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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.10.2025

Finster und beklemmend

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
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Dies ist ein finsteres, sehr beklemmendes Buch. So könnte unser Leben tatsächlich aussehen, in näherer Zukunft sogar: Die Welt kocht, es brennt überall und immer mehr Vögel sterben aus. Was soll man dann ...

Dies ist ein finsteres, sehr beklemmendes Buch. So könnte unser Leben tatsächlich aussehen, in näherer Zukunft sogar: Die Welt kocht, es brennt überall und immer mehr Vögel sterben aus. Was soll man dann machen, wenn man ein Teenager ist, dem die Perspektiven abhandenkommen? Dann gehen am Samstag die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft.

Das macht Maja mit ihrer kleinen Schwester, sogar im Lifestream, als ihren ganz persönlichen Protest gegen alles, ihre übergriffigen Mütter, die ihr Leben zum Mumfluencen benutzen, den Weltuntergang und überhaupt. Wenn es laut knallt merkt man noch, dass man lebendig ist.

Era dagegen versucht zu dokumentieren. Sie führt Buch über jeden Vogel, der gerade ausgestorben ist und will Erinnerungen festhalten. Das Recherchieren hat sie von ihrer Mutter gelernt, genau wir den Hang zur Einsiedelei. Warum sie ihr Tinyhouse aus Holz direkt an den Waldrand bauen mussten, wo doch die allgemeine Brandgefahr inzwischen Alltag ist, das bleibt ihr Geheimnis. Das ist im Grunde auch meine Kritik an diesem Buch. Hier ist sehr viel mutwillig konstruiert, die Figuren recht scherenschnittartig, mehr Bilder als lebendige Protagonisten.

Man sollte sich gut überlegen, ob man dieses Buch lesen möchte. Es ist gnadenlos, hoffnungslos und sehr beklemmend, liefert eindringlichen Frust ohne jeden Hoffnungsschimmer. Das hat mir nicht gefallen, aber beeindruckend ist es schon. Es ist auf jeden Fall ein gutes Buch, auch wenn ich es nicht meiner Freundin empfehlen würde.

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Veröffentlicht am 20.09.2025

Informativ und inspirierend

Peggy Guggenheim
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Peggy Guggenheim hat in Venedig ein einzigartiges Museum für moderne Kunst hinterlassen. Wie es dazu kam kann man in diesem Buch lesen. Dieses Museum ist ihr Lebenswerk.

Sie war ein amerikanische Tochter ...

Peggy Guggenheim hat in Venedig ein einzigartiges Museum für moderne Kunst hinterlassen. Wie es dazu kam kann man in diesem Buch lesen. Dieses Museum ist ihr Lebenswerk.

Sie war ein amerikanische Tochter aus gutem Hause, reich, jüdisch und literaturinteressiert. In den 1920er Jahren war sie jung und ging auf in der Pariser Boheme. Sie lernte Künstler kennen, die damals noch niemand kannte, die heute weltberühmt sind. Und sie fing an, Bilder zu kaufen, um diese Künstler zu unterstützen.

In den 1940ern galten diese Bilder bei Nazis als entartete Kunst. Peggy schaffte es, ihre ganze Sammlung nach Amerika zu retten, eröffnete eine Galerie in New York und wurde zur Anlaufstelle für Surrealisten oder Expressionisten aus aller Welt.

Mit diesem Buch bekommt man das Leben dieser besonderen Frau wundervoll präsentiert. Es besticht durch eine dezente, edle Aufmachung, wirkt wertvoll, und liebevoll zusammengestellt. Viele tolle Fotos ergänzen perfekt den Text.

Das Buch konzentriert sich auf Peggys Werk und lässt ihre Persönlichkeit und ihr Privatleben dabei ein wenig außen vor, das finde ich etwas schade. Eigentlich lese ich genau deshalb eine Biografie. Auch bekommt man zwischendurch immer wieder lange Listen der Berühmtheiten, die Peggys Weg gekreuzt haben, das ist aufschlussreich aber auch ermüdend.

