Profilbild von xxholidayxx

xxholidayxx

Lesejury Star
offline

xxholidayxx ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit xxholidayxx über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.09.2025

Eine Freundschaft als Spiegel unserer Stereotype

Rezitativ
0

Eine Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die von Rassismus, Klassenzugehörigkeit und Vorurteilen überschattet wird: Toni Morrison erzählt in "Rezitativ" eine ebenso kurze wie intensive Geschichte, die ...

Eine Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die von Rassismus, Klassenzugehörigkeit und Vorurteilen überschattet wird: Toni Morrison erzählt in "Rezitativ" eine ebenso kurze wie intensive Geschichte, die uns Leser:innen mit unseren eigenen Zuschreibungen konfrontiert. Morrison (1931–2019), Nobelpreisträgerin für Literatur, zählt zu den bedeutendsten Stimmen der afroamerikanischen Literatur. Als Lektorin, Autorin und Essayistin hat sie nicht nur das literarische Feld geprägt, sondern auch das Bewusstsein für schwarze Stimmen weltweit gestärkt.

Worum geht’s genau?

Twyla und Roberta lernen sich als Achtjährige in einem Kinderheim kennen. Sie sind beide Außenseiterinnen, geben einander Halt – und verlieren sich später wieder aus den Augen. Doch das Leben führt sie immer wieder zusammen: in einem Diner, in einem Supermarkt, bei Protesten. Was die beiden verbindet, ist eine gemeinsame Vergangenheit, doch ihre Lebenswege trennen sich. Von Anfang an wissen wir: Eine von ihnen ist schwarz, die andere weiß – doch welche welche ist, bleibt offen. Morrison lässt uns bewusst im Unklaren und macht daraus ein literarisches Experiment, das uns zwingt, über unsere eigenen Stereotype nachzudenken.

Meine Meinung

Wir haben das Buch im Buchclub gelesen – und ich kann nur sagen: Was für ein Ritt. Die Erzählung selbst umfasst knapp 40 Seiten, ergänzt durch ein ausführliches Nachwort von Zadie Smith. Ohne dieses Nachwort hätte ich vermutlich den Kern nicht vollständig erfasst, denn auch ich bin in Morrisons sorgfältig gelegte Falle getappt: Ganz selbstverständlich habe ich beim Lesen versucht, die beiden Mädchen einer Hautfarbe zuzuordnen. Erst später durch das Nachwort wurde mir klar, dass genau das der Punkt ist. Morrison schrieb Rezitativ 1983, doch die Aktualität ist frappierend. Sie zeigt, wie schnell wir in Stereotypen denken – anhand von Kleidung, Verhalten, Berufen oder Herkunft.

Der Text ist knapp, aber dicht. Jedes Wort sitzt, jedes Bild ist präzise gesetzt. Zadie Smith’ Nachwort erweitert den Blick noch einmal enorm: Sie beschreibt, wie Morrison das Experiment bewusst konzipiert hat und wie es uns zwingt, über Kategorien wie „schwarz“ und „weiß“ hinauszudenken – hin zu dem, was Menschen wirklich verbindet. „Eine Rätselgeschichte also ein Spiel. Nur dass Toni Morrison eben nicht spielt. Es war ihr sehr ernst damit, als sie Rezitativ als » Experiment» bezeichnete. Und das Versuchskaninchen bei diesem Experiment ist das Publikum.“ (S. 49). Diese Leerstelle zwingt uns, eigene Vorurteile zu reflektieren. Für mich hatte dieses Experiment mehr Wirkung als viele theoretische Abhandlungen über Rassismus.

Fazit

Rezitativ ist eine außergewöhnliche Erzählung, die uns unsere eigenen Vorurteile vor Augen führt, ohne belehrend zu sein. Kurz, präzise, klug und von zeitloser Relevanz – eine Lektüre, die in Schulen gelesen werden sollte. Empfehlenswert für alle, die sich mit Rassismus, Identität und literarischen Experimenten auseinandersetzen wollen, weniger für jene, die eine klassische, abgeschlossene Erzählung erwarten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.09.2025

Eine Hommage an Bücher und zweite Chancen

Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry
0

Eine Buchhandlung, ein mürrischer Buchhändler, ein Waisenkind und viele kleine literarische Begegnungen: Gabrielle Zevin erzählt in "Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry" eine Geschichte über Bücher, ...

