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Veröffentlicht am 12.09.2025

Wenn sich jeder selbst der Nächste ist ...

Und Federn überall
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Roshi

Sie ist gerade aus dem Zug gestiegen und steht im Nirgendwo an einem Bahnsteig. Sprühregen bedeckt ihr Gesicht. Für Köln-Ehrenfeld ist sie richtig gekleidet, aber nicht für Lasseren im Emsland. ...

Roshi

Sie ist gerade aus dem Zug gestiegen und steht im Nirgendwo an einem Bahnsteig. Sprühregen bedeckt ihr Gesicht. Für Köln-Ehrenfeld ist sie richtig gekleidet, aber nicht für Lasseren im Emsland. Laut Handy ist es eine Stunde zwölf bis zu ihrer Pension. Sie läuft über die Fußgängerbrücke zur Bushaltestelle, den Rollkoffer hinter sich herziehend. Der 16 Uhr 5 Bus ist gerade weg. Sie will keine Stunde warten. Also läuft sie die Landstraße entlang. Der Wollmantel hat sich mit Wasser vollgesogen und hängt ihr schwer auf den Schultern. Ein Auto nach dem anderen überholt sie. Sie hofft, dass sie sich nicht erkältet, denn mit schwerem Kopf kann sie Nassim nicht helfen.

Sonia

Wie jede Nacht träumt sie von Hühnern. Als sie mit trockener Kehle in Rückenlage aufwacht, ist es noch stockdunkel. Sie hört Polizeisirenen, quietschende Autoreifen und Schüsse und weiß, dass Leonie am PC sitzt, obwohl sie ihr das an Schultagen verboten hat. Sie versuchte zu atmen, wie die Ärztin es ihr geraten hat, aber die Brust blockiert sie. Sie versucht sich auf das kommende Bewerbungsgespräch zu konzentrieren, will vom Möllringschen Fließband in die Lohnbuchhaltung wechseln. Es ist fast unmöglich für Sonia in Lasseren überhaupt Arbeit zu finden. Sie hat zwei abgebrochene Berufsausbildungen, zwei Kinder, einen Ex-Mann, auf den sie sich nicht verlassen kann. Drei Monate wollte sie maximal in der Geflügelfabrik am Band stehen, aber dann boten sie ihr in dem firmeneigenen Kindergarten einen Platz für Luca an. Nach der Trennung von Christian blieb ihr gar keine andere Wahl. Christians Oma Ruth schickt ihr jeden Monat dreihundert Euro für die Kinder. Sie würde die Kinder gerne öfter zu Ruth bringen, auch über Nacht. Dann könnte sie sich einmal wieder richtig volllaufen lassen, im Morgengrauen nach Hause wanken, sich etwas aus dem Kühlschrank in den Mund stopfen und angezogen aufs Bett fallen, aber Ruth vergisst die Namen von Leonie und Luca und spricht nur noch von Polen.

Fazit: Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi hat sich mit den gesellschaftlichen Fallstricken auseinandergesetzt. Sie verhandelt die mangelnde Empathie für die Mitmenschen, deren Leben nicht in geordneten Bahnen verläuft. Da ist der fast blinde Nassim, der gerade den beschwerlichen Weg aus seiner Heimat Afghanistan hierher genommen hat. Er möchte die deutschen Einwanderungsbehörden mit seinen Gedichten davon überzeugen, dass er einen gesellschaftlichen Wert hat. Dabei soll ihm die deutsch-iranische Autorin Roshi helfen. Die Polin Justyna ist zwanzig Jahre älter als Nassim und fühlt sich körperlich von dem feinfühligen Mann angezogen. Sonia arbeitet Vollzeit am Fließband und ist mit Alltag und pubertierender Tochter heillos überfordert. Die junge Ingenieurin Anna soll die Geflügelfleischproduktion optimieren und trifft auf alte weiße Männer in den Führungsetagen. Einer davon, Peter Merkhausen, der einen Faible für polnische Frauen hat. Die Autorin hat ein herrlich alltägliches Montagsszenario geschaffen und alle ahnungslosen Beteiligten miteinander verbunden. Sie zeigt anhand diverser Vorfälle die großen und kleineren Probleme ihrer Darsteller, die statt Mitgefühl zu erzeugen von ihren Mitmenschen gemobbt werden. Die gesellschaftliche Verrohung, jeder ist sich selbst der Nächste, ist gut eingefangen. Ganz nebenbei hat sie ein wichtiges Stück polnischer Geschichte im Emsland aufgearbeitet. Trotz der verschiedenen Themen ist die Autorin ihren Figuren und deren Weg treu geblieben. Und das hat mir gut gefallen.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Ein psychologisches Verwirrspiel

