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Veröffentlicht am 09.11.2025

Eine vielschichtige Familiengeschichte voller Geheimnisse

Das Flüstern der Marsch
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MEINE MEINUNG
In ihrem neuen Roman „Das Flüstern der Marsch“ erzählt Katja Keweritsch die vielschichtige und bewegende Familiengeschichte der Hanssens in der norddeutschen Marsch, die sich über mehrere ...

MEINE MEINUNG
In ihrem neuen Roman „Das Flüstern der Marsch“ erzählt Katja Keweritsch die vielschichtige und bewegende Familiengeschichte der Hanssens in der norddeutschen Marsch, die sich über mehrere Generationen erstreckt.
Die kunstvoll auf wechselnden, verschachtelten Zeitebenen angelegte Handlung entfaltet ein spannungsvolles Wechselspiel aus sorgsam gehüteten Geheimnissen und erstaunlichen Enthüllungen. Der lebendige und einfühlsame Schreibstil der Autorin fesselt und lädt zum mühelosen Eintauchen in die fein gesponnene Familiengeschichte ein, die mit wachsender Dynamik und zunehmender Dramatik an Intensität gewinnt.
Eindrucksvoll und lebensnah schildert die Autorin Episoden aus dem Leben der Frauen rund um die Familie Hanssen, deren Schicksale von verborgenen Verletzungen, tiefen Traumata und folgenreichen Entscheidungen nachhaltig geprägt sind. Ob nun Enkelin Mona, Onkel Stefans Frau Janne, Großmutter Annemie oder Freya, deren Rolle in der Geschichte erst allmählich aufgedeckt wird- sie alle sind in den Zwängen familiärer Erwartungen, moralischer Normen, gesellschaftlicher Konventionen und zeitgenössischer Frauenbilder gefangen und kämpfen auf jeweils eigene Weise um ein selbstbestimmtes Leben als Frau und Mutter. Geschickt verwebt die Autorin in Rückblenden und Perspektivwechseln die unterschiedlichen Generationen der Familie und ihre Lebenswege zu einer fesselnden Erzählung, in der Vergangenheit und Gegenwart eindrucksvoll ineinanderfließen und sich miteinander verbinden.
Die Handlung beginnt mit dem rätselhaften Verschwinden von Annemie, der Großmutter der Protagonistin und Ich-Erzählerin Mona, kurz vor dem 80. Geburtstag ihres Großvaters Karl. Während Karl die mehrtägige Abwesenheit seiner Frau gelassen hinnimmt, wächst in Mona die Sorge, und sie beschließt, den Hintergründen für das Verschwinden nachzugehen. Je intensiver Mona sich mit den Schatten der Vergangenheit auseinandersetzt, desto deutlicher wird die Fragilität der scheinbaren Familienidylle. Bei ihrer Spurensuche deckt sie nicht nur zahlreiche verborgene Ereignisse auf, sondern enthüllt schließlich ein jahrzehntelang gehütetes Geheimnis, das Annemie mit aller Macht und fatalen Folgen über die Jahre vor allen verborgen hielt.
Äußerst anschaulich und stimmungsvoll gelingt es Keweritsch, die einzigartige Landschaft der norddeutschen Marsch sowie das vielfältige Flair der verschiedenen Handlungsorte darzustellen. Der Zauber der beeindruckenden Natur und die Härten des Lebens in der Marsch werden nahezu spürbar. Atmosphärisch dicht zeichnet die Autorin das dörfliche Gemeinschaftsleben und soziale Gefüge in der Marsch nach, das sich als ein komplexes Geflecht aus Zusammenhalt und Schweigen erweist. Eindrucksvoll fängt sie einen faszinierenden Mikrokosmos aus engen sozialen Banden, versteckten Spannungen und unausgesprochenen Geheimnissen ein. Die Verknüpfung der unverwechselbaren Atmosphäre der norddeutschen Landschaft mit der spannungsvollen Handlung um das Verschwinden der Großmutter und den vielfältigen Dramen der Familie ist der Autorin hervorragend gelungen.
Die einfühlsame und vielschichtige Figurenzeichnung macht die Protagonistinnen lebendig und glaubhaft. Facettenreich arbeitet Keweritsch deren innere Dämonen, Verletzlichkeiten sowie ihre Stärken und Sehnsüchte heraus, sodass man sich gut in ihre Motive und Handlungen hineinversetzen kann. Besonders eindringlich veranschaulicht sie die Zerrissenheit zwischen Verbundenheit und Distanz, dem Wunsch nach Nähe und dem fatalen Drang zu Schweigen und Vertuschen. Behutsam zeigt sie auf, wie der Druck zur Anpassung in der dörflichen Enge sowie Sprachlosigkeit, Unverständnis und Verbitterung die Figuren verzweifeln lassen und die familiären Bindungen bis in die nächsten Generationen schwer belasten. Besonders gelungen ist das berührende Porträt von Annemies weiblicher Lebensrealität zwischen gesellschaftlichen Zwängen und individuellem Freiheitswillen.
Fesselnd ist es mitzuerleben, wie die Autorin einfühlsam die komplexen Beziehungsgeflechte zwischen den Generationen offenlegt und Schritt für Schritt lange verborgene Familiengeheimnisse enthüllt. Jede neue Erkenntnis fügt sich als kleines, aber entscheidendes Fragment in das vielschichtige Familienmosaik ein und macht die tiefreichenden, oft erschütternden Konsequenzen eindrucksvoll sichtbar. 
Trotz ihrer emotionalen Intensität wirkt die Auflösung leider an einigen Stellen vorhersehbar und verliert dadurch einen Teil des psychologischen Tiefgangs, der den Rest der Geschichte so lebendig und facettenreich erscheinen lässt.

