress einen eigenen, selbstbestimmten Weg gehen. Ihre Reise ist keine klassische Rettungsmission, sondern eine leise, kraftvolle Emanzipation.

Ein kluges, warmherziges Buch über die Kraft des Erzählens und eine stille Heldin, die zeigt, wie subversiv Freundlichkeit und Entschlossenheit sein können.