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Veröffentlicht am 18.08.2025

Entwaffnende Selbsterkenntnis

Botanik des Wahnsinns
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Sieben Kartons sind ihm von seiner Mutter geblieben, sieben Kartons mit Rechnungen, Briefen von Gerichtsvollziehern und Banken. Die Räumungsklage hatte sie aus ihrem letzten Refugium gespült, eine kleine ...

Sieben Kartons sind ihm von seiner Mutter geblieben, sieben Kartons mit Rechnungen, Briefen von Gerichtsvollziehern und Banken. Die Räumungsklage hatte sie aus ihrem letzten Refugium gespült, eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung. Sie hatte die Kisten selbst gepackt. Die Räumungsfirma sollte den Müll entsorgen und die Kisten mit den Familienfotos, Zeugnissen und Bewerbungsunterlagen einlagern. Irgendjemand hatte etwas verwechselt und jetzt waren alle materiellen Erinnerungen dem Fraß der Müllverbrennungsanlage geopfert worden.

Als er noch zur Schule ging, lebten sie in einem Haus in München, das die Mutter von der Großmutter erbte. Seine Mutter war beruflich unentbehrlich, hatte sich hochgearbeitet, sie sahen sie wenig. Sein Vater schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und seine Großmutter sah, was niemand sonst sah und hörte, was niemand hörte. Ihre Entrücktheit machte ihm Angst. Schon sein Großvater hatte die meiste Zeit seines Lebens in der Psychiatrie verbracht. Sein Vater blieb ganze Tage im Bett und war stets mit den eigenen Gedanken beschäftigt. Alles wurde ihm schwer und schicksalsträchtig und so verließ er seine Familie gleich nach dem Schulabschluss und ging nach New York.

Der Wahnsinn begleitete ihn. Am Union Square fand er ein Kabuff von fünf Quadratmetern in einer Halle, abgetrennt durch alte Holzschränke, in der Mitte ein Feldbett. In West Village sah er ein spottbilliges Zimmer, mitten in einer Wohnung, in der Hunderte Porzellanpuppen drapiert waren, deren schwarze Augen bis tief in seine Seele blickten. In einer WG in Brooklyn traf er auf drei normal wirkende Mitbewohner und eine Vielzahl Kakerlaken. Er kaufte sich zwei Anzüge und fand einen Bürojob. Doch dann flog er von seinem letzten Geld nach Paris, um zu erkennen, dass die Stadt ihn verrückt machte. In Wien, die Stadt mit der höchsten Lebensqualität, wurde er schließlich sesshaft.

Fazit: Leon Engler blickt in seinem Debütroman auf eine lange Generation psychischer Erkrankungen zurück. Er durchforstet Begrifflichkeiten und versucht sich darüber zu definieren, findet sich darin aber nicht. Er sucht nach seiner Identität, seinen eigenen Anteilen in dieser genetischen Disposition. Er entwickelt Zwänge, darf nicht auf die Ritzen im Gehweg treten und hinterfragt, was er kontrollieren will. Nach einem Studium in Psychologie macht er einen einjährigen Zwischenstopp in einer Psychiatrie. Dort kommt er seiner ent-rückten Familie näher als je zuvor. Er beobachtet die Symptomenkomplexe der Schizophrenie (Großmutter) und kommt der Depression (Vater) ebenso nah wie der Abhängigkeit von Betäubungsmitteln (Mutter und Großvater). Er entdeckt den Zusammenhang zwischen dem Leiden seiner Mutter und deren eigener suizidalen Mutter. Die Geschichte wirkt autobiografisch, aber am Ende nennt sie sich Roman, vermutlich ein Verlagsentscheid, weil sich Autobiografien von Unbekannten schlecht verkaufen. Mir gefällt sehr, welche Wege ihm halfen, sich seiner Familie durch die Analyse anzunähern und sich zu versöhnen. Seine Stimmfarbe ist ruhig, aufgeräumt und auf den Punkt. Eine gelungene Familienforschung und entwaffnende Selbsterkenntnis.