FAZIT
Eine bewegende und fesselnde Familiengeschichte, die durch seinen einfühlsamen Erzählstil, vielschichtige Figuren und ein spannendes Geflecht aus Geheimnissen und Enthüllungen überzeugt.

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  • Handlung
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Veröffentlicht am 12.10.2025

Ein feinfühliges Frauenporträt

Ja, nein, vielleicht
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MEINE MEINUNG

In ihrem aktuellen Roman „Ja, nein, vielleicht“ widmet sich die österreichische Autorin Doris Knecht erneut dem Leben ihrer namenlos bleibenden Protagonistin – einer geschiedenen, alleinerziehenden ...

MEINE MEINUNG

In ihrem aktuellen Roman „Ja, nein, vielleicht“ widmet sich die österreichische Autorin Doris Knecht erneut dem Leben ihrer namenlos bleibenden Protagonistin – einer geschiedenen, alleinerziehenden Mutter in ihren späten Fünfzigern, die sich nach dem Auszug ihrer Kinder in einem neuen Lebensabschnitt als alleinstehende „empty nester“ wiederfindet. Mit großer Authentizität und feinem Gespür für Zwischentöne schildert die Autorin den Prozess des Neuanfangs im Leben einer Frau, die sich mit ungeahnten Freiräumen konfrontiert sieht. Für die Protagonistin beginnt eine Zeit ohne die gewohnten Verpflichtungen, die nach außen hin von Ruhe und Gelassenheit geprägt scheint, in der sich jedoch neue Perspektiven, Chancen und vor allem persönliche Freiheit eröffnen. Zwischen Wehmut, inneren Zweifeln und vorsichtiger Zuversicht sucht sie nach einem neuen Selbstverständnis. Doch ihre neu gewonnene Unabhängigkeit wird schon bald durch unerwartete Ereignisse auf die Probe gestellt. So sieht sie sich gezwungen, sich nicht nur der komplexen Familiendynamik und grundlegenden Fragen zu ihrer Zukunft auseinanderzusetzen, sondern auch mit dem unausweichlichen Folgen des Älterwerdens und der eigenen Vergänglichkeit.

Der Roman entfaltet sich in kurzen, fragmentarischen Episoden, die das vielschichtige Leben der Ich-Erzählerin eindringlich erfahrbar machen. Die Protagonistin trägt dabei unverkennbar gewisse Züge der Autorin selbst.

