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Veröffentlicht am 17.09.2025

Ein fein erzähltes und emotional unglaublich starkes Debüt

Wohin du auch gehst
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Das war ein sehr unerwartetes Highlight! Geschichten, die über mehrere Zeitebenen hinweg und aus verschiedenen Perspektiven heraus erzählt werden, gefallen mir generell sehr gut. Und doch bin ich ohne ...

Das war ein sehr unerwartetes Highlight! Geschichten, die über mehrere Zeitebenen hinweg und aus verschiedenen Perspektiven heraus erzählt werden, gefallen mir generell sehr gut. Und doch bin ich ohne besondere Erwartungen in die Lektüre gegangen.

Was gleich zu Beginn und auch im Verlauf immer wieder deutlich wird: Christina Fonthes hat eine ganz besondere Stimme, die mich gleichermaßen gepackt wie berührt hat. Sie schreibt sprachlich zugänglich und authentisch, behält sich aber stets eine angenehme Sensibilität bei. Außerdem hat sie ein echtes Händchen für kleine Hints, die nicht zu viel von der Handlung vorwegnehmen und später makellos wieder eingefangen werden.

Auch thematisch ist dieser Roman meisterinnenhaft! Ganz zentral geht es um familiären Druck, Religion, Kultur, Identität und Queerness. Fonthes erzählt ehrlich und echt, schafft es aber auch, Schmerzhaftes nur so weit auszuerzählen, dass es sich beim Lesen nicht traumatisch anfühlt. Emotional hat mich die Geschichte trotzdem an so vielen Stellen tief berührt und manchmal regelrecht zerrissen!

An den Figuren gibt es ebenso nichts auszusetzen! Sowohl Bijoux als auch ihre Tante Mira sind vielschichtige Figuren mit einer komplexen Geschichte und einer ebenso komplexen Beziehung zueinander. Besonders der Umgang von Eltern mit ihren Kindern ist in diesem Roman oft unglaublich schmerzhaft! Gleichzeitig verpasst es die Autorin nicht, ihren Lesenden auch heilsame Elemente zu schenken - ganz besonders in Form weiblicher Solidarität und Stärke.

Ich konnte wirklich einige Geschehnisse der Erzählung erahnen und doch war ich zutiefst bewegt, wenn sie dann entsprechend aufgeklärt wurden. Das spricht in meinen Augen für Fonthes’ großes Talent! Die Autorin schreibt so gut, dass sie auf überflüssige Spannungselemente getrost verzichten kann. Durch das geschickte Vermitteln kongolesischer Geschichte habe ich auch wirklich viel über die Demokratische Republik Kongo, früher Zaire, gelernt.

Der einzige Punkt, den ich zumindest ambivalent sehe, ist die Verwendung verschiedener Lingala-Begriffe und -Sätze. Einerseits trägt sie extrem zur Authentizität der Geschichte bei und die Kursivschreibung sowie das angeschlossene Glossar sind hilfreiche Tools. Andererseits konnte ich mir die Übersetzungen trotzdem so schlecht merken, dass ich ständig noch einmal nachsehen musste, was meinen Lesefluss behindert hat.

Ich bin aber viel zu begeistert von diesem bemerkenswerten Debüt, als dass ich irgendetwas von der Wertung abziehen würde. Es ist in vielerlei Hinsicht eine Geschichte über Befreiung und ihr Schluss einfach nur ein Paukenschlag. Lest unbedingt diesen spannenden, feinfühligen und auch schmerzhaften Roman!

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Caroline Schmitt did it again!

Monstergott
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Caroline Schmitt hat mich schon mit ihrem Debüt „Liebewesen“ begeistern können und legt mit „Monstergott“ thematisch anders, aber nicht weniger genial nach. Ich bin und war schon immer Atheistin, stand ...

Caroline Schmitt hat mich schon mit ihrem Debüt „Liebewesen“ begeistern können und legt mit „Monstergott“ thematisch anders, aber nicht weniger genial nach. Ich bin und war schon immer Atheistin, stand einem Buch über die Dynamiken einer Freikirche daher interessiert und gleichzeitig wachsam gegenüber.

Ich erkenne in ihrem neuen Roman viel aus dem Vorgänger wieder und hoffe sehr darauf, dass sich dieser Stil auch in Zukunft verfestigt. Schmitt schreibt auf eine leise Art über ernste Dinge und setzt einen deutlichen Fokus auf Solidarität und menschliche Unterstützung. Dass sie es ohne extreme Dramaelemente trotzdem schafft, die sexistischen und queerfeindlichen Machtstrukturen religiöser Gemeinden am Beispiel einer Freikirche nicht nur abzubilden, sondern auch einzuordnen, spricht für ihr literarisches Talent.

Das Geschwisterpaar im Fokus, Ben und Esther, erzählt abwechselnd - ein Element, das ich sehr schätze, weil es Geschichten Vielschichtigkeit verleihen kann. Beide sind sehr fest in ihrem Glauben und der Gemeinde verwurzelt, Ben noch einmal mehr als Esther. Letztere begibt sich schon recht früh im Buch in ihren Abnabelungsprozess, weil ihr die patriarchale Auslegung der Bibel aufstößt.

Bens Prozess empfand ich als intensiver und um ein Vielfaches suggestiver. Schmitt deutet hier ganz viel nur an, wird am Ende aber doch klar genug. Auch generell würde ich sagen, dass der Roman seine finale Wirkung erst bei den Lesenden entfaltet und gar nicht einmal so viel klar vorgibt. Ich finde das insofern ausreichend, weil Schmitt es trotzdem schafft, ihre eigene Position zu vermitteln.

Ich habe noch nie Einblicke in religiöse Gemeinschaften gehabt, Kritik insbesondere an christlichen Institutionen aber natürlich zuhauf mitbekommen. Glaube sollte den einzelnen Personen vorbehalten sein, sobald Strukturen jedoch die Macht haben, das „richtiges“ Verhalten zu diktieren, richtet es meiner Meinung nach echten Schaden an. Und das sieht scheinbar auch die Autorin so.

Die Figuren sind vielschichtig und in ihrer teils tiefen Verzweiflung so greifbar, dass ich tatsächlich oft ergriffen war. Nicht zuletzt aufgrund der Liebe und Solidarität, die sich von Religionsvorgaben nicht begrenzen lässt - genau das braucht es, um Menschen von kirchlich geprägten Schuld- und Schamgedanken zu befreien. Außerdem stehen die Betroffenen und ihre Befreiungsgeschichte zu jedem Zeitpunkt im Zentrum - und nicht etwa Rache oder Abrechnung.

Caroline Schmitt schafft es erneut, mich restlos zu begeistern - und das bei einem Thema, dem ich durchaus skeptisch gegenüberstehe (der Glaube an Gott nimmt schon viel Raum ein). Sie schreibt auf eine beobachtende Art, die den Figuren Raum zum Fühlen und den Lesenden Raum für eigene Interpretationen lässt. Ihre Ironie setzt sie an den exakt richtigen Stellen ein, um die Schwere etwas aufzulockern. Ich würde jeden nächsten Roman der Autorin wieder ungesehen lesen!

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Eine der besten Anthologien und ein Lese-Muss

Angry Cripples - Stimmen behinderter Menschen gegen Ableismus
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Diese Anthologie habe ich fast in einem Zug gelesen! Das liegt an den wirklich herausragend kuratierten Beiträgen, die sich überwiegend sehr leicht lesen lassen und ein vielschichtiges Bild von den Lebensrealitäten ...

Diese Anthologie habe ich fast in einem Zug gelesen! Das liegt an den wirklich herausragend kuratierten Beiträgen, die sich überwiegend sehr leicht lesen lassen und ein vielschichtiges Bild von den Lebensrealitäten behinderter, chronisch kranker und neurodivergenter Menschen zeichnen. Zwei Beiträge sind in Bildform, der Rest in kurz gehaltenen Texten gestaltet.

Wie immer und völlig akzeptabel bei Anthologien: Manche Texte haben mich mehr erreicht als andere. Die Beiträge von Chris Lily Kiermeier, Jasmin Dickerson, Irina Angerer und Tanja Kollodzieyski haben mich besonders begeistert.

Das Buch sollte nicht als ein Einstiegswerk zum Thema Ableismus verstanden werden. Es ist vielmehr eine unglaublich wichtige Ergänzung zum theoretischen Wissen, für das ich bspw. „Behindert und Stolz“ von Luisa L’Audace empfehlen kann. Denn die reine Theorie kann uns als Gesellschaft nicht ausreichend weit bringen, wenn wir unter Ableismus leidenden Menschen in ihrer Vielfalt nicht zuhören. Und genau das schafft dieses Werk auf kurzweilige und eindringliche Art.

Absolute Empfehlung!

P.S.: Vom Umgang der Herausgeberinnen mit den Vorwürfen gegen einen der Autoren können sich richtig viele Menschen im Literaturbereich etwas abgucken! Der Betroffenen wurde geglaubt und der entsprechende Beitrag ab der folgenden Auflage sowie dem Hörbuch (das sowieso zu empfehlen ist) gestrichen. So und nur so sollte es sein!

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Gabrielle Zevin ist für mich ein literarisches Genie

Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry
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„Morgen, morgen und wieder morgen“ ist ein unantastbares Highlight für mich, sodass ich mich EXTREM auf diesen Roman von Gabrielle Zevin gefreut habe, um es mal vorsichtig auszudrücken. Wie ich dann gemerkt ...

„Morgen, morgen und wieder morgen“ ist ein unantastbares Highlight für mich, sodass ich mich EXTREM auf diesen Roman von Gabrielle Zevin gefreut habe, um es mal vorsichtig auszudrücken. Wie ich dann gemerkt habe, handelt es sich um die Neuauflage eines bereits 2014 erschienenen Romans und damit um ein frühes Werk der Autorin.

Umso begeisterter bleibe ich zurück. Ja, die Geschichte kann als sprunghaft bezeichnet werden und sie geht auf Figurenebene nicht annähernd so tief wie andere Bücher. Doch es muss meiner Meinung nach einfach anerkannt werden, wie Zevin mit präzisen und wenigen Worten eine maximal dichte, emotionale Geschichte schrieben kann.

Zum Inhalt kann ich kaum etwas sagen, ohne zu spoilern. Deshalb beschränke ich mich auf meine Lobpreisung von Sprache und Stil. Zevin kann einfach Figuren schreiben! Ob nun super tiefgründig oder eher oberflächlich - trotz meiner üblichen Ansprüche an Figurenzeichnungen bin ich hier vollends zufrieden. Die Figuren vereinen Liebenswürdigkeit mit trockenem Humor und klaren Kanten. Sie sind auf ihre Art besonders und herzensgut, erinnern schemenhaft an die Figuren Mariana Lekys, treffen meinen persönlichen Geschmack aber deutlich besser.

Die Geschichte verdient ein aufmerksames Lesen, wenngleich sie so gut geschrieben ist, dass mensch schlicht durchrauscht. Denn Zevin bindet die Details am laufenden Band ein und bedient sich über Kurzrezensionen des Protagonisten A.J. zu Beginn jedes Kapitels wiederholt eines Foreshadowings, das sie einfach auf beeindruckende Art zu meistern weiß. Alle Hints werden zuverlässig verwendet und ergänzen die Geschichte im Voraus oder Rückblick.

Es kann sicherlich kritisiert werden, dass viele Handlungselemente nicht ausgedehnt untersucht werden und bestimmte Umstände einfach so zu entstehen scheinen. Gleichzeitig erkenne ich hier aber die Liebe A.J.s zu Kurzgeschichten wieder. Auch, wenn Zevins Roman natürlich keine ist, greift sie stilistisch auf bestimmte Elemente zurück und schreibt so eine detailbepackte Geschichte auf 250 Seiten, die mich lachend und weinend zurückgelassen haben.

Zevin bleibt für mich eine literarische Queen. Sie hat mit dieser Geschichte gezeigt, dass sie sowohl bündige als auch umfangreiche Bücher mit äquivalenter Emotions- und Detailsdichte versehen kann. „Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry“ ist inspirierend auf eine völlig pathoslose Art und neben einer Liebeserklärung an Literatur sowie Buchläden für mich einfach eine ganz, ganz feste Umarmung.

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Ein unglaubliches Werk voller Sensibilität und Figurentiefe

Die andern sind das weite Meer
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Diesen Roman habe ich mal sowas von gebraucht! Ich habe in letzter Zeit viele durchaus gute Bücher gelesen, aber es war nicht so richtig eins dabei, das mich komplett vom Hocker gerissen hat. Das war bei ...

Diesen Roman habe ich mal sowas von gebraucht! Ich habe in letzter Zeit viele durchaus gute Bücher gelesen, aber es war nicht so richtig eins dabei, das mich komplett vom Hocker gerissen hat. Das war bei diesem aber nun absolut der Fall!

Ich liebe Familiendramen für ihre Komplexität und Vielschichtigkeit - „Die andern sind das weite Meer“ reiht sich ganz klar in meine Highlights dieses Subgenres ein. Und es ist nicht nur die Form des Romans, die mich mit ihren vier verschiedenen Perspektiven gefesselt hat. Julie von Kessel bespricht mit einer unvergleichlichen Sensibilität so viele ernste Themen, dass sie mich von der ersten Seite an für sich eingenommen hat. Ich habe es selten, dass ich jede Seite eines Buches genieße und nicht von Beginn an schon das Ende im Blick habe.

Die Autorin behandelt über ihre Figuren die Themen Demenz, psychische Erkrankungen inkl. Su!zidalität und Krebserkrankung mit einer sanften Ehrlichkeit, die mich extrem berührt hat. Der Krieg in der Ukraine wird ebenso thematisiert wie die sexistische Welt des Journalismus. Und während mir ausnahmslos alle Figuren greifbar und sympathisch waren (was schon eher eine Seltenheit ist), ging mir Hans’ Perspektive besonders nah. Ich glaube, ich habe noch nie eine so authentische und einfühlsame Schilderung einer Demenzerkrankung gelesen. Hans nimmt uns mit in seinen Alltag, wodurch wir ein eindrückliches Bild davon bekommen, wie frustrierend, schlagartig wechselnd und verloren sich das Leben mit zunehmender Demenz anfühlen kann. Es hat mich sehr mitgenommen, ohne mich herunterzuziehen.

Auch seine drei Kinder sind unglaublich gut geschriebene Figuren. Alle in ihren Leben verhaftet haben sie nur begrenzt Kontakt zueinander. Verschiedene Blickwinkel auf die eigene Rolle innerhalb der Familie sorgen für Reibung und Distanz. Ganz lange begleiten wir die drei separiert voneinander, bis sie am Ende in einem langen Kapitel zusammenfließen. Ein sehr passend gewähltes Stilmittel, geht es doch auch inhaltlich um Gemeinschaft und Fürsorge.

Der Roman hat eine ganz eigene Art der Spannung. Ich habe viele Entwicklungen kommen sehen und war doch wie gebannt beim Lesen. Julie von Kessel versteht sich darauf, die Spannung der Handlung auf dem Verhalten der Figuren fußen zu lassen. Ebenso fasziniert bin ich davon, wie sie es schafft, dass die Abschnitte der Figuren in sich einen parallelen Spannungsbogen haben und das Gesamte handlungstechnisch trotzdem noch Sinn macht. Ein ganz zentrales Thema, das sich besonders bei den drei Kindern auf verschiedene Arten finden lässt, ist Schuld. Unglaublich gut gewählt, fantastisch dargestellt, an keiner Stelle langweilig!

Ich bin so glücklich, dieses Buch von der Backlist des tollen Eisele-Verlags gelesen zu haben. Ein Jahreshighlight, das keine Seite zu viel hat.

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