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Veröffentlicht am 01.09.2025

erfrischend anders

Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry
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A.J. Fikry ist Anfang 40 und betreibt auf Alice Island die einzige Buchhandlung. Seit dem Tod seiner Frau hat er sich völlig zurückgezogen, ertränkt seine Trauer in Alkohol und begegnet seinen Mitmenschen ...

A.J. Fikry ist Anfang 40 und betreibt auf Alice Island die einzige Buchhandlung. Seit dem Tod seiner Frau hat er sich völlig zurückgezogen, ertränkt seine Trauer in Alkohol und begegnet seinen Mitmenschen knurrig und abweisend. Dies bekommt auch Amy zu spüren, die als Verlagsvertreterin arbeitet und ihm die Neuerscheinungen der kommenden Saison vorstellen möchte. A.J.s Leben nimmt eine entscheidende Wendung, als er eines Abends in seiner Buchhandlung etwas Überraschendes entdeckt...

Nach dem großen Erfolg von „Morgen, morgen und wieder morgen“ legt eichborn Gabrielle Zevins älteren Roman „Die Widerspenstigkeit des Glücks“ (Erstveröffentlichung 2015) unter dem Titel „Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry“ neu auf.

Jedes Kapitel wird durch eine von A.J. verfasste kurze Notiz zu einem literarischen Werk eingeleitet, die inhaltlich einen Bezug zu nachfolgenden Text hat. Auch wenn ich kaum eines der Bücher kannte, mochte ich dieses Stilelement, weil es das Kapitel wie eine Textklammer umfängt und mir auch Einblicke in A.J.s Denken und Fühlen gab. Als aufmerksame:r Leser:in wird man allerdings hierin auch auf den einen oder anderen kleinen Spoiler zum Handlungsfortgang stoßen. Mich hat das Prinzip etwas an Ted Mosby erinnert, der die Episoden von „How I met your mother“ als Ich-Erzähler einrahmt.

Ich mochte A.J. von Anfang an sehr, auch trotz – oder gerade wegen – seines oftmals etwas schroffen und eigenwilligen Wesens, da mir Figuren mit Ecken und Kanten am liebsten sind. Gabrielle Zevin schreibt flott und eingängig, die Handlung schreitet schnell voran und überspringt immer wieder einige Jahre. Das hat einen ganz eigenen Charme und treibt den Plot vorwärts, allerdings bleibt manchmal die Charakterentwicklung etwas auf der Strecke. Dies fiel mir besonders bei A.J. auf, dessen Veränderungen für mich nicht immer nachvollziehbar waren. Andere Figuren wie seine Schwägerin Ismay bleiben recht blass, und insbesondere in der zweiten Hälfte hatte ich das Gefühl, dass die Autorin manches zu schnell abhandelt und hoppladihopp über einschneidende Ereignisse hinweggeht.

Ungeachtet dessen habe ich dieses Buch sehr genossen und als erfrischend anders empfunden. Sobald ich angefangen hatte zu lesen, wollte ich es nicht mehr aus der Hand legen und unbedingt wissen, wie es weitergehen würde. Von mir eine klare Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 31.08.2025

Hochspannung bis zum Schluss

Eine falsche Lüge – Wird es ihre letzte sein?
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Sloane ist in armen Verhältnissen aufgewachsen und lügt seit ihrer Kindheit, um sich gegenüber anderen interessanter zu machen. Inzwischen ist ihr das Lügen in Fleisch und Blut übergegangen. So stellt ...

Sloane ist in armen Verhältnissen aufgewachsen und lügt seit ihrer Kindheit, um sich gegenüber anderen interessanter zu machen. Inzwischen ist ihr das Lügen in Fleisch und Blut übergegangen. So stellt sie sich eines Tages dem gutaussehenden Jay im Park als Krankenschwester Caitlin vor, als sie seiner Tochter Harper hilft. Kurz darauf lernt sie Jays Frau Violet kennen, die ihr bald eine Stelle als Kindermädchen für Harper anbietet. Caitlin alias Sloane und Violet freunden sich immer mehr an, kleiden und frisieren sich ähnlich, und Sloane ist überglücklich, mit der reichen und bildhübschen Violet und ihrer Vorzeigefamilie so eng verbunden zu sein. Hierfür ist sie auch bereit, immer weiter zu lügen. Doch ist bei Jay und Violet wirklich alles so, wie es scheint, oder spielt auch hier jemand ein falsches Spiel?

Sloane war für mich von Beginn an psychologisch hervorragend aufgebaut. Sie ist einsam und unsicher, fühlt sich unsichtbar und lügt, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Obwohl sie eine notorische Lügnerin ist, war sie mir nicht unsympathisch, da ich mit ihr mitfühlen konnte. Als sie Violet kennenlernt, verkörpert diese alles, was Sloane nicht hat bzw. ist: Violet sieht toll aus, ist reich, hat eine bezaubernde Tochter, einen sehr attraktiven Ehemann und ein nobles Haus in Bestlage. Und, unglaublich, aber wahr: Violet interessiert sich für Sloane, sucht ihre Nähe. Für Sloane erfüllt hierdurch ein Traum.

