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Veröffentlicht am 03.09.2025

Anspruchsvoll, aber sehr atmosphärisch und sehr empfehlenswert!

Die Holländerinnen
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Der Roman „Die Holländerinnen“ von Dorothee Elmiger steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025. Ich sehe ihn da sehr gerne und sehr berechtigt stehen, denn auch für mich war der Roman ein ...

Der Roman „Die Holländerinnen“ von Dorothee Elmiger steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025. Ich sehe ihn da sehr gerne und sehr berechtigt stehen, denn auch für mich war der Roman ein mysteriöses und atmosphärisches Lesehighlight.

Eine Schriftstellerin hält einen Vortrag über ihr letztes Projekt: die Zusammenarbeit mit einem berühmten Theatermacher an einem unkonventionellen Vorhaben. Zusammen mit einer bunt zusammengewürfelten Ensemble und einem Mädchenchor reist die Gruppe ins Innere des Urwalds, um dort einen Kriminalfall zu atmosphärisch nachzufühlen und zu rekonstruieren.
Ich bin sehr überrascht als ich in dem Fall recht schnell das reale und mir aus True Crime Formaten bekannte Verschwinden zweier Holländerinnen im Dschungel Panamas wiedererkenne.
Und in der Tat verwendet Elmiger einige der realen und wenigen bekannten Details in ihrem Roman. Diese Details sind teilweise verstörend mysteriös und Elmiger fängt das Erschauern darüber perfekt in ihrem Roman ein.
Dabei bedient sie natürlich nicht den üblichen Voyeurismus, sondern beschreibt vielmehr das Grauen der Erzählerin, der fremdartigen und bedrohlichen Wildnis im Dschungel derart exponiert ausgesetzt zu sein.

Und die Wildnis findet sich nicht nur im Urwald, sondern auch in den anderen Geschichten, die die anderen Teilnehmner*innen der Theatergruppe beisteuern. Sie alle handeln von dem Gefühl von Bedrohung und dem alptraumartigen Verlust von Kontrolle. Den gleichen Kontrollverlust erlebt die Erzählerin während ihres Aufenthalts im Urwald.
Die Ziegengeschichte der Schweizerin hat Potential mich noch für längere Zeit zu verfolgen.

Der Erzählstil ist durch die eigentlich durchgehend verwendete indirekte Rede der Erzählerin und die damit eingebetteten Geschichten in der Geschichte ziemlich anspruchsvoll, wie ich fand. Aber genau dadurch erzielt Elmiger einen irisierenden Effekt. Die Perspektive der Erzählenden verschmilzt miteinander und es wird schwierig die Identität der einzelnen Erlebenden genau auszumachen.
Den gleichen Identitätsverschmelzung mit den Holländerinnen erlebt die Erzählerin während sie durch den Dschungel läuft.

Das Verschwinden der Holländerinnen ist bis heute nicht aufgeklärt.


Das Cover mit dem alles überwuchernden und verschlingendem Dschungel ist perfekt gewählt und ich war doch überrascht, was sich hinter dem Titel „Die Holländerinnen“ verbarg.
Der anspruchsvolle Erzählstil kann herausfordernd sein, aber macht den Roman zusammen mit der einzigartigen Kombination aus realen und fiktionalen Geschichten zu einem großartigen Stück Literatur, das mich sehr fasziniert und irgendwie auch gegruselt hat.

Anspruchsvoll, aber sehr atmosphärisch und sehr empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 03.09.2025

Bittersüß

Bittersüß
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Wenn sich ein 57-jähriger berühmter Schriftsteller für die 23-jährige Mitarbeiterin seines Buchverlages interessiert, die seit Jahren aus der Ferne für ihn und seine Arbeiten schwärmt, ist das keine Kontaktanbahnung ...