Wir begleiten sie durch ihren Alltag, nehmen Anteil an ihren Erinnerungen und erleben ihr oft chaotisches Innenleben hautnah mit. Mit feinem Humor und einer ordentlichen Portion Selbstironie gewährt sie schonungslos Einblicke in ihre Selbstzweifel, Fehler, Verletzlichkeiten und Widersprüchlichkeiten. Die überraschende Begegnung mit Friedrich, einer alten Liebe, stellt die Protagonistin zudem vor die Frage, ob sie ihre Unabhängigkeit für eine neue Beziehung aufs Spiel setzen möchte. Während ihrer Suche nach Klarheit und neuen Gewissheiten gewinnt die komplex angelegte Protagonistin wertvolle Erkenntnisse über sich selbst, ihre veränderten Bedürfnisse und das Älterwerden. Knecht versteht es hervorragend, essentielle Lebensfragen in kleinen Alltagsbeobachtungen widerzuspiegeln und die Vielschichtigkeit weiblicher Selbstbestimmung im späteren Lebensabschnitt auszuloten.

Der Roman lebt somit weniger von unerwarteten Wendungen, sondern überzeugt durch feinsinnige, nuancierte Betrachtungen des Alltagslebens und regt nachhaltig zum Nachdenken über das eigene Leben an.

FAZIT
Ein feinfühliger und tiefgründiger Roman über das Loslassen, die Suche nach Selbstbestimmung und die Chancen des Neuanfangs – leise, humorvoll und voller lebensnaher Beobachtungen. Ein authentisches, facettenreiches Porträt einer Frau, die sich zwischen Vergangenheit und Zukunft, Bindung und Freiheit neu ausrichtet.

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Veröffentlicht am 30.08.2025

Ein berührender Roman voller Musik

Strandgut
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MEINE MEINUNG
In seinem neusten Roman „Strandgut“ erzählt der mehrfach ausgezeichnete britische Autor Benjamin Myers eine herzerwärmende, humorvolle und zugleich tiefgründige Geschichte über ungewöhnliche ...

MEINE MEINUNG
In seinem neusten Roman „Strandgut“ erzählt der mehrfach ausgezeichnete britische Autor Benjamin Myers eine herzerwärmende, humorvolle und zugleich tiefgründige Geschichte über ungewöhnliche Freundschaften, Schicksalsschläge, das Älterwerden und zweite Chancen selbst in späten Lebensjahren.
Zugleich hat der Autor mit seinem feinfühlig erzählten Roman eine beeindruckende Hommage an die Magie und heilende Kraft von Musik verfasst.
Im Mittelpunkt der berührenden Geschichte steht Earlon „Bucky“ Bronco, ein über siebzigjähriger, vom Leben gezeichneter Soulsänger aus Chicago, der als Teenager zwei Soul-Hits für eine lächerlich geringe Einmalzahlung aufgenommen hat und dem durch tragische Umstände eine Musikkarriere verwehrt blieb. Nach dem kürzlichen Tod seiner geliebten Frau Maybellene ist er in Apathie versunken und hält seine Schmerzen mit Opioiden in Schach. Völlig unerwartet erhält Bucky eine Einladung zu einem Soul-Festival im nordenglischen Badeort Scarborough, wo er ein Comeback-Konzert geben soll.
Was er nicht ahnt, ist, dass seine alten Songs unter Großbritanniens Soul-Fangemeinde inzwischen Kultstatus genießen.

Gleich zu Beginn haben mich die faszinierende, beinahe nostalgisch angehauchte Atmosphäre dieser Erzählung und ihre subtile Melancholie in ihren Bann gezogen. Mit seinem entschleunigten, sehr poetischen Schreibstil ist Myers ein Meister der leisen Töne und feinen Nuancen. Mit detailreichen Schilderungen fängt er nicht nur gekonnt die raue Schönheit der nordenglischen Küstenlandschaft und Natur ein, sondern auch das komplexe Innenleben seiner Charaktere.
Myers versteht es hervorragend, seine Figuren und ihre Lebenswege mit wenigen Strichen lebendig und glaubwürdig zu zeichnen. Ihm gelingt es, die Gefühle und Stimmungen seiner Figuren und ihre innere Entwicklung authentisch und einfühlsam zu vermitteln. Ob nun Bucky in seiner beklemmenden Verlorenheit und Drogenmissbrauch, dessen tragische Vergangenheit erst nach und nach enthüllt wird, oder Dinah, einer vom Leben ebenfalls völlig desillusionierten Supermarktkassiererin und großem Fan von Buckys Songs, - sie alle sind vielschichtige Persönlichkeiten, die mit ihrer Herzlichkeit, ihrem feinsinnigen Humor und ihren Dämonen gleichermaßen berühren und dem Roman eine besondere emotionale Tiefe verleihen.

