(Üb)erfülltes Leben
Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen„Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ ist ein unglaublich ehrliches und mutiges Buch!
Als ihr Mann stirbt, nimmt Christien Brinkgreve, eine emeritierte Professorin für Soziologie ihre Vergangenheit unter ...
„Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ ist ein unglaublich ehrliches und mutiges Buch!
Als ihr Mann stirbt, nimmt Christien Brinkgreve, eine emeritierte Professorin für Soziologie ihre Vergangenheit unter die Lupe, allem voran die Beziehung zu ihrem Mann, die ihr Leben maßgeblich bestimmt hat. Obwohl sie beruflich erfolgreich war und ihr eigenes soziales Netzwerk hatte, kam sie kaum gegen ihren Mann an, seine Dominanz, Stimmungsschwankungen und zum Teil das ihr gegenüber beschämende und verletzende Verhalten. Nichtsdestotrotz entschied sie sich dazu, Jahrzehnte lang an seiner Seite zu leben. Die Gründe hierfür legt die Autorin in ihren Memoiren offen.
Christien Brinkgreve ordnet ihre Erinnerungen während sie das gemeinsame Haus aufräumt, dessen Zustand ihr Eheleben widerspiegelt. Zeitweise war es „das Haus von Leuten, die es aufgegeben hatten, Ordnung zu halten, die Dinge im Griff zu haben, einen Ort zu schaffen, an dem man sich gerne aufhielt.“ (S. 10) Es verlor seine Schönheit, wurde vernachlässigt und entwickelte sich schließlich zu einem Ort, an dem man eher vorbei einander als miteinander lebte. Nach dem Tod ihres Mannes versucht die Autorin, ihren Platz im gemeinsamen Haus bewusst einzunehmen.
Das Besondere an dem Buch ist, dass die Autorin mit ihrer Geschichte zeigt, dass der Neuanfang auch im späteren Leben möglich ist, wenn man der Wahrheit ins Gesicht sieht, die Muster entlarvt, deren Gefangene man lange Zeit war. Mit der Aufräumarbeit im Inneren und im Äußeren wird eine Schicht nach der anderen frei gelegt, man findet zu sich selbst, kann sich neu definieren.
Die Ereignisse werden nicht wirklich chronologisch erzählt. Man hat den Eindruck, dass man einer durchdachten und gefühlvollen Reflexion einer weisen Frau folgen darf, die beschlossen hat, die Karten offen zu legen, um sich dadurch von der Last der Vergangenheit zu befreien. Als Leser fühlt man mit der Protagonistin mit und überdenkt dabei all die Konventionen, nach denen die Frauen früher gelebt haben und zum Teil immer noch leben.
Das Buch zeigt eindrucksvoll, was für eine Herausforderung es für Frauen ist, ihren selbstbestimmten Platz innerhalb der Familie und der Gesellschaft zu finden. Christien Brinkgreve gesteht ihre Fehler ein, zeigt uns, worauf wir unseren Blick richten könnten und ermutigt, für sich selbst einzustehen.
Ich habe das Buch sehr gern gelesen, Neues über Dynamiken in Beziehungen gelernt und im Nachhinein auch über die Wirkung der Räume, in denen wir leben, nachdenken müssen.