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Veröffentlicht am 12.08.2025

Die Reinkarnation Paganinis

Schwarzer Schwan
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Jürgen Krauses Telefon klingelt, als er schon die Treppe herunter zu seinem ersten Fahrgast eilt. Federico Temperini hört er, dann Schweigen, so als sei damit schon alles gesagt. Ja? Und? antwortet er ...

Jürgen Krauses Telefon klingelt, als er schon die Treppe herunter zu seinem ersten Fahrgast eilt. Federico Temperini hört er, dann Schweigen, so als sei damit schon alles gesagt. Ja? Und? antwortet er etwas schärfer als eigentlich beabsichtigt. „Ich suche einen Chauffeur für zwei Abende pro Woche.“ „Also Sie wollen Taxifahrten bestellen.“ „Ich suche einen Chauffeur.“ Krause versucht ihn abzuwimmeln.

Bei Temperinis zweitem Versuch erklärt er, dass der Fahrer von 19 Uhr bis 23 Uhr zur Verfügung stehen sollte, natürlich für gutes Geld. Krause weiß, dass er den ungewöhnlichen Auftrag annehmen wird. Dieses Extrageld wird er zur Seite legen, um mit seinem Sohn mit dem Wohnwagen durch Kanada zu fahren.

Irene ist mit Leo zu ihrem Neuen gezogen. Sie hielt seine Nachtfahrten nicht mehr aus. Jetzt sieht er Leo nur noch am Papawochenende. Er hatte Irene an der Fachhochschule für Verwaltung kennengelernt. Sie wurde schwanger und während sie im Krankenhaus war, um Leo auszutragen, versemmelte er drei von vier Prüfungen, weil seine Angst zu versagen ihm alle Gedanken stahl. Und so kam er zum Taxifahren.

Temperini hatte ihn letzte Woche für heute bestellt. Als Krause vor seiner Haustür hält, steht schon ein großer hagerer Schatten seiner selbst davor. Temperini macht keine Anstalten, einen Fuß auf den Bürgersteig zu setzen. Krause steigt aus, geht auf den Mann zu, erst da setzt der sich in Bewegung. Er bleibt vor der hinteren Türe stehen, wartet, dass Krause sie öffnet, dann steigt er ein. Von hinten schiebt er umständlich einen gefüllten Umschlag auf den Beifahrersitz, Krauses Honorar. Zur Philharmonie, sagt der Alte. Krause beobachtet ihn verstohlen im Rückspiegel. Temperini fragt ihn, ob er von Niccolo Paganini, dem Teufelsgeiger gehört habe. Am Rande antwortet er, nicht ahnend, dass er bald mehr über den Geiger erfahren wird, als ihm lieb ist.

Fazit: Theres Essmann hat mit dieser Debütgeschichte 2020 ein Stipendium gewonnen. Sie hat ihrem Protagonisten aus der Gegenwart diesen Gegenpol aus Alter, Kultur und Bildung, den so viel Geschichte umweht, entgegengesetzt. Zuerst findet dieses ungleiche Paar keinen großen Anklang aneinander. Doch mit jeder Fahrt zur Philharmonie, in Parks oder auf Friedhöfe kommen sie sich zwangsläufig näher. Krause, umgeben von ganz eigenen weltlichen Problemen, wie der Angst, den geliebten Sohn an den Stiefvater zu verlieren, lernt den alten Mann als Gesprächspartner schätzen. Die Autorin schafft es alle Beteiligten authentisch miteinander zu verweben, den eifersüchtigen Vater, den Sohn, der unter diesem Konkurrenzkampf leidet, die eigensinnige Ex-Frau, wenige Freunde und den einsamen alten Mann, der fast wie die Reinkarnation Paganinis wirkt. Die Erzählung verläuft ruhig, unaufgeregt und das Ende hat mich sehr berührt. Ich mochte den Folgeroman „Dünnes Eis“ ein wenig lieber.

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Klassische Literatur

Einer reist mit
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Sie folgt einer Einladung zum Literaturfestival. In einem von zehn Fällen sagt sie öffentliche Veranstaltungen kurzfristig ab. Dann quält sie sich mit dem Gedanken an die Aufmerksamkeit, die auf sie fallen ...

