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Veröffentlicht am 01.09.2025

Von den Mühen und Risiken einer Kinderwunschbehandlung

Unter anderen Umständen
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Hanna wünscht sich schon lange Kinder, doch in der Vergangenheit ist sie immer nur an Männer geraten, die sich diesbezüglich noch nicht festlegen wollten und meinten, alle Zeit der Welt zu haben. Umso ...

Hanna wünscht sich schon lange Kinder, doch in der Vergangenheit ist sie immer nur an Männer geraten, die sich diesbezüglich noch nicht festlegen wollten und meinten, alle Zeit der Welt zu haben. Umso größer ist ihre Freude, als sie mit Mitte 30 mit dem Lehrer Taner zusammenkommt, dem jüngeren Bruder ihrer besten Freundin, und dieser klar sagt, er wolle Kinder und das demnächst. Somit beginnen sie es bald zu versuchen, doch nichts passiert, und nach längerem erfolglosen Probieren landen die beiden in der Kinderwunschklinik, doch auch da stellt sich nicht so leicht ein Erfolg ein.

"Unter anderen Umständen" von Verena Teke ist also eines von mehreren aktuellen Büchern, das detailliert die Sorgen, Nöte und Hoffnungen eines ungewollt kinderlosen Paares in Kinderwunschbehandlung beschreibt. Allein deshalb ist es ein wichtiges Buch. Seit kurzem gibt es mehrere Bücher zu diesem Thema, doch das ist noch nicht lange so: sehr lange war dieses Thema tabuisiert und die heutigen Millenials, von denen viele mit diesem Thema zu kämpfen haben, sind noch mit den Botschaften aufgewachsen, nur ja nicht ungeplant schwanger zu werden, aber niemand hat sie davor gewarnt, wie schwierig dieses Thema sein könnte, wenn man es dann bewusst versucht - eine Realität, mit der in meinem Bekanntenkreis unzählige Menschen in ihren 30ern konfrontiert sind.

Somit ist es ein wichtiges Thema und alle, die sich dem detailliert literarisch annehmen, haben meinen Respekt. Die Kinderwunschbehandlung ist in allen Details glaubwürdig und authentisch dargestellt, offenbar hat die Autorin entweder selbst Erfahrung mit diesem Thema oder sich tief eingearbeitet. Fühlbar wird auch, wie die Behandlungsversuche die Beziehung immer mehr belasten, auch das ist etwas, das ich aus meinem Bekanntenkreis zu dem Thema kenne. Das Buch informiert somit insgesamt gut über dieses Thema und ich würde es insbesondere allen, die sich dafür interessieren, aber noch nicht viel darüber wissen, empfehlen.

Für jene, die selbst gerade in einer Kinderwunschbehandlung stecken, könnte manches in dem Buch triggernd oder auf andere Weise emotional zu viel sein, diesen Menschen empfehle ich es nur unter Vorbehalt. Auch waren mir die porträtierten Charaktere in einigen ihrer Handlungen nicht sehr sympathisch, weil sowohl die Frau als auch der Mann in einigen Einstellungen und Handlungen sehr unreif auf mich wirkten und nicht zu der Übernahme an Verantwortung bereit waren, die ich persönlich mir von werdenden Eltern wünschen würde. Das ist nicht unbedingt eine Schwäche des Buches, denn solche Menschen gibt es ja tatsächlich viele.

Gegliedert ist das Buch in 9 Kapitel, die jeweils gemäß den Monaten einer Schwangerschaft benannt sind: 1. Monat, 2. Monat usw. Das heißt aber nicht, dass es in diesem Buch um eine erfolgreiche Schwangerschaft gehen würde, diese ist nicht das Thema, sondern die vielen Versuche der Kinderwunschbehandlung und ihre Auswirkungen auf die Beziehung.

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Veröffentlicht am 29.08.2025

Witzig, schräg und makaber

Gym
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"Gym", nach den "Geistern von Demmin" und "Eva" nun das dritte Buch von Verena Keßler, liest sich leicht und schnell. In kurzweiligen Szenen erleben wir die namenlose Ich-Erzählerin, die ihren früheren ...

