✨ REZENSION zu „Gesellschaftsspiel“ von Dora Zwickau, erschienen im @piperverlag
📖 Inhalt (spoilerfrei): In ihrem Debütroman entwirft Zwickau ein Szenario, das sich mit den Möglichkeiten einer direkten ...
✨ REZENSION zu „Gesellschaftsspiel“ von Dora Zwickau, erschienen im @piperverlag
📖 Inhalt (spoilerfrei): In ihrem Debütroman entwirft Zwickau ein Szenario, das sich mit den Möglichkeiten einer direkten Demokratie auseinandersetzt. Im Zentrum stehen drei Frauen aus derselben Familie, die sich trotz persönlicher Konflikte gemeinsam politisch engagieren. Sie beteiligen sich an einem partizipativen Gesellschaftsprojekt, bei dem Bürger:innen per App über politische Entscheidungen abstimmen können, um das hypothetische gesellschaftliche Miteinander aktiv zu gestalten. Dabei werden politische, familiäre und persönliche Konflikte miteinander verwoben, ebenso wie aktuelle gesellschaftliche Diskurse rund um Radikalisierung, Teilhabe, Medien und Gerechtigkeit.
🖋️ Erzählstil: Der Inhalt besteht aus wechselnden Perspektiven der drei Protagonistinnen Dagmar, Isabelle und Annika. Außerdem wird ihr Erleben durch zahlreiche mediale Einschübe ergänzt: Chatverläufe, X-Posts, Podcast-Transkripte und Forenbeiträge durchziehen den Text und verleihen ihm einen fast schon einen interaktiven Charakter.
👥 Figuren und Symbole: Isabelle, ihre Schwester Annika und ihre Tante Dagmar spiegeln unterschiedliche Generationen, Lebensmodelle und politische Haltungen wider. Isabelles Engagement für ihre Schüler:innen und ihre emotionale Entwicklung sind eindrücklich gezeichnet. Annika hingegen bleibt m.E. stellenweise unauthentisch, ihre Essstörung eher randständig und nicht so gut integriert. Dagmar wiederum überzeugt als charismatische, eigenwillige Frau mit klaren Positionen. Das Zusammenspiel der drei Frauen bildet das Herzstück des Romans. Es dient als Projektionsfläche für Utopien, Ängste und politische Wünsche. Leider bleibt dieses Konzept im Verlauf des Romans etwas blass und austauschbar. Statt tiefere Einblicke in gesellschaftliche Prozesse zu ermöglichen, scheint es manchmal nur Kulisse für politische Kritik und eine grobe Abrechnung mit rechten Kräften.
💡Fazit: spannender, extrem aktueller politisch aufgeladener Roman mit emotionaler Tiefe! Am Ende bleibt mir das Gesamtbild doch etwas zu vage.
✨ REZENSION zu „Bitches, Witches, It-Girls“ vom Rebekka Endler, erschienen im Rowohlt Verlag
📖 Inhalt (spoilerfrei):
In diesem Sachbuch macht sich die Autorin schlagfertig auf die Suche nach den Wurzeln ...
✨ REZENSION zu „Bitches, Witches, It-Girls“ vom Rebekka Endler, erschienen im Rowohlt Verlag
📖 Inhalt (spoilerfrei):
In diesem Sachbuch macht sich die Autorin schlagfertig auf die Suche nach den Wurzeln des Patriarchats und deckt dabei auf humorvolle Weise auf, welche misogynen Mythen bis heute unser Denken und Handeln bestimmen ‼️
🔎 Struktur und Zugänglichkeit:
Die Sprache ist flapsig, salopp und stellenweise ironisch, gleichzeitig ist die Informationsdichte enorm. Der Kontrast hat mich manchmal etwas irritiert. Der Ton ist unterhaltsam, aber der Lesefluss gerät oft durch Fachbegriffe und theoretische Konzepte ins Stocken. Obwohl ich meine Thesis zur Geschlechterforschung geschrieben habe, fand ich es nicht wirklich zugänglich 🙈 Ich glaube, wer sich vorher noch nie mit feministischen oder kulturkritischen Themen beschäftigt hat, wird hier überfordert sein 🙌🏼 Die Kapitel sind wohl irgendwie thematisch sortiert, springen aber von historischen zu aktuellen Phänomenen. Ich hätte mir hier eine klarere, vielleicht sogar chronologische Struktur gewünscht.