Sie folgt einer Einladung zum Literaturfestival. In einem von zehn Fällen sagt sie öffentliche Veranstaltungen kurzfristig ab. Dann quält sie sich mit dem Gedanken an die Aufmerksamkeit, die auf sie fallen wird. Diverse Ausreden hat sie dafür parat. Etwa, dass ihre Mutter gestorben ist und das stimmt auch, es ist nur schon einige Jahre her. Ihr Sohn ist schwerkrank (sie hat keinen). Sie behauptet, sie habe Rückenschmerzen (selten, weil sie abergläubig ist). Sie ist so überzeugend, dass man ihr glaubt, dass sie sich selbst glaubt. Doch ihre Absagen ergeben gar keinen Sinn. Sie ist Schriftstellerin und als solches muss man sich in der Öffentlichkeit zeigen.

Die Zwölf ist ihre Zahl. Ihr Vater starb am 12.12.2012. Am 12. Dezember hat sie sich von ihrer Jugendliebe getrennt. An einem 12. ist sie Thomas begegnet. Ihre Mutter starb, als sie zwölf war. 2012 hat sie ihr zwölftes Buch geschrieben, das ein großer Erfolg war. Immer wenn sie eine Buchveröffentlichung freigegeben hat, überkommt sie eine Leere, zuletzt zwölf Monate lang. Sie liest dann einen ihrer Lieblingsschriftsteller. Seit einiger Zeit wieder den Spanier Enrique Vila-Matas, den am Nachmittag zyklisch Dunkelheit überkommt, so sagte er in einem Interview. Vermutlich wegen der Verrücktheit seines Vaters, Stimmen aus dem Untergrund zu lauschen. Und so tragisch und nachvollziehbar Vila-Matas Schwere ist, so unterhaltsam ist sein Schreiben. Schon oft hat er sie zum Lachen oder doch zumindest zum Lächeln gebracht.

Ihr Vater und auch ihre Schwester konnten aus dem Nichts etwas Ungehöriges tun, zum Beispiel wahnsinnig werden oder Selbstmord begehen. Sie selbst als aufgeräumte, ordnungsliebende Person, die gern ihren Frieden hat, brachte dann alles wieder in Ordnung. Diese Unberechenbarkeit der beiden versetzte sie ständig in Alarmbereitschaft.

Nun wird sie am nächsten Morgen sehr früh aufstehen müssen, um rechtzeitig am Bahnhof zu sein. Sie wird sich nicht noch einmal umdrehen, um die wohlige Bettwärme zu atmen, dann gegen neun Uhr aufstehen, einen Kaffee kochen und ein,- zwei oder drei Zigaretten rauchen, bevor sie sich an den Schreibtisch setzt und das gestern Verfasste auf sich wirken lässt. Sie wird zu einer unchristlichen Zeit das Bett verlassen und in den unwirtlichen Tag hinausziehen.

Fazit: Diese kleinen Geschichten von Anne Serre stecken voller Überraschungen. Ich wohne dieser, vermutlich teils autofiktionalen, Geschichte bei und begleite die Protagonistin auf eine Zugfahrt. Höre ihren sprunghaften Gedanken über andere Autoren und deren Schreibweise zu. Sie beobachtet die Menschen, denen sie begegnet, spinnt daraus Erinnerungen an Orte und erkundet ihr eigenes Dasein. Die Stimmfarbe Anne Serres ist so literarisch wie zeitlos. Ich mochte den Charakter dieser Frau sehr. Sie verkörpert die Selbstsicherheit einer älteren Frau, die spielerisch Innenschau hält und sich gerne amüsiert und dennoch viel Zeit mit sich selbst verbringt. Die Geschichte entstand 2017 und wurde nun vom Berenberg Verlag verlegt, ebenso wie Anne Serres „Die Gouvernanten 2023, das ein riesiges Lesevergnügen für mich war.