Wenn sich ein 57-jähriger berühmter Schriftsteller für die 23-jährige Mitarbeiterin seines Buchverlages interessiert, die seit Jahren aus der Ferne für ihn und seine Arbeiten schwärmt, ist das keine Kontaktanbahnung auf Augenhöhe.
Wenn dann dieser verheiratete Schriftsteller eine Affäre mit der jungen Frau beginnt, von der natürlich niemand etwas wissen darf und in der er komplett die Bedingungen diktiert, ist das selten der Beginn einer wundervollen happily ever after Liebesgeschichte.

Wir wissen das.
Charlie, die Protagonistin in Hattie Williams‘ Roman, ahnt das auch, aber ihre Beziehung zu Richard, dem berühmten Schriftsteller ist natürlich anders. Er interessiert sich wirklich für sie und ihre fachliche Meinung. Denkt sie.

„Er war verheiratet.
Plötzlich blickte ich mit seinen Augen auf mich. Ein junges, naives Ding, das an seinen Lippen hing und auf seinen Wunsch bereitwillig die Beine breit machte, weil es unbedingt von diesem großartigen Mann genommen werden wollte. Ich schüttelte den Gedanken ab. Nein. So war es nicht.“

Natürlich ist es genau SO.

Wir wissen das.
Der Roman von Hattie Williams fesselt mich aber nicht auf Grund der vorhersehbareren Entwicklung von Charlies Affäre, sondern mit psychologischer Genauigkeit. Die britische Autorin beschreibt nachvollziehbar und nachfühlbar, warum sich die junge Charlie dermaßen emotional in die Beziehung zu dem älteren Mann verstrickt.
Sie beschreibt, welche Verlustängst die mental instabile junge Frau quälen.

Für mich als erwachsener und (relativ) stabiler Mensch lesen sich ihre Naivität und Unsicherheit teilweise schmerzhaft und wecken ungute Erinnerungen an mein jüngeres Ich.

„Ich wollte locker und unkompliziert rüberkommen, ihm nicht zeigen, wer ich eigentlich war, ein nervöses Mädchen, das es allen recht machen wollte.“

Auch wenn ich die ganze Zeit weiß, wie sich die Geschichte entwickeln wird, war „Bittersüß“ für mich ein schöner Pageturner, den ich super gerne gelesen habe. Gerade die Einblicke in die Verlagsbranche haben mir sehr gefallen. Williams, die vor vielen Jahren nach einer Karriere als Musiker eher zufällig in der Branche gelandet ist und mittlerweile ein Literaturfestival ins Leben gerufen hat, bringt hier vermutlich auch viele eigenen Erfahrungen mit ein.

Mir hat auch die Leichtigkeit sehr gut gefallen, mit der Williams von dieser Beziehung erzählt, die das Potential hat, einen jungen Menschen zu zerstören. Ich finde, sie ordnet Charlies Verhalten und ihre Beziehung zu Richard sehr gut ein und zeigt deutlich die Mechanismen des großen Alters- und Machtgefälles.

„Bittersüß“ hat mich auf ansprechenden Niveau wirklich super gut unterhalten und ich würde mir auch ohne Zögern den zweiten Roman „BEGINNING. MIDDLE. END“ holen, den die Londoner Autorin bereits auf ihrer Webseite angekündigt hat.

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Toller Nachwenderoman!

Adlergestell
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Mit einem Auszug aus ihrem Debütroman “Adlergestell” war die Regisseurin und Autorin bereits zum Ingeborg-Bachmann-Preis 2025 eingeladen. Ich dachte eigentlich auch an einen Nominierung für die Longslist ...

Mit einem Auszug aus ihrem Debütroman “Adlergestell” war die Regisseurin und Autorin bereits zum Ingeborg-Bachmann-Preis 2025 eingeladen. Ich dachte eigentlich auch an einen Nominierung für die Longslist des Deutschen Buchpreises, denn ich fand „Adlergestell“ ist ein toller Nachwenderoman, der aus der Vergangenheit bis in unsere Gegenwart führt.
Der Titel bezieht sich übrigens nicht auf eine Verballhornung von Faberkastell, wie ich als Süddeutsche mit Allgemeinbildungslücken dachte, sondern auf die längste Straße Berlins. Sie verläuft im Bezirk Treptow-Köpenick und begleitet uns als Schauplatz in Laabs Roman durch die Zeitenwende.

