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Veröffentlicht am 07.09.2025

Ein Debüt, das sich liest wie Kino im Kopf

Das Geschenk des Meeres
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Wow. Selten hat mich ein Debüt so umgehauen wie „Das Geschenk des Meeres“ von Julia R. Kelly. Von der ersten Seite an hatte ich Bilder im Kopf, die wie ein Film abliefen. Die Sprache ist so atmosphärisch, ...

Wow. Selten hat mich ein Debüt so umgehauen wie „Das Geschenk des Meeres“ von Julia R. Kelly. Von der ersten Seite an hatte ich Bilder im Kopf, die wie ein Film abliefen. Die Sprache ist so atmosphärisch, dass ich komplett in dieser Welt versunken bin. Die Figuren wirken absolut lebendig, sie sind keine bloßen Kulissen, sondern haben Tiefe, Ecken und Kanten. Der Plot baut sich perfekt auf, es gibt Wendungen, mit denen ich null gerechnet habe, und ich konnte das Buch einfach nicht weglegen.

Die Geschichte spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in einem schottischen Fischerdorf. Ein Junge wird an den Strand gespült und seine Ankunft wirbelt nicht nur das Leben im Dorf durcheinander, sondern auch das von Dorothy, der Lehrerin des Ortes, die selbst viel verloren hat. Die Erzählung verknüpft die Gegenwart mit Rückblenden in Dorothys Anfänge im Dorf, wo sie von Anfang an Außenseiterin war und unter dem misstrauischen Blick der anderen litt. Stück für Stück taucht man ein in Erinnerungen, alte Wunden, Schuld und Sehnsüchte, die sich nicht so leicht abschütteln lassen.

Die Themen sind teilweise heavy, aber nichts wirkt künstlich dramatisch, nichts zieht sich, jede Szene trägt was bei.
Ich war durchgehend gefesselt und konnte nicht glauben, dass das wirklich ein Debüt sein soll. Auch habe ich das Gefühl, dieses Buch verdient viel mehr Aufmerksamkeit. Es ist wirklich klug erzählt und gleichzeitig so spannend, dass man komplett darin versinkt. Für mich definitiv eines der stärksten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Kein cozy read

Botanik des Wahnsinns
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Siri Hustvedt nennt das Buch „unwiderstehlich“. Okay, reicht, ich lese es. Und ja: es ist weird, klug, lustig und bitter gleichzeitig.

Der Erzähler lebt mit der Angst, den Verstand zu verlieren. Kein ...

Siri Hustvedt nennt das Buch „unwiderstehlich“. Okay, reicht, ich lese es. Und ja: es ist weird, klug, lustig und bitter gleichzeitig.

Der Erzähler lebt mit der Angst, den Verstand zu verlieren. Kein Wunder, wenn man aus einer Familie kommt, in der psychische Erkrankungen nicht Ausnahme, sondern Alltag sind. Depression, Sucht, Schizophrenie, you name it, die sich wie ein Erbe durch die Generationen ziehen. Er wächst auf mit der Frage: Was macht das mit mir?

Um Antworten zu finden, flieht er in verschiedene Richtungen: ins Studium der Psychologie, in die Arbeit in einer Psychiatrie, ins Beobachten und Protokollieren seiner Eltern. Er versucht, Muster zu erkennen, das Chaos in Strukturen zu übersetzen. Doch je mehr er aufschreibt, desto deutlicher wird, dass es nicht um Klarheit geht.

Sprachlich ist das knapp, viele kurze Sätze. Das passt zum Thema. Definitiv kein Text, in den man einfach so reinfällt. Das macht auch Sinn: Die Form ahmt das Chaos nach, über das erzählt wird. Fragmentarisch, abgehackt, rastlos. So liest es sich, so fühlt es sich an.

Ich hatte manchmal das Gefühl, dass der Erzähler unnahbar bleibt, fast kühl. Dann aber gab es Szenen, in denen ich lachen musste und im nächsten Moment dachte: wow, eigentlich ziemlich brutal.

Fazit: „Botanik des Wahnsinns“ ist kurz, fordernd und verstörend. Kein cozy read, sondern ein Text, der einen zwischendurch laut „WTF“ denken lässt. Sehr eigen, aber genau deshalb interessant. Dazu kommt, wie intelligent es geschrieben ist. So viele Sätze, die man am liebsten anstreichen will, so viele Gedanken, die hängen bleiben. Und ja, das Cover ist auch einfach richtig gut.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Wenn ein Buch Jahre später wieder bei dir anklopft und sagt: „Na, Lust auf ein bisschen Existenzialismus?“

Sofies Welt
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Manche Bücher verschwinden nicht wirklich. Sie ziehen sich nur leise zurück. Nicht für immer, aber so auf die Kunst: Ich bin mal kurz weg, kläre du erst mal dein Leben. Sofies Welt von Jostein Gaarder ...