Eine Buchhandlung, ein mürrischer Buchhändler, ein Waisenkind und viele kleine literarische Begegnungen: Gabrielle Zevin erzählt in "Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry" eine Geschichte über Bücher, Verluste und zweite Chancen. Zevin, 1977 in New York geboren, hat in Harvard studiert, als Drehbuchautorin gearbeitet und mit Romanen wie "Morgen, morgen und wieder morgen" oder "Die Widerspenstigkeit des Glücks" internationale Bestseller geschrieben. Ihre Werke wurden vielfach übersetzt, verfilmt und gefeiert – und doch zeigt dieser Roman aus dem Jahr 2014 eine ganz andere, fast zartere Seite von ihr.

Worum geht’s genau?

A.J. Fikry lebt zurückgezogen auf Alice Island und betreibt die einzige Buchhandlung des Ortes. Seit dem Tod seiner Frau hat er sich vom Leben entfremdet, die Geschäfte laufen schlecht und selbst sein wertvollster Besitz – eine rare Poe-Erstausgabe – wird gestohlen. Doch dann passiert etwas völlig Unerwartetes: In seinem Laden wird ein kleines Mädchen zurückgelassen. Maya bringt nicht nur A.J.s geordnetes Leben durcheinander, sondern eröffnet ihm auch neue Perspektiven auf Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft.

Meine Meinung

Als ich das Cover zum ersten Mal sah, dachte ich sofort: „Moment, das kenn ich doch!“ – und dann fiel mir auf, dass Gabrielle Zevin dieselbe Autorin ist wie von "Morgen, morgen und wieder morgen". Aber wichtig zu wissen für alle LEser:innen: A.J. Fikry ist fast zehn Jahre früher erschienen, und das merkt man auch. Der Ton ist ganz anders – humorvoller, verspielter und auch inhaltlich gaaanz was anderes.

Schon früh hatte ich das Gefühl, ein Buch für Buchliebhaber:innen in den Händen zu halten. Literaturverweise, Buchgespräche und ironische Kommentare zum Verlagswesen machen den Roman zu einer kleinen Schatzkiste. Besonders gefallen hat mir der Humor, der immer wieder aufblitzt, etwa bei Amelias Date-Erinnerung (S. 12) oder A.J.s bissigen Kommentaren (S. 21). Gleichzeitig schwingen ernste Themen mit: Verlust, Einsamkeit, Krankheit. Und es gibt wieder einige Zitatperlen: „Es ist die heimliche Angst, dass wir nicht liebenswert sind, die uns isoliert…“ (S. 108). Diese Mischung aus Leichtigkeit und Tiefe macht den besonderen Reiz aus.

Maya war für mich anfangs etwas überzeichnet – fast wie ein kleines Wunderkind –, und ich war überrascht, wie schnell A.J. sich entschließt, sie zu behalten. Doch gerade sie bringt eine besondere Wärme in die Geschichte. Schön fand ich auch die Briefe, die A.J. schreibt und die wie eine Klammer um den Roman liegen. Meine Vermutung, dass es auf etwas sehr Trauriges hinausläuft, hat sich bestätigt, aber der Roman verliert dabei nie seine Hoffnung.

Zevins Schreibstil ist leicht, fast unaufgeregt, aber immer wieder gespickt mit Sätzen, die man sich sofort markieren möchte: „Wir lesen, um zu wissen, dass wir nicht allein sind. Wir lesen, weil wir allein sind. Wir lesen und sind nicht allein.“ (S. 170) oder „Wir sind in der Zeit, die wir hier verbringen, nur Liebe. Die Menschen, die wir geliebt haben. Das macht uns froh. Und ich glaube, es ist das, was weiterlebt.“ (S. 171). Das Buch ist also nicht "nur" ein Roman, sondern auch Zevins persönliches Manifest für das Lesen selbst.

Nebenfiguren wie Lambiase, der Polizist mit Buchclub-Leidenschaft, oder die herrlich skurrilen Kund:innen machen das Ganze noch bunter. Einzig mit den Zeitsprüngen habe ich mich manchmal etwas schwergetan – sie waren für mich nicht immer fließend, auch wenn Mayas Alter immer wieder Orientierung geben sollte.