Viel gelernt habe ich trotzdem. Es war ein toller Ausflug in eine exotische Kunstwelt voller Visionäre und Exzentriker, in der Frauen eigentlich keine Rolle spielten und in der sich Peggy Guggenheim trotzdem behauptet hat. Ich bin jetzt sehr inspiriert und möchte nach Venedig fahren.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Spannende Romanbiografie, leicht nebulös

Prinzessin Alice
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Dass es Alice von Battenberg, Mutter von Prinz Philip, Schwiegermutter von Queen Elisabeth, Großmutter des jetzigen Königs Charles III, überhaupt gab, weiß ich nur, weil ich The Crown bis zum Schluss gesehen ...

Dass es Alice von Battenberg, Mutter von Prinz Philip, Schwiegermutter von Queen Elisabeth, Großmutter des jetzigen Königs Charles III, überhaupt gab, weiß ich nur, weil ich The Crown bis zum Schluss gesehen habe. Sie war eine tragische Gestalt, wohl beinahe ein Familiengeheimnis.

Hier lernt man sie ein klein wenig kennen, auch wenn das Buch keine komplette Romanbiografie ist. Es beleuchtet einen Teil von Alice Leben, ein wenig jedenfalls. Vieles bleibt schwammig, weil Alice selbst erzählt und Alice‘ Wahrnehmung eben bisweilen schwammig ist.

In ihren jungen Jahren war sie eine Märchenprinzessin, klug, schön, reich, zwar gehörlos, aber sie konnte in mehreren Sprachen Lippenlesen. Sie heiratete Prinz Andreas von Griechenland, aber ihre zunehmende Religiosität hat die Beziehung nicht ausgehalten. Sie passt nicht mehr in die Norm, wird Freud zur Behandlung überantwortet, wird weggesperrt, experimentellen Kuren unterzogen, bis sie es schafft, sich davon zu befreien. Besser geht es ihr danach nicht. Sie sieht die Welt mit anderen Augen, ob trotz oder wegen der Kur weiß sie selbst nicht. Wahrscheinlich weiß es Gott, wer sonst.

War diese Frau ernsthaft verrückt oder wollte sich ihr versnobtes Umfeld nicht mit ihren Eigenheiten auseinandersetzen? Dieses Buch lässt beide Interpretationen zu, vielleicht ist auch beides irgendwie wahr. Es vermittelt das Bild einer Frau, die nicht von dieser Welt ist, nichts auf Etikette gibt, der die Meinung der Welt über sie egal ist, weil sie höhere Ideale hat, die gleichzeitig egozentrisch und selbstlos sein kann. Es erzählt auch von einer gefährlich patriarchalen Gesellschaft, von royalen Fesseln, vom Leben im goldenen Käfig und wie so ein Käfig auch fallen kann.

Dieses Buch durchlebt man wie einen Traum mit viel Nebel, manches ist klar zu sehen, dann verschwimmt es wieder, manches blitzt kurz auf. Das unterstreicht kunstvoll und plastisch, wie Alice sich gefühlt haben mag, allerdings hätte ich mir ab und an ein paar mehr Fakten gewünscht. Immerhin lädt es zu gründlichem Googeln ein. Ich habe sehr unterhaltsam einiges gelernt.

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Veröffentlicht am 20.08.2025

„Das Ganze ist verrückt. Ich liebe es.“

Dr. No
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Dr. Wala Kitu heißt eigentlich gar nicht so, ist Mathematiker, seiner Meinung nach aber eigentlich eher nicht. Er interessiert sich für nichts. Das ist ja immerhin schon einmal etwas. Oder auch nicht. ...

Dr. Wala Kitu heißt eigentlich gar nicht so, ist Mathematiker, seiner Meinung nach aber eigentlich eher nicht. Er interessiert sich für nichts. Das ist ja immerhin schon einmal etwas. Oder auch nicht. Sie verstehen.

John Sill ist ein Schurke, der die allerletzte Schurkerei will: dass nichts passiert. Außerdem gibt es noch den einbeinigen Hund Trigo, Bill Clinton (nein, nicht der), General Takitall und natürlich Gloria. Und natürlich auch noch Eigen Vector, Mathematik-Professorin. Dazu später mehr.

Auf 300 Seiten entwickelt sich nun eine James-Bond-artige Story, die uns von der Brown-University in Providence bis nach Fort Knox führt. Und sie ist atemberaubend bizarr. Oder wie Eigen Vector sagt: „Das Ganze ist verrückt. Ich liebe es.“ Wenn ihr so etwas nie sagen würdet, ist das Buch nichts für euch. Wenn ihr es dennoch lest, versteht ihr vermutlich auch den Gag in meinem vorhergehenden Satz.