Die Probe
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Er hatte sie in ein Restaurant eingeladen. Als sie davorstand und ihn durch die Fensterscheibe beobachtete, wollte sie schon einen Rückzieher machen. Er war jung, saß an einem Tisch zwischen Küche und ...

Er hatte sie in ein Restaurant eingeladen. Als sie davorstand und ihn durch die Fensterscheibe beobachtete, wollte sie schon einen Rückzieher machen. Er war jung, saß an einem Tisch zwischen Küche und Toilette gefangen, um ihn herum hektisches Treiben. Sie trat ein und ging auf den Empfangskellner zu. Sie wurde zu seinem Tisch geführt. Er stand auf, lächelte charmant und charismatisch. Sie fühlte sich unsicher, mochte schnell etwas zu essen bestellen und einen Drink. Es war nach Mittag, was sprach dagegen? Sie ließ den Blick schweifen, erhaschte das Augenpaar eines älteren Mannes, der sie – leicht verächtlich? – musterte. Hinter dem Blick, dem sie nun verärgert begegnete, sah sie kaum zu glauben, Thomas, den Mann, mit dem sie seit vielen Jahren glücklich verheiratet war. Er folgte dem Empfangskellner, blieb unvermittelt stehen, tastete seine Jackentaschen ab, wirkte verwirrt. Gerade als sie ihm winkte und er sie eigentlich hätte wahrnehmen müssen, drehte er sich um und verließ das Lokal. Sie hatte ihm nichts von diesem Treffen erzählt. Warum eigentlich nicht? Schließlich war er der jenige, dem sie am meisten vertraute. Wir werden uns nicht wiedersehen, sagte sie, als sie zu Xavier zurückschaute. Er zuckte zusammen.

Vor Thomas hatte sie den Drang, den Menschen, von Neugier geprägt, allzu offen zu begegnen und überließ sich der Obsession, sie zu beobachten. Dieses Aufflackern einer alten Gewohnheit war der Grund, warum sie sich überhaupt mit Xavier getroffen hatte, eine Form des Voyeurismus.

Sie lief durch Nieselregen, musste nachdenken. Zuhause angekommen fand sie ihre Wohnung verweist. Es war 19 Uhr, aber Thomas war noch nicht da. Dass sie ihn in dem Restaurant gesehen hatte, in einer Gegend, in der er sonst nicht verkehrte, zu einer Uhrzeit, an der er normalerweise schrieb, verwirrte sie. Als sie den Schlüssel im Schloss hörte, war sie angespannt. Thomas verhielt sich wie immer. Vielleicht blickte er ihr tiefer in die Augen, vielleicht bildete sie sich das ein. Doch als er sie fragte, ob sie ihn wieder betrüge, wusste sie, dass er sie mit Xavier gesehen hatte.

Fazit: Katie Kitamura stand in diesem Jahr mit dieser Geschichte auf der Longlist des Booker Prizes. Sie erzählt aus der Sicht ihrer Protagonistin und Schauspielerin. Im Theater begegnet ihr ein attraktiver junger Mann, der sie umgarnt. Sie fühlt sich geschmeichelt und spielt das Spiel bis zu einem gewissen Grad mit. Doch dann erfährt sie, dass er glaubt, ihr Sohn zu sein, was unmöglich sein kann. Dennoch kommt es zu einer Art Freundschaft zwischen den beiden. Sie ist durch eine große Rolle berühmt geworden und hat Erfolge gefeiert, ihr Mann ist ein Schriftsteller mit geringem Einkommen. Durch die Begegnung mit Xavier gerät die geglaubte Sicherheit ihrer Ehe ins Wanken. Ich mag die Stimme der Autorin sehr. Der ruhige Schreibstil und die grandiose Beobachtungsgabe. Die Autorin ist mir schon mit ihrem Buch Intimitäten begegnet, das ich gefeiert habe. In dieser Geschichte bin ich ab einem Punkt nicht mehr mitgekommen, deshalb kann ich nur mehr schlecht als recht interpretieren. Zwischen den Eheleuten herrscht ein Ungleichgewicht, sie ist erfolgreich, er nicht, das nagt an seinem Selbstwert. Deshalb verändert er sich im Laufe der Geschichte von selbstbewusst, über devot, bis er Erniedrigungen augenscheinlich genießt. Sie hatten einen Kinderwunsch, der sich nicht erfüllt hat und plötzlich steht der verlorene Sohn vor ihnen und die Vorstellung wird nach einer ersten Abwehrhaltung so reizvoll, dass ihre gesamte Lebensplanung auf eine harte Probe gestellt wird. Eine total verrückte psychologische Darbietung für alle, die Verwirrspiele lieben.