Manche Bücher verschwinden nicht wirklich. Sie ziehen sich nur leise zurück. Nicht für immer, aber so auf die Kunst: Ich bin mal kurz weg, kläre du erst mal dein Leben. Sofies Welt von Jostein Gaarder war für mich genau so ein Buch. Ich habe es das erste Mal als Teenie in die Hand genommen. Oder besser gesagt: Ich habe es mit in den Ägyptenurlaub geschleppt. Damals, mit 16 oder 17, dem vagen Gefühl von Fernweh im Bauch und einem sehr ernsten Plan, am Hotelpool philosophisch zu werden.

Gelesen habe ich tatsächlich nur ein paar Kapitel. Dann kam das Meer, die Sonne, das Leben dazwischen. Sofies Welt blieb zurück und wanderte später kommentarlos ins Regal.

Fast Forward: Ein paar Jahre taucht das Buch wieder auf. Ich ziehe es halb aus Neugier, halb aus Nostalgie aus dem Regal und finde darin mein altes Lesezeichen: ein kleines Plastiktütchen, das einmal eine Kette mit meinem Namen in Hieroglyphen enthielt. Ein Souvenir aus Luxor, das auf einmal wirkt wie ein kurzes ‘Hallo’ aus einem ganz anderen Leben.

Damals hatte ich noch lauter naive Fragen im Kopf, große Lebensgedanken, keine Ahnung von Kant, aber wild entschlossen, schlauer aus dem Urlaub zurückzukommen. Jetzt, Jahre später, lese ich es wirklich. Ganz. Und ganz anders.

Und dieses Mal bin ich drangeblieben.
„Sofies Welt“ ist mehr als ein Roman. Es ist ein Crashkurs in Philosophie, verkleidet als Coming-of-Age-Geschichte mit Mystery-Vibe. Die rätselhaften Briefe, die philosophischen Ausflüge, die immer größer werdenden Fragen, all das zieht einen auf eine sehr leise Art mit. Ganz ohne Drama. Dafür mit Kant. Und Sokrates. Und Gedanken über das Sein, die einem oft erst bei den einfachsten Tätigkeiten wie dem Abwaschen wirklich bewusst werden.

‘Sofies Welt’ will klug sein, aber es bemüht sich, dich nicht zu verlieren. Es ist kein staubtrockenes Uni-Skript, sondern eine Geschichte, die groß denkt, dich aber nie überfordert.

Ich habe es oft beiseitegelegt, einfach um das Gelesene sacken zu lassen. Immer wieder kam der Moment, in dem ich für einen Augenblick inne gehalten, um nachzuspüren und dabei fühlte ich mich plötzlich wieder wie das junge Mädchen, das ich damals war. Die gleichen Fragen, die ich als Teenager hatte, tauchten wieder auf, und gleichzeitig spürte ich, wie ich langsam ein anderes Verständnis für sie bekam. Es war wie ein Gespräch mit meinem früheren Ich - nur, dass ich dieses Mal nicht einfach weiterging, sondern wirklich in die Tiefe ging.

Vielleicht ist es ein Buch, das man zweimal lesen muss. Einmal, wenn man glaubt, alles wissen zu müssen und einmal, wenn man versteht, dass es okay ist, wenn man's nicht tut.

Fazit: Sofies Welt ist ein Buch wie ein Zeitkapsel-Geschenk von deinem früheren Ich an dein jetziges. Es ist philosophisch, aber nie belehrend und es ist genau das Richtige, wenn du Lust hast, dich auf die ganz großen Fragen einzulassen, ohne Erwartung auf perfekte Antworten.

Vielleicht ist das eigentliche Geschenk dieses Buches: Dass es dir zeigt, wie schön es sein kann, einfach nur zu fragen.

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Back im Skandi-Krimi-Game

Im Finsterwald
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Wie sehr ich das vermisst hab: ein richtig gut erzählter Kriminalroman aus Skandinavien, der nicht übertrieben laut sein muss, um spannend zu sein. Keine Schockmomente, keine Effekthascherei und keine ...

Wie sehr ich das vermisst hab: ein richtig gut erzählter Kriminalroman aus Skandinavien, der nicht übertrieben laut sein muss, um spannend zu sein. Keine Schockmomente, keine Effekthascherei und keine billigen Twists. Stattdessen: Atmosphäre und ein Plot, der mich still, aber bestimmt in seinen Bann gezogen hat.

“Im Finsterwald” spielt in Göteborg, 1926. Ja, das fühlt sich genau so an wie es klingt: kalt und leicht düster. Der Fall ist auf den ersten Blick unspektakulär. Ein Museumsbesuch, danach fehlt jemand. Keine Leiche, kein Skandal, aber ein Verdacht, der sich langsam in die Geschichte schleicht.

Der Kriminalfall entwickelt sich fast beiläufig. Ein Ermittler und eine Journalistin tasten sich durch die Geschichte, Stück für Stück, und du liest mit angehaltenem Atem, obwohl objektiv gar nichts Spektakuläres passiert. Aber innerlich? Yes - da brennt alles. Weil man nämlich denkt und auch spürt, dass hinter allem mehr steckt als die Figuren preisgeben.

Ich liebe diese Art Krimi, man konsumiert nicht bloß, sondern man wird Teil des Ganzen. Es ist wie ein Rätsel. Kein passives Gucken, sondern aktives Lesen. Ein bisschen wie ein Gesellschaftsporträt, ein bisschen wie ein Kammerstück, und extrem atmosphärisch aufgeladen.

Die Sprache ist auch ganz nach meinem Geschmack. Zurückhaltend, klar, elegant. Kein übertriebener Ton, keine krampfhaft originellen Formulierungen, sondern eine fast altmodische Ruhe, die aber nie langweilig wird. Die Übersetzung von Regine Elsässer macht das richtig gut, nie gestelzt, einfach stimmig.

Auch visuell hat das Buch Stil. Das Cover ist für mich fast schon Statement: schlicht, ein bisschen geheimnisvoll, sehr 1920er. Kein überladenes Thriller-Design. Altmodisch auf die beste Weise, mit einem Hauch Fin-de-Siècle-Mystery. Ich würde es auch einrahmen.

Fazit: Das Buch hat mich daran erinnert, was Kriminalliteratur eigentlich kann, wenn sie nicht auf Masse, sondern auf Klasse geht. ”Im Finsterwald” ist kein seichter Crime-Pager für zwischendurch. Es ist ein durchdachtes, feinsinnig geschriebenes Stück Literatur, das Spannung auf eine ganz andere Ebene hebt. Das macht einfach glücklich, weil es zeigt, dass man sich Zeit nehmen darf. Für Sprache, für Atmosphäre, für echte Tiefe.

Ich werde definitiv mehr von Marie Hermanson lesen und wenn du auch das Gefühl hast, das Genre sei dir in den letzten Jahren ein bisschen zu trashy geworden: Das hier ist dein Reset-Knopf.

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Veröffentlicht am 03.04.2026

Hat mich richtig geflashed

Grüne Welle
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Nach dem Kino setzt sie sich ins Auto, eigentlich will sie nur heim. Doch eine Umleitung ändert alles. Sie verpasst eine Ausfahrt nach der anderen, fährt eine ganze Nacht und den nächsten Tag einfach weiter, ...

Nach dem Kino setzt sie sich ins Auto, eigentlich will sie nur heim. Doch eine Umleitung ändert alles. Sie verpasst eine Ausfahrt nach der anderen, fährt eine ganze Nacht und den nächsten Tag einfach weiter, vorbei an einsamen Landstraßen und in das kalte Licht von Tankstellen. In „Grüne Welle“ wird dieser ungeplante Roadtrip zur Flucht vor dem eigenen Leben und zu einer Reise ins eigene Innere.

Esther Schüttpelz schreibt das extrem intensiv. Man steckt mitten in ihrem Gedankenstrom aus Erinnerungen und Rechtfertigungen fest. Durch die langen Sätze entsteht ein richtiger Sog. Besonders spannend fand ich, dass die Geschichte auch mal aus der Sicht ihrer Freundin erzählt wird, wodurch man erst nach und nach checkt, was da eigentlich schiefläuft. Fand diese Perspektiven sehr interessant.

Am Ende wird klar: Die wahre Gefahr wartet nicht in der Finsternis draußen, sondern zu Hause bei ihrem Mann. Ein kluges, beklemmendes Buch. Hat mich richtig geflashed.

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