Fazit

"Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry" ist kein Roman voller Action oder Dramatik, sondern ein stilles, berührendes Buch über Gemeinschaft, Verlust und zweite Chancen. Empfehlenswert für alle, die sich von Büchern gerne trösten lassen und die leisen Töne lieben, weniger für jene, die eine stringente, temporeiche Handlung erwarten. Danke an @lesejury und den @eichbornverlag für das Rezensionsexemplar.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Atmosphäre
Veröffentlicht am 17.08.2025

Ein Sommer voller Eistee & Brüche

Himmel ohne Ende
0

Ein Sommer, ein Mädchen, ein Schmerz, der größer ist als sie selbst – "Himmel ohne Ende" erzählt vom Erwachsenwerden, von Verlust und der Suche nach einem Platz in der Welt. Julia Engelmann, die mit ihrem ...

Ein Sommer, ein Mädchen, ein Schmerz, der größer ist als sie selbst – "Himmel ohne Ende" erzählt vom Erwachsenwerden, von Verlust und der Suche nach einem Platz in der Welt. Julia Engelmann, die mit ihrem Poetry-Slam-Text Eines Tages, Baby Millionen begeisterte und seitdem als Sängerin, Schauspielerin und Autorin erfolgreich ist, legt hier ihren ersten Roman vor.

Worum geht’s?
Charlie ist fünfzehn, ihr Vater hat die Familie verlassen, die Mutter ist neu liiert, und die beste Freundin hat sich in denselben Jungen verliebt wie sie selbst. Charlie fühlt sich, als läge eine Glasscheibe zwischen ihr und der Welt. Dann trifft sie Kornelius, genannt Pommes, der ihr zeigt, dass man die Scheibe manchmal herunterkurbeln kann – und vielleicht doch wieder an den Himmel herankommt.

Meine Meinung
Schon auf den ersten Seiten spürt man: Engelmann bleibt ihrem poetischen Ton treu. Charlie beschreibt ihre Welt mit einer Mischung aus Melancholie, Wut und Witz: „Wie geht’s dir denn in letzter Zeit? Ich dachte daran, dass Eistee aufgehört hatte, gut zu schmecken und Licht aufgehört hatte, hell zu sein.“ (S. 12). Diese Sprache ist nah an der Gefühlswelt von Jugendlichen – manchmal repetitiv, aber gerade darin authentisch.

Besonders berührt hat mich, wie klar Engelmann den Schmerz über den Vaterverlust zeichnet: „Er hatte ein Loch hinterlassen, ein Loch in der Form meines Vaters, und ich, ich hatte durch das Loch in den Abgrund geschaut.“ (S. 19). Charlies Sehnsucht nach Zugehörigkeit, nach einem „richtigen“ Leben, zieht sich durch den ganzen Roman. Szenen in der Schule, Freundschaften voller Loyalität und Verrat, das erste Verliebtsein – all das ist hier da, aber eben nicht glattgebügelt, sondern voller Brüche.

Pommes ist dabei eine besondere Figur: lebensfroh und doch schwer belastet durch die Krankheit seiner Mutter. In seinen Gesprächen mit Charlie finden beide einen Ort, an dem Verletzlichkeit erlaubt ist. Es sind Sätze wie „Was, wenn es schiefgeht? – Was, wenn es gutgeht?“ (S. 199), die die Kraft des Buches ausmachen: schlicht und trotzdem tief.

Neben Coming-of-Age-Motiven erzählt Engelmann von Familie im Wandel: Patchwork, Trennungen, Erwartungen und dem Gefühl, manchmal unsichtbar zu sein. Besonders eindringlich fand ich Charlies Erkenntnis: „Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass ihr Glück etwas sein könnte, in dem ich nicht vorkam.“ (S. 69). Dazu kommen leise Beobachtungen über Musik, Sprache, Körperbilder, den Wunsch nach Mut und Selbstbestimmung – Themen, die nicht nur Jugendliche bewegen.

Ja, manches ist pathetisch, manches sehr typisch „Engelmann“, doch die Mischung aus Alltagsbeobachtung und poetischen Höhenflügen funktioniert. Am Ende bleibt das Gefühl, dass man Charlies Reise nicht so schnell vergisst.