💡 Kurz & Knapp:
Viele Fakten haben mich überrascht und nachhaltig beschäftigt. Besonders beeindruckt hat mich Endlers Analyse von Body Horror; einem Genre, das sie als Spiegel patriarchaler Angst- und Machtfantasien beschreibt. Am Beispiel des Films „The Substance“ (den ich kürzlich gesehen habe) macht sie deutlich, wie sehr Frauen mit ihrem Körper kämpfen, um gesellschaftlichen Schönheitsnormen zu genügen. Weniger gelungen finde ich, dass das Buch sich manchmal im Ton verliert. Der Wechsel zwischen Umgangssprache und Theorie ist nicht immer geglückt, der Humor wirkt stellenweise sehr zynisch, ohne einen wirklich abzuholen. Es ist kein niederschwelliger Einstieg in den Feminismus (auch wenn der lockere Stil das anfangs vermuten lässt), aber es ist fundiert recherchiert, hochaktuell und thematisch breit aufgestellt. Endler schafft es, Themen aus Jahrhunderten zu verbinden und gleichzeitig topaktuelle gesellschaftliche Debatten einzuordnen und wagt sogar einen Blick in die Zukunft.
In Missvergnügen steht Miss Brooks im Zentrum eines Kriminalfalls, der sich rund um Macht, gesellschaftliche Erwartungen und Geschlechterrollen entfaltet. Der Roman spielt in einem wohlhabenden, ...
Inhalt
In Missvergnügen steht Miss Brooks im Zentrum eines Kriminalfalls, der sich rund um Macht, gesellschaftliche Erwartungen und Geschlechterrollen entfaltet. Der Roman spielt in einem wohlhabenden, elitären Umfeld und arbeitet bewusst mit Rollenumkehrungen: Männer geraten in die Opferrolle, Frauen nehmen Machtpositionen ein, sowohl beruflich als auch privat. Verschiedene Figuren und Handlungsstränge verweben sich zu einer Geschichte, die patriarchale Strukturen, weibliche Wut und soziale Fassaden sichtbar machen will und dabei stark auf Zuspitzung, Provokation und satirische Überzeichnung setzt.
Erzählstil
Der Erzählstil von Missvergnügen hat mich über weite Strecken irritiert. Obwohl der Roman auktorial erzählt ist, fehlt mir eine klare Fokussierung. Die Perspektive wechselt häufig und für mein Empfinden sehr willkürlich zwischen verschiedenen Figuren, ohne dass sich dabei ein stabiler Blick oder eine emotionale Nähe aufbauen kann. Oft wusste ich nicht, aus wessen Wahrnehmung oder innerer Haltung gerade erzählt wird, was das Lesen anstrengend gemacht hat.
Hinzu kommen die kurzen, pseudo-sachlichen Einschübe unter den Kapitelüberschriften, die sich mit psychischen oder körperlichen Reaktionen beschäftigen, etwa Attraktivität im Zusammenhang mit Wut, Kommunikationsmodelle oder Konsumverhalten. Diese Passagen wirkten auf mich losgelöst vom jeweiligen Kapitelinhalt und eher wie zufällig eingestreute Beobachtungen, die weder narrativ noch thematisch wirklich eingebunden sind. Statt zusätzliche Tiefe zu erzeugen, haben sie meinen Lesefluss eher unterbrochen.
Auch tonal empfand ich den Roman als sehr unruhig. Brutale, ernsthafte Gewaltdarstellungen stehen neben beinahe kindisch wirkenden Racheaktionen, ohne dass diese Wechsel für mich organisch miteinander verbunden waren. Insgesamt entstand für mich der Eindruck eines textlichen Flickwerks, dem es an innerer Harmonie fehlt.
Figuren
Mit keiner der Figuren konnte ich wirklich warm werden. Sie blieben für mich durchweg überzeichnet und wirkten selten authentisch oder vielschichtig. Besonders auffällig ist die Darstellung der Männer, die fast ausschließlich als sexistisch, egoistisch, triebgesteuert und moralisch verkommen gezeichnet werden. Ich verstehe die dahinterliegende Intention, patriarchale Machtstrukturen sichtbar zu machen und umzudrehen, empfand diese Zuspitzung jedoch als zu eindimensional und aufgesetzt.
Interessanter fand ich einzelne Rollenumkehrungen, etwa im beruflichen Kontext, wenn Frauen in Machtpositionen Männer herabwürdigen oder kleinhalten. Diese Szenen machen spürbar, wie Diskriminierung und Machtmissbrauch funktionieren, unabhängig vom Geschlecht. Dennoch fehlte mir auch hier eine differenziertere Ausarbeitung, sodass die Figuren für mich eher als Träger einer Idee denn als glaubhafte Menschen erschienen.