An dieser Straße wächst Laabs Ich-Erzählerin und ihre Freundinnen Lenka und Chaline auf.

Zusammen knacken sie Kaugummi Automaten und spielen der Streiche aus der Telefonzelle. Es sind die 90er und der Mauerfall liegt noch nicht lange zurück.
Die Wende versprach für den Osten eine aufregende Zukunft, doch einige Jahre später ist von der Euphorie nicht mehr viel übrig.

„Kinder, deren Eltern plötzlich geschieden waren oder arbeitslos oder beides. Kleine Menschen mit großen Erwartungen, die absehbar zu großen Enttäuschungen werden würden.“

Laabs Roman ist multiperspektivisch aufgebaut, neben den längeren Passagen ihrer kindlichen und später erwachsenen Ich-Erzählerin schiebt sie immer wieder die Perspektiven von Frauen der Eltern- und Großelterngeneration. Tante Nora hat noch den Krieg erlebt, die Mutter von Chaline wurde als Leistungsturnerin von ihrem Trainer im DDR-System missbraucht, um nur zwei Einzelschicksale zu nennen.
Laabs blickt auf das Leben der Frauen, die mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen umgehen müssen.

„Erst hat die Mauer ihr Leben geteilt in ein Davor und ein Dahinter. Nun teilt der Fall der Mauer ihr Leben in ein Davor und ein Danach.“


Und die Ich-Erzählerin?
Sieht im Fersehen die poppigen Werbespots der 90er. Mit Fairy Ultra und Yogurette soll das Leben zum leichten Traum werden. Laabs zeigt entlarvend die kapitalistischen Werbelügen und Manipulation jener Zeit, die zum Konsum anregen, aber eigentlich nur Unzufriedenheit schüren.

Laabs verwendet immer wieder die Farben Rot, Grün und Blau. Es sind die Farben aus denen sich früher jedes Fernsehbild zusammensetzte. Und in die Farben Rot, Grün und Blau zerfallen die bunte Bilder wieder, wenn du zu nah ran gehst. Es sind die Farben, die du auch auf dem Cover wiederfindest.

„Oder waren wir selbst Geister? Waren wir bereits in unsere kleinsten Atome zerlegt, aufgelöst, verschwunden? Die Perlen trafen den Fußboden, schossen aus dem Zimmer und stürzten die Treppe hinunter - Blau, Rot und Grün - in die dunkle Tiefe. Ins Schwarz.“


Die Erzählerin wird erwachsen und verliert ihre Freundinnen aus den Augen, hat dafür Beziehungen mit Männern. Die Mutter am Adlergestell besucht sie selten.


Mir gefällt die konsequent weibliche Perspektive des Romans, so ganz im Kontrast zur historischen Geschichtsschreibung des Adlergestell, sehr.

„Es scheint, als hätte es nur Männer gegeben am Adlergestell. Doch beinahe unbemerkt schlugen sich auch Frauen hier durch die Geschichte.“

Die Geschichte der Ich-Erzählerin führt mich bis ins Heute, zu den aktuell brennenden Themen unserer Zeit.

Und die letzten Seiten erwischen mich noch so richtig.
„Wie ein Center Shock, mitten durchs Herz.“

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Atmosphärisch, rätselhaft und introspektiv

Dunkelholz
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Natalja Althauser ist Schauspielerin, Autorin und Regisseurin und nach einem Theaterstück und einem Sachbuch ist „Dunkelholz“ ihr erster Roman.
Aufmerksam wurde ich auf ihr Debüt natürlich (!) durch das ...

Natalja Althauser ist Schauspielerin, Autorin und Regisseurin und nach einem Theaterstück und einem Sachbuch ist „Dunkelholz“ ihr erster Roman.
Aufmerksam wurde ich auf ihr Debüt natürlich (!) durch das megaschöne Cover und den vielversprechenden Titel in der Verlagsvorschau.

Beides passt, wie ich finde, perfekt zu der dunklen und etwas rätselhaften Atmosphäre des Romans.