Fazit
"Himmel ohne Ende" ist ein sensibles, poetisches Coming-of-Age über Verlust, erste Liebe und die Suche nach dem eigenen Leben. Es ist melancholisch und gleichzeitig hoffnungsvoll, manchmal schwer, manchmal leicht – so wie das Erwachsenwerden selbst. Danke an netgalley.de & den Diogenes Verlag für das kostenlose Rezensionsexemplar.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.08.2025

Vom Zerbrechen und Zusammenhalten

Eden
0

Mit „Eden“ erzählt Jan Costin Wagner eine zutiefst bewegende Geschichte über eine Familie, die nach einem traumatischen Anschlag mit dem Verlust ihres Kindes und dem Auseinanderbrechen der Welt, wie sie ...

Mit „Eden“ erzählt Jan Costin Wagner eine zutiefst bewegende Geschichte über eine Familie, die nach einem traumatischen Anschlag mit dem Verlust ihres Kindes und dem Auseinanderbrechen der Welt, wie sie sie kannten, konfrontiert wird. Wagner, bekannt durch seine Kimmo-Joentaa-Reihe, ist vielfach ausgezeichneter Krimiautor und wagt sich hier an ein politisch wie emotional sensibles Thema. Für mich war dieses Buch Teil der #NetGalleyDEChallenge2025 – danke an NetGalley und Galiani Berlin für das Rezensionsexemplar!

Worum geht's?
Markus, Kerstin und ihre Tochter Sofie führen ein liebevolles, eng verbundenes Familienleben. Ein Geschenk – Konzertkarten für Sofies Lieblingssängerin – wird für Markus zum Auslöser unvorstellbaren Schmerzes, denn auf dem Konzert kommt es zu einem Terroranschlag. Sofie stirbt. Zurück bleiben die Eltern, die auf sehr unterschiedliche Weise versuchen, mit ihrer Trauer, dem Trauma und der Leere umzugehen. Während Kerstin sich zunehmend verliert, ringt Markus um Halt und Menschlichkeit. Er beschließt, das Gespräch zu suchen – mit sich selbst, mit anderen und schließlich sogar mit der Familie des Attentäters. Parallel dazu zeigt der Roman, wie politisch aufgeladene Themen wie Hass, Ideologie, Verschwörungserzählungen oder gesellschaftliche Spaltung subtil in den Alltag einsickern.

Meine Meinung
Mich hat das Buch tief berührt – auch wenn das Cover auf mich eher unscheinbar wirkte, war ich vom Klappentext sofort angezogen. Die Geschichte ist schwer, emotional und intensiv – ich habe sie während meines Urlaubs innerhalb kürzester Zeit verschlungen. Wagners Sprache ist zurückhaltend, fast leise, aber gerade dadurch sehr wirkungsvoll. Viele Passagen haben mich innehalten lassen. Besonders gelungen fand ich die multiperspektivische Erzählweise, die verschiedene Blickwinkel auf Trauer, Schuld, Sprachlosigkeit und gesellschaftliche Verantwortung ermöglicht.

Die Trauerphasen werden spürbar: Markus‘ Versuch, rational zu bleiben, Kerstins Rückzug, das Unverständnis im Umfeld. Ich konnte nicht alle Reaktionen nachvollziehen – vielleicht gerade deshalb, weil ich glücklicherweise nie Ähnliches erlebt habe. Umso mehr habe ich die stille Wucht dieses Romans gespürt.

Ein besonders kraftvolles Zitat: „Es ist gut, dass die Liebe da ist, auch wenn sie das einzige Problem ist. Der Hass kann die Liebe nicht beseitigen, er kann sie nur in Trauer und in bittere, schöne Erinnerungen verwandeln und damit zum schärfsten Schwert machen, das es gibt.“ (S. 77)

Wagner gelingt es, menschliche Abgründe mit viel Feingefühl darzustellen. Auch die Kritik am politischen Umgang mit persönlichen Schicksalen kommt durch – allerdings bleiben viele dieser gesellschaftspolitischen Aspekte nur angerissen. Themen wie AfD, Coronaleugner:innen, Rassismus und Verschwörungserzählungen tauchen auf, aber nie tief genug, um wirklich einen nachhaltigen Diskurs zu eröffnen. Das hätte ich mir pointierter gewünscht.