Beeindruckend ist es mitzuerleben, wie Buckys Begegnung mit Dinah sich allmählich zu einem Wendepunkt für beide entwickelt: Sie schenken einander Halt und schöpfen neue Hoffnung. Myers gelingt es dabei, ihre bedrückende Einsamkeit eindrucksvoll zu vermitteln und das Gefühl, am Rand der Gesellschaft gestrandet zu sein, für uns sehr greifbar zu machen.
Besonders gefallen hat mir, wie einfühlsam und detailreich Myers die faszinierende Welt des Northern Soul und ihre leidenschaftliche Fangemeinde porträtiert – eine Subkultur, die mir zuvor völlig fremd war. Seine Verbundenheit und Begeisterung für die Musik sind auf jeder Seite spürbar.

Mit großer Sensibilität zeigt Myers in seiner bewegenden und nachdenklich stimmenden Geschichte, wie Musik, Freundschaft und wertvolle Erinnerungen dabei helfen können, die dunklen Seiten des Lebens und den grauen Alltag zu überwinden. Er schließt den Roman mit der ermutigenden Botschaft, dass es niemals zu spät ist, einen Neuanfang zu wagen.

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Bemerkenswerte Einblicke

Sputnik
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MEINE MEINUNG
Mit seinen beiden autofiktionalen Romanen „Der Apfelbaum“ und „Ada“ hat sich der bekannte Schauspieler Christian Berkel auf ein sehr ambitioniertes und zutiefst persönliches Projekt eingelassen, ...