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Veröffentlicht am 18.08.2025

Entwaffnende Selbsterkenntnis

Botanik des Wahnsinns
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Sieben Kartons sind ihm von seiner Mutter geblieben, sieben Kartons mit Rechnungen, Briefen von Gerichtsvollziehern und Banken. Die Räumungsklage hatte sie aus ihrem letzten Refugium gespült, eine kleine ...

Sieben Kartons sind ihm von seiner Mutter geblieben, sieben Kartons mit Rechnungen, Briefen von Gerichtsvollziehern und Banken. Die Räumungsklage hatte sie aus ihrem letzten Refugium gespült, eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung. Sie hatte die Kisten selbst gepackt. Die Räumungsfirma sollte den Müll entsorgen und die Kisten mit den Familienfotos, Zeugnissen und Bewerbungsunterlagen einlagern. Irgendjemand hatte etwas verwechselt und jetzt waren alle materiellen Erinnerungen dem Fraß der Müllverbrennungsanlage geopfert worden.

Als er noch zur Schule ging, lebten sie in einem Haus in München, das die Mutter von der Großmutter erbte. Seine Mutter war beruflich unentbehrlich, hatte sich hochgearbeitet, sie sahen sie wenig. Sein Vater schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und seine Großmutter sah, was niemand sonst sah und hörte, was niemand hörte. Ihre Entrücktheit machte ihm Angst. Schon sein Großvater hatte die meiste Zeit seines Lebens in der Psychiatrie verbracht. Sein Vater blieb ganze Tage im Bett und war stets mit den eigenen Gedanken beschäftigt. Alles wurde ihm schwer und schicksalsträchtig und so verließ er seine Familie gleich nach dem Schulabschluss und ging nach New York.

Der Wahnsinn begleitete ihn. Am Union Square fand er ein Kabuff von fünf Quadratmetern in einer Halle, abgetrennt durch alte Holzschränke, in der Mitte ein Feldbett. In West Village sah er ein spottbilliges Zimmer, mitten in einer Wohnung, in der Hunderte Porzellanpuppen drapiert waren, deren schwarze Augen bis tief in seine Seele blickten. In einer WG in Brooklyn traf er auf drei normal wirkende Mitbewohner und eine Vielzahl Kakerlaken. Er kaufte sich zwei Anzüge und fand einen Bürojob. Doch dann flog er von seinem letzten Geld nach Paris, um zu erkennen, dass die Stadt ihn verrückt machte. In Wien, die Stadt mit der höchsten Lebensqualität, wurde er schließlich sesshaft.

Fazit: Leon Engler blickt in seinem Debütroman auf eine lange Generation psychischer Erkrankungen zurück. Er durchforstet Begrifflichkeiten und versucht sich darüber zu definieren, findet sich darin aber nicht. Er sucht nach seiner Identität, seinen eigenen Anteilen in dieser genetischen Disposition. Er entwickelt Zwänge, darf nicht auf die Ritzen im Gehweg treten und hinterfragt, was er kontrollieren will. Nach einem Studium in Psychologie macht er einen einjährigen Zwischenstopp in einer Psychiatrie. Dort kommt er seiner ent-rückten Familie näher als je zuvor. Er beobachtet die Symptomenkomplexe der Schizophrenie (Großmutter) und kommt der Depression (Vater) ebenso nah wie der Abhängigkeit von Betäubungsmitteln (Mutter und Großvater). Er entdeckt den Zusammenhang zwischen dem Leiden seiner Mutter und deren eigener suizidalen Mutter. Die Geschichte wirkt autobiografisch, aber am Ende nennt sie sich Roman, vermutlich ein Verlagsentscheid, weil sich Autobiografien von Unbekannten schlecht verkaufen. Mir gefällt sehr, welche Wege ihm halfen, sich seiner Familie durch die Analyse anzunähern und sich zu versöhnen. Seine Stimmfarbe ist ruhig, aufgeräumt und auf den Punkt. Eine gelungene Familienforschung und entwaffnende Selbsterkenntnis.