Die Frage nach der Motivation des Täters ist heikel. In der Figur Ayoub wird versucht, die Radikalisierung zu erklären. Dennoch bleibt für mich die Frage offen: Musste der Täter in Eden zwingend muslimisch sein, wenn das Thema ohnehin nicht differenziert vertieft werden kann?

Fazit
„Eden“ ist ein Roman, der unter die Haut geht. Sprachlich feinfühlig und emotional präzise zeigt Jan Costin Wagner, was Verlust mit uns macht – als Individuen und als Gesellschaft. Die politischen Nebenstränge bleiben etwas blass, aber das Kernmotiv der Empathie und des Nicht-Aufgebens hat mich stark bewegt. Von mir gibt es eine Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.07.2025

Patriarchale Bilder und ihre Wirkung heute

Witches, Bitches, It-Girls
0

In Witches, Bitches, It-Girls untersucht Rebekka Endler die Ursprünge und Wirkmechanismen des Patriarchats – ein System, das keineswegs ein Mythos ist, sondern unser Denken und Handeln bis heute prägt. ...

In Witches, Bitches, It-Girls untersucht Rebekka Endler die Ursprünge und Wirkmechanismen des Patriarchats – ein System, das keineswegs ein Mythos ist, sondern unser Denken und Handeln bis heute prägt. Mit humorvoller, schlagfertiger und kämpferischer Stimme durchleuchtet Endler die lange Geschichte misogyn codierter Mythen, die Kanonisierung in Kunst und Kultur, die Rolle feministischer Wellen, Cancel Culture und gesellschaftliche Rollenbilder von Frauen wie Witches, Bitches und It-Girls.

Meine Meinung

Die ausführliche Recherche, die sich auf fast 90 Seiten Anmerkungen, Quellenangaben und Fußnoten stützt, beeindruckt und macht das Buch zu einem soliden und fundierten Werk feministischer Kritik. Endler zeigt eine große Themenvielfalt, die von historischen Fällen wie der öffentlichen Anklage von Judith Godrèche bis hin zu aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen wie „Männerrechtlern und Väterrechtlern“ reicht, die „ihren Einfluss auf die Gesellschaft mithilfe guter Vernetzungen in die Politik in den letzten Jahren immer weiter ausweiten" (S. 345).

Besonders eindrücklich fand ich die Beschreibung, wie Frauen in der Öffentlichkeit oftmals zu Opfern einer doppelten Belastung werden: „Nicht die Arbeit am Film selbst habe sie traumatisiert, sondern das, was ihnen im Anschluss durch Medien und Gesellschaft angetan wurde“ (S. 335). Ebenso klar benennt Endler die Problematik, dass „Männer sich über den Willen der Menschen hinwegsetzen, um ihre Geschichten und ihr Leid für den eigenen Profit zu nutzen“, was verdeutlicht, warum „‚Kritische Männlichkeit‘ gar nicht selbstkritisch genug sein“ kann (S. 355).

Der Schreibstil ist durchgehend kämpferisch, aber auch humorvoll und ironisch, was die komplexen und manchmal bedrückenden Themen leichter zugänglich macht. Dennoch stören mich einige formale Aspekte: Die Schrift ist klein, was das Lesen erschwert, und die Vielzahl der Fußnoten, die durch und * markiert und separat im Anhang aufgeführt sind, unterbricht den Lesefluss. Hier hätte ich mir eine direktere Integration in den Fließtext gewünscht. Zudem fehlt mir manchmal ein klarer roter Faden; der Zusammenhang zwischen den vielfältigen Themen erschließt sich nicht immer auf Anhieb.

Trotz dieser Kritikpunkte ist das Buch eine Herzensempfehlung für alle, die sich für feministische Fragestellungen interessieren – egal, ob Anfänger:innen oder Fortgeschrittene. Es verbindet fundiertes Wissen mit gesellschaftlicher Relevanz und gibt wichtige Impulse, das Patriarchat zu verstehen und zu bekämpfen.

Fazit

Witches, Bitches, It-Girls empfehle ich besonders feministischen Leser:innen und allen, die sich mit gesellschaftlichen Geschlechterrollen und patriarchalen Strukturen auseinandersetzen wollen. Das Buch bietet eine gut recherchierte, unterhaltsame und zugleich tiefgründige Analyse, die zum Nachdenken anregt – trotz kleiner Schwächen in der Gestaltung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere