Literatur, die unter die Haut kriecht
Lilianas unvergänglicher SommerManchmal stolpert man über ein Buch, das einen erst fassungslos macht, dann wütend, dann traurig – und schließlich so sehr berührt, dass man es nie wieder loswird. Genau so ging es mir mit Lilianas unvergänglicher ...
Manchmal stolpert man über ein Buch, das einen erst fassungslos macht, dann wütend, dann traurig – und schließlich so sehr berührt, dass man es nie wieder loswird. Genau so ging es mir mit Lilianas unvergänglicher Sommer. Klingt pathetisch? Mag sein. Aber Cristina Rivera Garza hat hier ein Werk geschaffen, das nicht einfach nur Literatur ist, sondern ein Aufschrei, eine Hommage und gleichzeitig ein verdammt mutiger Versuch, das Unaussprechliche in Worte zu fassen.
Die Autorin reist zurück nach Mexiko, fast drei Jahrzehnte nach dem Mord an ihrer Schwester Liliana. Und plötzlich ist da nicht nur die Trauer, nicht nur die Wut auf den Ex-Partner, der bis heute nicht verurteilt wurde, sondern auch diese Sehnsucht, die Person Liliana wieder aufleben zu lassen. Nicht als Opfer, nicht als Akte in einer staubigen Schublade, sondern als junge Frau, die lachte, schwamm, tanzte, studierte und einfach ihr Leben liebte.
Dieses Buch ist kein Krimi, kein Thriller, kein trockener Bericht. Es ist Literatur, die bebt, die weh tut, die gleichzeitig so poetisch leuchtet, dass man sich fragt: Wie schafft man es, Schmerz so schön zu beschreiben, ohne dass er an Schärfe verliert? Rivera Garza schreibt gegen das Vergessen an, gegen die Sprachlosigkeit und gegen eine Gesellschaft, die lieber wegsieht.
Ganz ehrlich: Selten hat mich ein Text so direkt erwischt. Da sitzt man da, denkt an die eigene Familie, an das, was bleibt, wenn jemand nicht mehr da ist – und plötzlich merkt man, dass man längst Teil dieser Geschichte geworden ist. Ein Buch, das bohrt, brennt, flüstert und schreit. Und das man nicht weglegen kann, ohne dass es Spuren hinterlässt.