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Veröffentlicht am 12.08.2025

Die Reinkarnation Paganinis

Schwarzer Schwan
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Jürgen Krauses Telefon klingelt, als er schon die Treppe herunter zu seinem ersten Fahrgast eilt. Federico Temperini hört er, dann Schweigen, so als sei damit schon alles gesagt. Ja? Und? antwortet er ...

Jürgen Krauses Telefon klingelt, als er schon die Treppe herunter zu seinem ersten Fahrgast eilt. Federico Temperini hört er, dann Schweigen, so als sei damit schon alles gesagt. Ja? Und? antwortet er etwas schärfer als eigentlich beabsichtigt. „Ich suche einen Chauffeur für zwei Abende pro Woche.“ „Also Sie wollen Taxifahrten bestellen.“ „Ich suche einen Chauffeur.“ Krause versucht ihn abzuwimmeln.

Bei Temperinis zweitem Versuch erklärt er, dass der Fahrer von 19 Uhr bis 23 Uhr zur Verfügung stehen sollte, natürlich für gutes Geld. Krause weiß, dass er den ungewöhnlichen Auftrag annehmen wird. Dieses Extrageld wird er zur Seite legen, um mit seinem Sohn mit dem Wohnwagen durch Kanada zu fahren.

Irene ist mit Leo zu ihrem Neuen gezogen. Sie hielt seine Nachtfahrten nicht mehr aus. Jetzt sieht er Leo nur noch am Papawochenende. Er hatte Irene an der Fachhochschule für Verwaltung kennengelernt. Sie wurde schwanger und während sie im Krankenhaus war, um Leo auszutragen, versemmelte er drei von vier Prüfungen, weil seine Angst zu versagen ihm alle Gedanken stahl. Und so kam er zum Taxifahren.

Temperini hatte ihn letzte Woche für heute bestellt. Als Krause vor seiner Haustür hält, steht schon ein großer hagerer Schatten seiner selbst davor. Temperini macht keine Anstalten, einen Fuß auf den Bürgersteig zu setzen. Krause steigt aus, geht auf den Mann zu, erst da setzt der sich in Bewegung. Er bleibt vor der hinteren Türe stehen, wartet, dass Krause sie öffnet, dann steigt er ein. Von hinten schiebt er umständlich einen gefüllten Umschlag auf den Beifahrersitz, Krauses Honorar. Zur Philharmonie, sagt der Alte. Krause beobachtet ihn verstohlen im Rückspiegel. Temperini fragt ihn, ob er von Niccolo Paganini, dem Teufelsgeiger gehört habe. Am Rande antwortet er, nicht ahnend, dass er bald mehr über den Geiger erfahren wird, als ihm lieb ist.

Fazit: Theres Essmann hat mit dieser Debütgeschichte 2020 ein Stipendium gewonnen. Sie hat ihrem Protagonisten aus der Gegenwart diesen Gegenpol aus Alter, Kultur und Bildung, den so viel Geschichte umweht, entgegengesetzt. Zuerst findet dieses ungleiche Paar keinen großen Anklang aneinander. Doch mit jeder Fahrt zur Philharmonie, in Parks oder auf Friedhöfe kommen sie sich zwangsläufig näher. Krause, umgeben von ganz eigenen weltlichen Problemen, wie der Angst, den geliebten Sohn an den Stiefvater zu verlieren, lernt den alten Mann als Gesprächspartner schätzen. Die Autorin schafft es alle Beteiligten authentisch miteinander zu verweben, den eifersüchtigen Vater, den Sohn, der unter diesem Konkurrenzkampf leidet, die eigensinnige Ex-Frau, wenige Freunde und den einsamen alten Mann, der fast wie die Reinkarnation Paganinis wirkt. Die Erzählung verläuft ruhig, unaufgeregt und das Ende hat mich sehr berührt. Ich mochte den Folgeroman „Dünnes Eis“ ein wenig lieber.

