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Veröffentlicht am 22.01.2026

Schonungslos, intensiv und berührend!

Im Leben nebenan
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"Im Leben nebenan" ist ein beeindruckendes Romandebüt, das ein schwieriges und zum Teil tabubehaftetes Thema ins Visier nimmt: die Zerrissenheit der Frauen, die sich in ihrer Mutterrolle nicht unbedingt ...

"Im Leben nebenan" ist ein beeindruckendes Romandebüt, das ein schwieriges und zum Teil tabubehaftetes Thema ins Visier nimmt: die Zerrissenheit der Frauen, die sich in ihrer Mutterrolle nicht unbedingt wiederfinden! Der Schmerz von Antonia, der fehlende emotionale Zugang zu ihrem Baby, das Unverständnis ihrer Umgebung - all das war eine große Portion Ehrlichkeit in der Darstellung der Mutterrolle, von der wir überwiegend nur die Sonnenseite präsentiert bekommen.
Das Konzept, das dem Roman zugrunde lag - der Vergleich zwischen zwei Lebensentwürfen derselben Frau - war unglaublich spannend und trug sicherlich bei vielen Lesern dazu bei, alles genauer zu betrachten und die herrschenden Vorurteile gegen bestimmte Entscheidungen zu überdenken.
Die Sprache war klar und wirkte neutral. Der Leser wurde nicht manipuliert, sich auf eine Seite zu stellen und für eins der Lebenskonzepte zu entscheiden. Kein Gegeneinander, kein Entweder - Oder, sondern ein Verständnis füreinander. Dies ist vor allem der sensiblen und emphatischen Erzählweise zu verdanken.
Das Buch ist keine leichte Lektüre, u.a. im Hinblick auf den unerfüllten Kinderwunsch von Toni und die Distanziertheit, die Antonia ihrem Baby gegenüber an den Tag legt. Nichtdestotrotzt brauchen wir Bücher wie diese, um ein ehrliches Bild der Mutterschaft zu zeichnen.
"Im Leben nebenan" ist schonungslos, intensiv, aber auch sehr berührend!

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Veröffentlicht am 30.08.2025

Neuanfang

Das glückliche Leben
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„Das glückliche Leben“ war eins meiner Urlaubsbücher. Ich kannte bereits zwei Romane des Autors und hoffte auf eine große Dosis französischer Leichtigkeit in einem Unterhaltungsroman verpackt.

Die Geschichte ...

„Das glückliche Leben“ war eins meiner Urlaubsbücher. Ich kannte bereits zwei Romane des Autors und hoffte auf eine große Dosis französischer Leichtigkeit in einem Unterhaltungsroman verpackt.

Die Geschichte rund um die beiden Hauptfiguren Éric und Amélie hat mir auf jeden Fall vergnügliche und gleichzeitig nachdenkliche Lesestunden beschert. Vor allem im Hinblick auf die Neuausrichtung des Lebens und den Lebenssinn gab sie mir einige Denkanstöße.

Éric und Amélie, beide Anfang 40, ehemalige Schulfreunde, arbeiten eine Weile zusammen, bis Eric während einer Dienstreise nach Korea alles über den Haufen wirft und sein Leben von Grund auf umkrempelt. Schuld daran ist ein koreanisches Ritual, dem er sich unterzieht und bei dem er seine eigene Beerdigung durchlebt. Das lässt ihn plötzlich seine Prioritäten anders setzen, weil er spürt worauf es im Leben ankommt. Nach einer kurzen Auszeit importiert er die Idee nach Frankreich und wagt einen Neuanfang. Wir erleben auch Amélies Höhen und Tiefen, ihre Gefühlslage und den tiefen Schmerz der Desillusionierung.

Obwohl sich der Roman tiefgründigen und existenziellen Themen widmet, liest er sich leicht und wirkt nicht bedrückend. Die Beschäftigung mit der Endlichkeit des Lebens weckt bei Éric und Amélie die Lebensfreude, lässt sie proaktiv handeln und ihr Glück in die Hand nehmen. Der Optimismus der beiden Protagonisten ist ein großer Mehrwert für den Leser, der vielleicht auch sein Leben überdenkt und hier durchs Schlüsselloch zusehen kann, wie andere ihre Probleme meistern.

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Veröffentlicht am 05.03.2026

Ehekrise

Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
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„Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?“ von Wencke Mühleisen erzählt die Geschichte von Jan und Erika, beide 65 Jahre alt und vor der Frage stehend, wie es nun mit ihrer Ehe weitergeht.

Jan hat ...

„Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?“ von Wencke Mühleisen erzählt die Geschichte von Jan und Erika, beide 65 Jahre alt und vor der Frage stehend, wie es nun mit ihrer Ehe weitergeht.

Jan hat nämlich seiner Frau im Italien-Urlaub eröffnet, dass er eine Affäre mit der 15 Jahre jüngeren Marie hat. Obwohl die Beziehung der beiden in den letzten Jahren eher lieblos und eintönig war und das Paar resigniert Seite an Seite lebte, löst dieses Eingeständnis ein großes Gefühlchaos bei Erika aus. Sie verliert sich in Gedankenspiralen rund um ihren Betrug vor 20 Jahren, wirkt verzweifelt, hat Rachegedanken, spürt aber gleichzeig Sehnsucht nach Liebe. Ihre ganze Welt kreist um ihren Mann, sie lässt kaum den Gedanken an einen Neuanfang ohne ihn zu.

Leider fehlt der Geschichte aus meiner Sicht der Perspektivwechsel, trotzt nachvollziehbarer innerer Kämpfe der Protagonistin. Sie dreht sich im Kreis, die Handlung schreit kaum voran. Mich deprimierte diese Stagnation, da das farbenfrohe, optimistisch wirkende Cover das Gegenteil versprach. Erikas Figur wirkte einseitig und unzugänglich. Stellenweise fühlte man auch eine große Distanz zu der Figur, z.B. bei den immer wieder ausufernden und abwertenden Beschreibungen von Marie. Auch das vage, offene Ende war für mich enttäuschend.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Toxische Beziehungen

Half His Age
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„Half his age“ von Jennette Mc Curdy ist unglaublich direkt und provokativ.

Im Zentrum der Geschichte steht Waldo, eine 17-jährige, die sich zum Ziel gemacht hat, eine Beziehung mit ihrem verheirateten ...

„Half his age“ von Jennette Mc Curdy ist unglaublich direkt und provokativ.

Im Zentrum der Geschichte steht Waldo, eine 17-jährige, die sich zum Ziel gemacht hat, eine Beziehung mit ihrem verheirateten Collage-Lehrer Mr. Korgy einzugehen. Nicht dass sie besonders verliebt in ihn wäre, er wurde eher eine Art Herausforderung, die sich zu einer Obsession entwickelte.

Die Charaktere sind gut gezeichnet. Man baut jedoch keine Beziehung zu ihnen auf. Sie wirken abstoßend, was vermutlich die Faszination hervorrufen sollte. Waldo ist in ihren Mustern verfangen und von der Suche nach einem Dopaminkick besessen, sei es durch Sex, Shoppen oder Konsum. Mr. Korgy scheint auch sehr labil zu sein und ohne jegliche Begeisterung durch sein Leben zu gehen, bis er sich auf die Affäre mit Waldo einlässt.

Das Buch punktet durch die subtile Beschreibung der Ursachen für das fragwürdige Verhalten der beiden Protagonisten. Warum wurden sie zu den Menschen, die sie heute sind? „Half his age“ ist somit eine unterschwellige Studie über toxische Beziehungen, emotionalen Missbrauch, Manipulationen, Armut, soziale Herkunft und daraus resultierende Probleme.

Ich fand es schade, dass das Buch so überlagert von all den zum Teil zu expliziten Sex-Szenen wurde und weniger Raum der inneren Leere beider Hauptcharaktere sowie ihrer Sehnsucht nach wahrer Verbundenheit ließ. Hinter der Fassade aus Stärke, Coolness und Abgeklärtheit spürte man nämlich Einsamkeit und Verletzlichkeit. Diese Facetten kamen leider zu kurz.

Der Schreibstil ist obszön, roh, brutal ehrlich und nicht besonders anspruchsvoll. Ich kann mir vorstellen, dass ich die Geschichte nicht wirklich gern als Buch lesen würde. Als Hörbuch war es dank der gut transportierten Dramatik und der Stimmung in der Ausarbeitung von Paula Hans interessanter.

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