Zentrum des Romans ist eine Frau in einer Hütte im Wald. Eine Frau, die sich zum Nachdenken zurückgezogen hat und die die Einsamkeit sucht.
Für mich ist die Frau auch eine Mutter, die in einer schwierigen Beziehung zu ihrer Tochter steht und die darum kämpft sie nicht zu verlieren.
Oder hat sie sie schon verloren?

Althauser hat einen Roman geschrieben, der in vielen Punkten wenig konkret wird, sondern der sich ganz auf seine Atmosphäre und die Gefühlswelt seiner Ich-Erzählerin verlässt.

Für mich funktioniert das sehr gut, ich kann mir aber vorstellen, dass das vielleicht nicht für alle Leser*innen gilt.

So erfahre ich auch nicht genau, warum die Tochter der Erzählerin im Gefängnis ist. Aus den Rückblenden bekomme ich nur Bruchstücke, die sich nur zu einem vagen Bild zusammensetzten lassen.
Mehr erfahre ich von den Gefühlen der Frau, von ihrer Gedankenwelt und aus ihrer Vergangenheit.
Diese älteren Bruchstücke vermischen sich mit ihrem jetzigen Leben im Wald. Dort lebt sie nicht so abgeschieden wie sie dachte, sondern lernt einen Mann kennen.
Und auch ihr Mann Markus, der Vater ihrer Tochter, spielt in ihrem Leben noch immer eine wichtige Rolle, auch wenn sie sich getrennt haben.

Ebenfalls eine große Rolle spielt die Beziehung zu ihrer Tochter. Aus den Erinnerungen der Erzählerin erfahre ich von den großen Schwierigkeiten in der Pubertät des Mädchens und später der jungen Frau. Die Erzählerin fühlt sich als Mutter ungenügend und fragt sich nach ihrem Anteil am Schicksal ihrer Tochter. Hatte sie auf deren mentale Probleme und Versuche, sich von der Mutter abzugrenzen, nicht richtig reagiert? Hat sie den großen Graben zu verschulden, der jetzt zwischen ihnen liegt?

“Was gibt man auf, wenn man einen anderen Menschen in diese Welt setzt? Was bleibt? Worum ringt man in dem nagenden Wissen, nicht sein Bestes zu geben, nicht genügen zu können, egal, wie viel man gibt?”

Schön finde ich auch, wie sich die Beziehung zwischen der Frau und dem Mann im Wald entwickelt. Althauser zeigt an verschiedenen Stellen, dass Liebe und Verantwortung füreinander auch auf unkonventionellen Wegen und unerwartete Art gelebt werden kann.
Und das wir auf andere Menschen angewiesen sind und mit dem ständigen Spannungsfeld aus Gemeinschaft und dem Wunsch nach Unabhängigkeit zurecht kommen müssen.

Ich fand „Dunkelholz“ atmosphärische und gekonnt erzählt, würde es dir aber nur empfehlen, wenn du auch gerne viel Introspektion mit wenig konkreter Handlung liest.

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Krass abgefahren und dystopisch - ein klassischer Murata

Schwindende Welt
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Etwas konsterniert stelle ich beim Aufblättern von „Schwindende Welt“ fest, dass der „neue“ Roman von Sayaka Murata in Japan bereits 2015 erschienen ist. Er ist also im Werk der international renommierten ...

Etwas konsterniert stelle ich beim Aufblättern von „Schwindende Welt“ fest, dass der „neue“ Roman von Sayaka Murata in Japan bereits 2015 erschienen ist. Er ist also im Werk der international renommierten japanischen Schriftstellerin zeitlich vor den Romanen „Die Ladenhüterin“ und „Das Seidenraupenzimmer“ einzuordnen, die beide ebenfalls auf Deutsch erschienen sind.

Aber beim Lesen habe ich schnell bemerkt, dass das Erscheinungsjahr eigentlich egal ist, denn „Schwindende Welt“ ist ein typischer Murata und genauso zeitlos aktuell, wie die beiden anderen Romane, die ich kenne.