"Gym", nach den "Geistern von Demmin" und "Eva" nun das dritte Buch von Verena Keßler, liest sich leicht und schnell. In kurzweiligen Szenen erleben wir die namenlose Ich-Erzählerin, die ihren früheren prestigeträchtigen Job wohl verloren hat, auf Bewährung ist und nach einer Anstellung sucht und diese im Mega-Gym-Fitnesscenter findet.

Ihren nicht ganz perfekten Körper erklärt sie mit der Lüge, gerade erst entbunden zu haben, doch bald wird sie dem Fitnesshype verfallen und immer mehr trainieren, immer stärker und kräftiger werden und dafür vieles aufs Spiel setzen, bis zum sehr schrägen Ende des Buches, das ich hier natürlich nicht verraten möchte.

Das Buch ist eine sarkastisch-bissige Kritik an den überzogenen Maßstäben, die insbesondere an weibliche Körper von der Gesellschaft angelegt werden, und zeigt in humorvoll-übertriebener Art auf, wozu der daraus resultierende Selbstoptimierungshype und die damit verbundene Konkurrenz führen können: zur Selbstzerstörung und zur Zerstörung sozialer Bindungen. Insofern ist es ein gut geschriebenes, unterhaltsames Buch, das wichtige Themen anspricht.

Mich persönlich hat es aber irgendwo im letzten Drittel verloren, als mir einige Entwicklungen doch bei weitem zu überzogen und für mich nicht mehr lustig waren. Das ist aber wohl persönliche Geschmackssache. Dieses Buch wird sicher nicht allen gefallen, aber für viele doch zumindest eine gute Unterhaltung mit Anregung zum Nachdenken sein.

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Veröffentlicht am 21.08.2025

Ein ruhiges Buch über eine ältere Frau

Neben Fremden
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Rosa lebt alleine. Nach langen Jahren als Krankenpflegerin ist sie nun in Pension. Ihr Partner ist vor kurzem verstorben. Wirklich gute Freunde hat sie nicht. Da gibt es eine Bekannte, die sich öfters ...

Rosa lebt alleine. Nach langen Jahren als Krankenpflegerin ist sie nun in Pension. Ihr Partner ist vor kurzem verstorben. Wirklich gute Freunde hat sie nicht. Da gibt es eine Bekannte, die sich öfters mit ihr treffen will, wobei Rosa meistens Ausflüchte sucht, um sie nicht sehen zu müssen - gar so nahe steht sie ihr nicht. Dann gibt es die Nachbarin: eine alleinerziehende Mutter mit zwei Teenager-Kindern, deren Vater schon lange von der Bildfläche verschwunden ist und die zeitweise Partnerschaften eingeht: eine mit einem Schläger, der erst das Weite sucht und von ihr ablässt, als Rosa eingreift.

Hunde liebt Rosa auch... einen hat sie schon lange, dann kommt noch eine verlassene Oma dazu. Und Rosas alte Mutter lebt auch noch, zu ihr hat Rosa kein sonderlich gutes Verhältnis, kümmert sich aber so halbherzig um sie. Ach ja, und dann gibt es ja auch noch den lange erwachsenen Sohn Tom, der schon als Jugendlicher auf die schiefe Bahn geraten ist, die Schule abgebrochen hat, bei Bekannten und auf der Straße gelebt hat, Suchtprobleme hatte und nur selten von sich hören ließ... meistens, wenn er Geld brauchte. Von ihm hat Rosa nun schon seit sieben Jahren nichts mehr gehört.

Es ist insgesamt ein einsames Leben, das die österreichische Pensionistin Rosa, die Hauptfigur dieses Romans, so lebt. Wenig noch vorhandene tiefer gehende Beziehungen, auch wenn sie durchaus eine liebenswerte und hilfsbereite Person ist, die sich für ihre Nachbarn einsetzt und Hunde liebt. Damit ist sie etwas naive und gutmütige Rosa durchaus eine, die man gerne einen Roman lang mit ihren Gedanken und Überlegungen und ihrer Sichtweise auf die Welt begleitet.