In diesem Buch geht es um nichts, und um Leute, die aus irgendwelchen Gründen nichts wollen. Das Ganze ist gespickt mit Anspielungen auf Mathematik, Logik und Philosophie. Ich habe mich z.B. gefreut, den derzeitigen König von Frankreich, der natürlich kahlköpfig ist, wieder zu treffen, vermisse aber eine Bestätigung, dass Scott der Autor von Waverly ist. Allerdings befürchte ich, nur einen Bruchteil der Anspielungen verstanden zu haben. Wenn ihr Bücher mit vielen Anspielungen nicht mögt, … (siehe oben). Mir persönlich waren es irgendwann auch zu viele. Was ist das: eine besonders elaborierte Form des Zeit-Kreuzworträtsels? Wie intellektuell beschlagen muss ich sein, um dieses Buch lesen zu können? Punktabzug Nr. 1, na gut, ein halber.

Halber Punktabzug Nr. 2: Wala und Eigen sind Mathematiker. Und deshalb müssen sie offensichtlich auch Autisten sein. Von „Rainman“ war ich fasziniert, über Sheldon Cooper habe ich mich amüsiert. Ab jetzt erwarte ich aber von jedem Auftreten von Autisten in Romanen, dass es um mehr geht als um Sensationshascherei und Amüsement. Dieses „mehr“ konnte ich nicht wirklich finden.

Was bleibt ist ein verrücktes Buch, das ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 07.08.2025

Ein Buch das Grenzen sprengt

Schwindende Welt
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Bislang kannte ich von der Autorin nur „Die Ladenhüterin“. Das ist neben diesem Buch geradezu harmlos. Hier braucht man eine Weile, bis man ankommt und selbst dann kann man kaum glauben, was man da liest.

Diese ...

Bislang kannte ich von der Autorin nur „Die Ladenhüterin“. Das ist neben diesem Buch geradezu harmlos. Hier braucht man eine Weile, bis man ankommt und selbst dann kann man kaum glauben, was man da liest.

Diese Welt ist seltsam. Sie ist schon japanisch, aber hier hat man eine ganz andere Vorstellung von Familie. Familie ist eine Wohngemeinschaft, ein Mann und eine Frau, die heiraten, sich verstehen, aber romantische Gefühle anderswo ausleben. Liebe zwischen Ehepartnern ist verpönt und wird als Inzest angesehen. So eine Umgebung ist perfekt, um Kinder behütet aufwachsen zu lassen. Ein Ehepaar beantragt eine künstliche Befruchtung und bekommt sein Wunschkind zum Wunschtermin. Das Kind wird geplant, bestellt, ausgetragen und geliebt und muss niemals erleben, wie sich Eltern aus amourösen Gründen überwerfen.

Das alles erklärt uns Amane. Es klingt fast wissenschaftlich, wenn sie von ihrer Kindheit erzählt, von ihrem sexuellen Erwachen, ihren Liebhabern, die anfangs nicht real sind. Man kann Liebesbeziehungen zu fiktiven Personen aus Büchern, Mangas oder Filmen führen, das ist sogar die gängige Praxis, viel sauberer und unangestrengter als sich mit echten Menschen einzulassen. Und während man noch den Gedanken wälzt, ob das tatsächlich ein praktikables Vorgehen sein könnte, geht Amane den nächsten Schritt und das Geschehen wird zunehmend verstörend.

Was man hier liest ist ein hoch interessantes Gedankenexperiment, das die Autorin bis zur allerletzten Konsequenz durchspielt. Anfangs war es mir etwas zu sexlastig, aber vielleicht muss man da durch, um sich gründlich von allen Konventionen zu verabschieden. Hier blickt man in eine absonderliche Zukunft, die gar nicht mal so unrealistisch zu sein scheint. Das ist spannend, aufschlussreich und höchst verstörend, ein Buch, das Grenzen sprengt.

Das Hörbuch liest Uta Simone sehr eindringlich. Man glaubt ihr problemlos die Rolle einer jungen Frau, die ihr Innerstes nach außen kehrt und leidet mit Amane, versteht sie gut, selbst wenn ihr Handeln absonderlich wird. Es dauert 5 Stunden, 40 Minuten.

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