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Veröffentlicht am 08.08.2025

Komplizierte Liebesgeschichte

Die da oben
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Tess und Moyra ziehen in ihre erste gemeinsame Wohnung. Um die kostenpflichtigen Parkverbotsschilder zu umgehen, haben sie Flatterbänder zwischen zwei Mülltonnen gebunden, abe die hatte jemand verschoben ...

Tess und Moyra ziehen in ihre erste gemeinsame Wohnung. Um die kostenpflichtigen Parkverbotsschilder zu umgehen, haben sie Flatterbänder zwischen zwei Mülltonnen gebunden, abe die hatte jemand verschoben und nun stand dort ein himmelblauer Twingo. Tess parkte ihren Lieferwagen minutiös dahinter. Moyra drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Eigentlich wollte Moyra erst ihr Studium beenden. Sie wusste nicht, wohin es sie danach ziehen würde. Tess hatte angenommen, dass Moyra das Vertrauen in sie fehlte und das hatte sich halb gar angefühlt.

Im Erdgeschoss des schönen Leipziger Altbaus befindet sich ein leer stehender Laden, der hatte dem Mann in der dritten Etage als Getränkeshop gedient. Er wohnt seit dreißig Jahren mit seiner Frau da oben und war an der Konkurrenz und der Pachterhöhung gescheitert. Dank Moyras Eltern hatte Tess das Geschäft anmieten können. Sie würde eine kleine Schneiderei eröffnen und ihre ersten Stücke verkaufen, designt bei Tess.

Als Moyra auf einer Tagung in Göteborg war, hatte Tess sich gelangweilt und Fabians Einladung zu seinem Geburtstag angenommen. Dort hatte sie Larissa kennengelernt. Sie verstanden sich blendend. Nach der Party hatten sie immer noch Gesprächsbedarf und so nahm Tess Larissa mit in ihre neue Wohnung. Moyra und Tess waren sich einig, dass es passieren konnte, dass man auch andere Frauen attraktiv fand und sich kaum jeder Verführung erwehren könne und sie wollten gnadenlos ehrlich zueinander sein. Als Moyra wieder zurück war, schien es Tess, als stünde sie am Anfang einer komplizierten Affäre. Und dann fehlte einfach jede Gelegenheit, das Thema anzusprechen.

Fazit: Anselm Oelze hat zwei Frauen in die Mitte der Handlung gesetzt. Moyra ist die Ernste, die ein Päckchen zu tragen hat. Nach dem Studium findet sie keinen rechten Sinn mehr in ihrer Berufswahl. Sie dümpelt unentschlossen vor sich hin und fühlt sich schlecht. Tess ist die Quirlige, die ihre Entscheidungen trifft, ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Durch den Vertrauensbruch zu Moyra fühlt sie sich ebenfalls schlecht und die beiden driften auseinander. Der Autor erzählt in der dritten Person mit angenehmer Stimmfarbe. Der Klappentext versprach einen Generationenkonflikt und das Thematisieren der gesellschaftlichen Spaltung. Ich habe die Geschichte als Liebesgeschichte gelesen und als solche funktioniert sie. Ja, es entsteht ein Konflikt, weil Tess dem älteren Paar helfen will und Moyra deren Verhalten wenig abgewinnen kann, aber das ist eher ein Nebenschauplatz, der zu weiteren Reibungen in ihrer Beziehung führt. Der Autor hat meines Erachtens größeres Augenmerk auf den Prozess der Selbstfindung gelegt. Deshalb mag ich diesen flockig lesbaren Roman eher allen empfehlen, die sich für eine komplizierte Liebesgeschichte zwischen Frauen interessieren.

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Veröffentlicht am 07.08.2025

Ruhiges, solides Romandebüt

Himmel ohne Ende
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Charlie ist fünfzehn und muss zur Schulpsychologin Frau Knubbe. Sie sitzt ihr in ihrem Büro gegenüber und lässt den Blick schweifen. Auf dem Schreibtisch liegen stapelweise Mappen, ungeordnete Stifte, ...