Problematisch empfand ich zudem die Darstellung von Frauen. Zwar stehen sie häufig als Opfer patriarchaler Erwartungen im Fokus, gleichzeitig werden sie immer wieder selbst misogyn gezeichnet. Wohlhabende Frauen erscheinen oberflächlich, affektiert und konsumfixiert, bereit, ihr Aussehen durch exzessive Schönheitsbehandlungen zu verändern, ohne dass ihnen Reflexion oder Ambivalenz zugestanden wird. Auch die Art, wie Frauen im Buch über andere Frauen sprechen, abwertend, körperbezogen und voller Spott, reproduziert für mich genau jene frauenfeindlichen Muster, die der Roman eigentlich kritisieren will.
Themen
Thematisch greift der Roman viele spannende und wichtige Aspekte auf. Patriarchale Gewalt, weibliche Wut, Machtmissbrauch, gesellschaftliche Erwartungen an Frauen, Care-Arbeit und Rollenzuschreibungen ziehen sich deutlich durch den Text. Besonders positiv hervorheben möchte ich, dass hier einmal nicht Frauen die Opfer brutaler Gewalt sind, sondern Männer. Diese Umkehr empfand ich zunächst als erfrischend und genreuntypisch, gerade im Krimi, in dem weibliches Leid allzu oft zur Selbstverständlichkeit gehört.
Auch die Darstellung von Care-Arbeit, die Frauen selbst von der nächsten Generation selbstverständlich abverlangt wird, fand ich eindrücklich. Dass Frauen nicht einmal gegenüber ihren eigenen Kindern aus dieser Rolle herauskommen, ist ein leiser, aber starker Kommentar.
Gleichzeitig bleibt für mich offen, ob der Roman seine Themen wirklich kritisch reflektiert oder sie teilweise ungewollt verstärkt. Die permanente Überzeichnung, die starke Misogynie in vielen Frauenbildern und die fehlende Differenzierung lassen die Grenze zwischen Kritik und Reproduktion problematischer Denkmuster verschwimmen.
Fazit
Missvergnügen hatte für mich eine starke Grundidee und einen Ansatz, den ich grundsätzlich sehr schätze. Ich habe verstanden, was der Roman sein wollte, welche feministische Provokation und gesellschaftliche Kritik hier angelegt sind. In der Umsetzung hat mich das Buch jedoch nicht überzeugt. Der unklare erzählerische Fokus, die sprunghafte Tonalität, die überzeichneten Figuren und die teilweise selbst misogynen Darstellungen haben mir den Zugang erschwert.
Rezension zu „Das seltsame Haus“ von Uketsu, übersetzt von Heike Patzschke und erschienen im Bastei Lübbe Verlag.
Mini-Trigger-Warnung: In diesem Buch geht es unter anderem um grausame Morde und abgetrennte ...
Rezension zu „Das seltsame Haus“ von Uketsu, übersetzt von Heike Patzschke und erschienen im Bastei Lübbe Verlag.
Mini-Trigger-Warnung: In diesem Buch geht es unter anderem um grausame Morde und abgetrennte Gliedmaßen (Leser:innen sollten mit verstörenden Bildern und Szenen rechnen).
Inhalt (spoilerfrei): Der Erzähler, ein Autor für die japanische Website "Omokoro" wird von einem Freund angefragt, sich Grundrisse eines Hauses anzusehen, das dieser erwerben möchte. Auf den ersten Blick wirkt das Haus unproblematisch, doch irgendwas ist an der Architektur fragwürdig. Gemeinsam mit seinem Architektenfreund Kurihara beginnt der Erzähler, eine unheimliche Spur zu verfolgen.