Es ist ein ruhiges Buch, in dem nur relativ wenig passiert. Ein bisschen schade habe ich gefunden, dass die in der Beschreibung angekündigte Geschichte mit dem verschwundenen Sohn insgesamt nicht mehr Raum einnimmt, daraus hätte sich mehr machen lassen. Insgesamt aber ein solides Buch, dem ich 4 von 5 Sternen gebe, und das ich durchaus empfehlen kann, wenn man ein ruhiges Buch über eine ältere weibliche Figur und deren Gedanken- und Gefühlswelt lesen möchte.

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Veröffentlicht am 19.08.2025

Authentische Schilderung eines gewissen Milieus

Heimat
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Jana ist vor kurzem mit ihrem Mann Noah und den beiden Kindern Louis und Ella aufs Land gezogen. In der Stadt und im Speckgürtel war Wohnen immer teurer geworden und sie sehnten sich nach einem schönen ...

Jana ist vor kurzem mit ihrem Mann Noah und den beiden Kindern Louis und Ella aufs Land gezogen. In der Stadt und im Speckgürtel war Wohnen immer teurer geworden und sie sehnten sich nach einem schönen grünen Umfeld für die Kinder und Erholung für sich. In ihrem städtischen Umfeld war es üblich, dass beide Eltern Vollzeit oder vollzeitnah arbeiten und die Kinder schon früh ganztags in der Kindertagesstätte sind, dort wurde niemand dafür schief angeschaut.

Doch nun ist Jana eine der letzten, die nachmittags ihre beiden Kinder von dort abholt... und das, obwohl sie vor kurzem ihren Job gekündigt hat, nachdem es von ihrer Chefin nicht sehr wohlwollend aufgenommen wurde, dass sie nun mit dem dritten Kind schwanger ist. So ganz angekommen ist Jana auch noch nicht auf dem Dorf.

Doch das wird sich bald ändern, als sie die charismatische, strahlende, hübsche Karolin kennen lernt. Karo hat sogar fünf Kinder, doch sie wirkt immer entspannt und gut gelaunt, bastelt fröhlich mit den Kindern, hält das Haus blitzblank und macht mit Freude Apfelkuchen mit selbstgemachter Vanillesauce mit echter Vanille. Sie ist bewusst bei den Kindern zu Hause und stolz darauf, diese Botschaft verbreitet sie auch als Influencerin auf Social Media.

Sie wohnt mit ihrem Mann in einem Haus mitten im Wald, die jüngeren Kinder sind ganztags zu Hause und die älteren gehen nur deshalb in die Schule, weil der Staat das leider so verlangen würde. Jana ist erst einmal beeindruckt von Karos Freundlichkeit und Selbstbewusstsein, folgt ihr nur zu gerne auf Instagram und freundet sich mit ihr an.

So lernt sie auch Karos Freundinnen kennen und wird Teil einer Frauenleserunde, in der Erziehungsratgeber diskutiert werden, die Fremdbetreuung verteufeln. Stück für Stück taucht Jana immer mehr in dieses neue Milieu ein, in dem sehr simple Lösungen für gesellschaftliche Probleme propagiert werden, wie selbstverständlich AfD gewählt wird und die Frau dem Mann untertan sein soll, während gleichzeitig ihre eigene Ehe immer mehr in Schieflage gerät.

Das Buch liest sich leicht und unterhaltsam, mit vielen Dialogen und bildhafter Schilderung eines ganz bestimmten, oft ländlichen Milieus, in das auch die Lesenden damit tief eintauchen können. Ich kenne solche Milieus auch und empfinde die Darstellung als sehr authentisch, es verkommt auch nicht zum Klischee, sondern wird durchaus differenziert dargestellt, einschließlich seiner Schattenseiten und der oft großen Unterschiede zwischen der Außendarstellung, speziell auf Social Media, und dem, was wirklich gelebt wird.

Insgesamt habe ich das Buch sehr gerne gelesen, denn es bietet interessanten Stoff zum Nachdenken und Diskutieren über verschiedene gesellschaftliche Milieus, die Prägung des jeweiligen Umfeldes und den Sog, den ein neues Umfeld auf Menschen ausüben kann, speziell, wenn sie gerade sozial noch nicht gut angebunden sind und sich einsam fühlen.