Und im Gegensatz zu „Die Ladenhüterin“ kratzt Murata in diesem „neuen“ Roman wieder hart an der Schmerzgrenze. Wenn du schon Texte von ihr gelesen hast, weißt du vielleicht, was ich meine…

Murata überschreitet einfach literarisch moralische und ethische Grenzen und macht sie so erst sichtbar. Ihre Geschichten sind teilweise grotesk und surreal abgefahren, dabei aber in einer heiteren, naiven Art erzählt, die selbst für asiatische Literatur ungewöhnlich ist.


In „Schwindenden Welt“ hat sich die Gesellschaft dahingehend weiterentwickelt, dass Menschen nur noch durch künstliche Befruchtung gezeugt werden. Sex gilt als überholt, und gilt zwischen einem verheirateten Paar als Inzest.


„Schwangerschaft und Geburt erfolgen, losgelöst von den Bedingungen der romantischen Liebe, mittels wissenschaftlicher Methoden.“


Muratas Ich-Erzählerin ist entsetzt, als sie herausfindet, dass sie selbst das Ergebnis eines primitiven Aktes ihrer Mutter ist und widernatürlich gezeugt wurde.
Als Amane heranwächst entdeckt sie allerdings ihre Lust am der körperlichen Liebesakt, wobei es ihr schwerfällt zwischen Masturbation zu einer Fantasiefigur und dem realen Akt mit einem Mann zu unterscheiden.
Ihre Sexpartner sind durch den Akt, den sie nur Amane zuliebe vollzogen haben, allerdings meistens verstört.

Murata dekliniert hier durch, wie willkürlich und veränderlich das ist, was in unserer Gesellschaft als normal angesehen wird, v.a. in sexueller Hinsicht.

„Egal wo ich bin, macht mich der Gedanke, normal zu sein, völlig verrückt. Normalität ist der schrecklichste Wahnsinn, den es gibt. Meinst du nicht auch?«“


Ich würde sagen, das ist eines der wiederkehrenden Hauptthemen in Muratas Roman. Amane wechselt dann im Laufe des Romans mit ihrem Mann in eine noch weiter entwickelte Gesellschaft namens “Experimenta” und wird dort mit ihren verdrängten Kindheitsprägungen durch ihre Mutter konfrontiert.

Wieder muss Amane sich an eine neue Definition von “normalen” gesellschaftlichen Zusammenleben anpassen.

Der ganze Roman ist stark durchdrungen vom Thema Sexualität und dem Verschwinden von sexueller Intimität aus dem Zusammenleben.

Murata greift hier das vor allem in Japan seit den 2010er Jahren in den Medien diskutierte „Zölibatssyndrom“ auf. Fast 50 Prozent der Frauen zwischen 16 und 24 Jahren hätten laut offizieller Erhebung kein Interesse an intimen Beziehungen und würden sexuelle Kontakte sogar ablehnen (Quelle: Wikipedia)
In “Schwindende Welt” gilt es als Weiterentwicklung, romantische Liebe mit virtuellen Figuren zu finden. Die Kleinfamilie ist ohne Sex ebenfalls dabei sich auszulösen und die Gesellschaft in Muratas Roman entwickelt sich immer mehr zu einem Zusammenschluss aus genderneutralen Individuen, die allerdings keinerlei Individualität mehr besitzen.

Muratas Stil würde ich als eher schlicht und naiv distanziert bezeichnen, was aber die Trennung der Menschen von ihren Gefühlen unterstreicht. Auch Amane und ihre Freundinnen sind durch ihre emotionale Abspaltung gekennzeichnet.
Und Murata treibt die verdrehte Logik und die Handlung, die dadurch entsteht, bewusst auf die Spitze.
Das ist schon manchmal krass grenzwertig, abgefahren und zeigt wie starr auch meine eigenen Vorstellungen von Familie und Sexualität sind.

Für Murata-Fans ist der Roman definitiv ein Muss, für Einsteiger
innen empfehle ich lieber “Die Ladenhüterin” für den sanfteren Einstieg.

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