Über den Inhalt und auch den Erzählstil möchte ich an dieser Stelle gar nicht mehr schreiben, um nicht zu viel vorwegzunehmen, nur so viel: Beides wartet mit überraschenden Wendungen bzw. Kniffen auf, die mich als Leserin begeistert haben. Ich dachte immer wieder, ich wüsste nun, worauf die Geschichte hinauslaufen würde, und wurde jedes Mal wieder eines Besseren belehrt. Die Autorin Sophie Stava hält die Spannung bis zum Schluss hoch, und ich wollte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Das Ende hat mich noch einmal richtig überrascht, wenn auch nicht vollends überzeugt, da mir manches doch etwas unglaubwürdig erschien. Davon abgesehen ist „Eine falsche Lüge“ genau so, wie ich mir einen perfekten Psychothriller wünsche: Hochspannung ohne Blutvergießen, ein packender Schreibstil und psychologisch interessante Charaktere. Eine große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 24.08.2025

Ein herausragendes Debüt!

Das Geschenk des Meeres
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An einem Wintertag um 1900 findet der Fischer Joseph am Strand der kleinen schottischen Insel Skerry einen Jungen, der vom Meer angespült wurde. Der Kleine überlebt, und die Lehrerin Dorothy erklärt sich ...

An einem Wintertag um 1900 findet der Fischer Joseph am Strand der kleinen schottischen Insel Skerry einen Jungen, der vom Meer angespült wurde. Der Kleine überlebt, und die Lehrerin Dorothy erklärt sich auf Bitten des Pfarrers bereit, ihn bei sich aufzunehmen, bis seine Herkunft geklärt ist. Doch diese Aufgabe bringt Dorothy an den Rand ihrer Kraft, hat sie doch selbst 20 Jahre zuvor ihren eigenen Jungen Moses im selben Alter an das Meer verloren. Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen für Dorothy immer mehr, und sie muss sich der Trauer und dem Schmerz stellen, ihren Erinnerungen, die sie jahrelang verdrängt hat. Und nicht nur bei ihr reißen alte Wunden auf…

Julia R. Kelly erzählt in zwei Zeitebenen, „Jetzt“ und „Damals“, die sich kapitelweise abwechseln und vor allem gegen Ende immer stärker ineinander übergehen, wenn sich die Figuren im Jetzt an die Ereignisse vor langer Zeit zurückerinnern.

Der einfühlsame und atmosphärische Schreibstil gefiel mir auf Anhieb, und ich hatte beim Lesen die karge Schönheit der Küste und das raue Meer genau vor Augen. Sehr gelungen fand ich die Figurenzeichnung, die die einzelnen Charaktere glaubwürdig und lebendig wirken lässt, ambivalent und zutiefst menschlich.

Besonders gut konnte ich mich in Dorothy hineinversetzen. Sie kommt als junge Lehrerin neu nach Skerry, in eine alteingesessene Dorfgemeinschaft, und ihre Zurückhaltung und Unsicherheit lassen sie unnahbar und arrogant erscheinen. Sie hat keinen guten Start bei den Frauen im Dorf, und wie so oft machen Ängste, Missverständnisse, Unausgesprochenes und Missgunst das Zusammenleben schwer.

Der Roman zeigt zudem, welche Herausforderung die Mutterschaft an uns Frauen stellt: Da sind die Selbstzweifel, die wohl jede junge Mutter kennt, ob man denn alles richtig macht, dem Kind gerecht wird, liebevoll und aufmerksam genug ist. Negative Erfahrungen aus der eigenen Kindheit können zusätzlich blockieren, und der kritische Blick von außen, nicht selten gerade durch andere Frauen, erhöht den Erwartungsdruck noch zusätzlich.

Bis zum Schluss hält der Roman die Spannung, auch wenn ich in vielen Punkten bereits die richtige Vermutung hatte, was dahinterstecken könnte. Ich habe dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite geliebt, und es hat mich auf eine Weise bewegt und zum Nachdenken gebracht, wie es nur ganz wenige Bücher schaffen. Wunderschön und traurig zugleich, voller verpasster Chancen und dennoch mit der Hoffnung auf eine versöhnliche Zukunft. Ein wirklich herausragendes Debüt, das ich von Herzen weiterempfehlen möchte!

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Veröffentlicht am 20.08.2025

Großartig!

Gym
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Die Protagonistin bewirbt sich auf einen Job als Tresenkraft im MEGA GYM. Im Vorstellungsgespräch gibt ihr der Chef zu verstehen, dass ihr Körper nicht den Anschein erweckt, als trainiere sie selbst regelmäßig. ...

