Eine Frau reift bis weit in den Winter hinein
Das gefährliche Alter„Das gefährliche Alter“ – was für ein spannender Titel für einen 115 Jahre alten Klassiker, der im Jahr 1910 erschienen ist! Um welches Alter mag es hier wohl gehen? Und was macht dieses Alter wohl so ...
„Das gefährliche Alter“ – was für ein spannender Titel für einen 115 Jahre alten Klassiker, der im Jahr 1910 erschienen ist! Um welches Alter mag es hier wohl gehen? Und was macht dieses Alter wohl so gefährlich?
Es geht um die Jahre ungefähr zwischen 40 und 50 Jahren, bei Frauen ungefähr die Wechseljahre. Die Zeit, in der es gilt, von der Jugend Abschied zu nehmen und sich auf eine neue Lebensphase einzulassen. In den Worten der Ich-Erzählerin dieses Buches: „Wir sind in diesen Jahren verrückt, kämpfen jedoch dafür, klug zu erscheinen.“
Verrückt, so haben wohl die angepassten Teile der Gesellschaft die Emanzipationsbestrebungen mancher Frauen in diesem Alter wahrgenommen und nicht wenige von ihnen sind dafür zumindest temporär in der Anfangszeit der Psychoanalyse als Neurotikerinnen psychoanalytisch behandelt worden. Das wird in diesem Buch kurz erwähnt, ist aber nicht Kern davon, hier geht es im Wesentlichen um Selbstwerdung und Befreiung.
Heute, im Jahr 2025, sind die „Wechseljahre“ ein Trendthema geworden und laufend erscheinen neue Bücher dazu. Früher war das ganz und gar nicht so. Umso bemerkenswerter, dass dieses Buch schon damals ein Bestseller war, mit dem die Autorin bekannt geworden ist, auch wenn es auch einigen Widerstand und sogar eine anonyme Schmähschrift dazu gab.
Wir erleben das Buch aus der Sicht der Ich-Erzählerin Elsie, einer Frau Anfang 40. Elsie ist eine außergewöhnlich selbstbewusste und emanzipierte Frau für ihre Zeit, die für ihre Entscheidungen einsteht und selbst Verantwortung für ihr Leben übernimmt, ohne irgendjemand anderem die Schuld dafür zu geben: „Ich klage niemanden wegen meines Lebens an. Ich bin selbst Herrin darüber gewesen.“
Elsie hat sich vor kurzem von ihrem Ehemann getrennt, um alleine, nur begleitet von zwei Dienstbotinnen, in ein abgelegenes Anwesen am Meer zu ziehen. So schreibt sie etwa an eine Freundin: „Du weißt so gut wie alle anderen, dass wir es miteinander so gut hatten, wie zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts es wohl überhaupt haben können. Zwischen uns ist nie ein böses Wort gefallen. Aber ich habe nun einmal diesen Einfall bekommen, oder wie auch immer Du es bezeichnen möchtest, dass ich allein leben muss. Ganz allein für mich selbst und mit mir selbst.“
In diesem Anwesen verbringt Elsie eine ruhige Zeit mit Baden im Meer und Briefe schreiben. Von den Mühen der Erwerbsarbeit und häuslichen Tätigkeiten ist sie durch ein Erbe, das genug jährliche Zinsen abwirft, befreit. Es ist klar eine Erzählung einer Frau aus der gesellschaftlich privilegierten Schicht. Dennoch kommt ergänzend im Buch an verschiedenen Stellen, etwa in schriftlichen Ratschlägen an Bekannte, immer wieder vor, dass es für eine Frau eine gute Idee sei, eine Tätigkeit zu erlernen, mit der sie selbst für ihr Auskommen sorgen könne.
Elsie selbst scheint also ihren Mann und eine grundsätzlich solide, aber für sie langweilige, Ehe, verlassen zu haben, um alleine zu leben und sich selbst zu finden. Im Kontrast dazu schreibt sie Briefe an eine Freundin von ihr, die scheinbar ihre Erfüllung im häuslichen und familiären Dasein zu finden scheint, doch Elsie beklagt, die Freundin als Person kaum mehr zu wahrzunehmen. So wünscht sie sich etwa in einem Brief von ihr: „…obwohl ich voraussehe, dass er zu neunzig Prozent von Deinen Kindern und zu zehn Prozent von Deinem Mann handeln wird, während ich lieber zu einhundert Prozent von Dir lesen möchte.“Ja, Elsie geht sogar so weit, zu sagen, eine Frau, die sich nicht für die Ehe eigne, begehe „ein Verbrechen an ihrem eigenen Wesen, wenn sie sich an einen Mann bindet.“
Doch ist das das einzige, worum es geht: Freiheit, Selbstbestimmung und alleine leben als Frau? Nein, da ist noch ein weiteres Thema, das damals wohl ebenfalls gesellschaftlich ein Tabu war: im Hintergrund gibt es noch einen Mann, acht Jahre jünger als Elsie, und seit zehn Jahren in ihrem Leben, als Anfang 30 war und er Mitte 20. Damals ein junger Mann ohne viele Mittel, heute ein aufstrebender Architekt. Er hat das Rückzugsanwesen am Meer nach ihren Wünschen geplant, ohne zu wissen, dass es für sie sein würde. Welche Rolle wird diese ungewöhnliche Anziehung in der Geschichte spielen und wie findet sie sich ein in diese Erzählung der Selbstbefreiung von gesellschaftlichen und ehelichen Zwängen?
Vorab schon mal so viel, ohne zu spoilern: das Buch ist keinesfalls hauptsächlich eine Liebesgeschichte, sondern deutlich mehr eine Erzählung über Befreiung und Selbsterkenntnis in einem Lebensalter, das starken Wandel mit sich bringt.
Die Sprache ist frech, pointiert und humorvoll, dabei an vielen Stellen voll von tiefgründigen Weisheiten, die zum Hinterfragen anregen und ermutigen, eine positive Einstellung zum Älter-Werden zu finden:
„Letzten Endes ist das Alter ein ansehnliches Ziel. Ein Gipfel, den es zu erklimmen gilt. Ein Berg, von dem aus man das Leben von allen Seiten überblickt – sofern man nicht auf dem Weg nach oben von dem ewigen, fallenden Schnee geblendet wird. Vor dem Alter habe ich keine Angst, aber vor dem Übergang.“
„Niemand hat jemals laut die Wahrheit ausgesprochen, dass die Frau mit jedem Jahr, das vergeht – wie, wenn es auf den Sommer zugeht und die Tage länger werden – mehr und mehr Frau wird. Sie stumpft nicht ab in dem, was ihr Geschlecht betrifft, sie reift bis weit in den Winter hinein.“
Insgesamt ist es ein kurzweiliges und amüsantes Buch, das sich locker und unterhaltsam liest und so einige überraschende Entwicklungen aufweisen kann, dabei unkonventionell und zeitlos ist und zum Nachdenken über das Leben, das Älter-Werden und insbesondere über die Wechseljahre als Frau anregt. Ich kann diesen vergnüglichen und zeitlosen Klassiker einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen.
Danke dem Verlag dafür, diesen tollen Klassiker neu herausgebracht und am Ende mit einem lesenswerten Nachwort mit Informationen zum Leben der Autorin und der Rezeptionsgeschichte des Buches ergänzt zu haben.