MEINE MEINUNG
Mit seinen beiden autofiktionalen Romanen „Der Apfelbaum“ und „Ada“ hat sich der bekannte Schauspieler Christian Berkel auf ein sehr ambitioniertes und zutiefst persönliches Projekt eingelassen, das uns tief in die eindrucksvolle und bewegende Geschichte seiner Familie eintauchen lässt. Sehr eindrucksvoll hat er seine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und seinen persönlichen Erfahrungen mit den dramatischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts und der deutschen Zeitgeschichte verwoben.
Mit „Sputnik“, dem dritten Band seiner Familien-Trilogie, knüpft Berkel an sein bisheriges Werk an und nimmt nun seine eigene Biografie zum Ausgangspunkt, um auf die prägenden Jahre seiner Kindheit und Jugend zurückzublicken. Er bleibt seinem mitreißenden Erzählstil treu und versteht es erneut, autobiografische Elemente gekonnt mit literarischer Fiktion zu einer abwechslungsreichen, atmosphärisch dichten Geschichte zu verflechten. Aus zahlreichen Erinnerungen und Anekdoten setzt er in seiner faszinierenden Rückschau ein facettenreiches Bild seiner Familiengeschichte und seines persönlichen Werdegangs zusammen.
Mit viel Gespür und erzählerischem Feingefühl berichtet Berkel mal humorvoll, mal melancholisch und bisweilen poetisch von seiner innere Zerrissenheit, dem Aufbruch ins eigene Leben und schließlich dem schmerzhafte Prozess der Loslösung von seiner Herkunftsfamilie. Besonders detailreich und lebendig gelingt es ihm, die besondere Atmosphäre der Nachkriegszeit, das Flair der Pariser Bohème und die deutschen Theaterwelt der 1970er Jahre einzufangen.
Angeregt vom symbolträchtigen Ereignis des 4. Oktober 1957, an dem der erste Satellit Sputnik ins All startet, erhält der kurz darauf geborene Protagonist den Spitznamen Sputnik (russisch für Begleiter). Im ersten Teil des Romans gewährt Berkel aufschlussreiche Einblicke in seine Kindheit in West-Berlin, die von den Erzählungen seiner traumatisierten Mutter Sala geprägt ist. Ihre ganz eigene Sicht auf die Wirklichkeit formt das Familienleben, während die Bücher seines Vaters Otto, ihm eine Welt voller Geschichten eröffnen. Immer wieder stößt Berkel in seinem Umfeld auf das Schweigen über die Verbrechen der NS-Zeit und nimmt als Kind die Spannungen und unausgesprochenen Konflikte innerhalb der Familie sehr sensibel wahr. Er begreift das Leben wie ein großes Theater, in dem jeder eine Rolle zu spielen scheint – für ihn vielleicht die einzige Möglichkeit, die Welt zu verstehen.
Besonders fesselnd ist der 2. Abschnitt, in dem Berkel als Jugendlicher schließlich das Weite sucht und bei einer Gastfamilie in Paris lebt. Frankreich wird für ihn zum befreienden Gegenpol zur Schwere der Familiengeschichte und des kollektiven Traumas. Dort erlebt er eine Zeit voller Leichtigkeit, Freiheit und kulturellen Offenheit und taucht ein in die inspirierende Welt der Literatur, des Theaters, der Musik und der Sprache. Spannend ist es mitzuerleben, wie seine Jugendzeit ihm neue Perspektiven eröffnet und es ihm ermöglicht, sich als Schauspieler auszuprobieren, neue Beziehungen zu knüpfen, die Facetten von Liebe und Begehren zu erforschen und schließlich eine eigene Identität zu finden.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland begleiten wir den gereiften Sputnik weiter durch sein bewegtes Leben. An seiner Seite tauchen wir ein in die intellektuelle Szene der 68-Bewegung und erleben die pulsierende, experimentierfreudige Theaterlandschaft der 1970er Jahre, die sich in von revolutionärer Aufbruchstimmung geprägt ist. Wir nehmen Anteil an seiner Suche nach Identität, seinem Austesten von Rollen, neuen Lebensentwürfen und Drogen sowie an der intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Inmitten großer gesellschaftlicher und politischer Umbrüche setzt er eingehend mit der deutschen Nachkriegszeit auseinander und reflektiert über Schuld und Verantwortung.
Auch wenn mich im letzten Teil einige, etwas übersteigerte Episoden etwas weniger angesprochen haben, gelingt es Berkel doch mit großem Gespür für Atmosphäre den Bogen zu seinem Einstieg zu schlagen und die zahlreichen Mosaiksteinchen seiner persönlichen Reflexionen und Erinnerungen zu einer bewegenden, lebendigen Gesamtschau zu verdichten.
Seine faszinierende Reise in die Vergangenheit zeigt eindrucksvoll, dass wir ohne das Wissen um unsere Geschichte nie wirklich begreifen können, wer wir sind.
FAZIT
Ein berührendes und vielschichtiges Porträt einer bewegten Zeit und eines bewegten Lebens.
Eine empfehlenswerte Lektüre – auch wenn sie etwas an erzählerische Spannung vermissen lässt und nicht ganz an die Originalität der Vorgängerromane heranreicht.

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Veröffentlicht am 17.08.2025

Ein vielversprechendes Debüt

Im Leben nebenan 
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MEINE MEINUNG
Anne Sauers Debütroman „Im Leben nebenan“ entfaltet ein faszinierendes, vielschichtiges Gedankenexperiment über die Kraft unterschiedlicher Lebensentwürfe und deren Einfluss auf unser persönliches ...