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Klassische Literatur

Einer reist mit
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Sie folgt einer Einladung zum Literaturfestival. In einem von zehn Fällen sagt sie öffentliche Veranstaltungen kurzfristig ab. Dann quält sie sich mit dem Gedanken an die Aufmerksamkeit, die auf sie fallen ...

Sie folgt einer Einladung zum Literaturfestival. In einem von zehn Fällen sagt sie öffentliche Veranstaltungen kurzfristig ab. Dann quält sie sich mit dem Gedanken an die Aufmerksamkeit, die auf sie fallen wird. Diverse Ausreden hat sie dafür parat. Etwa, dass ihre Mutter gestorben ist und das stimmt auch, es ist nur schon einige Jahre her. Ihr Sohn ist schwerkrank (sie hat keinen). Sie behauptet, sie habe Rückenschmerzen (selten, weil sie abergläubig ist). Sie ist so überzeugend, dass man ihr glaubt, dass sie sich selbst glaubt. Doch ihre Absagen ergeben gar keinen Sinn. Sie ist Schriftstellerin und als solches muss man sich in der Öffentlichkeit zeigen.

Die Zwölf ist ihre Zahl. Ihr Vater starb am 12.12.2012. Am 12. Dezember hat sie sich von ihrer Jugendliebe getrennt. An einem 12. ist sie Thomas begegnet. Ihre Mutter starb, als sie zwölf war. 2012 hat sie ihr zwölftes Buch geschrieben, das ein großer Erfolg war. Immer wenn sie eine Buchveröffentlichung freigegeben hat, überkommt sie eine Leere, zuletzt zwölf Monate lang. Sie liest dann einen ihrer Lieblingsschriftsteller. Seit einiger Zeit wieder den Spanier Enrique Vila-Matas, den am Nachmittag zyklisch Dunkelheit überkommt, so sagte er in einem Interview. Vermutlich wegen der Verrücktheit seines Vaters, Stimmen aus dem Untergrund zu lauschen. Und so tragisch und nachvollziehbar Vila-Matas Schwere ist, so unterhaltsam ist sein Schreiben. Schon oft hat er sie zum Lachen oder doch zumindest zum Lächeln gebracht.

Ihr Vater und auch ihre Schwester konnten aus dem Nichts etwas Ungehöriges tun, zum Beispiel wahnsinnig werden oder Selbstmord begehen. Sie selbst als aufgeräumte, ordnungsliebende Person, die gern ihren Frieden hat, brachte dann alles wieder in Ordnung. Diese Unberechenbarkeit der beiden versetzte sie ständig in Alarmbereitschaft.

Nun wird sie am nächsten Morgen sehr früh aufstehen müssen, um rechtzeitig am Bahnhof zu sein. Sie wird sich nicht noch einmal umdrehen, um die wohlige Bettwärme zu atmen, dann gegen neun Uhr aufstehen, einen Kaffee kochen und ein,- zwei oder drei Zigaretten rauchen, bevor sie sich an den Schreibtisch setzt und das gestern Verfasste auf sich wirken lässt. Sie wird zu einer unchristlichen Zeit das Bett verlassen und in den unwirtlichen Tag hinausziehen.

Fazit: Diese kleinen Geschichten von Anne Serre stecken voller Überraschungen. Ich wohne dieser, vermutlich teils autofiktionalen, Geschichte bei und begleite die Protagonistin auf eine Zugfahrt. Höre ihren sprunghaften Gedanken über andere Autoren und deren Schreibweise zu. Sie beobachtet die Menschen, denen sie begegnet, spinnt daraus Erinnerungen an Orte und erkundet ihr eigenes Dasein. Die Stimmfarbe Anne Serres ist so literarisch wie zeitlos. Ich mochte den Charakter dieser Frau sehr. Sie verkörpert die Selbstsicherheit einer älteren Frau, die spielerisch Innenschau hält und sich gerne amüsiert und dennoch viel Zeit mit sich selbst verbringt. Die Geschichte entstand 2017 und wurde nun vom Berenberg Verlag verlegt, ebenso wie Anne Serres „Die Gouvernanten 2023, das ein riesiges Lesevergnügen für mich war.

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