Die Protagonistin bewirbt sich auf einen Job als Tresenkraft im MEGA GYM. Im Vorstellungsgespräch gibt ihr der Chef zu verstehen, dass ihr Körper nicht den Anschein erweckt, als trainiere sie selbst regelmäßig. Spontan greift sie zu einer Notlüge: Sie habe erst kürzlich entbunden. Der Chef gefällt sich als Feminist und gibt ihr die Stelle. Um glaubhaft als frischgebackene Mama durchzugehen, warten allerdings einige Fallstricke auf sie, und schnell wird klar, dass sie noch deutlich mehr zu verbergen hat…

Verena Keßler gelingt es, mit relativ wenigen, präzise gesetzten Worten auf 192 Seiten eine intensive, lebendige und teils groteske Geschichte zu erzählen, die einen so starken Sog entwickelt, dass ich sie an einem Tag komplett verschlungen habe. Der Schreibstil ist herrlich bissig, pointiert und humorvoll, so dass ich insbesondere im ersten Drittel ein Dauergrinsen im Gesicht hatte. Doch der Roman bietet weit mehr als nur eine unterhaltsame Geschichte, die die Welt der Fitnessstudios aufs Korn nimmt. Je weiter die Handlung fortschreitet und je mehr man über die Vergangenheit der Protagonistin erfährt, desto mehr Tiefgang entwickelt der Roman, und zeigt, in welche Abgründe Leistungsdruck, Selbstoptimierung, Egoismus und rücksichtloses Aufwärtsstreben führen können.

Ein absolut großartiges Buch, das ich unbedingt weiterempfehlen möchte!

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Veröffentlicht am 09.08.2025

Wenn aus Liebe Hass wird

Die Rosenschlacht
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Jonathan und Barbara Rose sind eine echte Vorzeigefamilie: Sie leben in einem großen Haus, das mit sorgfältig ausgewählten Antiquitäten eingerichtet ist, haben zwei liebenswerte Kinder und führen eine ...

Jonathan und Barbara Rose sind eine echte Vorzeigefamilie: Sie leben in einem großen Haus, das mit sorgfältig ausgewählten Antiquitäten eingerichtet ist, haben zwei liebenswerte Kinder und führen eine Bilderbuchehe. Geld ist im Überfluss vorhanden, Jonathan ist ein erfolgreicher Anwalt und Barbara gerade dabei, sich einen exklusiven Catering-Service aufzubauen. Beide zelebrieren ihr Glück auch nach außen. Als Jonathan eines Tages mit Verdacht auf Herzinfarkt in die Klinik kommt, eilt Barbara jedoch nicht zu ihm, sondern eröffnet ihm nach seiner Entlassung, dass sie die Scheidung will. Und das Haus. Doch Jonathan ist nicht bereit, das Haus aufzugeben, koste es, was es wolle. Und so beginnt ein nervenaufreibender Krieg, in dem mit immer härteren Bandagen gekämpft wird…

Das Buch „The War of the Roses“ von Warren Adler ist erstmals 1981 erschienen und wurde als „Der Rosenkrieg“ mit Michael Douglas, Kathleen Turner und Danny de Vito verfilmt. Der Film besitzt inzwischen Kultstatus. Anlässlich der Neuverfilmung mit Olivia Colman und Benedict Cumberbatch erscheint mit „Die Rosenschlacht“ eine Neuauflage des Romans.

Von Anfang hat mich die Handlung in ihren Bann gezogen und einen regelrechten Sog entwickelt, so dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Jonathan und Barbara überbieten sich mit bösartigen Einfällen gegenüber dem jeweils anderen. Es zählt nicht mehr, selbst eine bestimmte Sache zu bekommen, sondern nur noch, dass der andere sie nicht erhält. Die Anwälte der beiden beobachten das Treiben aus der Distanz, untätig-amüsiert. Solange die Rechnungen bezahlt werden, ist ihnen das alles ziemlich gleichgültig.

Warren Adler schreibt herrlich überspitzt – sowohl, was den immer aberwitzigeren Krieg der Eheleute angeht, als auch in Bezug auf die beiden Anwälte. Während des Lesens ertappte ich mich dabei, dass ich eher auf Jonathans Seite war. Hier spürt man ein bisschen, dass das Buch von einem männlichen Autor verfasst wurde und ein Kind seiner Zeit ist. Heute würde die Schuldfrage wohl etwas differenzierter betrachtet werden, während bei Adler anklingt, dass Barbara aufgrund einer fixen Idee alles aufgibt, um sich selbst zu verwirklichen. Sie wirkt egoistisch, undankbar und streckenweise auch etwas naiv, was ihr Geschäft anbelangt.

Abgesehen davon hat mir der Roman sehr gut gefallen, und gerade die Zuspitzungen machen den besonderen Reiz aus. Auch wenn diese auf den ersten Blick überzogen wirken, treffen sie doch den Kern vieler oft jahrzehntelanger Streitigkeiten, ob unter Geschwistern, Eheleuten oder Nachbarn. Man kämpft verbittert gegeneinander, weiß oft schon gar mehr, was der ursprüngliche Grund war, und sinnt nur noch darüber nach, dem anderen das Leben schwer zu machen. Und die einzigen, die davon profitieren, sind höchstens die Anwälte. Insofern hält „Die Rosenschlacht“ auch der Gesellschaft den Spiegel vor und regt zu Nachdenken darüber an, wie wir miteinander umgehen und welchen Preis wir letztendlich dafür bezahlen.

Eine ganz klare Leseempfehlung und volle 5 Sterne!

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