MEINE MEINUNG
Anne Sauers Debütroman „Im Leben nebenan“ entfaltet ein faszinierendes, vielschichtiges Gedankenexperiment über die Kraft unterschiedlicher Lebensentwürfe und deren Einfluss auf unser persönliches Glück und Selbstverständnis. Eindrucksvoll beleuchtet sie das bedeutsame Thema Mutterschaft und Selbstbestimmung sowie die verschiedenen Facetten des Frauseins in einer Gesellschaft, die immer noch klare und teilweise widersprüchliche Erwartungen an Frauen stellt.
Im Mittelpunkt steht die 30-jährige Toni, die in einer langjährigen Beziehung lebt und ein scheinbar erfülltes Großstadtleben führt – wäre da nicht der fortwährende Schatten eines unerfüllten Kinderwunsches, der ihren Alltag zunehmend trübt. Eines Morgens findet sie sich jedoch nicht mehr in ihrer gewohnten Realität wieder, sondern im „Leben nebenan“ in einer anderen Version ihrer selbst. Als Antonia lebt sie in ihrem Heimatdorf, ist mit ihrer Jugendliebe Adam verheiratet und Mutter eines Neugeborenen - jedoch ohne Erinnerung an ihr früheres Leben.
Sauer erzählt in parallelen, sich abwechselnden Handlungssträngen von Toni und ihrer alternativen Lebensversion Antonia, lässt uns schrittweise in zwei Welten eintauchen und schafft so atmosphärisch dichte Einblicke in die vielfältigen Herausforderungen beider Lebensrealitäten. Dabei gelingt ihr eine differenzierte und glaubwürdige Auseinandersetzung mit den Herausforderungen, Krisen, Wünschen und Zwängen von Mutterschaft und Kinderlosigkeit, traditionellen Rollenbildern und modernen Partnerschaften – stets frei von Verklärung oder Überdramatisierung. Dabei rückt der Roman zugleich universelle Fragen nach Identität, Entscheidungsfreiheit und Selbstakzeptanz in den Fokus. Durch die gelungene Gegenüberstellung von zwei Lebensentwürfen ohne eine Wertung wird die Kluft zwischen dem realen und dem möglichen Leben zum Spiegel, in dem Wunsch und Wirklichkeit, Herausforderungen und schöne Momente auf eindrückliche Weise miteinander konkurrieren.
Die Autorin hat mit Toni und Antonia zwei glaubwürdige und, lebensnahe Charakteren geschaffen.
Sauer gelingt es hervorragend, die inneren Konflikte und ambivalenten Emotionen der Protagonistinnen lebendig werden zu lassen. Indem sie uns tief in die Gedankenwelt der beiden Frauen eintauchen lässt, macht sie ihren Alltag im Spannungsfeld von Erschöpfung, Überforderung und tiefer Verunsicherung sehr nachvollziehbar. So erhalten wir bewegende und tiefgründige Einblicke in weibliche Lebenswirklichkeiten.
Mit Feingefühl erkundet Sauer außerdem den oft unterschwelligen Druck gesellschaftlicher Normen und wirft behutsam die Frage auf, wie sehr sich persönliches Glück von den Vorstellungen anderer unterscheiden kann.
ZUM HÖRBUCH
Die Hörbuchfassung wird gelesen von Sprecherin und Schauspielerin Chantal Busse. Durch ihre klare, junge und einfühlsame Stimme gelingt es ihr, die vielschichtigen Nuancen der Protagonistinnen und ihre inneren Konflikte lebendig und glaubwürdig zu transportieren. Jede Figur erhält durch die einfühlsame Interpretation eine authentische Persönlichkeit, indem sie ihre Emotionen, Erinnerungen und Verletzlichkeiten fein herausgearbeitet werden.
Dank der dynamischen, abwechslungsreichen Vortragsweise versteht es Busse, die unterschiedlichen Perspektiven klar voneinander abzugrenzen und die Geschichte besonders intensiv erlebbar zu machen.
Insgesamt bietet diese Hörbuchfassung aber eine sehr gelungene, atmosphärische Umsetzung, die sich durch die exzellente Sprecherleistung auszeichnet.
FAZIT
Ein vielschichtiger und berührender Debüt-Roman, der zum Nachdenken über die Komplexität von Lebensentscheidungen und die Vielschichtigkeit von Mutterschaft anregt und dazu ermuntert, das individuelle Glück jenseits gesellschaftlicher Schablonen zu suchen.

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