Erzählstil und Struktur: Der Stil wirkt zunächst ungewöhnlich: Es ist eine Ich-Perspektive, aber zugleich klingt das Ganze wie eine Reportage oder ein Interview. Die wörtliche Rede ist häufig knapp, mit repetitiven Reaktionen in Form von Ausrufen wie „Was?!“ oder ähnlichen. Dies erinnert weniger an ein literarisches Erzählen als an eine dokumentarische Aufzeichnung. Die Handlung schreitet sehr schnell voran (man hat manchmal den Eindruck eines Zeitraffers: Eben noch wird das Haus eines Freundes beschrieben, auf der nächsten Seite springt das Geschehen in die Vergangenheit („damals“) oder in ganz neue Zusammenhänge). In Japan scheint mit dem Buch ein Trend aufzugreifen: Die Verbindung von Kriminal- bzw. Mysteryelementen mit visuellen Skizzen (kenne ich bereits aus "Die Bibliothek meines Großvaters" von Masateru Konishi). So lädt Uketsu seine Leser:innen dazu ein, selbst Detektiv:in zu spielen, anhand von Grundrissen den versteckten Raum hinter der Fassade zu entdecken. Die Struktur wechselt im letzten Viertel zu einer dichten Informationsfülle (viele ähnlich klingende, neue Namen, Abkürzungen und Ahnentafeln) was die Lesbarkeit deutlich erschwert.
Figuren (der Autor): Die Hauptfigur ist der Ich-Erzähler, der zugleich als fiktiver Autor auftritt. Der reale Autor Uketsu bleibt anonym: Bekannt ist, dass er öffentlich kaum auftritt, stattdessen mit Ganzkörperanzug und Maske operiert, sein Pseudonym gewählt hat und über YouTube-Videos bekannt wurde, bevor er Bücher veröffentlicht hat. Die Figur Kurihara, ein Architekt, übernimmt gegen Ende eine reflexive Rolle im Nachwort: Er spricht über Uketsu, seine Arbeitsweise, über die Authentizität der Ereignisse. Durch diesen Meta-Wechsel (eine Figur spricht über den Autor) wird das erzählte „Berichthafte“ nochmals bestätigt und die Grenze zwischen Fiktion und fiktionaler „Realität“ verschwimmt. Die Verwendung von Kürzeln wie „X“ oder „XY“ bei Namen von Städten, Präfekturen oder Personen trägt zwar bestimmt zur Lesefreundlichkeit bei (zumindest für die europäische Leser:innenschaft), aber gleichzeitig wirkt so alles ein bisschen austauschbar und distanziert, es entsteht das Gefühl, eher einem Bericht mit irrelevanten Rahmendaten als einer emotionalen Geschichte zu folgen. Außerdem steht es für mich in einem krassen Bruch dazu, dass man im letzten Drittel plötzlich mit einer Fülle an Namen, Ritualen, Familienzusammenhängen und Stammbäumen konfrontiert, die kaum zu durchschauen sind. Diese Diskrepanz zwischen überdeutlicher Einfachheit (besonders am Anfang) und späterer Überforderung ist fast schon irritierend und macht das Buch meines Erachtens erzählerisch schwer greifbar.
Symboliken und Themen: Thematisch fand ich den Hintergrund spannend. Sicher hat man schon einmal von der Ein-Kind-Politik in China gehört, aber von Mabiki hatte ich vorher noch nie etwas gelesen. Damit ist die Praxis der Kindstötung gemeint, die in Japan bis zur Meiji-Zeit in vormodernen japanischen Gesellschaftsschichten existierte, wenn Familien sich zu viele Kinder nicht leisten konnten. Der Begriff "Mabiki" bedeutet wörtlich „das Ausdünnen (von Setzlingen)“ und wurde in Ost-Japan bis ins 19. Jahrhundert als Euphemismus für Infanticide verwendet. Was für (ungeübte) europäische Leser:innen vielleicht ungewohnt wirkt, ist die stark mythologische Prägung. In Japan spielt der Glaube an Mythen, Geister und Legenden eine viel größere Rolle als bei uns. Im Shintō-Glauben gibt es unzählige Kami (Geister oder Gottheiten) die in Bäumen, Bergen, Flüssen oder sogar Alltagsgegenständen wohnen. Diese Durchlässigkeit zwischen Materiellem und Spirituellem ist tief in der japanischen Kultur verwurzelt. Während wir in Europa Mythen meist als vergangene Erzählungen betrachten, die man symbolisch oder literarisch liest, werden sie in Japan eher als etwas Lebendiges verstanden, als etwas, das sich im Alltag fortsetzt. Genau das spürt man hier: Das Okkulte und das Reale, das Glaubenssystem und die Architektur verschmelzen, bis man nicht mehr weiß, wo die Grenze liegt. In der japanischen Literatur begegnet man dieser mythologischen Thematik recht häufig (besonders eindringlich finde ich ist es in dem Buch "Der Laden in der Mondlichtgasse" von Hiyoko Kurisu).