Charlie ist fünfzehn und muss zur Schulpsychologin Frau Knubbe. Sie sitzt ihr in ihrem Büro gegenüber und lässt den Blick schweifen. Auf dem Schreibtisch liegen stapelweise Mappen, ungeordnete Stifte, eine Schale mit Rosinen und eine Schachtel Zigaretten. Wenn die Wohnung der Spiegel der Seele ist, wie Charlies Mama immer sagt, dann ist Frau Knubbes Seele ziemlich rummelig. Charlie kaut Fingernägel und versucht die Antworten auf Frau Knubbes Fragen zu umschiffen. Sie ist mit dem Verlust ihres Vaters noch nicht fertig, aber das kommt ihr nicht über die Lippen. Das Helle ist dunkler geworden und die Apfelschorle schmeckt anders. Kati ist nicht mehr ihre Freundin und ihre Mutter seit Wochen gestresst. Genug Gründe, warum sie hier sitzt, aber irgendwas blockiert sie.

Im Unterricht verliert sie die Worte. Sie kann die Fragen der Lehrer nicht beantworten, ihr Kopf bleibt leer und wird heiß. Tränen verschleiern ihr die Sicht, die anderen lachen. Charlie sieht sich hilfesuchend nach Kati um, aber die sitzt jetzt neben Sofia und verdreht die Augen. Die Klassentür öffnet sich und ein Junge tritt ein. Er ist riesig, hat blonde Locken und wirkt sehr sicher. Die Lehrerin stellt ihn als Kornelius vor, Schmitti ruft: „der sieht aus wie Pommes“. Pommes lacht und setzt sich neben Charlie.

Zuhause schiebt Charlie eine Tiefkühlpizza in den Backofen. Ihre Mutter hatte Spätschicht und liegt im Bett, wie meistens. Charlie schaltet den Fernseher an und guckt ihre Lieblingsserie „Liebe auf Umwegen“. Der Bösewicht Giovanni will mit seiner Freundin abhauen. Das würde Charlie auch gerne. Sie schaut durch das Fenster in den Himmel und denkt an ihren Vater. Sieben Jahre war sie alt, als er in der Küche stand und zu ihrer Mutter sagte: „Ich kann nicht mehr“. Er nahm seine Reisetasche, ging zur Wohnungstür, öffnete sie und schloss sie hinter sich. Auch da hatte Charlie keine Worte gehabt. Sie glaubt, dass die richtigen Worte ihn aufgehalten hätten, dass er dann bei ihr geblieben wäre.

Fazit: Julia Engelmann, die Poetry-Slammerin, Sängerin und Schauspielerin, hat ein ruhiges, solides Romandebüt hingelegt. Sie versetzt sich in ihre traurige, jugendliche Protagonistin und lässt sie ihr Erleben erzählen. Sie fühlt sich falsch, anders und nirgendwo dazugehörig. Sie muss den Verlust des Vaters verkraften, die Traurigkeit der Mutter aushalten und Freundschaften scheitern sehen. Die Unsicherheit behindert sie so sehr, dass ihr jede Eigeninitiative abhandenkommt. Ein neuer Mitschüler bringt Licht in ihr Dunkel, sieht sie, hört ihr zu und bringt sie zum Lachen, doch auch er leidet. Mir war der Anfang der Geschichte zu düster. Ich konnte mich nicht so recht einlassen. Trotz der Schwere und der Aussichtslosigkeit blieb ich emotional unbewegt. So als hätte die Autorin ihrer Heldin ihre eigenen Vorstellungen von Traurigkeit übergestülpt. Das änderte sich für mich jedoch nach siebzig Seiten. Ab da fehlte mir nichts mehr. Da war Humor, jede Menge Gefühl, ganz feine Metaphern und ganz viel Glaubwürdigkeit. Es hat mich bewegt Charlie bei ihren Erfahrungen im Zwischenmenschlichen, ihrer Entwicklungs,- und Erkenntnisfähigkeit über die Schulter zu schauen. Plötzlich war meine eigene Jugend wieder ganz nah. Insgesamt ein lesenswerter Coming -of- Age Roman.

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