Außerdem macht die Beschäftigung mit den im Buch skizzierten Themen und Milieus nachdenklich über die große Herausforderung der mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die auch in der aktuellen Müttergeneration viele moderne und gut ausgebildete Frauen so deutlich spüren und für die unsere Gesellschaft bis jetzt nur unzureichende Antworten und Lösungen bietet, was mit ein Faktor dafür sein könnte, dass rechte Parteien in den letzten Jahren so viel an Zulauf gewonnen haben und das Modell der traditionellen Hausfrau für manche junge Frauen wieder attraktiv geworden ist.

Es ist ein kluges und gut geschriebenes Buch, das ich einer breiten Leserschaft empfehlen kann. Schade habe ich nur das Ende gefunden, das für mich zu abrupt kam und einige Handlungsstränge offen gelassen hat, etwas, was ich nicht so schätze.

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Veröffentlicht am 18.08.2025

Im Kopf einer sehr eigensinnigen Persönlichkeit

Die Probe
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Das Buch "Die Probe" von Katie Kitamura ist auf der Longlist des renommierten Booker Prize gelandet. Oft ist das ein Anzeichen für eine lohnende, aber herausfordernde Lektüre, die man nicht so schnell ...

Das Buch "Die Probe" von Katie Kitamura ist auf der Longlist des renommierten Booker Prize gelandet. Oft ist das ein Anzeichen für eine lohnende, aber herausfordernde Lektüre, die man nicht so schnell wegliest, sondern die tiefer gehende Beschäftigung von den Leserinnen und Lesern erfordert. So ist es auch hier. Es ist ein kurzes, aber sehr gehaltvolles Buch.

Das Buch besteht aus zwei Teilen, die ähnlich und dann doch wieder ganz unterschiedlich sind. Beide erleben wir ausschließlich aus der Perspektive einer 49-jährigen Schauspielerin. Wir sind als Lesende mit ihr in ihrem Kopf und erleben die Welt so, wie sie sie erlebt. Das ist eine Welt, in der es sehr wichtig ist, wer man ist und wen man darstellt, wie man sich gibt und wie und mit wem man gesehen wird. Ständig ist die Frau damit beschäftigt, zu analysieren, wie andere vermeintlich auf sie reagieren und was sie daraus schließt. Dabei stellt sie ihre eigenen Deutungen kaum in Frage, sondern baut sich daraus ihr sehr eigenes Weltbild zusammen.

Wenn man selbst, so wie ich, charakterlich ganz anders gestrickt ist, kann es faszinierend, aber auch mühsam sein, ein ganzes Buch aus so einer Perspektive zu lesen. Eine Sympathieträgerin war die erwähnte Frau für mich nicht unbedingt, muss sie aber wohl nicht sein. Ich kenne Menschen, die ähnlich ticken wie sie, insofern ist sie durchaus authentisch dargestellt.

Inhaltlich dreht sich das Buch unter anderem um Familienthemen: um einen jungen Mann, der meint, der Sohn der Ich-Erzählerin zu sein und der damit Recht hat oder auch nicht... darum, was dieses Thema mit ihr und anderen Menschen macht und vieles mehr (ohne zu viel verraten zu wollen). das Buch spielt mit den verschiedenen Perspektiven im Kopf der Ich-Erzählerin (und vielleicht auch in ihrem Leben, das weiß man nicht so genau), mit einem Was-wäre-wenn, mit echten oder falschen Erinnerungen und mit so einigem mehr... und lässt dabei bis zum Ende vieles offen.

Auch nach einer umfangreichen Diskussion mit anderen sowie der Analyse einiger Interviews mit der Autorin selbst bleibt vieles in diesem Buch für mich rätselhaft. So ist es vermutlich auch gedacht, das öffnet wiederum für die Lesenden einen breiten Interpretations- und Spiegelungsraum. Wer das mag, kann mit diesem Buch sicher einiges anfangen. Jedenfalls gibt es Stoff zum länger darüber diskutieren und nachsinnen. Wer hingegen Bücher mit zumindest einigermaßen verlässlichen Erzählstimmen und klaren Auflösungen bevorzugt, wird mit dieser Lektüre wohl nicht sehr glücklich werden, oder jedenfalls herausgefordert, die eigene Lesekomfortzone zu erweitern.

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