Fazit: Man merkt dem Buch auf jeden Fall an, dass es etwas völlig anderes sein will als das, was man aus westlicher Erzähltradition kennt. Das ist mutig und in der ersten Hälfte erfrischend (wenn auch in seinen Andeutungen und Interpretationen maßlos übertrieben und völlig abstrus). Aber dann verliert es sich in seiner eigenen Konstruktion. Der Stil ist widersprüchlich: mal übererklärend, mal völlig überladen, und sprachlich so wechselhaft, dass man als Leserin kaum Halt findet. Besonders das letzte Drittel hat ich rausgerissen, wegen der vielen neuen Namen, den komplizierten Familienverhältnissen, die okkulte Wendung, die für mich zu abstrus wurde. Ich war kaum noch „drin“ und mein Lesefluss war gestört und ich hätte zu viel investieren müssen, um wieder einzusteigen. Dazu war ich am Ende dann auch nicht mehr bereit, weil mir die grundlegende Sympathie mit den Figuren fehlte. Das Ende hat für mich vieles legitimer gemacht, u.a. das Nachwort verdeutlichte, warum der Berichtston gewählt wurde. Und die Verbindung von realem Autor und fiktionaler Figur hat für mich die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit verflüssigt, wodurch das unbehagliche Gefühl beim Lesen noch verdeutlicht wurde. Es wirkte dann am Ende plötzlich immersiver, weil es durch diese Metaebene fast so scheint, als würde man einer echten Dokumentation folgen, deren Figuren am Ende lebendig werden und über den Autor sprechen, als wäre er nicht Autor, sondern Selbstfigur. Das hat mich irgendwie beeindruckt. Aber, ehrlich gesagt, finde ich das Mysterium um den Autor auch ein bisschen albern und wichtigtuerisch (er trägt eine weiße Maske und einen schwarzen Ganzkörperanzug, seine Identität bleibt ein Rätsel). Insgesamt würde ich dem Buch 2,5 Sterne geben: Es ist, innovativ und mutig, aber stilistisch und strukturell für mich nicht durchgängig überzeugend.
Ich bin mit viel Vorfreude in das Buch gestartet, weil mich Thema und Klappentext sofort abgeholt haben. Gerade der wissenschaftliche, mathematische Ansatz hat mich echt neugierig gemacht und mich ein ...
Ich bin mit viel Vorfreude in das Buch gestartet, weil mich Thema und Klappentext sofort abgeholt haben. Gerade der wissenschaftliche, mathematische Ansatz hat mich echt neugierig gemacht und mich ein bisschen an Babel von R. F. Kuang erinnert, also an einen Roman, der komplexe Theorie mit Handlung verbindet. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen.
Stattdessen wirkt der Einstieg schnell seltsam und zunehmend chaotisch. Die Handlung fühlt sich nicht geführt an, sondern willkürlich. Immer wieder tauchen scheinbar zusammenhangslose Informationen, Randnotizen und Abschweifungen auf, bei denen ich nicht einmal sicher bin, ob sie komisch oder bedeutungsvoll sein sollen. Vieles wirkt eher beliebig als bewusst komponiert.
Besonders irritierend ist die Konstruktion: ständige Perspektivwechsel, Zeitsprünge und Szenenbrüche, teilweise im gleichen Absatz. Ein Kapitel springt fast Satz für Satz zwischen zwei Ebenen hin und her, etwa zwischen den fragmentierten Gedanken einer Figur über eine wissenschaftliche Theorie und dem Alltag an einer Universität, wo Briefe mit mathematischen Ideen sortiert werden. Statt Spannung entsteht eher Verwirrung. Dazu kommen lange, teils seitenlange Fußnoten und essayartige Exkurse, zum Beispiel Abschweifungen über Musikkritik oder abstruse Vergleiche, die für mich weder humorvoll noch erkenntnisreich sind. Das bremst den Lesefluss enorm und lässt einen ständig fragen, wozu das alles dient.
Was als intellektuell und experimentell gedacht ist, fühlte sich für mich eher überladen und zerfasert an. Der Roman verliert sich in Formspielereien, ohne genug Halt oder emotionale Anknüpfungspunkte zu geben. Während vergleichbare experimentelle Texte wie "Air" von Christian Kracht für mich zumindest einen inneren Zusammenhang hatten, wirkt dieser hier zunehmend konfus.
Nach rund 100 Seiten überwiegt deshalb Frust statt Neugier. Das Buch hat sein großes Potenzial nicht eingelöst und ich habe es dann leider abgebrochen, weil das Lesen schlicht keinen Spaß mehr machte.